Nr. 22/2018 vom 31.05.2018

Der Kater mitten im Palmölrausch

Palmöl wird als Entwicklungsmotor Indonesiens gehypt. Doch bringt das Öl dem Land tatsächlich den erhofften Wohlstand? Eine Reise durch Indonesiens Palmölschatzkammer – kurz vor der Unterzeichnung des umstrittenen Freihandelsabkommens mit der Schweiz.

Von Anouk Eschelmüller, Medan

Ausgangspunkt Medan, die Hauptstadt Nordsumatras. Die Millionenstadt ist ein Moloch. Ein ewiger Verkehrsstrom, der in den Stosszeiten alles verstopft, überall Motorräder und farbige Sammeltaxibusse, kaputte Trottoirs, die in Abwasserkanälen enden, kleine Strassenshops, die neben klimatisierten Supermärkten stehen. Gelegentlich erinnern mondäne Villen an die Kolonialherrschaft der Niederlande. Dazu hohe Temperaturen, 32 Grad bei 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Plötzlich, mitten im Gewimmel, ein Blumenstand. Sonst: Verkehrslärm, Abgase, Musik aus Autoradios.

Im Zentrum Medans findet ein regelrechter Bauboom statt. Überall wird an protzigen «Plazas» gebaut, den Malls der IndonesierInnen. Restaurants, Supermärkte, Kleiderläden, Kinos, teilweise auch Schwimmbäder sind in solchen Riesengebäuden untergebracht, wo Medans Mittelschicht ihre Freizeit verbringt.

Daneben sind es die übergrossen Wahlplakate, die überall ins Auge fallen. Vornehmlich Männer mit strengen Gesichtern, teils in Camouflage gekleidet, posieren darauf. Im Juni sind Regionalwahlen.

«Der Wahlzirkus macht hier alle verrückt», sagt Kusnadi Oldani. «An jeder Strassenecke wird für einen Politiker geworben.» Oldani arbeitet in Medan. Er ist Kampagnenleiter bei der indonesischen Non-Profit-Organisation Yel, einer Stiftung für ein nachhaltiges Ökosystem, und kennt einige der Kandidierenden persönlich. Vor seiner Arbeit bei Yel war Oldani ein Regionalleiter von Walhi, der grössten Umweltorganisation Indonesiens. Durch seine Arbeit habe er viele Menschen in den unterschiedlichsten Positionen kennengelernt, erklärt er. Und Oldani weiss viel zu erzählen. Über die Stadt, die EinwohnerInnen und eben die PolitikerInnen. Für den Stimmenfang werde teils zu absurden Mitteln gegriffen. Die PolitikerInnen verschenkten Uhren, Regenschirme und Kopftücher an die WählerInnen. «Manche versuchen es auch direkt mit dem Verteilen von Bargeld.»

Für den Wahlkampf müssen die PolitikerInnen tief in die Taschen greifen: Auf Sumatra erheben Parteien keine Mitgliederbeiträge, die Regierung unterstützt sie nur mit geringen Mitteln. «Und genau hier liegt das Problem», sagt Oldani. «Das System macht die Politiker enorm anfällig für ‹korupsi›, Korruption.» Denn von irgendwoher brauchen die PolitikerInnen letztlich finanzielle Unterstützung. Und diese, so Oldani, komme in Sumatra häufig von der mächtigen Palmölindustrie.

Vom Palmölboom profitieren

Indonesien ist der weltweit grösste Palmölproduzent. Die Ölpalmen wachsen heute auf einer Fläche, die mehr als dreimal so gross ist wie die Schweiz. Und fast siebzig Prozent davon befinden sich auf der Insel Sumatra. Einige der grossen Plantagen Sumatras liegen nur wenige Hundert Kilometer von Medan entfernt. Die Fahrt aus der Stadt dauert lange. Allmählich werden die Häuser niedriger, die Landschaft ländlicher. Verstreut stehen Bananenstauden und Kokospalmen zwischen den kleinen Häusern mit Gärten. Dann immer mehr Reisfelder. Und schliesslich keine Dörfer und Felder mehr. Manche der Ölpalmen sind schon gross, andere scheinen frisch gesetzt. Kilometer für Kilometer geht es an den Plantagen vorbei. Streng aufgereiht stehen die Palmen zu beiden Seiten der Strasse.

