Nr. 16/2010 vom 22.04.2010

Hockey Mom aus Hottingen

Die FDP-Nationalrätin aus Zürich kämpft an vorderster Front, seit sie in der Partei ist. Dieses Mal für das Bankgeheimnis.

Von Rachel Vogt

Doris Fiala (53), FDP-Nationalrätin aus Zürich, hat drei Stimmen. Eine flötende am Telefon. Eine eindringliche im Zweiergespräch, bei dem sie ihr Gegenüber gerne mit der Hand berührt. Und in der öffentliche Rede eine grelle, laute. Eine Alarmstimme, als müsste sie die Welt gleichzeitig wecken, kommandieren und retten.

Sie versucht das auch: zumindest in ihrer Partei. Zwar ist die Finanzplatzstrategie nicht ihr Thema. Aber weil sonst niemand richtig hinsteht, wirft sie sich in die Schlacht. Doris Fiala streitet in allen Medien für das Bankgeheimnis.

Dabei hat sie nicht immer Glück. Sie verteidigte das Bankgeheimnis beherzt in der «Arena» – 24 Stunden bevor der eigene Parteipräsident Fulvio Pelli es aufgab. Sie forderte wegen des Kaufs der Bankdaten-CD eine Staatsklage gegen Deutschland. Aber der Nationalrat vertagte das Geschäft, und die Onlinepetition für die Klage brachte gerade mal enttäuschende 1400 Unterschriften.

Doch in der FDP Zürich hat Fiala wieder Oberwasser. Sie sagt: Schliesslich habe man gut vom Bankenplatz gelebt. Die Schweiz solle nicht den Musterknaben spielen. Und die gefährdeten Arbeitsplätze! Ihr Kollege Werner Messmer (er hatte eine Weissgeldstrategie gefordert) solle als Präsident des Schweizerischen Baumeisterverbands erst mit der Schwarzarbeit in seiner Branche aufräumen! Es seien dem Ausland bereits genügend Zugeständnisse gemacht worden.

Ohne Anlauf an die Spitze

Dem Applaus in Zürich folgte der parteiinterne Sieg: Präsident Pelli wechselte erneut den Kurs. Und fordert nun statt einer Weissgeldstrategie das Gegenteil: das Bankgeheimnis in der Verfassung.

Doris Fialas grosse Stärke ist, dass sie frei von Zweifeln scheint. Das verleiht ihr in einer verlierenden Partei eine enorme Kraft.

Doch wer ist diese Frau, die es praktisch ohne Anlauf an die Spitze der Kantonalpartei schaffte, die einst die Schweiz regierte: der Zürcher FDP?

Dass sie mit 44 Jahren in die Politik ging, war Zufall. Als sie sich auf einem Ausflug mit der Familie am Zürichhorn über gebrauchte Spritzen und die schmutzigen Toiletten aufregte, sagte ihr Mann zu ihr, «mach doch etwas dagegen, geh in eine Partei».

Zuvor hatte nichts auf eine politische Karriere hingedeutet. Fiala hatte mehrere Berufe ausprobiert, sie war an der Hotelfachschule in Lausanne gewesen, hatte als Reiseleiterin und Ernährungsberaterin gearbeitet, dann Marketing- und PR-Kurse besucht. Sie hatte bereits mit 24 Jahren geheiratet. Ihr Mann war in den sechziger Jahren aus der Tschechoslowakei geflüchtet und arbeitet heute als Ingenieur. Das Ehepaar bekam drei Kinder, lebte in Genf und im Ausland. Fiala kehrte mit ihrer Familie nach dreizehn Jahren zurück in ihre Heimatstadt Zürich, worüber sie zuerst «todunglücklich» war.

Und dann kam 2000, das Jahr, das für sie alles verändern sollte: Sie gründete ihre eigene PR-Agentur, wurde Präsidentin der freisinnigen Stadtpartei und rückte kurz darauf in den Zürcher Gemeinderat nach. Bereits damals kündigte sie an, sie werde 2007 für den Nationalrat kandidieren.

Die Wahl der Partei war für sie naheliegend: Fiala wuchs in einer freisinnigen Gewerblerfamilie auf – in Hottingen, der klassischen Hochburg der Zürcher FDP. «Am Anfang war das nichts Grosses, ich wollte nur einen Beitrag leisten. Ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, den Uetliberg zu versetzen.» Die SVP sei für sie nicht infrage gekommen, sie habe einen weltoffenen Geist, zudem könne man doch nicht einen Emigranten heiraten und dann der SVP beitreten. «Das wäre intellektuell nicht redlich gewesen. Wissen Sie, was ich meine?»

