Nr. 43/2010 vom 28.10.2010

Hooligans für die Mafia

Serbische Hooligans erzwangen vor zwei Wochen den Abbruch des EM-Qualifikationsspiels Serbiens in Italien. Die Hooligans sind vielfältig mit der Mafia verknüpft. Mafiöse Strukturen durchziehen die serbische Gesellschaft. Im Fussball äussern sie sich nur am deutlichsten.

Von Zarko Radulovic und Daniel Ryser

Am Ende war der Captain der serbischen Nationalmannschaft, Dejan Stankovic, sogar der Buhmann: Er, der bei Inter Mailand unter Vertrag steht und regelmässig Mannschaftskollegen in die Partystadt Belgrad eingeladen hatte, um das Image von Serbien zu verbessern, war auf die randalierenden Hooligans zugelaufen und hatte sie mit drei gespreizten Fingern der rechten Hand gegrüsst, das ist unter anderem der Gruss der serbischen Ultranationalisten. Damit habe er die Schläger weiter angestachelt, schimpften italienische Medien. Er habe bloss versucht, die Hooligans zu beruhigen, sagte Stankovic, nachdem er mit Tränen in den Augen das Feld verlassen hatte und seine Bemühungen als selbst ernannter Botschafter eines offenen, modernen Serbiens gescheitert waren.

Eine halbe Stunde zuvor waren die Fernsehkameras das erste Mal auf einen muskelbepackten und vermummten Mann geschwenkt. Da sass er rittlings auf dem Zaun des Stadio Comunale Luigi Ferraris in Genua, zündete Leuchtraketen an und schnitt in aller Ruhe das Sicherheitsnetz mit einer Blechschere durch. Diese «Bestie», wie er von italienischen Medien sogleich getauft wurde, legte sich wie im Rausch mit dem gesamten Stadion an. Das EM-Qualifikationsspiel Italien gegen Serbien am 12. Oktober musste in der sechsten Minute wegen sechzig serbischen Hooligans abgebrochen werden. Und damit hatten diese ihr Ziel erreicht.

Doch die Hooligans sind nicht das grösste Problem des serbischen Fussballs. Es ist die Mafia. Diese zahlte vermutlich 200 000 Euro, um die Situation in Genua eskalieren zu lassen. Neben dem für ihre Zwecke geschürten Nationalismus und dem Hass auf Albaner gab es dabei offenbar auch ganz handfeste geschäftliche Gründe: Ein Belgrader Mafiaboss scheint bei einem Deal um den serbischen Nationaltorwart zu kurz gekommen zu sein. Die Verbindung zwischen Hooligans und Mafia ist in Serbien nicht neu. Aus der in Genua wütenden Hooligangruppe Delije (Helden) war Anfang der neunziger Jahre einer der grössten serbischen Kriegsverbrecher und spätere Boss der Belgrader Unterwelt hervorgegangen: Zeljko Raznatovic, genannt «Arkan».

Ivan der Schreckliche

Bereits am Nachmittag des 12. Oktober in Genua hatte es Ausschreitungen gegeben. Gegen 19 Uhr griffen Extremisten der Delije, die Roter Stern Belgrad unterstützen, den Bus des serbischen Teams an. Sie wollten Torhüter Vladimir Stojkovic, der im Sommer von Sporting Lissabon zu Partizan Belgrad, dem Stadtrivalen von Roter Stern, gewechselt hatte, lynchen. In den Augen der Delije ist Stojkovic, der bei Roter Stern gross geworden ist, ein Verräter. Nur durch das Eingreifen von Captain Stankovic und dem Zwei-Meter-Riesen Nikola Zigic konnte Schlimmeres verhindert werden. Torhüter Stojkovic gelang die Flucht aus dem Mannschaftsbus. In der Aufstellung fürs Spiel rangierte er nach dem Vorfall nicht mehr.

