Nr. 20/2011 vom 19.05.2011

Vor und nach Fukushima

Als das Theater Marie letztes Jahr den Super-GAU auf die Bühne brachte, blieb die Resonanz aus. Seit dem 11. März 2011 hat sich das geändert.

Von Adrian Riklin

Wenn sich Nils Torpus zu Hause im solothurnischen Däniken auf ein neues Stück vorbereitet, schweift sein Blick über die blühende Landschaft – ostwärts, bis er an einem Turm hängen bleibt. Däniken liegt an der Kantonsgrenze zum Aargau, unweit von Gösgen.

Die Gefährlichkeit des Turms szenisch zu thematisieren, das hat der Schauspieler und Regisseur lange nicht in Erwägung gezogen. Nein, sagt er, das war tabu. Und vor allem «überhaupt nicht sexy».

Das ist es auch heute nicht. Schon gar nicht im Aargau. Auf die Bühne ist es dann doch gekommen. Im März 2010, ein Jahr vor Fukushima, wurde in Aarau «Die leuchten in der Nacht» uraufgeführt (siehe WOZ Nr. 12/10).

Dazu gekommen ist es, nachdem Torpus dem Autor Gerhard Meister, der schon in früheren Projekten mit dem Theater Marie gearbeitet hatte, von seinem heimlichen Vorhaben erzählt hatte, es doch mal mit einem «AKW-Stück» zu versuchen. Man sass also in Däniken und schaute in die Weite. Worauf ihm Meister verriet, auch schon mit solchen Gedanken gespielt zu haben. In seiner Schublade liege seit längerem der Entwurf einer Fantasie: wie die Schweiz nach einem Super-GAU aussehen könnte.

Trügerische Idylle

«So ein Unfall und seine Folgen, das kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen: Also, versuchen wir es», schrieben die Theaterleute ins Programmheft. Und Meister notierte: «Es gibt einen einzigen politischen Entscheid, mit dem die Zerstörung des ganzen Landes bewusst in Kauf genommen wird: den Entscheid, Atomkraftwerke zu betreiben oder neue zu bauen.»

Wohl wissend, dass sich diese Folgen nur mit viel Fantasie und noch mehr Wissen vorstellen lassen, reisten Torpus, Meister und ein Theatertechniker nach Tschernobyl. Und selbst dort machte Torpus diese «seltsame Erfahrung», dass sich das Unvorstellbare in der Idylle versteckt: «Da waren sie wieder, diese blühenden Wälder und Wiesen – und über allem ein blauer Himmel.»

Erst Tage später, zurück in Däniken, ergriff es ihn – als er ein Insekt beobachtete, das vor seinen Augen schwirrte: «In dieser scheinbaren Harmlosigkeit spürte ich es erstmals unmittelbar: das Entsetzen darüber, kein Vertrauen mehr zu haben in die Natur und meine Wahrnehmung von ihr.»

Das Stück lief schlecht – wie schon lange keines mehr der Truppe, die seit bald dreissig Jahren gesellschaftskritisches Theater auf die Bühne bringt. Das hat auch mit dem Entscheid zu tun, sich nicht auf dramaturgisch dankbare Szenarien zu verlassen – und schon gar nicht auf schwarzen Humor: «In Tschernobyl ist uns der Witz definitiv vergangen.»

So platzierte Meister das Geschehen nicht in der Hysterie unmittelbar nach dem fatalen Schmelzen eines Reaktors. Stattdessen hielten die vier Figuren ihre Monologe «Jahrzehnte nach dem grossen Unfall». Der Versuch, das Unvorstellbare vorstellbar zu machen: Meister und Torpus unternahmen ihn nicht in Form einer Abbildung des katastrophalen «Spektakels», sondern indem sie innere Bilder entwickelten. Die Arbeit der SchauspielerInnen bestand also darin, sich möglichst präzis in eine solche Umgebung zu imaginieren – und aus dieser Präzision die Monologe in die Stille zu sprechen. Es war der Versuch, der Vorstellung des Unvorstellbaren einen Raum zu geben.

Kollektive Gewöhnung

In der Klanglosigkeit, in der das Stück im Kanton verebbte, zeigte sich, was im Stück selbst vorgeführt wurde: das Ausmass der kollektiven Verdrängung. Wo man jahrzehntelang täglich mit der Möglichkeit lebt, dass eine hausgemachte Katastrophe das Leben Hunderttausender auf einen Schlag radikal verändern könnte, ist kollektive Gewöhnung ein logischer Reflex. Ein Stück, das dies bewusst zu machen versucht, kann nur stören.

Ein Jahr später, nach der Katastrophe von Fukushima, sind die Theaterleute im Kanton plötzlich wieder gefragt. Es kommen Anfragen für Lesungen mit Ausschnitten aus dem Stück: «Die inneren Bilder, sie wurden mit einem Mal real», erinnert sich Torpus. «Plötzlich sieht und hört man Doris Leuthard, die in unserem Stück nach dem fiktiven GAU spricht, in voller Realität nach dem realen GAU von Fukushima in die Kameras sprechen.»

Die Realität, sie hat die Imagination zertifiziert. Zugleich scheint sich selbst im Atomkanton der Schrecken, den Fukushima ausgelöst hat, gefährlich zu legen. Was sind die Konsequenzen, die Torpus daraus zieht? «Es geht darum, eine Kontinuität in solchen Themen herzustellen – nur so kann Theater zu einem Ort der wirksamen politischen Auseinandersetzung werden.»

www.theatermarie.ch

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