Die Zürcher FDP war verschuldet und zerstritten und verlor seit Jahren Wahl um Wahl, als Doris Fiala auftauchte. Das Auftreten der PR-Beraterin war stürmisch und etwas schrill, sie trug viel Farbe und eine expressive Haarsprayfrisur, flötete fröhlich in ihr Handy, duzte alle Welt, veranstaltete überall einen Wirbel. Fiala stammte zwar vom Zürichberg, aber nicht aus feinen Kreisen, zudem war sie eine Katholische und verfügte über keine politische Erfahrung. Sie habe damals in der Partei «den Gottesdienst gestört», sagte Fiala später. Der alte Freisinn, der nach dem Swissair-Debakel 2001 teils aus der Politik ausgeschieden war, teils sich der Melancholie hingegeben hatte, rümpfte die Nase. Man nannte sie auch mal «Doris Tralala».

«Wir sind kein Golfklub, keine Zunft, wir sind eine Partei, und jeder Bürger, auch der einfache, muss uns verstehen können», brüskierte wiederum Fiala die freisinnige Elite. Es brauche jetzt eine «Lokomotive», sagte Fiala und meinte sich selbst.

Doch der Wirtschaftsfreisinn war auch froh, dass da eine kam mit einem unverwüstlichen Selbstbewusstsein, eine, die die müde freisinnige Seele nach jahrelangen Misserfolgen aufbaute. Fiala vertrat die klassischen freisinnigen Positionen: Eigenverantwortung, Steuerwettbewerb, restriktive Ausländerpolitik (sie forderte etwa «Rayonverbote gegen kriminelle AsylbewerberInnen»). Gesellschaftspolitisch ist sie eher aufgeschlossen. Sie sass beispielsweise in der Geschäftsleitung der Eurogames 2000, der homosexuellen Olympiade (ein Mandat, das sie zögerlich angenommen hatte), setzte sich für das Partnerschaftsgesetz ein, den bezahlten Mutterschaftsurlaub, für Krippen und Tagesschulen – jedenfalls solange nicht der Staat dafür zahlen muss.

Gratiswürste und Monika Kaelin

Doris Fiala machte schnell Karriere. 2002: Präsidentin der städtischen FDP, sie war die erste Frau in diesem Amt. 2004: Präsidentin der kantonalen FDP. 2007: Nationalrätin. Bei der Wahl zur Kantonalpräsidentin hatte sie sich mit einer flammenden Rede gegen Filippo Leutenegger durchgesetzt, auch er ein Quereinsteiger ohne Politerfahrung. Erstmals seit langem hatten sich zwei Freisinnige um das Amt beworben. Zuvor habe man, wie der scheidende Präsident Ruedi Noser sagte, jemanden dazu nötigen müssen. Fiala sagte damals: «Ich will, dass man den Freisinnigen wieder Respekt entgegenbringt und nicht bloss über uns lacht.»

Die Schwäche der Partei war Fialas grösste Stärke.

Doch Fiala hatte wenig Glück als Präsidentin. Ihr grösstes politisches Projekt scheiterte – die Initiative zur Abschaffung des Verbandsbeschwerderechts. Entstanden war es zufällig. In Zürich war 2004 der Bau des neuen Hardturmstadions gerade Gesprächsthema, weil der VCS dagegen Beschwerde eingereicht hatte. Fiala tat, was bislang kein Freisinniger getan hatte: Sie organisierte eine Demonstration – obwohl der VCS bereits beschlossen hatte, seine Beschwerde nicht weiterzuziehen. Sie trommelte Freiwillige, Fussballfans und Wirtschaftsbosse zusammen; die Migros verteilte Gratiswürste, und die Volksmusiksängerin Monika Kaelin leitete durch das Programm. Dies zur Freude von Fifa-Präsident Sepp Blatter, den Fiala zuvor bei seiner Scheidung als Presseverantwortliche unterstützt und ihn auf einer «Goodwilltour» ins britische Oberhaus begleitet hatte. Blatter trat dem Initiativkomitee bei.