Im Stadion ging die Randale weiter. Wie die Fans Scheren, Messer und anderes Werkzeug sowie eine Unmenge an pyrotechnischen Materialien in die Arena bringen konnten, können wohl nur die italienischen Ordner erklären. Dabei hatte der Fussballverband Serbiens die Italiener vor möglichen Exzessen einiger Dutzend serbischer Fans gewarnt. Diese Warnungen wurden in Genua nicht beachtet.

Und oben auf dem Zaun also, unübersehbar, Rädelsführer Ivan Bogdanov, «Ivan der Schreckliche», wie ihn italienische Medien nannten, sobald sein Name bekannt geworden war. Die Polizei identifizierte ihn später aufgrund seiner auffälligen Armtätowierungen – darunter die Jahreszahl 1389, die an die Schlacht auf dem Amselfeld erinnern soll, als eine serbisch-bosnische Armee gegen ein Osmanenheer kämpfte. Diese Schlacht wurde zu einem Gründungsmythos der serbischen Nationalgeschichte verklärt. Bogdanov ist ein arbeitsloser Tischler, der sein Geld zuletzt als Türsteher verdient hat. Er wurde in der Vergangenheit schon mehrfach angezeigt: So soll er einen Polizisten angegriffen, einen minderjährigen Partizan-Fan niedergeschlagen und slowenische Maribor-Fans durch Belgrad gejagt haben. Bogdanov ist Mitglied der Ultras Boys, einer einflussreichen Fan-Untergruppe der Delije. Zudem ist er Mitglied der radikalen nationalistischen Bewegung 1389, die Serbien «von Nichtserben säubern» will.

Der dreissigjährige Bogdanov wurde in Genua schliesslich im Kofferraum eines Busses gefunden, wo er sich vor der Polizei versteckt hatte. Nun muss er sich vor einem italienischen Gericht verantworten. Ihm drohen bis zu vier Jahre Haft. Vorerst heuchelt er Reue: «Es tut mir leid. Ich liebe Italien.» Es habe sich lediglich um einen Protest gegen den serbischen Fussballverband gehandelt. Den Angriff auf Torwart Stojkovic bestreitet er nicht. Dieser habe durch seinen Wechsel zum verhassten Stadtrivalen seinen einstigen Klub Roter Stern Belgrad verraten. Auch der Alkohol soll schuld gewesen sein, sagte der Hooligan dem Richter: «Ich habe viel Bier getrunken, und im Stadion habe ich einfach die Kontrolle verloren. Ich wollte das alles wirklich nicht. Ich bin nicht – wie mir unterstellt wird – ein Nazi. Ich soll den Hitler-Gruss gezeigt haben? Daran kann ich mich wirklich nicht erinnern. Ich bin Nationalist. Ich liebe mein Vaterland, ich liebe Roter Stern und Gott.»

Bogdanov ist froh, dass ihm in Italien der Prozess gemacht wird, weil er in Belgrad nicht mit einem fairen Verfahren rechnen könne, wie er behauptet. «Sicher ist auch, dass es hier im Gefängnis viel angenehmer ist.» Der serbische Nationalist, der im Stadion auch eine Albanien-Flagge verbrannt hatte, wurde in Genua in den Frauentrakt des Gefängnisses überstellt, da im Männerteil viele Albaner inhaftiert sind.

Der Krieg auf den Tribünen

Das Verbrennen der Flagge Albaniens, die auch als inoffizielle Flagge des Kosovo dient, war an diesem Abend kein Nebenaspekt. Die Ereignisse in Genua waren auch eine politische Demonstration gegen die Unabhängigkeit des Kosovo. In den darauf folgenden Tagen verbrannten Albaner in Tirana, Skopje und Brüssel als Reaktion serbische Fahnen. Bogdanov seinerseits soll im Februar 2008 beim Sturm auf die US-Botschaft in Belgrad an vorderster Front mit dabei gewesen sein, als Hunderttausende von SerbInnen gegen die zuvor in Pristina ausgerufene Unabhängigkeit des Kosovo demonstrierten.

