Nr. 23/2010 vom 10.06.2010

«Me cha nöd klage»

Der junge grüne Zürcher Nationalrat Bastien Girod stellt in seinem neuen Buch das Glück ins Zentrum der Politik. Sein Nachbar, der Autor und Utopienentwickler P. M., untersucht Girods Vorschläge.

Von P. M.

Im Hinblick auf die nationalen Wahlen von 2011 sind alle Parteien daran, sich programmatisch zu positionieren. Die SP fordert in ihrem Programmentwurf Wirtschaftsdemokratie, die Alternative Linke sieht sechs Aktionsfelder vor, und Bastien Girod von den Grünen präsentiert sozusagen ein privates Parteiprogramm in seinem Buch «Green Change». Was auffällt: Alle Parteien, sogar die bürgerlichen, suchen sich in einem multidimensionalen Definitionsfeld von Freiheit und Verantwortungslosigkeit, Chancengleichheit und Vermögensbewahrung, Nachhaltigkeit und Quartalsgewinnen ein warmes Plätzchen, möglichst nahe an der Mitte natürlich. (Hier könnte man die alte buddhistische Weisheit einfügen, die da heisst: «Die Politiker versuchen die Mitte nur zu definieren, allein es kommt darauf an, sie zu verschieben.»)

Die sogenannten «Werte» sind eigentlich unbestritten – das Problem sind eher die Methoden. Damit eine Wahl überhaupt stattfinden kann, muss jede Partei ihren unverwechselbaren Akzent setzen, der ihrer Wählerschaft genehm ist: Kaufkraft (SP, Lehrerinnen), Profite (FDP, Wirtschaftsanwältinnen), Parkplätze (SVP, Garagisten), Umweltverträglichkeit (Grüne, Organisationsberater), Umzonungen (CVP, Bauunternehmer), Wohnungen (AL, Architektinnen). Bastien Girod schlägt nun «Glück» vor – das wird vor allem uns Pensionierten gefallen.

15 000 Franken sind genug

Die Wahlen vom nächsten Jahr werden einen Wendepunkt in der schweizerischen Geschichte markieren. Zum einen tritt eine Generation (nämlich meine) nun endgültig von der politischen Bühne ab (mit Ausnahme natürlich meines ehemaligen Kommilitonen Christoph Blocher). Zum anderen geht es darum, das serbelnde Gebilde, das die Linken Kapitalismus, die Rechten Marktwirtschaft nennen, einigermassen schmerzlos abzuwickeln. Auf jeden Fall werden sich hitzige Systemdebatten über den richtigen Zustand der Dinge (Staat oder Wirtschaft) entspannen, und man wird pragmatisch die Instrumente einsetzen, die uns genug zu essen, eine Wohnung und ein Velo garantieren werden. Ich bin zuversichtlich, dass die neue politische Generation das mit Leichtigkeit schaffen wird.

Bastien Girod verkörpert den kommenden Wandel sowohl mit seiner politischen Geschichte als auch mit seinem Vorschlag: Was auch immer wir tun, ist okay, wenn es nachhaltig ist und glücklich macht. Nachhaltigkeit ist heute allgemein anerkannt, und sie ist wissenschaftlich und technisch gut abgestützt (wenn es meiner Meinung nach auch etwas an sozialer Innovation fehlt). Auch die Forderung, dass eine Gesellschaftsordnung das grösste Glück für die grösste Zahl garantieren soll, ist nicht gerade neu – sie geht auf Jeremy Bentham (1748–1832) zurück.

Sowohl Liberale wie Sozialisten berufen sich auf diese Formel – was sie beide nicht daran gehindert hat, die Welt als Kapitalisten oder Stalinisten ins Unglück zu stürzen. Girod bezieht sich jedoch hauptsächlich auf die Glücksforschung um den Ökonomieprofessor Bruno Frey an der Universität Zürich. Das wohl wichtigste Resultat dieser Forschungen besteht darin, dass Einkommen über 15 000 pro Kopf und Jahr nicht mehr viel glücklicher machen. Dies ist ein globaler Durchschnitt, bei den Schweizer Preisen beginnt das Glück wohl eher bei 25 000 Franken. Andere Faktoren wie Freundschaft oder demokratische Mitbestimmung werden entscheidend. Englische Untersuchungen belegen zudem, dass Einkommensgleichheit ebenfalls glücklich macht.

Was uns bevorsteht, ist Décroissance oder Wirtschaftsschrumpfung. Inneres Glück wird wichtiger werden als äusserliches, das sagt auch Bastien Girod. Doch was Glück genau ist, wissen wir natürlich immer noch nicht. Für manche ist es nur eine Sekunde Glücksgefühl im Leben (sie haben dann Glück gehabt), für andere ein lang andauerndes, etwas gedämpfteres «Wohlbefinden». Für sie genügt die berühmte Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation: «Ein Zustand des umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht lediglich das Freisein von Krankheit und Schwäche». (Die Herren, die damals diesen Satz zustande brachten, werden anschliessend wohl in hysterisches Gelächter ausgebrochen sein.) Gesundheit ist neben sozialer Einbettung der wichtigste Glücksfaktor.

Glückliche Schule

Ich frage mich, warum die JapanerInnen und SchweizerInnen immer ganz oben auf der Glücksskala sind: Sind sie wirklich so glücklich, oder haben sie nur höflich geantwortet? (Ein Thurgauer zum Beispiel klagt nie, denn er sagt: «Me cha nöd klage.») Ganz Osteuropa scheint hingegen ein einziges Jammertal zu sein – vielleicht weil man in slawischen Sprachen so gut klagen kann? Egal: Jeder Versuch, Glück zu messen, ist mehr wert, als bloss Einkommen oder Profite messen zu wollen.

Girods politische Vorschläge (Green Economy, Allianzen mit Linken und Konservativen) bleiben noch etwas vage. Sein Vorschlag, mehr Glück in die Schulen zu bringen, ist begrüssenswert. Ich glaube allerdings, dass nicht das Fehlen eines Schulfachs «Glück» die SchülerInnen unglücklich macht, es ist viel eher der unsinnige Selektionsdruck. Eigentlich sollten alle Fächer glücklich machen: nicht nur Musik, Sport und Chemie, sondern auch sprachliche Fächer, ja sogar Mathematik. Englisch macht glücklich (Winnie the Pooh: «Think, think, think!»), Deutsch (Ernst Jandl: «Vom Vom zum Zum»), Biologie (das Aha-Erlebnis der Evolutionstheorie).

Wenn Bastien Girod seine Glückpolitik konsequent verfolgt, dann werde ich ihn wählen – aber nur, wenn er mir nicht das an der Geroldstrasse 31 stationierte Mobility-Cabriolet am schönsten Sommertag wegschnappt.

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