Nr. 50/2019 vom 12.12.2019

47 Jahre sind genug

Nächste Woche wird das zweitälteste Schweizer Atomkraftwerk vom Netz genommen. Zu Besuch bei Menschen, die sich dafür seit Jahren eingesetzt haben.

Von Alice Galizia

Gebrannt hatte es im AKW Mühleberg schon, bevor es überhaupt in Betrieb genommen wurde: 1971 verhindert ein Grossbrand die rechtzeitige Inbetriebnahme; am 6. November 1972 geht das AKW Mühleberg verspätet ans Netz. Und obwohl es in den 47 Jahren, in denen Mühleberg betrieben wurde, immer wieder Protestwellen gab, konnte sich das AKW halten. Trotz mangelnder Sicherheitsvorkehrungen, trotz Rissen im Kernmantel, trotz der AKW-Katastrophe von Tschernobyl. 2013 dann gab die Betreiberin des AKW Mühleberg, die Berner BKW Energie AG, bekannt, das Kraftwerk Ende 2019 aus wirtschaftlichen Gründen ganz abzuschalten. Am 20. Dezember geht Mühleberg vom Netz.

Es ist noch nicht so lange her, da war das kaum vorstellbar. Am 13. Februar 2011 stimmt der Kanton Bern mit 51,2 Prozent für den Ersatz und den Ausbau des Atomkraftwerks Mühleberg. Zwar ist dieses Resultat rechtlich nicht bindend, weil es nur die Empfehlung des Kantons an den Bund ändert, es zeigt aber doch die Stimmung in Bern. Knapp einen Monat später, am 11. März 2011, löst ein Erdbeben im japanischen Atomkraftwerkskomplex Fukushima eine Unfallserie aus: Es kommt zu Kernschmelzen, grosse Mengen an radioaktivem Material entweichen aus dem Reaktor. Der Reaktortyp in Fukushima ist dem in Mühleberg sehr ähnlich. Auf einmal fragen sich in Bern viele: Könnte uns das auch passieren?

Das AKW Mühleberg kommt im März 2011 deshalb immer stärker in die Kritik. Ähnlich wie nach dem Super-GAU in Tschernobyl 1986, als die Aktion Mühleberg Stilllegen gegründet wurde und Tausende auf die Strasse gingen, entsteht eine Bewegung gegen AKWs. Auch viele junge Menschen sind dabei: Zweimal werden die Berner Schulen bestreikt, an den Demos nehmen Tausende Jugendliche teil.

Eine schöne Durchmischung

Der Hauptsitz der Berner BKW Energie AG, der Betreiberin des AKW in Mühleberg, liegt am Viktoriaplatz im Berner Breitenrainquartier; ihr Vorgarten ist ein umzäunter Rasen, in dessen Beeten im Sommer säuberlich angeordnete Blumen wachsen. Nach dem Unfall in Fukushima 2011 treffen sich hier AktivistInnen zu Protestpicknicks gegen Mühleberg. «Ziemlich bald haben wir uns gefragt: Wieso bleiben wir nicht einfach?», sagt David Böhner, der damals von Anfang an dabei war. «Wir haben Zelte geholt und dort geschlafen. Dann war Wochenende, mehr und mehr kamen: Es wurde eine richtige kleine Zeltstadt.» Böhner sitzt mit Simone Pulfer, ebenfalls Aktivistin, in einem Café am Viktoriaplatz, draussen stürmt es die Velos von den Parkplätzen. Der Rasen vor der BKW, unterteilt von leeren Beeten, sieht grau aus. Böhner und Pulfer kommen ein wenig ins Schwärmen, erzählen von den Begegnungen mit all den unterschiedlichen Leuten, die sich im warmen Frühling 2011 im Anti-AKW-Camp, das nach diesem ersten Wochenende entstand, trafen. «Es kamen viele junge Leute, die im Camp politisiert wurden, aber auch ältere, die sich seit Jahren gegen AKWs einsetzen. Eine schöne Durchmischung», sagt Pulfer. Auch Theo – seinen Nachnamen möchte er nicht in der Zeitung lesen –, der, als das Zeltlager entstand, für Koch- und Campmaterial angefragt wurde, erinnert sich gern: «Ich bin am ersten Abend ins Plenum reingestolpert. Von da an bin ich geblieben.» 77 Tage lang standen die Zelte direkt vor der BKW, der Viktoriaplatz wurde zum Treffpunkt: Jeden Tag Vollversammlung und Diskussionen, Aktionen planen, Feste feiern. Gerade auch für den Kontakt zum Quartier und zu Leuten, die nicht selber aktiv waren, war das Camp ein wichtiger Ort. Und klar: Es gab seit dem ersten Tag auch bürgerliche Stimmen, die die Räumung des Viktoriaplatzes forderten.