Drei Tage vor den Ereignissen in Genua griffen extremistische Ultras auch die Gay-Parade in Belgrad von Schwulen und Lesben an. Im Vorfeld hatten nationalistische Politiker und serbisch-orthodoxe Kirchenführer gegen die Parade Stimmung gemacht und deren Verbot gefordert. Bei schweren Ausschreitungen wurden zahlreiche Menschen verletzt. Hunderte Hooligans, vor allem Ultras der Delije und der Grobari, der «Totengräber» von Partizan, lieferten sich stundenlange Strassenschlachten mit der Polizei und verwüsteten unter anderem das Parteibüro der Demokratischen Partei von Staatspräsident Boris Tadic, die den Schwulenmarsch befürwortet hatte.

Seit gut zwei Jahrzehnten dienen auf dem Balkan aber vor allem Fussballstadien als Bühne für politische Demonstrationen. Ende der achtziger Jahre lieferten sich serbische Hooligans blutige Auseinandersetzungen mit kroatischen Fans und kämpften im jugoslawischen Bürgerkrieg (1991–1995) schliesslich an vorderster Front. Ausser Kontrolle geriet die Lage 1990 bei einem Spiel von Dynamo Zagreb gegen Roter Stern Belgrad, das wegen der Ausschreitungen zwischen kroatischen Bad Blue Boys und serbischen Delije erst gar nicht angepfiffen werden konnte. Wenig später zogen die serbischen und kroatischen Hooligans mit der Flagge ihrer Gruppe oder ihres Vereins an die Front. Vor allem die Bad Blue Boys sehen bis heute in den Vorfällen vom 13. Mai 1990 nicht nur einen Vorboten des Krieges, sondern den eigentlichen Kriegsauftakt (siehe WOZ Nr. 20/10). Anführer der Delije von Roter Stern Belgrad war zu jener Zeit der spätere Freischärler und berüchtigte Mafiaboss Arkan Zeljko Raznatovic. Unter ihm schlossen sich viele Delije-Mitglieder mit Kriegsbeginn den Arkan-Tigern an, die im jugoslawischen Bürgerkrieg wüteten. Arkan, der gelernte Zuckerbäcker, wurde im Januar 2000 in einem Belgrader Hotel erschossen. Seine Mörder wurden zwar zu insgesamt 120 Jahren Haft verurteilt, die Hintergründe der Tat sind aber bis heute nicht vollkommen aufgeklärt.

Trotz des heute zum Teil sehr rauen Klimas in den Arenen ist die Situation nicht mit der damaligen zu vergleichen, die in den Krieg mündete. Allerdings werden heutzutage bei praktisch allen Spielen nationalistische Gesänge angestimmt. Die Mehrheit der SerbInnen und alle Ultras wollen die Unabhängigkeit des Kosovo weiterhin nicht akzeptieren. Seit dessen Verlust haben nationalistische Kreise in Serbien wieder an Zulauf und Stärke gewonnen.

Chaos im Verband

Am 12. Oktober 2010 eskalierte die Situation in Genua nach dem Spielabbruch vollends. Die serbischen Hooligans lieferten sich mit der Polizei einen regelrechten Strassenkampf. Offiziell wurden sechzehn Verletzte gezählt, darunter zwei Polizisten. Tatsächlich waren es wohl weit mehr. Ein Busfahrer berichtete: «Es war fürchterlich. Überall war Rauch. Die Anhänger schafften es in den Bus, aber dann umzingelten uns die Carabinieri und schlugen mit den Schlagstöcken auf den Bus ein. Die Scheiben gingen zu Bruch. Wir mussten alle raus. Die Polizisten begannen auch auf mich einzuschlagen – bis zum Glück einer merkte, dass ich nur der Fahrer bin.» Im Bus selbst blieben «einige Jungs mit zerschlagenen Köpfen». Bei der Rückreise wurden an der serbischen Grenze bisher nicht gekannte Massnahmen getroffen: Alle Fans wurden durchsucht, Hunderte festgehalten, Dutzende festgenommen.

