Nr. 44/2012 vom 01.11.2012

Wie man an die Macht kommt

Vor neunzig Jahren, Ende Oktober 1922, wurde der Faschist Benito Mussolini Regierungschef in Italien. Verdrängt wird im heutigen Italien, welche Rolle die traditionellen Eliten dabei spielten.

Von Jens Renner, Rom

Es sind nur wenige, die im 90. Jahrestag des «Marschs auf Rom» vom späten Oktober 1922 einen Anlass zum Feiern sehen. Der Marsch und die Ernennung Benito Mussolinis zum Regierungschef im Königreich Italien mobilisieren heute allenfalls neofaschistische Splittergruppen. Dass diese – wie aktuell in Perugia – öffentlich auftreten können, ist allerdings ein klarer Verstoss gegen das 1947 erlassene Verbot: Danach steht die Fortführung der Faschistischen Partei «in irgendeiner Form» unter Strafe. Konsequent angewandt wurde dieses Gesetz nie.

Während der Partisanenverband ANPI, Linke und Gewerkschaften gegen die rechten Gedenkfeiern protestieren, nimmt die Öffentlichkeit derlei Provokationen meist klaglos hin. Faschismusnostalgie gehört seit vielen Jahren zur italienischen Normalität. Schon in den siebziger Jahren dominierte der konservative Historiker Renzo De Felice die Debatte mit der bis heute nachwirkenden These, die faschistische Bewegung sei – im Unterschied zum Regime – progressiv gewesen. Und auch nach dem Abgang von Silvio Berlusconi ist der Geschichtsrevisionismus allgegenwärtig: So soll in Catania (Sizilien) eine Strasse nach dem Altfaschisten Giorgio Almirante benannt werden, während in Ascoli Piceno (Marken) ein altes Mussolini-Gemälde restauriert und in einer Berufsschule aufgehängt wird.

Absage an die Demokratie

In den Jahren des Berlusconismus wurde das kollektive Gedächtnis systematisch geschwächt. Fragt man italienische SchülerInnen heute nach dem «Marsch auf Rom», wird man allenfalls etwas von «Machtergreifung» und faschistischer Revolution zu hören bekommen. Dabei haben die Faschisten in Italien, wie auch in Deutschland, die Macht nicht «ergriffen», sondern sie von den alten Eliten übertragen bekommen. Diese Machtübertragung war Teil des Klassenkampfs von oben gegen eine Arbeiterbewegung, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs Lohnerhöhungen sowie den Achtstundentag in der Industrie erkämpfte und sich für das Beispiel der Oktoberrevolution begeisterte.

Finanziert vor allem durch Grossgrundbesitzer, gingen die seit 1919 entstehenden faschistischen Sturmtrupps (squadre) mit brutaler Gewalt gegen die Arbeiterbewegung vor. Bei ihren «Strafexpeditionen» gegen Genossenschaften, Volkshäuser und Parteilokale sah die Staatsmacht meist tatenlos zu oder leistete sogar Hilfe. Schon im Sommer 1921 konnte Mussolini triumphieren: «Es gibt keine ernsthafte bolschewistische Gefahr mehr in Italien. Der Bolschewismus ist so gut wie ausgerottet!» Mit seinen vergleichsweise gemässigten Artikeln und Reden bewarb sich Mussolini jetzt für höhere Aufgaben. Das zahlte sich aus: Zu den Neuwahlen im Mai 1921 bot der liberale Ministerpräsident Giovanni Giolitti den Faschisten ein Wahlbündnis an, das Mussolini akzeptierte. Auf diesem Weg konnten sie 35 Parlamentssitze gewinnen.

Das Jahr 1922 stand im Zeichen militärischer Aktionen der Faschisten, etwa gegen die «roten» Städte Ferrara und Bologna. Seit August 1922 gab es Gerüchte über einen bevorstehenden «Marsch auf Rom». Am 20. September hielt Mussolini seine berühmte Rede von Udine, die vorweggenommene Regierungserklärung des Faschismus. Sie kombinierte das Bekenntnis zu Gewalt und Gehorsam mit einer Absage an die Demokratie und der Ankündigung, die Massen zur Unterstützung italienischer Machtpolitik zu mobilisieren. Italiens Grösse – statt einer «Politik der Entsagung und der Feigheit» – war das Hauptziel.

