Nr. 17/2010 vom 29.04.2010

Liebe, Tod – und Revolution

Letztes Jahr hielt er in Zürich eine 1.-Mai-Rede, heuer bleibt er in Bern – bei Risotto, Weisswein und Alexander Tschäppät. Die WOZ sprach mit dem Berner Musiker über den 1. Mai, die Krise und die Leidenschaft.

Von Carlos Hanimann

Seine Stimme tönt wie ein altes Whiskyfass. Oder wie ein Aschenbecher. Als wir ihn in seiner Wohnung in Ostermundigen besuchen, raucht er Kette: Endo Anaconda. Der 55-jährige Sänger der Band Stiller Has hat letzten Herbst mit dem Album «So verdorbe» den Soundtrack zur Krise geschrieben. Er ist ein Mann, der den Blues im Herzen trägt – «soweit das als Weisser überhaupt geht». Anaconda wohnt in einer Altbauwohnung, die Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurde. Angeblich unter Mitwirkung des italienischen Faschisten Benito Mussolini. Die Küche ist abgedunkelt, an der Wand hängt ein Bild, auf dem ein Stier einen Torero aufspiesst. «Das ist doch mal ausgleichende Gerechtigkeit», sagt Anaconda. Er setzt Kaffee auf und zündet sich eine Zigarette an.


WOZ: Stimmt es, dass deine Wohnung von Benito Mussolini gebaut wurde?

Endo Anaconda: Mitgebaut. Mussolini war damals Maurer.

Wie lebt es sich in einem Haus, das Mussolini mitgebaut hat?

Das ist Zufall. Das ganze Quartier hier ist gemauert, wahrscheinlich von italienischen Emigranten, Bauarbeitern, Gewerkschaftern. Damals war Mussolini noch ein radikaler Sozialist und Gewerkschafter. Erstaunlich, wie sich die Leute wandeln können. Der deutsche Faschismus hat auch die Symbole der Arbeiterbewegung übernommen. Oder: Der 1. Mai heisst heute Tag der Arbeit. So ist das. Die Demokratie ist kein Fixzustand, sie lässt sich nicht institutionalisieren. Sie ist immer ein Prozess des Kampfes. Sobald man aufhört für die Demokratie zu kämpfen, ist sie weg.

Das Motto des diesjährigen 1. Mai lautet: «Verlieren wir die Beherrschung» ...

Ein genialer Slogan! Aber es ist klar, dass die Rechten null Sinn für Ironie haben. Dieser Spruch ist so dadaistisch, wunderbar doppeldeutig und witzig – er ist toll. Es ist lächerlich, ihn als Aufruf zur Gewalt auszulegen. Was wäre denn besser? Wir beherrschen uns?

Du hast letztes Jahr in Zürich eine 1.-Mai-Rede gehalten ...

Ich war empört. Und bin es noch heute. Die Lasten dieser Wirtschaftskrise werden wir und folgende Generationen noch lange spüren. Es geht mir nicht um die verlorenen Milliarden, das sind alles nur Nullen, mir geht es um die menschlichen Schicksale. Fabriken werden stillgelegt, Existenzen ruiniert.

Du meidest Massenanlässe, ausser die BEA und den 1. Mai.

Die BEA in Bern besuche ich wegen der Kühe. Wenn man einer Kuh in die Augen sieht und erkennt, was für ein wunderbares Wesen es ist, dann versteht man, warum Kühe in gewissen Kulturen heilig sind.

Und der 1. Mai: Ich bin ein Kind der Arbeiterbewegung. Ich war als Schüler sehr links, dogmatisch, Mitglied der Kommunistischen Partei. Später wurde ich etwas differenzierter. Der 1. Mai bleibt aber ein Tag mit Symbolcharakter. Er steht für die gesellschaftliche Klasse, aus der ich stamme und die ich nicht verleugnen will. Auch wenn ich ein Lebemann bin und den Luxus liebe. Ich besitze nichts, aber ich lebe wahnsinnig gerne. Eben war ich zwei Tage in Basel, im Hotel Krafft, und habe auf den Rhein gestarrt, gegessen, und mich ausgeruht. So habe ich meine letzte Gage verpufft. Aber das ist okay. Leute, die Party machen, sind besser als diejenigen, die in irgendwelche Rohstofffonds investieren und damit die Welt in den Untergang treiben. Man muss das Geld zirkulieren lassen. Das Geld ist kein echter Wert, das Leben schon.