In der Nacht vom 20. auf den 21. Juni wurde das Camp auf Anweisung des Gemeinderats und ohne Vorwarnung von der Polizei geräumt. Mit dem Verlust des Camps sei viel verloren gegangen, sagt Theo, «auf einmal fehlte ein politischer Versammlungs- und Gestaltungsraum». Man habe sich während des Camps wohl zu wenig mit der Frage befasst, welche Strukturen die Bewegung nach einer Räumung braucht. Obwohl noch einige Aktionen geplant wurden, eine Sitzblockade in Mühleberg im September etwa, hat sich die Bewegung zerstreut. Trotzdem treffen sich einige wenige bis heute jeden Freitag zur Mahnwache am Viktoriaplatz, die daran erinnert, dass die Gefahr bis zum Schluss besteht.

«Man lebt halt damit»

Ursula Balmers Haus in der Berner Gemeinde Wileroltigen liegt zwei Kilometer vom AKW Mühleberg entfernt in der sogenannten Zone 1, in der bei einem Unfall eine «Gefahr für die Bevölkerung entstehen kann, die rasche Schutzmassnahmen erfordert». Balmer hat es gemeinsam mit ihrem Mann 1987 gekauft – nur ein Jahr nach Tschernobyl. «Nach dem Unfall und den darauf folgenden Protesten waren wir uns sicher: Jetzt kommt man zur Vernunft, jetzt wird Mühleberg abgestellt.» Das AKW aber blieb am Netz. Und die Balmers blieben in ihrem Haus in der Zone 1, von wo man das AKW nicht sehen kann, weil es hinter einem Hügel liegt – ein bisschen so scheint man im Dorf auch damit umzugehen: «Man lebt halt damit. Im Dorf wird über das AKW kaum gesprochen», sagt Balmer. Für sie ist der Kampf gegen AKWs das wichtigste politische Thema, schon seit den Grossdemonstrationen gegen den Bau eines AKW in Kaiseraugst 1975, die am Anfang ihres Aktivismus stehen.

Seit Jahren ist Balmer in der Ökogruppe Laupen und Umgebung aktiv. Zone 1, das bedeutet auch, gegen das AKW einspracheberechtigt zu sein. Ein Werkzeug, das die Ökogruppe immer wieder angewandt hat – die Stilllegung hat man damit nie erreicht. Dafür konnten Mängel wie die Risse im Kernmantel an die Öffentlichkeit gebracht werden. Jetzt, wo Mühleberg abgestellt wird, hat die Gruppe bei der BKW eine unabhängige Begleitgruppe für den Rückbau gefordert. «Es kann immer etwas schiefgehen», sagt Balmer. Die BKW allerdings beruft sich auf die Aufsicht des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi), eine andere Kontrollinstanz lehnt sie ab. Auch ein Vorstoss der SP im kantonalen Grossen Rat, der eine unabhängige Aufsicht forderte, wurde mit Verweis auf das Ensi abgelehnt.

