Nr. 20/2010 vom 20.05.2010

Vom Stadion in den Krieg

Zwanzig Jahre nach den Ausschreitungen im Maksimir-Stadion in Zagreb verklären die Fans von Dinamo Zagreb den 13. Mai 1990 noch immer zum Tag, an dem der Krieg in Jugoslawien begann.

Von Nadine Freiermuth

Die Spieler waren noch dabei, sich auf dem Rasen aufzuwärmen, als die Situation im Stadion eskalierte. Bereits tagsüber war es in der Stadt zu Schlägereien gekommen zwischen den Bad Blue Boys, den Fans von Dinamo Zagreb, und den angereisten Delije, den Fans von Roter Stern Belgrad. Abends im Stadion erreichte die aufgeheizte nationalistische Stimmung ihren Höhepunkt. Als die Delije begannen, die Tribüne zu demolieren, stürmten die Bad Blue Boys das Feld und lieferten sich eine wüste Schlägerei mit der schlecht vorbereiteten jugoslawischen Polizei, der es nicht gelang, die Lage zu kontrollieren.

Zwanzig Jahre ist das her. Am 13. Mai 1990 hätte im Stadion Maksimir in Zagreb der Klassiker der jugoslawischen Meisterschaft zwischen Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad ausgetragen werden sollen. Aber die Partie konnte wegen der Ausschreitungen nie angepfiffen werden. Bis heute ist der 13. Mai 1990 für die Bad Blue Boys der Tag, an dem der Krieg begann. Der Tag, an dem Jugoslawien beerdigt wurde.

Auflösung der Föderation?

Bereits gegen Ende der achtziger Jahre hatten sich gewalttätige Zusammenstösse zwischen Fussballfans und Polizei sowie zwischen Fans kroatischer und serbischer Mannschaften gehäuft. Der Kampf der 1986 gegründeten Bad Blue Boys gegen die jugoslawische Ordnungsmacht steigerte sich zur ritualisierten Aggression und erlangte zunehmend eine politische Bedeutung: Er wurde zum Widerstand gegen die jugoslawische Föderation.

Am 13. Mai 1990 erhielt das kroatische Publikum einen neuen Helden, der in der Folge zur Symbolfigur des kroatischen Widerstands gegen die von Belgrad aus regierte Föderation avancierte: Zvonimir Boban. Der Mannschaftskapitän von Dinamo Zagreb griff persönlich ein, als ein Dinamo-Fan von einem Uniformierten verprügelt wurde. Die Eskalation spielte sich vor laufenden Kameras ab. Die Bilder zeigten einen wütenden Boban, wie er einen Polizisten in die Seite tritt. Über das jugoslawische Fernsehen fanden die Szenen Eingang in die kroatischen, serbischen, montenegrinischen, slowenischen, bosnischen und mazedonischen Wohnzimmer. Auf den Bildschirmen der jugoslawischen Bevölkerung aller Republiken flimmerten Bilder von zerstörten Feuerwehrautos, von Polizisten, die zu zweit und zu dritt auf Fans einprügelten, und von tobenden Menschen, die – nationalistische Lieder singend – zerschnittene jugoslawische Fahnen über den Rasen trugen.

Das musste eine Zäsur sein! Eine Ära ging zu Ende, ohne dass jemand wusste, was folgen würde. Die jugoslawische Staatskrise, die sich in den vergangenen Jahren Hand in Hand mit einer Wirtschaftskrise und der zunehmend nationalistischen Mobilisierung unter Slobodan Milosevic in Serbien und Franjo Tudjman in Kroatien angebahnt hatte, offenbarte sich an diesem 13. Mai 1990 dem In- und Ausland in ihrer ganzen Tragweite: Der jugoslawische Staatsapparat beherrschte das Land nicht mehr.

Mit Dinamo an die Front

Gut ein Jahr später, am 25. Juni 1991, erklärte Kroatien seine Unabhängigkeit, und Milosevics Truppen marschierten in Kroatien ein. Das Land befand sich im Krieg. Derweil sahen die Bad Blue Boys im nationalistischen Programm Franjo Tudjmans ihre Interessen weitgehend vertreten – allen voran ein eigenständiges, von Serbien unabhängiges Kroatien. Sie unterstützten ihren Staatsmann und seine kroatische demokratische Gemeinschaft (HDZ) bereitwillig, indem sie an den Fussballspielen unermüdlich seinen Namen skandierten und von der Tribüne aus Parteipropaganda betrieben. Als der Krieg begann, gehörten die «blauen Jungs» zu den ersten Freiwilligen, die für die Verteidigung der «Domovina», des Vaterlands, zu den Waffen griffen; aus ganz Kroatien meldeten sich Fans des Zagreber Klubs zum Dienst.

Mit dem Kriegsausbruch wurde auch auf serbischer Seite die Gewaltbereitschaft der Fussballfans für Kriegszwecke kanalisiert: Zeljko Raznatovic, besser bekannt als «Arkan», war an jenem 13. Mai 1990 ebenfalls im Maksimir-Stadion gewesen. Er war serbischer Parteifunktionär, aber als Fanbeauftragter von Roter Stern Belgrad durchaus mit der Szene vertraut. 1991 rekrutierte er seine eigene «Freiwilligengarde», genannt die «Tiger», aus dem radikalen Fanlager des Belgrader Klubs. Arkan ist zusammen mit seiner paramilitärischen Einheit verantwortlich für Kriegsverbrechen in Bosnien, Kroatien und im Kosovo.

