Nr. 12/2010 vom 25.03.2010

Allein mit der Katastrophe

Das Stück von Gerhard Meister und dem Theater Marie spielt vierzig Jahre nach dem Unfall in einem Schweizer AKW. Ein Versuch, die Folgen eines Super-GAUs vorstellbar zu machen.

Von Adrian Riklin

«Kaliumiodid 65 mg Armeeapotheke ist ein Notfallmittel, das in der angegebenen Dosierung die Schilddrüse sättigt und damit bei einer Gefährdung durch Radioaktivität die Aufnahme von radioaktivem Iod in die Schilddrüse verhindert.»

Die Frau auf dem Einwohneramt hatte mir die Medikamentenpackung mit einer Broschüre zur Stadt, diversen Gutscheinen und einem gastfreundlichen Lächeln über die Schaltertheke geschoben. Ab sofort war ich in Biel nicht nur stimm- und wahlberechtigt. Sondern auch in unmittelbarer Nähe zu einem Atomkraftwerk wohnhaft. Die Packung mit den zwölf Iodtabletten liegt seither griffbereit im Küchenschrank. Fast täglich erinnert sie mich an das ein paar Kilometer entfernte AKW Mühleberg.

Schlimmstmögliche Wende

Gefahrenzone 2. So richtig beunruhigen tut mich das nicht. Es gibt Schlimmeres. Und so sitze ich im Kleintheater in der historischen Tuchlaube in der beschaulichen Aarauer Altstadt, mitten im schönen Atomkanton – und schaue mir das Stück an, das Gerhard Meister im Auftrag des Theaters Marie geschrieben hat. Ausgangspunkt: ein Unfall in einem Schweizer AKW. So ein Unfall und seine Folgen, das kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen, schreiben die Theaterleute. Und fügen hinzu: Also, versuchen wir es.

Die Aufgabe, die sich Regisseur Nils Torpus und die SchauspielerInnen Miriam Japp, Francesca Tappa, Philippe Graber und Herwig Ursin gestellt haben, war schwierig: Nicht nur, dass sich die Folgen eines solchen Unfalls tatsächlich nur mit viel Fantasie und dem nötigen Wissen vorstellen lassen (Meis-ter ist im Rahmen seiner Recherchen bis nach Tschernobyl gereist). Für hundert Minuten die Normalisierung des latenten Ausnahmezustands aufzubrechen und das Tor in jene Bewusstseinsregion zu öffnen, in der die Ausnahme zur Regel und die Katastrophe zur Realität wird – dieses Vorhaben ist eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt. Schlimmstmögliche Wenden verkommen auf der Bühne leicht zum Abklatsch kollektiver Vorstellungen, die von den Bildern einschlägiger Filme vorgestanzt sind. Die Permanenz der Katastropheninszenierung, diese Geilheit – sie ist Teil der Verdrängung.

Gerhard Meister weiss das. Er platziert das Geschehen nicht ins Spektakel der Hysterie unmittelbar nach dem fatalen Schmelzen des Reaktors. Die vier Figuren in «Und die leuchten in der Nacht» halten ihre Monologe «Jahrzehnte nach dem grossen Unfall» – allein mit der Katastrophe, allein in der sozialen Wüste: die Journalistin (Miriam Japp), die sich auf dem Weg zu einem Interview im ehemaligen Zürcher Hotel Dolder, in dem der «Diktator über die Gebiete östlich der Reuss» residiert, in die verstrahlte Zone wagt – und doch distanzierte Beobachterin bleibt; die Touristin (Francesca Tappa), die bei einem Heliskiing-Ausflug in die Schweizer Alpen notlanden muss – und den Aufenthalt im verseuchten Gebiet als «krasses Erlebnis» beschreibt; der Todkranke (Herwig Ursin), der weitab von allen Menschen vegetiert – und nur noch vor sich hin halluziniert; und schliesslich ein Zyniker (Philippe Graber), der sich gar nicht erst auf die Idee einlässt, dass da ein Super-GAU passiert sein könnte – und sich in seiner Wohnung einigelt.

