Nr. 12/2013 vom 21.03.2013

Die Schokoladeneier im Osternest schmecken schal

Noch immer gibt es keine umwelt- und sozialverträgliche Palmölproduktion. Unter dem Druck von Umweltbewegungen wendet immerhin Nestlé nun strengere Kriterien an.

Von Andrea Müller

Es steckt auch in der Füllung von Schokoladeneiern, die im Osternest liegen: Palmöl, das beliebteste Pflanzenöl der Nahrungsmittelindustrie. Kaum jemand ist sich bewusst, wo Palmöl überall – und zunehmend – enthalten ist: in Shampoo, Waschmittel, Lippenstift und Gesichtscremen; in Müesli, Margarine, Fertigpizza und Süsswaren.

Die negativen Folgen des Palmölbooms sind bekannt: Abholzung von Regenwald, Landrechtskonflikte und Umweltverschmutzung durch Pestizide. Diese Probleme will der 2004 in Zürich gegründete Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO) lösen. Der internationale Verein hat zum Ziel, nachhaltiges Palmöl zu zertifizieren. Mitbegründerin und Vorstandsmitglied ist die Umweltschutzorganisation WWF. Bei Greenpeace hingegen will man nichts von einer Mitgliedschaft wissen: «Mit dem RSPO, so wie er heute funktioniert, kann kein nachhaltiges Palmöl produziert werden», sagt Asti Roesle, Wald-Kampagnenleiterin bei der Umweltorganisation.

Greenpeace gegen WWF

Die Kriterien des RSPO enthalten unter anderem den Schutz von Biodiversität, eine verantwortungsvolle Entwicklung neuer Plantagen sowie arbeitsrechtliche Standards in den Produktionsländern. Für Roesle von Greenpeace sind die Kriterien aber zu schwach: «Der RSPO stoppt die Abholzung von Regenwald nicht, und die Kriterien sind zu schwammig.»

Auch die entwicklungspolitische Organisation Erklärung von Bern kritisiert den RSPO: «Wir verlangen, dass das Verbot des Pestizids Paraquat in die Prinzipien des RSPO aufgenommen wird», sagt François Meienberg. Durch den Einsatz von Paraquat bekämen viele PlantagenarbeiterInnen gravierende gesundheitliche Probleme. Ob die Forderung Gehör findet, wird sich Ende April zeigen: Dann veröffentlicht der RSPO seine überarbeiteten Richtlinien.

Die Anbauflächen von Ölpalmen – meistens Monokulturen – haben Dimensionen angenommen, die man sich als KonsumentIn im fernen Europa kaum vorstellen kann. Die bis zu dreissig Meter hohe Ölpalme gedeiht nur in tropischem Klima – und sie braucht Platz. Malaysia und Indonesien produzieren zusammen neunzig Prozent des weltweiten Bedarfs an Palmöl: rund 45 Millionen Tonnen pro Jahr. Aber auch lateinamerikanische und afrikanische Länder sind im Geschäft; das Interesse an Anbauflächen in Afrika ist bei asiatischen und europäischen InvestorInnen gross. In Liberia erhielt einer der weltweit grössten Palmölproduzenten, Sime Darby aus Malaysia, für die nächsten sechzig Jahre Konzessionen über eine Fläche von 2000 Quadratkilometern.

Bereits 2009 bedeckten Ölpalmen in Indonesien und Malaysia eine Fläche, die rund zweieinhalbmal so gross ist wie die Schweiz. Und die Anbaugebiete werden stetig erweitert. Die aktuellen Zahlen gehen allerdings je nach Informationsquelle weit auseinander.

Die Abholzung von Regenwald ist für das Palmölgeschäft besonders lukrativ: Der Ertrag aus den Tropenhölzern deckt einen Teil der Investition in die Plantagen. Ausserdem gilt es offiziell als Aufforstung, wenn Ölpalmplantagen auf gerodetem Gebiet angelegt werden. Bei Greenpeace bezweifelt man, dass die überarbeiteten RSPO-Kriterien diesen Praktiken ein Ende setzen werden: «Wir fordern unter anderem, dass das Öl vollständig bis zur Plantage zurückverfolgt werden kann», sagt Asti Roesle. «Das wäre eine Umstellung für den ganzen Sektor und ist mit Kosten verbunden. Das Interesse an Änderungen ist deshalb gering.» Kommt hinzu, dass siebzig Prozent der Mitglieder des RSPO IndustrievertreterInnen sind und nur dreissig Prozent nichtstaatliche Organisationen vertreten. «Die Forderungen der NGOs werden ständig von der Industrie blockiert», sagt Roesle.