Die Forderung nach einer Begleitgruppe hat die Ökogruppe gemeinsam mit den Ärztinnen und Ärzten für Umweltschutz und Fokus Anti-Atom gestellt. Präsident von Fokus Anti-Atom ist Jürg Joss, der sich dort seit Jahren gegen AKWs einsetzt. Joss arbeitete bei den Jahresrevisionen 1984 bis 1986 als Automationstechniker in einem Atomkraftwerk; nach dem Super-GAU in Tschernobyl und einer Weltreise hat er sozusagen die Seiten gewechselt.

Mitte der Neunziger trat er der Aktion Mühleberg Stilllegen bei, der Vorgängerin von Fokus Anti-Atom. «Wir waren fast die Einzigen, die in den 2000ern drangeblieben sind.» Joss studierte Akten, versuchte, auf rechtlichem Weg an Informationen zu kommen, die von den AKW-Betreibern und dem Ensi unter Verschluss gehalten werden, um Mängel und Risiken zu erkennen und offenzulegen. Als nach Fukushima die Kritik an den AKWs wuchs, war Fokus Anti-Atom bereit und konnte den Medien viele Unterlagen liefern. Bis heute ist Joss’ Hauptarbeit die Beschaffung und Veröffentlichung von Information, gerade beschäftigt er sich mit dem AKW Gösgen: «Es gibt gewaltige Probleme mit dem Brandschutz, aber auch hier verweigert das Ensi die Akteneinsicht.»

So recht freuen über die Stilllegung in Mühleberg mag sich Joss nicht. «Dass Beznau eigentlich noch älter ist und viel getan werden muss, bis alle AKWs vom Netz sind, wird vergessen.» Der weltweite Trend allerdings, er sieht nicht gut aus für die Atomkraft. Zwar laufen aktuell noch 449 Kraftwerke, 178 wurden in den letzten Jahren aber abgestellt. Und obwohl momentan insgesamt 53 weitere gebaut werden, ist das Tempo der Stilllegungen höher: Das Zeitalter der AKWs gehe zu Ende, sagt Joss.

Liegt das auch an den Protesten? Der Druck aus der Öffentlichkeit führe auf jeden Fall dazu, dass die AKW-Betreiber über die Bücher müssten; wenn sich die geforderten Nachrüstungen finanziell nicht lohnten, könne es gut sein, dass man sich fürs Abschalten entscheide, sagt Joss. Aufzuhören ist für ihn ohnehin keine Option. Mit Blick auf die aktuelle Klimabewegung spricht er von einem gemeinsamen Kampf: Es gehe ganz grundsätzlich darum, die Übernutzung der Ressourcen zu stoppen.

Erfolge anerkennen und feiern

Während der nächsten fünfzehn Jahre wird Mühleberg rückgebaut, 2034 soll das Werk ganz abgerissen sein. Die Brennstäbe werden bis 2024 in einem Lagerbecken in Mühleberg bleiben, erst 2031 wird alles radioaktive Material abtransportiert sein. 3000 Tonnen Atommüll fallen durch den Rückbau von Mühleberg an. Die radioaktiven Abfälle werden in ein Zwischenlager in Würenlingen im Aargau gebracht – dort bleiben sie, bis in der Schweiz ein geologisches Tiefenlager für die langfristige Lagerung gebaut ist.

Es gibt viel zu tun, nicht nur im Kampf gegen die AKWs, da sind sich auch David Böhner und Simone Pulfer einig. Die Klimabewegung lasse sie ein wenig hoffen. «Es ist wichtig, dass eine Bewegung ihre Erfolge anerkennt und feiert», sagt Theo, weil diese oft erst spät kämen und sonst vergessen gingen. Auf dem winterlichen Viktoriaplatz jedenfalls gibt es nächste Woche eine allerletzte Mahnwache, am Abend wird gefeiert. Dann ist es aus. Und geht weiter.

Letzte Mahnwache am 20. Dezember 2019 mum 12 Uhr am Viktoriaplatz mit Glühwein und Marroni, 18 Uhr Film «77 Tage sind nicht genug» von Andreas Berger über das Camp. Nachglühfest mit Bit-Tuner, Steiner & Madlaina, Baze und vielen weiteren ab 19 Uhr in der Grossen Halle, Reitschule Bern.

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