Klar ist inzwischen, dass etwa sechzig Hooligans tatsächlich mit nur einem Ziel nach Genua gereist waren: den Spielabbruch zu erzwingen. Als der serbische staatliche Rundfunk RTS am Nachmittag noch über die Übertragungsrechte verhandelte, postete ein anonymer User in diversen Internetforen: «Leute, was ist los mit euch, es wird doch gar nicht zum Spiel kommen.»

Ziel sei es gewesen, so erklärte Ivan Bogdanov der italienischen Polizei, dem serbischen Fussballverband zu schaden und dessen Präsidenten Tomislav Karadzic zu stürzen. Seit der Nationaltrainer Radomir Antic im September entlassen wurde, herrscht im Verband tatsächlich Chaos. Antic war es gewesen, der den serbischen Fussball auf die Erfolgsbahn geführt und die Fans im sportverrückten Serbien zusammengeschweisst hatte: Plötzlich waren bei Spielen des Nationalteams Klubfarben nicht mehr wichtig. Dann aber enttäuschte Serbien bei der WM 2010, und damit war Antics Schicksal besiegelt.

200 000 Euro von der Belgrader Mafia?

Der serbische Verband aber steckte schon zuvor in der Krise. Der Vorgänger von Karadzic als Verbandspräsident, Zvezdan Terzic, befindet sich seit über zwei Jahren auf der Flucht. Ihm wird vorgeworfen, am Verkauf von vier Spielern des Vereins OFK Belgrad, darunter des jetzigen Chelsea-Verteidigers Branislav Ivanovic, illegal über vier Millionen Euro verdient zu haben.

In Serbien geht man davon aus, dass es genau solche Mafiaumtriebe waren, die neben den üblichen Hooligan-Motiven zu den schweren Krawallen von Genua führten: Dass nämlich Bogdanov und sechzig Kollegen dafür bezahlt wurden, Stunk zu machen. Und zwar von einem Mafiaboss, der sich übers Ohr gehauen fühlt. Gemunkelt wird von 200 000 Euro in bar, bezahlt von Dejan Stojanovic, genannt «Keka». Der 36-Jährige gilt als Boss eines berüchtigten kriminellen Clans in Belgrad, bekannt als Neu-Belgrader Clan. Als Voraussetzung für die Aufnahme in diesen Clan gibt es eine Bedingung: Man muss einen Mord begehen. Keka soll nicht nur mit Drogenhandel, sondern auch mit dem Verkauf von Fussballern Millionen verdient haben. Gerade wegen der Fussballgeschäfte soll Keka, der inzwischen von Südamerika aus einen Kokainhändlerring steuert, auf Belgrads Strassen blutige Konflikte mit anderen Clans angezettelt haben. So war es kein Zufall, dass der erste Angriff der Roter-Stern-Hooligans Torwart Vladimir Stojkovic galt. Keka ist offenbar verärgert, dass er beim Transfer von Stojkovic von Sporting Lissabon zu Partizan Belgrad leer ausging. Er hatte mit dem Torwart einen «Privatvertrag» abgeschlossen. Jedenfalls gelang es am Spieltag zwei Hooligans, mit Messern bewaffnet in den Bus der Nationalmannschaft einzudringen. Nachdem sie zurückgedrängt worden waren, marschierten sie unbehelligt ins Stadion. Nach seiner Verhaftung bestritt Anführer Ivan Bogdanov Mafiakontakte. «Ich habe kein Geld genommen. Vor allem nicht von irgendwelchen Mafiosi. Ich bin nur ein Anhänger von Roter Stern. Ich bin keine Marionette.» Doch die serbischen Behörden stufen die Bedrohung für Torhüter Stojkovic so hoch ein, dass sie ihn derzeit von einer Antiterror-Sondereinheit bewachen lassen.