Der WWF hält trotz Kritik am RSPO fest: «Gäbe es den RSPO nicht, wäre die Problematik gar kein Thema, alles würde so weitergehen wie bisher», sagt Matthias Diemer, der Leiter internationaler Projekte beim WWF. Er ist zuversichtlich, dass der RSPO einen wichtigen Beitrag für nachhaltigeres Palmöl leisten kann. Aber auch für den WWF ist das Problem der Abholzung noch nicht gelöst: «Der Schutz von Torfböden muss in den Kriterien verankert werden, denn sie sind wichtige CO2-Senken», sagt Diemer.

Neben Greenpeace kritisiert auch die Umweltorganisation TFT (ehemals Tropical Forest Trust) den RSPO: «Die Strategie der Zertifizierung gemäss RSPO kann nicht die Lösung sein. Das wird den Markt nicht in Richtung Nachhaltigkeit verändern», sagt TFT-Direktor Bastien Sachet. Der RSPO biete keine Antwort auf die Abholzungsproblematik, und KleinbäuerInnen würden ignoriert: Für diese sei die Zertifizierung zu aufwendig, denn die Zertifizierung sei auf Grossplantagen ausgerichtet. Für Sachet ist der RSPO zwar eine gute Diskussionsgrundlage, die UnternehmerInnen müssten aber die Verantwortung für eine nachhaltige Produktion selbst übernehmen.

Nestlé im Wandel

TFT hat es sich zur Aufgabe gemacht, Unternehmen auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit zu unterstützen. So kam die Organisation 2010 in Kontakt mit dem Lebensmittelkonzern Nestlé. «Eine damalige Greenpeace-Kampagne gegen Nestlé baute so viel Druck auf, dass der Multi reagieren musste», sagt Bastien Sachet. Bekannt wurde die Greenpeace-Kampagne vor allem durch ein Video, in dem sich ein Kitkat-Schokoriegel durch den indonesischen Regenwald frisst und Orang-Utans niedermetzelt. Daraufhin zeigte sich der Konzern bereit, seine Palmöllieferkette von ExpertInnen des TFT durchleuchten zu lassen und neue Richtlinien für Palmöl zu entwickeln.

«Diese Kriterien gehen tatsächlich weiter als der RSPO», so Asti Roesle von Greenpeace, «Nestlé hat auf die Forderungen von Greenpeace reagiert. Im Bereich Palmöl haben sie gegenüber der Konkurrenz die Nase vorn.» Dass Nestlé seine Vorreiterrolle gut vermarkten kann, ist für TFT kein Problem: Nestlé mache mit den erweiterten Kriterien Druck auf seine Zulieferer und auf andere Unternehmen. Diese müssten schliesslich dieselben Standards übernehmen. «Nur wenn die Konzerne Druck aufbauen, kann der Markt verändert werden. Man darf sich nicht auf dem RSPO-Label ausruhen», sagt Sachet.

Matthias Diemer vom WWF ist über die alternative Kampagne von TFT und Nestlé zwar grob informiert, lässt sich aber nicht beirren: «Bisher gibt es keine Alternative, die so umfassend ist wie der RSPO.» Beim WWF Schweiz stehen die Entwicklungen um nachhaltiges Palmöl «aus Zeitgründen» nicht zuoberst auf der Agenda: Die Organisation sei erst 2015 wieder gefordert, wenn evaluiert wird, ob die Schweizer Unternehmen ihre selbst gesetzten Ziele erreicht haben. Die Migros verpflichtete sich, bis 2015 hundert Prozent nachhaltiges Palmöl für Eigenmarkenprodukte zu beziehen. Aktuell sind es erst dreissig Prozent, genau wie bei Coop. Dort will man aber schon bis Ende 2013 auf achtzig Prozent kommen.

Der Streit um die Wirksamkeit des RSPO geht also weiter. Immerhin dürfte in der Schweiz schon bald eine Deklarationspflicht für Palmöl eingeführt werden: Ab Mitte des Jahres soll laut Bundesrat die Bezeichnung «Pflanzenöl» auf Verpackungen nicht mehr verwendet werden dürfen, wenn Palmöl drin ist. Wenigstens können dann die KonsumentInnen entscheiden, wie viel Palmöl sie konsumieren wollen.