Wenn etwa Tappa die Erzählung der Touristin in einlullend sich wiederholender Melodie vorträgt oder Japp in stupender Nüchternheit das Geschehen rapportiert, sind das magische Momente der Vergegenwärtigung, wie sie am ehesten im Theater möglich sind: Zwischen den Worten entfaltet sich ein durch die gemeinsame Vorstellung entstandenes Bild. Der Unfall in einem Schweizer AKW und seine Folgen – er wird annähernd vorstellbar.

Verharmlosungsetüden

Das Bühnenbild, die Leuchtlämpchen, das alles hätte es dazu nicht gebraucht. Ein leerer Raum hätte die Imagination noch weiter getrieben: in die abgründigen Tiefen weit hinter dem Reden über die Katastrophe. Gezeigt wird umso eindrücklicher, wie katastrophal tief die Verdrängung sitzt – und wie weit sie gehen kann. Als hätten wir die Verharmlosungsetüden über all die Jahre nur deshalb so fleissig geübt, um dereinst den tatsächlichen Super-GAU noch virtuoser verdrängen zu können.

Das Ausmass der kollektiven Verdrängung ist vor allem politisch interessant – und wirtschaftlich: «Es gibt einen einzigen politischen Entscheid, mit dem die Zerstörung des ganzen Landes bewusst in Kauf genommen wird: den Entscheid, Atomkraftwerke zu betreiben oder neu zu bauen», schreibt Meis-ter zu seinem Stück.

Wenn der Wind von Westen kommt

Ausgerechnet der Klimawandel hat der Atomindustrie einen Joker in die Hand gespielt. Das Energieunternehmen Axpo hat unlängst eine Bilanz veröffentlicht, die belegen will, wie umweltfreundlich das AKW Beznau sei (siehe WOZ Nr. 8/10). Derzeit sind beim Bundesrat drei Gesuche für den Bau neuer Atomkraftwerke hinterlegt. Als stimmberechtigter Bewohner des Kantons Bern darf ich mich 2011 zu einem neuen AKW äussern – in einer konsultativen Abstimmung.

Bereits hat Kurt Rohrbach, der Direktionspräsident der Bernischen Kraftwerke, seiner Überzeugung Ausdruck verliehen, dass das Berner Volk Ja zu einem neuen AKW in Mühleberg sagen wird. Die Atomindustrie ist zuversichtlich: Das bisherige Kraftwerk erhielt im vergangenen Dezember eine unbefristete Betriebsbewilligung – obwohl längst bekannt ist, dass die Risse im Kernmantel ungebremst weiterwachsen: «Gut möglich, dass bei einem heftigen Erdbeben die Kühlleitungen abreissen, der Kernmantel nicht dichthält, die Brennstäbe freigelegt werden und es zur Kernschmelze kommt», schreibt die Organisation Forum Anti-Atom (siehe WOZ Nr. 1/10). Sollte dann der Wind von Westen her blasen – lese ich im Zug zurück nach Biel, vorbei an Gösgen –, wäre das Gebiet von Bern über Luzern und bis an den Bodensee radioaktiv verseucht.

Über drei Millionen Menschen leben in diesem Gebiet. Alle müssten sie langfristig umgesiedelt werden. «Jede Umsiedlung dieser Grössenordnung wäre eine massive Kolonisierung der lateinischen Schweiz durch die katastrophenvertriebenen Deutschschweizer», schrieben Hans-Peter Meier und Rolf Nef in ihrer Studie «Grosskatastrophe im Kleinstaat» aus dem Jahre 1990. Aber auch das werde ich problemlos verdrängen. Anstrengungslos automatisch.

Zu Hause in Gefahrenzone 2 öffne ich den Küchenschrank. Sie sind noch da.

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