Partys als Konjunkturpakete?

Genau. Es wird ja kein Mehrwert geschaffen, indem man mehr Geld hat. Mehrwert schafft man nur durch Arbeit. Und diesen Mehrwert stellen die Arbeiter her, die etwas produzieren. Arbeit schafft Mehrwert, nicht Geld – das ist ökonomischer Blödsinn.

Du hast in deiner Rede die Wirtschaftskrise als «Schweinegrippe des Finanzkapitals» bezeichnet. Sie ist doch viel mehr als nur eine Grippe ...

Natürlich. Tausende haben ihren Arbeitsplatz verloren, einige wenige haben dafür wieder Milliarden verdient. Der Staat hat für sie bezahlt, die Allgemeinheit.

Weshalb hat sich nichts geändert?

Wir leben in einer Lobbydemokratie. Die meisten Parlamentarier, die politischen Entscheidungsträger sind in irgendeiner Art und Weise mit der Finanzwirtschaft oder mit der Versicherungswirtschaft verbandelt. Sie werden von ihnen protegiert und sitzen in den Verwaltungs- und Aufsichtsräten dieser Institutionen. Sie sind korrumpiert. Aber nicht, dass sie nicht wüssten, dass es auch anders ginge ... Das ist ein grosses Problem in der Schweiz. Wenn diese Leute ehrlich wären, hätten sie gesagt: Das geht so nicht. Da muss jemand anderes ran. Aber das tun sie nicht. Die machen weiter – bis zum nächsten Knall. Wer gibt schon gerne zu, dass er Unrecht hat? Das ist wie Geisterfahren, bis zum sturen Ende eines sturen Lebens: Immer fahren alle andern falsch.

Du hast diese Leute in deiner Rede folgendermassen beschrieben: «Die sind wie Dagobert Duck auf Crack, haben jede Bodenhaftung verloren und eigentlich müsste man sie therapieren, weil ihr Suchtverhalten pathologisch ist.»

Ja, das ist so.

Haben sie sich therapieren lassen?

Einzelne schon. Nach dem Crash, dem Finanzgrounding, haben die Besuche bei Psychotherapeuten wahnsinnig zugenommen. Die Leute schlucken Meskalin oder sonst was, um zu vergessen. Ich meine: Woran denkt eine Kuh, wenn sie den ganzen Tag Gras frisst? An Gras. Das ganze System ist so. Nicht mal mittelfristig ausgerichtet. Es geht um Quartalsabschlüsse.

Und jetzt investieren sie halt in Rohstoffe. Da können sie Geld verdienen, weiterzocken. Man muss sich schon fragen, was verwerflicher ist: einen Raubüberfall zu begehen oder eine Ladung Weizen so oft an der Börse zu verkaufen, dass die Leute sie nicht mehr bezahlen können und verhungern?

Du hast mal gesagt: In der Musik gehe es nur um die Liebe und den Tod. Alles andere sei langweilig.

Ja, in der Musik.

Gilt das auch für das Leben?

Irgendwann kommt man im Leben schon auch ein bisschen zur Ruhe. Aber vielleicht stimmt die Aussage sogar ein Stück weit fürs Leben. Ein Element aber habe ich vergessen: die Revolution.

Die Revolution?

Ich meine damit nicht den bewaffneten Aufstand. Das ist ein veraltetes Konzept. Aber unsere Hochkultur, die darauf gründet, fossile Brennstoffe zu verbrennen, befindet sich im Sinkflug. Entweder wir finden sehr schnell neue Konzepte, oder das Leben in der heutigen Form wird mittel- oder langfristig nicht mehr möglich sein. Die heutige Generation ist mit Problemen konfrontiert, die wir nicht kannten. Meine Eltern waren Futuristen und haben den technischen Fortschritt angebetet. Atombombe, Raumfahrt – alles hat man bejubelt. Aber sie wussten nicht, was aus dem Auspuff rauskommt. Den Homo sapiens gibt es seit einer Million Jahren. 990 000 Jahre hat er nur Faustkeile gespaltet. Aber in den letzten 150 Jahren ging es ab wie die Sau. Erst die Dampfmaschine, und heute schauen wir in den Urknall rein.