Eine Milliarde Drogengeld – pro Jahr

Dies zeigt denn auch die wahre Dimension der Krawalle von Genua: Schon früh hatten Mafiosi in Serbien erkannt, dass mit talentierten Fussballern ordentlich Geld zu machen ist. So schlossen einige «Privatverträge» mit Spielern ab, die bei Auslandtransfers einen Teil des Geldes an diese «Manager» abliefern mussten. Den Prototyp des serbischen Fussballmafioso stellt Arkan Zeljko Raznatovic dar. Der jugoslawische Bürgerkrieg war ein Nährboden für die Kriminalität und die Mafia, die sich stark in der Gesellschaft verankerte. Nach dem Krieg wurde Arkan, der als Mafiaboss einen grossen Teil der Belgrader Unterwelt kontrollierte, auch Präsident des Fussballklubs FK Obilic, den er – höchstwahrscheinlich auch mittels Bestechung – zu heimischen Titeln und in europäische Wettbewerbe führte. Nach dem Tod Arkans im Jahr 2000 nahmen die Behörden im Zusammenhang mit dem FK Obilic Ermittlungen auf. Sie richteten sich gegen die Arkan-Witwe Svetlana Raznatovic. Als «Ceca» ist sie die erfolgreichste Folk-Pop-Sängerin auf dem Balkan und ist auch schon in der Schweiz aufgetreten. Sie soll an den illegalen Fussballgeschäften ihres Mannes beteiligt gewesen sein.

Diese aus dem Krieg gewachsenen Mafiastrukturen hielten sich bis 2003. Damals wagte es die Mafia gar, den serbischen Premier Zoran Dindic ermorden zu lassen. Die Haupttäter kamen aus dem Dunstkreis ehemaliger Milosevic-Getreuer und dem Mafiaclan Zemun. Einer der beiden Haupttäter war im Krieg Mitglied von Arkans Miliz. Später war er unter Slobodan Milosevic Chef einer Polizeisondereinheit. Nach der Ermordung des Premiers wurde in Serbien der Ausnahmezustand verhängt und die Mafia in der Folge erheblich geschwächt.

Als eine führende Figur, die heute in Serbien mit Spielmanipulationen und Spielerverkäufen bis hin zur Kontrolle von Fanklubs in Zusammenhang gebracht wird, gilt Darko Saric. Der Vierzigjährige verdient nach Schätzungen des serbischen Innenministeriums jährlich eine Milliarde Euro. Das Geld stammt offenbar vor allem aus dem Kokainhandel. So wird ihm vorgeworfen, den Ende 2009 aufgeflogenen Schmuggel von 2,4 Tonnen Kokain von Südamerika nach Europa organisiert zu haben; zudem soll er Geld für die Ermordung führender serbischer Politiker ausgeschrieben haben. Saric wird von Serbien mit internationalem Haftbefehl gesucht. Als Geldwaschanlage dienten dem Mafiosi in der Vergangenheit Fussballklubs, Hotels, Nachtclubs, Restaurants sowie Geschäfte zur Privatisierung von Staatsbetrieben.

Den EU-Beitritt torpedieren

Der serbische Innenminister Ivica Dacic sagte nach den Ausschreitungen von Genua: «Der Fussball in Serbien hat ein grosses Problem. Es wimmelt darin nur so von Kriminellen.» Dabei griff er auf eigene Erfahrungen zurück, da er vor fünfzehn Jahren selbst Präsident des kleinen Fussballklubs Palilulac gewesen war: «Bei Liga-Sitzungen in Belgrad war ich von dubiosen Gestalten und Kriminellen nur so umzingelt. Die Hälfte dieser Burschen lebt heute nicht mehr.»

In Serbien bekleiden bekannte Hooligans, denen Kontakte mit der organisierten Kriminalität nachgewiesen werden, wichtige Positionen in den grössten Klubs, wie beispielsweise Marko Vuckovic, genannt «Mare» oder «Kommandant», bei Roter Stern Belgrad. Gegen den 32-Jährigen wurden seit 1995 acht Strafanzeigen erlassen. Verurteilt wurde er noch nie. Mare ist Anführer der Ultras Boys, also jener Gruppe, der auch der Genua-Rädelsführer Ivan Bogdanov angehört. In Genua war Vuckovic nicht dabei, da ein Ausreiseverbot über ihn verhängt ist. Mare hatte an den Demonstrationen am 5. Oktober 2000 an vorderster Front gestanden, als das Milosevic-Regime, das die Wahlen zwar verloren hatte, aber trotzdem an der Macht bleiben wollte, gestürzt wurde. Man vermutet, dass es dieser historische Bonus ist, der ihn nach wie vor an der Macht hält. Die Nachwehen von Genua erreichten ihn nun aber: Am letzten Freitag trat der berüchtigte Hooligan – wohl auf Druck – von seinem Vereinsposten bei Roter Stern Belgrad zurück.

