Indigener Widerstand : «Für Landrechte zu kämpfen, lohnt sich immer noch»

Nr.  19 –

Einst kämpfte Mutang Urud zusammen mit dem Schweizer Bruno Manser gegen die Abholzung der Regenwälder in Malaysias Teilstaat Sarawak. Er wurde verfolgt und ging nach Kanada ins Exil – wo er Widerstandsstrategien fand, die auch in Sarawak weiterhelfen.

  • Friedlich, aber entschlossen gegen Bulldozer und Kettensägen: In den achtziger Jahren hielten Penan, Kelabit und andere Indigene immer wieder Tausende von Holzfällern von der Arbeit ab. Foto: Alberto Venzago
  • Grüne Wüste: Palmölplantage, Ostsarawak. Foto: Simona Morello
  • Mutang Urud und der Schweizer Aktivist Bruno Manser Anfang der neunziger Jahre. Foto: Hermann Edelmann
  • «Sie haben den Wald schon zerstört. Warum sollen sie mich jetzt noch belästigen?»: Mutang Urud im Büro des Bruno-ManserFonds, Basel. Foto: Florian Bachmann
  • Eines der letzten verbliebenen Primärwaldgebiete in Sarawak: Der Gunung-Mulu-Nationalpark. Foto: Chris Howes, Alamy
  • Verschwinden des Primärwaldes im malaysischen Bundesstaat Sarawak (grosse Ansicht der Karte). Karte: WOZ; Quelle: Jane E. Bryan / Bruno-Manser-Fonds

Wenn Mutang Urud durch Kanada fährt und irgendwo weit draussen einkaufen oder tanken geht, hört er die Frage oft: «Do you have a status card?» Das heisst: Bist du ein Indianer?

Kein Wunder, diese Frage, bei seiner braunen Haut, den schmalen Augen, dem schwarzen Haar. Doch Mutang Urud ist auf der anderen Seite der Welt aufgewachsen: in Sarawak, einem Teilstaat von Malaysia auf der Insel Borneo. Unter den Indigenen Kanadas hat er «Onkel» und «Tanten» gefunden. Denn sie kämpfen auf beiden Seiten des Planeten für das Gleiche: ihr Land.

Mutang – sein zweiter Name ist, wie in Sarawak üblich, der Vorname seines Vaters – wird vor etwa 55 Jahren in einem Dorf mitten im Regenwald geboren. In einem der ältesten und vielfältigsten Wälder der Welt: Hier lebt der Nashornvogel mit seinem seltsamen Doppelschnabel, hier jagen Nebelparder und Malaienbär, hier wachsen 15 000 verschiedene Blütenpflanzen, vielleicht auch noch viel mehr.

Seinen Geburtstag kennt Mutang nicht, in seinem Dorf achtet man nicht auf Daten. Seine Leute, die Kelabit, leben in Langhäusern und bauen Reis, Mais, Süsskartoffeln, Taro und Gemüse an. Die Kinder müssen manchmal mitarbeiten, aber lieber streifen sie in kleinen Gruppen durch den Wald, klettern auf Bäume, suchen Früchte und Honig oder fischen. Sie wissen, welche Baumrinde die Fische betäubt, sodass sie sich leicht fangen lassen, und auch sonst wissen sie sich zu helfen: Wenn die Erwachsenen unterwegs sind – manchmal für mehrere Wochen –, finden sie ihr Essen alleine.

In der Nacht bleiben sie allerdings im Langhaus: Dann gehört der Wald den Geistern, dann werden Menschen entführt, sagt man, und die seltsamen Geräusche da draussen kann niemand deuten. Die Welt besteht aus Bergen, Wald und Fluss, man sieht nicht weit; manchmal klettert Mutang hoch oben auf einem Berggipfel auf einen Baum und versucht, in die Ferne zu schauen: Wer lebt dort wohl? Stimmt es, dass manche Menschen Schwänze haben?