Die Rolle des Königs

Ab Ende 1921 erhielten die Faschisten auch von Industriellen immer mehr Spenden. Wichtiger allerdings war die Kapitulation des politischen Liberalismus. Dessen Schwäche ermutigte die Faschisten im Herbst 1922, aufs Ganze zu gehen. Von ihrem am 24. Oktober begonnenen Parteitag in Neapel brachen sie zum «Marsch auf Rom» auf. Zusammenstösse mit der Armee sollten dabei «unter allen Umständen» vermieden werden. Mussolini wartete derweil in Mailand, um sich notfalls in die Schweiz absetzen zu können.

Die Entscheidung führte schliesslich König Vittorio Emanuele III. herbei. Wegen seiner Weigerung, die von der Regierung verfasste Proklamation über den Ausnahmezustand zu unterschreiben, konnte die Armee nicht gegen die schwachen faschistischen Kampfgruppen eingesetzt werden. Insgesamt waren nur 14 000  schlecht ausgerüstete Faschisten aufmarschiert. «Mit Geschützen und Panzern ausgerüstete Truppenverbände hätten leichtes Spiel gehabt, sie einzeln anzugreifen und aufzureiben», schrieb der britische Diplomat Ivone Kirkpatrick bereits 1964 in seiner Mussolini-Biografie; der italienische Historiker Roberto Vivarelli kommt in seinem gerade neu aufgelegten Standardwerk von 1965 über die Anfangsjahre des Faschismus zum selben Urteil.

Am 29. Oktober 1922 erklärte sich der König bereit, Mussolini zum Regierungschef zu machen. Schon am Mittag desselben Tages hielt Mussolini ein entsprechendes Telegramm in Händen; am nächsten Morgen traf er im Schlafwagen in Rom ein und wurde offiziell mit der Bildung einer Regierung beauftragt. Mussolini regierte Italien bis Juli 1943, als er durch eine Palastrevolte gestürzt wurde. Für alles, was im «ventennio», den mehr als zwanzig faschistischen Jahren, geschah, tragen die aristokratischen und bürgerlichen «fiancheggiatori» (Unterstützer) des Faschismus Mitverantwortung: am Ausbau des Regimes, an Kolonialkriegen in Afrika, am Kriegsbündnis mit Nazideutschland und auch an der Beteiligung an den nazistischen Völkermorden.

Die «Extremismusdoktrin»

So offensichtlich die historischen Tatsachen auch sind, so wenig sind sie in das kollektive Bewusstsein eingegangen. Nach der «Extremismusdoktrin», die sich auch im italienischen Mainstream einiger Beliebtheit erfreut, wird die Machtübernahme des Faschismus so erklärt: Die demokratiefeindlichen «Extremisten» von rechts und links hätten eine Situation geschaffen, in der die «Mitte» in eine Zwickmühle geraten sei; um Ordnung zu schaffen, habe sie sich – nur vorübergehend! – der Faschisten bedienen wollen; dass diese dauerhaft ein diktatorisches Regime errichteten, sei weder beabsichtigt noch voraussehbar gewesen.

Von der Tatsache, dass die traditionellen Eliten den Faschismus an die Macht brachten, wird damit nach Kräften abgelenkt. Der «Marsch auf Rom» erscheint als eine Art Betriebsunfall in unruhigen Zeiten und die im Oktober 1922 vom König getroffene Entscheidung als zwar fataler, aber irgendwie auch verständlicher «Irrtum». Diese vermeintliche Lehre der Geschichte ist gefährlicher als der bizarre Duce-Kult der Ultrarechten. Denn ein Faschismus im historischen Schwarzhemd hat heute keine Chance mehr – im Unterschied zu Bündnissen «demokratischer Populisten» mit modernisierten NeofaschistInnen. Das haben die Berlusconi-Jahre gezeigt.

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