Liebe, Tod, Revolution – bist du ein Romantiker?

Unbedingt! Romantik ist der Antrieb für die Leidenschaft. Und Leidenschaft ist sehr wichtig, um etwas zu ändern. Ich habe natürlich viel Hoffnung. Es gibt ja Ideen, wie man die Welt umgestalten kann. Es heisst zum Beispiel, die junge Generation sei unpolitisch. Das stimmt nicht. Sie muss nur mit viel mehr Information umgehen, als ich es damals musste. Und mit viel schlechteren Prognosen.

Als du in den achtziger Jahren aus Österreich zurück in die Schweiz kamst, war das die Zeit der Jugendunruhen. Wo siehst du diese Bewegungen heute?

Das ist unberechenbar. Nehmen wir Paris, die Aufstände in den Banlieues. Die sind plötzlich, unberechenbar ausgebrochen. Solche Aufstände sind ein Anzeichen dafür, was für ein Frustpotenzial vorhanden ist. Und die Politik antwortet völlig verkehrt: 30 000 arbeitslose Jugendliche in der Schweiz – und die Politik kürzt ihnen das Arbeitslosengeld. Wie sollen sie sich für die Gemeinschaft engagieren, wenn sie im privaten Leben keine Perspektive haben. Da entsteht ein Problem, das uns irgendwann um die Ohren fliegt. Die Jungen hängen rum, drücken sich Ecstasy in die Birne, weil sie es nicht mehr aushalten. Und plötzlich sind sie ein Sicherheitsrisiko.

Eure Musik, der Blues, passt gut in diese Zeit ...

Das war uns nicht bewusst, als wir im Herbst das letzte Album veröffentlichten. Als wir 2006 das Album «Geisterbahn» herausbrachten, haben die Leute gesagt: Wie kommt der Anaconda dazu, in der Hochkonjunktur solche Lieder zu schreiben. Der muss schwer depressiv sein. Damals gab es die 15-Prozent-Renditen ja wirklich noch. Und dann kam die grosse Ernüchterung.

Wir müssen die wahren Werte teilen – die Produktivmittel, die Ressourcen, die Kreativität, die Ethik. Wie gehen wir mit uns und unserer Umwelt um? Das ist entscheidend. Andere Werte sind fiktiv, Nullen, die man streichen kann. Irgendwann braucht es ein neues, gesamtheitliches Denken, eine andere Wertung. Wenn der Weg dahin nicht sozial gerecht und menschlich verläuft, dann wird die Welt im Faschismus enden.

Im Faschismus?

Nicht so, wie wir ihn kennen. Ich meine ein autoritäres Regime, das sich neuer Technologien bedient. Wenn ich heute ein Joghurt kaufe, bin ich schon durchsichtig. Diesen Prozess kann man nicht stoppen. Deshalb meine ich: Irgendeine Form eines autoritären Systems, das die Menschenrechte über den Haufen wirft. Das ist eine Gefahr.

Das Wort «Faschismus» wird doch inflationär gebraucht.

Das ist schon richtig. Ich denke da vielleicht an eine genetische Diktatur, in der ausgesiebt wird, wer die falschen Gene hat.

Das sind düstere Zukunftsvisionen.

Ja, was willst du? Es ist düster.

Hast du Angst vor dem Altern?

Immense Angst. Es ist ein Gemetzel, wie Philip Roth sagt. Ich bin wie ein alter VW Passat mit 280 000 Kilometern. Er läuft noch, aber irgendwann wird die Reparatur zu teuer. Es geht rasant durchs Leben. Schockierend, wie schnell es vorbeigeht.

Fürchtest du dich vor dem Sterben?

Nein, aber ich habe Lust zu leben. Ich habe noch nicht genug. Ich will mehr. Von allem. Aber ich werde müde. Es dauert heute länger, morgens aufzustehen. Viel länger.

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