Nr. 21/2010 vom 27.05.2010

Aus der dritthintersten Reihe

Sibylle Aeberli, Sängerin der Kinderrockband Schtärneföifi, bereut nichts.

Von Sibylle Aeberli

Ich war das Liseli vom Land. Das wusste ich nicht. Das merkte ich erst, als ich nach Zürich kam. Anfang der achtziger Jahre wohnte ich in Mönchaltorf und besuchte die Kantonsschule Zürcher Oberland. Da war ich mit meinen Pluderhosen und den knielangen Pullovern schon revolutionär; rauchen machte mich bereits zur Drogensüchtigen. Ich war eine von zwei Wählerinnen der Revolutionären Marxistischen Liga in meinem Dorf – der andere war mein Freund Remo L. Am Wochenende besuchte ich das legendäre Jugendhaus Esslingen, da wurde sogar gekifft. Ich tanzte zu Jazz-Rock und Funk. Bis der Punk kam.

Was wäre sonst aus mir geworden?

Für mich war das der Wendepunkt, obwohl ich nie eine Punk war. Meine Annäherung äusserlich ging nur so weit, dass ich mir meine taillenlangen Haare abschnitt, für mich ein Riesenschritt. Aber die Musik! Verweigerung! Provokation! Revolution! Ich war elektrisiert und wollte mehr. Die Kunde von den Jugendunruhen drang auch bis zu mir vor. Relativ nervös ging ich dann zu meiner ersten Demo, floh vor dem Tränengas, verteilte Flugblätter, die andere gedruckt hatten, besuchte Vollversammlungen, ohne mich jemals zu Wort zu melden. Aber ich war immer voll dabei in der drittletzten Reihe. Natürlich war ich im AJZ, brach den Asphalt auf und lag auf dem Dach.

Dass ich von nichts eine Ahnung hatte, merkte ich erst, als ich 1987 nach Zürich zog. Langsam dämmerte es mir, was die Bewegung bedeutete, dass ich zwar dabei, aber nie drin gewesen war. Die Kellerbars, die Rote Fabrik, die ganze Subkultur, in der ich mich so selbstverständlich bewegte, das alles hatte ich anderen zu verdanken. Mein Anteil war verschwindend klein. Immerhin reichte es, mich selber von Grund auf zu verändern. Was ohne die Bewegung aus mir geworden wäre? Vermutlich eine Lehrerin.

So aber stürzte ich mich nach meiner Ausbildung ins Nachtleben und wusste: Was ich wirklich will, ist Musik machen. All die Bands! Jede und jeder schien irgendwo musikalisch tätig zu sein, Talent spielte keine Rolle, nur die Leidenschaft zählte. Und von der hatte ich mehr als genug. Ich entdeckte die elektrische Gitarre, schrummelte und schrammte mir meine Bach-Suite-in-d-Moll-Vergangenheit aus dem Leib und sang kämpferische Texte. Ich war Frau, stark, unabhängig, und das wollte ich auch bleiben. Es war für mich selbstverständlich, für Frauenrechte einzustehen, auf Frauendemos zu gehen, mich eine Feministin zu nennen. Daran glaubte ich und fühlte mich sexy.

Heute scheint es schick zu sein, sich vom Feminismus zu distanzieren. Das Wort stammt aus dem letzten Jahrtausend, und das macht alt. Obwohl alle wirklichen Ikonen der Popmusik wie etwa Madonna oder Lady Gaga auch Feministinnen sind, scheinen junge Frauen sich nicht auf dieser Ebene mit ihnen zu identifizieren. Für sie ist der Status «Celebrity, Fashion und Money» das, was es zu erreichen gilt. Für Männer natürlich auch. An dieser Stelle ein herzliches Willkommen unserem neuen Mister Schweiz!

Die Bewegung ist nicht tot

Unvergessen der Moment, als ein junger Mann kürzlich nach einem Konzert zu mir sagte: «Weisst du, was ich an euch Alten so bewundere? Ihr hattet noch Werte. Wir Jungen wollen einfach nur berühmt werden.» Alt? Ich? Tatsächlich. Wie konnte das passieren? Ich werde alt. Und das gefällt mir immer besser. Meinen Idealen versuche ich treu zu bleiben, was nicht immer einfach ist – jeder zweite Anlass, an dem ich auftrete, jedes Festival ist gesponsert. Die Bewegung ist nicht tot, it just smells funny. Nicht jeder junge Mann möchte reich, jede junge Frau ein Model werden oder wenigstens reich heiraten. Es gibt immer noch viele politisch engagierte junge Menschen, die soeben die Welt verändern. Reclaim the streets!

Übrigens: Natürlich bin ich immer noch Feministin, auch wenn ich hohe Schuhe trage und zwei, drei Herren vielleicht sagen würden, ich sei einfach nur ein Macker. Und den selbstbewussten, (bauch-)freien, unbekümmerten jungen Damen möchte ich manchmal zurufen: «He, wisst ihr eigentlich, wem ihr das alles zu verdanken habt? Hä? Mir!» Ein ganz klein wenig. Mir aus der dritthintersten Reihe.

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