Nr. 25/2010 vom 24.06.2010

Neue Hoffnung aus Genf

Wo «Bio» draufsteht, ist nicht immer auch Fairness drin. Ein kolumbianischer Kleinbauer hat einen Biopalmölkonzern vor dem Uno-Menschenrechtsausschuss in Genf eingeklagt. Ein Teil der Produktion des Daabon-Konzerns darf sich mit dem Bio-Suisse-Label schmücken.

Von Florian Blumer

Don Misael Payares ist ein kleiner, hagerer Mann mit leiser, ruhiger Stimme. Der Kleinbauer aus Kolumbien hat im Alter von 63 Jahren zum ersten Mal seine Heimat verlassen. Er soll in der fernen Schweiz für das Recht von 123 Familien kämpfen, die vom Biopalmölkonzern Daabon von ihrem Land vertrieben worden sind. Fünf Minuten hat ihm der Uno-Menschenrechtsausschuss in Genf gewährt, um sein Anliegen vorzubringen. Auch mit deutschen Biofirmen, die Abnehmer von Daabon sind, führt Don Misael Gespräche. So soll der fast schon verloren geglaubte Fall der 123 KleinbäuerInnen wieder ins Rollen gebracht werden.

Das Recht des Stärkeren regiert

Don Misaels Geschichte beginnt mit seinem Grossvater. Der machte sich in den vierziger Jahren wie viele andere Kolumbianer auf die Suche nach einem guten Ort zum Siedeln. Grosse Teile des Landes waren damals noch unbewohnt. Im Sumpfgebiet des Magdalenaflusses in der Region Südbolivar wurde er fündig: Gemeinsam mit anderen Bauernfamilien richtete er sich auf einer Insel zwischen zwei Flussarmen ein – ein idealer Ort für den Ackerbau wie auch zum Fischen und Jagen. Für drei Pesos pro Hektare erwarben die BäuerInnen das Nutzungsrecht für den Boden vom Staat. An Landbesitz waren sie nicht interessiert; es wäre wohl auch zu teuer gewesen.

Bereits wenige Jahre später machten sich Viehzüchter auf ihrem Land breit, die KleinbäuerInnen mussten auf Felder in der Umgebung ausweichen. Die Staatsgewalt war weit weg, in der Region Magdalena Medio herrschte das Recht des Stärkeren. Zwar konnten die BäuerInnen zwischenzeitlich wieder zurück auf ihr Land, nachdem die Viehzüchter weitergezogen waren. Aber mit den zunehmenden Landkäufen von Privaten in den sechziger Jahren wurde es für sie immer enger.

In den achtziger Jahren kaufte der Drogenhändler Jesús Emilio Escobar – ein Verwandter des legendären Drogenbarons Pablo Escobar – die Hacienda Las Pavas, ein Grundstück, das sich teilweise auf dem ursprünglich von den Bauernfamilien bewohnten und bewirtschafteten Land befand. Durch Kauf und durch illegale Aneignung von Staatsland vergrösserte Escobar seine Hacienda in der Folge stetig – bis Don Misaels Familie und den anderen, die Staatsland per Nutzungsrecht bebauten, nichts mehr blieb. Sie mussten erneut weichen.

1995 verliessen Escobar und seine Familie die Hacienda, die BäuerInnen kehrten zurück – um wenige Jahre später nochmals vertrieben zu werden, diesmal von Paramilitärs. Nach deren Demobilisierung kehrten die Kleinbauernfamilien erneut zurück. Vor vier Jahren strengten sie dann ein sogenanntes Titulierungsverfahren an: Das kolumbianische Gesetz sieht vor, dass BäuerInnen, die verlassenes Land bebauen, nach fünf Jahren Antrag stellen können, offizielle BesitzerInnen zu werden.

Escobar jedoch hatte andere Pläne: Im Jahr 2007 verkaufte er das Land an das kolumbianische Biopalmölunternehmen Daabon und vertrieb die KleinbäuerInnen mit Waffengewalt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ihr Titulierungsverfahren noch gar nicht begonnen, weil verschiedene Behörden in Machtkämpfe verstrickt waren. Es ist erst 2008 eröffnet worden.

Angezündete Felder

Daabon stellt sich auf den Standpunkt, zum Zeitpunkt des Kaufs nichts vom Landkonflikt gewusst zu haben, und weist jede Schuld von sich. Dies, obwohl sich ein anderer potenzieller Käufer zuvor wegen des Konflikts zurückgezogen hatte. Der Konzern, der für einen Teil seiner Produktion das Bio-Suisse-Label trägt und Mitglied des Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) ist, liess seine Ansprüche vielmehr rigoros durchsetzen: Im Juli 2009 fuhr ein Abrisskommando in Las Pavas auf. Bewaffnete Spezialeinheiten der kolumbianischen Polizei kreisten die Bauernfamilien ein, zündeten ihre Felder an und rissen ihre Hütten nieder.

Seither leben die Familien im Nachbardorf und sind auf staatliche und internationale Hilfe angewiesen – in der Region Magdaleno Medio gibt es kaum noch Land, das sie bewirtschaften könnten.

Mehr als Lippenbekenntnisse?

In einer Verfügung vom Februar 2010 erklärte die kolumbianische Agrarreformbehörde Incoder das Titulierungsverfahren der KleinbäuerInnen für ungültig: Es fehle die Unterschrift eines Beamten als Bestätigung, dass das Land tatsächlich bewirtschaftet wurde. Doch noch ist nicht alles verloren, auch wenn Daabon bereits begonnen hat, das Land für seine Palmölplantagen zu präparieren. Der Entscheid kann angefochten werden, und das unerwartete Interesse im fernen Europa hat Don Misael neue Hoffnung gegeben.

Vertreter der deutschen Biofirma Rapunzel haben ihm aufmerksam zugehört, hat doch Rapunzel zuvor eine eigene Rohstoffexpertin nach Kolumbien geschickt, um die Produktionsbedingungen bei Daabon zu überprüfen. Auf den Plantagen, von denen das Rapunzel-Biopalmöl stamme – Südbolivar gehört nicht dazu –, herrschten «vorbildliche» Arbeits- und Umweltschutzbedingungen, hat sie gemeint. Wie Don Misael betont, war die Rapunzel-Expertin allerdings nicht in Südbolivar auf der Hacienda Las Pavas. Die deutsche Biofirma will ihren Zulieferbetrieb nicht offen kritisieren, betont aber, dass sie «zukünftig ein neues Projekt aufbauen» werde, sollte sich Daabon nicht aktiv um eine Lösung bemühen und nicht «respektvoll mit den Bauern in Südbolivar umgehen».

Bereits für Ende Mai hat die Firma Body Shop, die ebenfalls Palmöl von Daabon bezieht, einen Bericht zur Situation in Las Pavas angekündigt, zusammen mit der Hilfsorganisation Christian Aid. Auf Anfrage heisst es jetzt, der Bericht werde «in den nächsten Wochen» publiziert.

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