Zum Phänomen des Hooliganismus trägt allerdings auch die wirtschaftliche und soziale Lage bei. In einem Land, in dem ein Haushalt im Durchschnitt mit 400 Euro auskommen muss und in dem das Heizen im Winter für viele ein Luxus ist, finden arbeitslose Männer in der, oft gewalttätigen, Identifikation mit einem Fussballklub ein Ventil für ihre Frustrationen und ihre Hoffnungslosigkeit.

Serbiens Präsident Boris Tadic entschuldigte sich nach den Ausschreitungen von Genua persönlich beim italienischen Amtskollegen Silvio Berlusconi. Eilig wurde der Nationale Sicherheitsrat einberufen. Tadic liess verlauten: «Der Staat wird es nicht erlauben, dass Serbien zur Beute von Kriminellen und Gewalttätern wird.» Vizepremier Bozidar Djelic sah bei den Krawallen gar Kräfte am Werk, die den EU-Beitritt Serbiens zu verhindern suchten. Dennoch werde sich Serbien auf dem Weg in die EU nicht beirren lassen und «mit der überwältigenden Unterstützung der Bürger Serbiens es den Hooligans nicht erlauben, dass sie Schande über uns bringen, dass sie ein Bild von Serbien zeigen, das der Realität und den Wünschen der Menschen nicht entspricht». Als Sofortmassnahme kündigte der Vizepremier ein Verbot aller extremistischen Gruppen an.

Strafen, Strafen, Strafen

Die serbische Politik setzt im Kampf gegen Hooligans auf Abschreckung durch drakonische Strafen. Der 25-jährige Bojan Hrvatin wurde kürzlich wegen der Ermordung eines gegnerischen Fans zu dreissig Jahren Haft verurteilt. Uros Misic, ein Mitglied der Delije, wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er bei schweren Ausschreitungen einen Polizisten angegriffen und versucht hatte, ihm eine Leuchtrakete in den Mund zu stecken. Auf jene Partizan-Fans, die im September 2009 am helllichten Tag im Belgrader Zentrum den 28-jährigen Franzosen Brice Taton zu Tode prügelten, warten rigorose Strafen. Der junge Franzose war auf Vorschlag seiner Eltern, die von der Gastfreundschaft der SerbInnen so begeistert waren, nach Belgrad gefahren.

Die Spieler des serbischen Nationalteams vereinbarten nach dem Abbruch des Spiels vom 12. Oktober noch in der Kabine, dass sie zu den Vorfällen nicht Stellung nehmen würden. Die Angst scheint ihr Verhalten zu bestimmen. Verteidiger Aleksandar Lukovic sagte danach mehr, als er wahrscheinlich wollte: «Das ist eine sehr, sehr delikate Situation. Wir wollen nicht, dass jemand wegen unserer negativen Bemerkungen in Serbien ein Problem bekommt. Unsere Familien leben dort.» Am 29. Oktober entscheidet die Uefa über Strafmassnahmen gegen den serbischen Verband. Eines scheint dabei klar: Serbien wird das Spiel, das beim Stand von 0:0 abgebrochen wurde, wohl 0:3 forfait verlieren.

Die mafiösen Strukturen in der serbischen Gesellschaft werden dadurch nicht tangiert, im Gegenteil. Die Wut enttäuschter Fans findet neuen Nährboden, eine Wut, die sich gegen die Aussenwelt richtet und kriminell ausgebeutet werden kann.

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