Wie viele Bad Blue Boys in diesen Krieg zogen, lässt sich heute schwer ermitteln. Die Kriegsberichterstattung (oder eher Kriegspropaganda) liefert aber Aufschluss über die Motivation der Bad Blue Boys, in den Krieg zu ziehen: Kroatische Sportzeitungen zeigten, wie die jungen Männer an der Front die Dinamo-Fahne hissten und sich das Klubabzeichen als Glücksbringer auf die Helme und Uniformen klebten. Die Fans zogen direkt von der Tribüne in den Krieg; der symbolträchtige, geliebte Klub war jungen Soldaten Motivation und Sinnstiftung inmitten des Ausnahmezustandes.

Aus Dinamo wird Croatia

Der erste kroatische Präsident, Franjo Tudjman, wusste als ehemaliger jugoslawischer Sportfunktionär sehr genau um die Wirkung des Fussballs. Deshalb setzte er gleich nach seiner offiziellen Amtsübernahme im Jahr 1991 ein Zeichen und machte seinen Einfluss auf den prestigeträchtigen Zagreber Klub geltend: Das kommunistische Erbe sollte endgültig ad acta gelegt werden und stattdessen einem neuen, national begründeten Verein Platz machen. Tudjman entschied, den aus der Tito-Ära stammenden Klubnamen Dinamo zu ändern. Dinamo machte zwei Namensänderungen durch und hiess ab 1993 Croatia Zagreb.

In seiner Bestrebung, die kommunistische Vergangenheit zu löschen, schoss Tudjman weit übers Ziel hinaus. Für die Fans von Dinamo war der Klub Symbol für ihren jahrelangen Widerstand gegen die jugoslawische Ordnungsmacht, er bedeutete die traumatische Kriegserfahrung an der Front und Tod und Verlust von Verwandten und Freunden. Tudjman vergriff sich am Heiligtum jener, die für ihn und sein Programm eines selbstständigen Kroatiens in den Krieg gezogen waren.

Als die Fans von der Front nach Hause zurückkehrten, fanden sie Zagreb ohne Dinamo wieder – und von der ehemals versprochenen Demokratie war nichts zu sehen. Die Enttäuschung über diesen Verrat war immens. Die Bad Blue Boys stellten sich erneut gegen die Regierung. Auf der Tribüne schwenkten sie die mittlerweile verbotene Dinamo-Fahne und sangen wütende und satirische Lieder auf den Präsidenten. Hatten sie sich vor einigen Jahren mit der jugoslawischen Polizei geprügelt, so kämpften sie nun gegen die kroatische Ordnungsmacht.

Ein Fussballspiel als Kriegsbeginn

Zu Zeiten Jugoslawiens waren die Bad Blue Boys als «Chauvinisten und Nationalisten» zu Staatsfeinden abgestempelt und oft direkt von der Tribüne in die Zellen verfrachtet worden. Ab den neunziger Jahren setzte die Tudjman-Regierung ihrerseits auf repressive Massnahmen und eine starke Polizei und erklärte die Bad Blue Boys zu «Feinden und Zerstörern Kroatiens». Doch die Fans hielten bis zur Jahrtausendwende durch: Franjo Tudjman verstarb im Dezember 1999. Zwei Monate später, am 14. Februar 2000, war die Rückbenennung des Klubs in Dinamo beschlossen. Nach neun Jahren der Rebellion und des Boykotts wurde den Bad Blue Boys ihr «sveto ime», ihr heiliger Name, zurückgegeben.

Weil der Staat die von den Dinamo-Fans gewünschte Heroisierung ihrer Kriegsteilnahme hatte vermissen lassen, stifteten die Bad Blue Boys dem Krieg ihren eigenen Sinn. Dafür knüpfte man an die Ereignisse vom 13. Mai 1990 an und verklärte die Ausschreitungen jenes Tages zum eigentlichen Kriegsbeginn. Von dieser Mythisierung zeugt seit 1994 ein Denkmal, das die Bad Blue Boys hinter der Westtribüne des Maksimir-Stadions errichtet haben und das laut Inschrift allen Fans von Dinamo gewidmet ist, «für die der Krieg am 13. V. 1990 im Stadion begonnen hat und mit der Hingabe ihres Lebens am Altar der Heimat Kroatien endete». Ein grosses Dinamo-Wappen ziert die Tafel, ein Zeichen des Protests. Denn als dieses Denkmal gebaut wurde, war im Stadion nicht mehr Dinamo, sondern Croatia Zagreb am Ball, und das alte Wappen war verboten. Das Denkmal wurde zum Ort der Erinnerung, der 13. Mai 1990 zu einem Datum der Identitätsschaffung. Es verbindet das Gedenken der gefallenen Freunde, der geopferten Bad Blue Boys, eng mit dem Widerstand gegen die Tudjman-Regierung und der Abgrenzung gegen den serbischen Nachbarn.

Noch immer wird das Denkmal beim Maksimir-Stadion regelmässig besucht. Es finden sich stets frische Blumen und brennende Kerzen davor. In einem seine Geschichte allmählich aufarbeitenden und nach Europa strebenden Kroatien bewahren sich die Bad Blue Boys ihre eigene Sicht auf die Vergangenheit. Auf der Tribüne inszenieren und feiern sie ihre Mythen und Helden in Liedern und mit Transparenten.

Seit ihrer Gründung war es immer Ziel der Bad Blue Boys gewesen, sich in eine eigene Richtung zu entwickeln und «gegen den Strom zu schwimmen», das heisst: gegen die Politik, gegen die Gesellschaft und vor allem gegen die Polizei. Die Verteidigung der eigenen Weltanschauung wurde und wird gesellschaftlicher Akzeptanz stets vorgezogen.