Freie Bahn für den Kahlschlag

Mutang geht regelmässig in die Kirche – sein Dorf ist von evangelikalen ChristInnen missioniert worden – und lernt leicht. Als einer von wenigen Kelabit besucht er ein College in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur. Von zu Hause hört er nichts Gutes: Holzfirmen ziehen immer weiter in die Berge hinauf. Sie fällen den Wald, ohne seine BewohnerInnen zu fragen. Diese versuchen, sich zu wehren, doch bei den regionalen Behörden will niemand zuständig sein, und die Reise in Sarawaks Hauptstadt Kuching ist weit und teuer. Um 1980 herum beginnen die Kelabit und ihre NachbarInnen deshalb, die Holzfällerstrassen zu blockieren. Als Mutang 1984 seinen Collegeabschluss in Businessmanagement in der Tasche hat – er ist etwa 22 –, gründet er mit seinem Bruder eine Landschaftsgärtnereifirma in Bintulu an Sarawaks Küste. Doch bald schliesst er sich den Protesten an und wird einer der wichtigsten OrganisatorInnen. Er hat mehr gesehen als die anderen, kennt das politische System einigermassen. Er gründet die Sarawak Indigenous Peoples’ Alliance. Der Kampf gegen den Kahlschlag eint die kleinen Waldvölker, die bisher nicht nur gut aufeinander zu sprechen waren. Die Holzfäller kommen von der Küste, aus Indonesien, von den Philippinen. Erst später, als die Firmen Einheimische anstellen, wird der Holzschlag die Dörfer spalten.

Begünstigt von seinem Onkel, wird 1981 der ehrgeizige Jurist Taib Mahmud Chief Minister von Sarawak. Sein Amtsantritt beschleunigt die Abholzung: Er verteilt grosszügig Holzkonzessionen – Abholzungsrechte – an Familienmitglieder und UnterstützerInnen. Wer sich gut mit ihm stellt, kann in kurzer Zeit Millionen verdienen. 1987 ernennt Taib kurzerhand den Inhaber einer Holzfirma zum Umweltminister.

Taibs Bruder kauft Immobilien in Kanada und gründet in Hongkong eine Firma, an die künftig alle Holzexporteure Schmiergeld bezahlen müssen. Mithilfe seiner Familie wird Taib in den nächsten Jahren ein Geschäftsimperium aufbauen, das um die Welt reicht. Schliesslich gehört ihm sogar das Hochhaus in Seattle, in dem das FBI-Hauptquartier für den Nordwesten der USA eingemietet ist.

Der seltsame Weisse

Mitte der achtziger Jahre hört Mutang zum ersten Mal von einem seltsamen Weissen. Er mache interessante Sachen, könne klettern und lebe im Wald, als wäre er im Militär, sagen Mutangs Verwandte. Der junge Schweizer Bruno Manser hat sich den Penan angeschlossen, den NachbarInnen der Kelabit. Einige von ihnen leben noch nomadisch – sie jagen, sammeln und kochen das stärkereiche Mark der Sagopalmen. Manser ist nicht als Aktivist nach Sarawak gekommen, eher als Romantiker: um «ein Volk kennen zu lernen, das autark und ohne Geld in seiner frei gewachsenen Kultur lebt», wie er schreibt.

Doch kaum hat er die Penan gefunden, sind auch die Bulldozer und Kettensägen da. Bald übernimmt er für seine Wahlverwandten eine ähnliche Funktion wie Mutang Urud für die Kelabit. Um eine grosse Blockade zu organisieren, treffen sich die beiden zum ersten Mal. Mutang lässt sich von einem Bekannten zu einem Geheimtreffen führen – zweieinhalb Tage Fussmarsch. Und ist überrascht: Der Weisse sieht aus wie ein Penan. Er ist eher klein, trägt einen Lendenschurz aus altem Stoff, einen Haarschnitt wie sie. Besonders weiss ist er auch nicht.

1987 blockieren fast 5000 Penan, Kelabit und andere monatelang die Strassen. 1600 Holzfäller können nicht arbeiten. Im Herbst, als die Leute müde werden, verhaftet die Polizei auf einen Schlag um die hundert Menschen. Trotzdem gehen die Blockaden weiter. Obwohl sich Bruno Manser im Hintergrund hält, ist er in Sarawak nicht mehr willkommen: Der malaysische Staat verspricht 17 000 Franken Kopfprämie für seine Verhaftung. Mehrmals entkommt er knapp der Polizei.

1990 verlässt Manser das Land. Er will sich künftig von der Schweiz aus für die Penan und den Regenwald einsetzen. Als Erstes organisiert er eine «World Tour»: Mit Mutang Urud und zwei Penan reist er in 25 Städte in 13 Ländern, um vom Kampf in Sarawak zu erzählen.