Das war der Auftakt zu einer eidgenössischen Initiative (die erste des Freisinns seit den achtziger Jahren), für die Fiala vor Hockeystadien im ganzen Land stand. In der Mutterpartei stiess sie auf Widerstand. Dieses «schöngeistige Umeblüemle» gehe ihr auf die Nerven, sagte Fiala. Dennoch: Am Schluss hatte sie die Delegierten auf ihrer Seite. Die Ochsentour endete 2008 in einer katastrophalen Niederlage an der Urne: 66 Prozent der Stimmenden stimmten Nein. Die StadtzürcherInnen verwarfen die Initiative ihrer Nationalrätin gar mit 71,4 Prozent. Die Kosten: eine aufgewühlte Partei und 1,3 Millionen Franken für eine gross angelegte Kampagne. Der Gewinn: Doris Fiala war schweizweit bekannt. «Es ist nie eine Schande, eine Schlacht zu verlieren», sagte sie nach der Niederlage, «sondern lediglich, nie einen Kampf geführt zu haben.»

Ihr anderes politisches Projekt ist noch hängig: Die FDP will in Kürze entscheiden, ob sie mit Fialas Idee einer Flattax – der Easy Swiss Tax – eine Volksinitiative startet; der Ständerat lehnte ihre Motion im März ab.

Skandale und Verluste

Fialas Präsidentschaft produzierte auch Ärger – etwa als sie 2006 für den Rücktritt der umstrittenen FDP-Regierungsrätin Dorothée Fierz Druck aufbaute und irrtümlicherweise eine Botschaft auf der Combox von Fierz hinterliess statt auf derjenigen ihres Verbündeten Filippo Leutenegger. Oder als Fialas Umfeld 2007 im Wahlkampf vorgefertigte Leserbriefe verteilte, die Fiala priesen und den Parteipräsidenten Pelli scharf kritisierten. Der Verfasser war Fialas PR-Berater Klaus J. Stöhlker.

Obwohl sie Orts- und Bezirksparteien besuchte wie keiner ihrer Vorgänger, Parteipartys organisierte und regelmässig auf TeleZüri auftrat, scheiterte die FDP bei den Wahlen 2003 und dann 2007 – mit dem schlechtesten Resultat in der Geschichte des Zürcher Freisinns. Immerhin konnte Fiala die beiden Regierungsratssitze retten. Im Herbst des gleichen Jahres wurde Fiala in den Nationalrat gewählt (nicht zuletzt dank vieler Panaschierstimmen, ein Indiz für Bekanntheit), während ihre Partei deutlich verlor.

Einen Monat später wieder ein Misserfolg: Fiala hielt bei den Ersatzwahlen in den Ständerat an ihrer umstrittenen Unterstützung der SVP fest, obwohl diese die Freisinnigen zuvor als «Weichsinnige» verspottet hatte. Auf Ueli Maurers Inseraten fand man kein SVP-Logo, dafür FDP-Prominenz. Doch die FDP-Basis gab Maurer die Stimme nicht, gewählt wurde stattdessen die Grünliberale Verena Diener. Fiala gab wütend ihren Rücktritt bekannt.

Im Nationalrat spricht Fiala wenig (sie hatte schon im Gemeinderat kaum auf sich aufmerksam gemacht). Laut wird sie, wenn Freisinnige von der Parteilinie abweichen. «Das ist unsere Krankheit: Jeder meint, seine private Meinung sei von einer solchen Relevanz, dass sie in die Mikrofone diktiert werden muss. Das ist doch überheblich!»

Seit sie in der Migrationskommission des Europarates sitzt, interessiert sie sich erstmals für ein Dossier – die Sicherheits- und Migrationspolitik (dazu macht sie momentan einen Master-Studiengang an der ETH). Fiala plädiert für eine internationale Zusammenarbeit bei den neuen Risiken – «Cybercrime, organisiertes Verbrechen, Menschenhandel, Pandemien, Terrorismus, you name it!». Dabei stellt sie den liberalen Grundsatz der Freiheit auch mal hintenan: «Wir leben in Zeiten, in denen wir uns in der Abwägung zwischen Sicherheit und Freiheit für die Sicherheit entscheiden müssen.»

Doris Fiala ist eine energische Frau im engen Kostüm und mit Perlenkette, die ihre Mütterlichkeit betont und gerne erzählt, wie sie Hockeyspiele ihres Mannes und ihres Sohns besucht. Eine Frau, die viel von Kampf spricht und die «Menschen auf der Strasse» ansprechen will. Eine Frau, deren Denken konventionell, deren Sprache mal kokett, mal grob und deren Rede mal verletzend, mal witzig ist. Eine Frau, die stur der rechtsbürgerlichen Parteilinie folgt, ihre Energie in kühne Auftritte steckt und immer wieder mal Skandale verursacht.

Doris Fiala ist die helvetische Sarah Palin.

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