Im Exil Strategien lernen

Im Februar 1992 holt die Polizei Mutang ab. Er kommt in Isolationshaft. Nach einem Monat wird er überraschend freigelassen – mit der Warnung, sich in Zukunft aus den Protesten herauszuhalten. Doch das kann er nicht: Gerade läuft ein Gerichtsverfahren gegen Penan- und Kelabit-AktivistInnen, er ist ihre Kontaktperson. Nach zwei Wochen Freiheit warnt ihn sein Anwalt, es gebe einen neuen Haftbefehl. Mutang taucht unter, reist nach Brunei und mit Unterstützung von NGOs nach New York. Man kennt ihn von der «World Tour», aus den Medien, und es ist Frühling 1992. UmweltaktivistInnen haben nur noch ein Thema: den Erdgipfel in Rio im Juni. Wenn uns sogar die Uno zuhört, denkt Mutang, dann wird sich endlich etwas ändern. Er reist frühzeitig an – für ein Vernetzungstreffen mit indigenen AktivistInnen aus der ganzen Welt. Und trifft Bruno Manser wieder, der mit dem Gleitschirm über ein Stadion fliegt: eine seiner vielen spektakulären Aktionen im Kampf um Aufmerksamkeit. Die NGOs kümmern sich um Mutang, organisieren da ein Podium, dort ein Interview – doch als er endlich an einer Plenarveranstaltung sprechen darf, ist der Saal fast leer. In Filmaufnahmen von damals wirkt er, als wisse er nicht, was mit ihm geschieht.

Ein falsches Zitat in einem Artikel über die Konferenz erbost die malaysischen Behörden: Es klingt, als attackiere Mutang sehr aggressiv seinen Heimatstaat. Nun wagt er sich definitiv nicht mehr nach Malaysia zurück. Er findet Unterschlupf in Kanada, später erhält er Asyl – weit weg von Verwandten und FreundInnen. «Ich fühlte mich wie tot», sagt er heute. Als er in seinem Flüchtlingspass das Wort «staatenlos» entdeckt, bricht er in Tränen aus.

Dank UnterstützerInnen kann Mutang in Kanada ein Anthropologiestudium beginnen. Er lernt Kulturen aus der ganzen Welt kennen, schaut noch einmal auf seine eigene Gesellschaft, von aussen. Bald hat er Kontakt zu kanadischen IndianerInnen – und findet bei ihnen Strategien des Widerstands.

An Kanadas Westküste, in British Columbia, leben die Gitxsan. Sie beginnen 1984 einen langen Rechtsstreit mit dem kanadischen Staat, den sie nach dreizehn Jahren schliesslich gewinnen: Das Oberste Gericht anerkennt, dass mündliche Überlieferung eine relevante Rolle spielt im Anspruch indigener Gruppen auf Land. Für Kulturen ohne Schrifttradition ist das ein grosser Erfolg. Eine zweite wichtige Strategie der kanadischen «first nations» ist die Kartografie: Auf Karten werden kulturelle Stätten, Gräber und Dörfer eingezeichnet. Mutang organisiert für einen kanadischen Aktivisten eine Reise nach Sarawak; und bald beginnen auch Penan, Kelabit und andere, ihr Land zu kartieren.

Im Frühling 2000 bricht Bruno Manser zu Fuss im indonesischen Teil Borneos auf, um heimlich die Grenze nach Sarawak zu überqueren – und verschwindet spurlos. Bis heute ist unklar, ob er verunfallte, entführt oder ermordet wurde. Manche schliessen auch Suizid nicht aus. Der von ihm gegründete Bruno-Manser-Fonds (BMF) macht weiter. Er kämpft nicht nur gegen Abholzung, sondern auch gegen Taibs grössenwahnsinnige Wasserkraftprojekte: Zwölf Stauseen sollen das Bergland unter Wasser setzen. Damit der Strom auch gebraucht wird, will Taib an der Küste Schwerindustrie ansiedeln. Auf den abgeholzten Flächen geht die Vertreibung weiter: Dort pflanzen Agrokonzerne riesige Ölpalmenplantagen.

Doch die Kartierung trägt Früchte: 2001 gewinnt eine Gruppe der Iban, der grössten indigenen Ethnie Sarawaks, vor Gericht. Sie hat die sarawakische Regierung verklagt, weil diese einem Papierholzkonzern Konzessionen für Plantagen auf ihrem Gemeindeland vergeben hatte, ohne die Iban zu fragen. Erstmals anerkennt ein malaysisches Gericht, dass auch Wald zum genutzten Gemeindeland gehört. Taib schäumt und verbietet nichtstaatlichen VermesserInnen das Kartieren. Doch immer mehr Gemeinden reichen Landrechtsklagen ein, und auch Strassenblockaden gibt es immer noch.

«Ein Kreislauf der Unterwerfung»

Heute lebt Mutang Urud in Montreal, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Frau, Natasha Blanchet-Cohen, ist Professorin und sorgt für das Haupteinkommen der Familie. Mutang arbeitet viel von zu Hause aus, zurzeit an einem Buch über die Kultur der Kelabit, und engagiert sich weiterhin für Landrechte in Sarawak. Nach zwanzig Jahren konnte er 2012 erstmals zurück in seine Heimat reisen. Probleme mit den Behörden hatte er dort keine: «Sie haben den Wald schon zerstört. Warum sollen sie mich jetzt noch belästigen?»

Die letzten Jahre waren turbulent für den alternden Potentaten Taib Mahmud. In einem heimlich aufgenommenen Video der NGO Global Witness plaudern zwei seiner Cousinen offen darüber, wie sich die Familie an seinen Landkonzessionen bereichert. Global Witness veröffentlicht die Aufnahmen 2013 vor den malaysischen Parlamentswahlen; sie sorgen im ganzen Land für Empörung. Die Recherchen des BMF und der britischen Journalistin Clare Rewcastle machten die Korruption in Sarawak international bekannt – Rewcastle hat Radio Free Sarawak und die Website Sarawak Report gegründet, um subversive Informationen in den Teilstaat zu bringen, die die offiziellen Medien verschweigen (vgl. «Rasant erzählte Geschichte» im Anschluss an diesen Text).

2014 tritt Taib als Chief Minister zurück und wird dafür Gouverneur. So sichert er sich weiterhin Immunität.

Werden die kritischen Informationen aus dem Internet die Bevölkerung aufrütteln? Mutang ist skeptisch. «Wir haben das Skandalvideo mit Taibs Cousinen während der Wahlen in viele lokale Sprachen übersetzt und verbreitet – die Leute wählten trotzdem nicht anders.» Sie hätten Angst vor Veränderung, jetzt, wo die Wirtschaft in Schwung gekommen sei. «Das ist verständlich – meine Generation ist die erste, die mit der modernen Welt verbunden ist. Sie kamen aus dem Wald, jetzt sind sie in der Stadt, brauchen Häuser und Ausbildungen für ihre Kinder … Sie haben keine Zeit, ihr Land zu verteidigen.» Weh tut es trotzdem: «Die Konzerne haben zuerst Millionen mit der Abholzung verdient, dann in Ölpalmen und jetzt in Immobilien investiert. Die gleichen Leute, die uns aus dem Wald vertrieben haben, verkaufen uns nun Häuser und Möbel. Es ist ein Kreislauf der Unterwerfung.»

Dennoch weigert sich Mutang, die Hoffnung aufzugeben. Für Landrechte zu kämpfen, lohne sich immer noch. Die Bäume könnten wieder wachsen. Und überhaupt: Menschen ohne Hoffnung könne niemand brauchen.

Unbeliebt beim Universum

Einen Grund zur Hoffnung gibt es in Mutangs Heimat: das Projekt «Baram Peace Park». Ein Gebiet so gross wie das Tessin, in dem Penan, Kelabit, Kenyah und Saban leben und das vor Abholzung geschützt werden soll. «Die Idee ist ähnlich wie beim inzwischen abgelehnten Parc Adula in der Schweiz», erklärt Johanna Michel vom Bruno-Manser-Fonds. «Ein kleiner Teil des Gebiets soll geschützt sein, aber im grössten Teil wären Landwirtschaft, Jagd und Holzen für den Eigenbedarf erlaubt.» Bereits sind neue Wasserleitungen, Fussgängerbrücken und eine Unterkunft für TouristInnen entstanden. Diesen Monat verhandeln Indigene mit einer Delegation der malaysischen Verwaltung – in Basel, begleitet vom BMF. «Diese direkte Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen ist für uns neu», sagt Michel. «Einiges hat sich geändert, seit Taib Mahmud nicht mehr Chief Minister ist.» Adenan Satem, Taibs inzwischen verstorbener Nachfolger, hat die Staudammpläne am Baram-Fluss offiziell aufgegeben. Von den geplanten Staudämmen sind zwei gebaut worden, doch es werden kaum zwölf werden. Zumal die Schwerindustrie ein Wunschtraum Taibs geblieben ist.

Mutang glaubt an eine höhere Gerechtigkeit. Er ist zwar nicht mehr so religiös wie in seiner Jugend, aber heute noch überzeugt: «Wenn du so viel Schlechtes machst wie Taib, mag dich sogar das Universum nicht mehr.»

Die Politik in Sarawak wird im empfehlenswerten Buch von Lukas Straumann beschrieben: «Raubzug auf den Regenwald. Auf den Spuren der malaysischen Holzmafia». Salis Verlag. Zürich 2014.