Viele der Plantagen sind im Besitz von grossen Palmölkonzernen. Aber nicht alle. Auch KleinbäuerInnen sind wegen der grossen Nachfrage ins aussichtsreiche Business eingestiegen. So auch die Familie Da Tengku, die etwas ausserhalb des Dorfes Bukit Lawang, westlich von Medan, lebt. Maya Da Tengku und zwei ihrer Söhne sitzen auf dem unbearbeiteten Boden im Eingangsbereich des Hauses. Das Haus ist einfach, unverputzt, mit einem kleinen Anbau, den die Familie vor einem Jahr errichtete. 2017 sei wegen des feuchten Klimas ein sehr gutes Erntejahr gewesen, sagt Da Tengku.

Neben dem Haus steht ein kleiner Verkaufsstand. Zwei Dutzend grosse Wasserbehälter sind davor aufgestapelt. Sie werden an AutofahrerInnen verkauft, die gelegentlich vorbeifahren. Der kleine Wasserstand gehört Maya und ihrem Mann Behrian, ausserdem besitzen sie 1700 Quadratmeter Reisfelder sowie zwei Hektaren mit Ölpalmen. Das reicht gerade aus, um die siebenköpfige Familie zu ernähren. Zwei der vier Söhne gehen bereits zur Schule. Die Grossmutter hilft bei Hausarbeiten, arbeitet gelegentlich auf den Reisfeldern mit. Wie die Familie Da Tengku besitzen auch einige andere im Dorf Palmölplantagen. In der Regel sind es eine bis zwei Hektaren pro Familie.

Auf die Frage, was am einträglichsten sei, antwortet Maya Da Tengku: «In guten Zeiten natürlich das Palmöl.» Spielt das Wetter mit, lassen sich zweimal monatlich bis zu 150 Kilogramm Palmölfrüchte ernten. Beim aktuellen Preis von 14 000 Indonesischen Rupiah pro Kilo, umgerechnet etwa ein Schweizer Franken, verdient die Familie damit mehr als eine indonesische Bauernfamilie in Sumatra durchschnittlich pro Monat. Das sei aber nicht immer so. «Der Preis für ein Kilo Palmfrüchte kann zwischen 18 000 und 7000 Indonesischen Rupiah variieren», sagt die Bäuerin. KleinbäuerInnen wie Da Tengku sind grossen Preisschwankungen ausgesetzt. Sie verkaufen ihre Palmölfrüchte an ZwischenhändlerInnen, die diese wiederum an die grossen Mühlen der Grosskonzerne weiterverkaufen.

Hinzu kämen die Palmöl-Ninjas, sagt Da Tengku. Wegen ihnen muss die Plantage in den Nächten kurz vor der Ernte, wenn die Früchte fast reif sind, bewacht werden. Professionelle Palmölbanditen schicken sie, um die Plantagen der KleinbäuerInnen zu plündern und die Früchte abzutransportieren. Die meisten Diebe seien Drogensüchtige aus der Umgebung, die sich mit den Diebstählen ihren Nachschub finanzieren. Vor allem «shabu-shabu», Crystal Meth, sei momentan stark im Umlauf, sagt Da Tengku.

Die Gegend um Bukit Lawang ist nicht die einzige Region mit einem Drogenproblem. Offiziell gibt es in Indonesien vier Millionen Süchtige, jährlich sterben etwa 12 000 Menschen an den Folgen ihrer Sucht. Präsident Joko Widodo hat 2017 deshalb den Drogennotstand ausgerufen und die Polizei angewiesen, kompromisslos vorzugehen im Antidrogenkampf. Der Schmuggel ist wegen der zahllosen Inseln allerdings kaum zu unterbinden. Nach Bukit Lawang gelangt der Grossteil der Drogen auf Schmugglerpfaden durch den nahe gelegenen Regenwald. Ein Teil davon wird nach Einbruch der Dunkelheit im Dorf verkauft, an die Dorfbewohnerinnen und an Touristen. Für einige Rupiah kriegt man hier fast alles.

«Wir haben bereits mehrere Millionen Rupiah wegen der Ninjas verloren», sagt Maya Da Tengku. Deswegen hat sie inzwischen einen Arbeiter eingestellt, der abwechslungsweise mit ihrem Mann die Plantage bewacht. Aber auch der Reisanbau und der Wasserverkauf sind für Mayas Familie unverzichtbar. «Ist eine Familie ausschliesslich auf Palmöl angewiesen, kann das zum Problem werden.» Auch wegen schlechter Ernten oder Krankheiten. Deswegen haben einige von Da Tengkus NachbarInnen ihre Plantagen an die Grosskonzerne verkauft. Im Gegensatz zu den KleinbäuerInnen sind Konzerne weniger von Preisschwankungen betroffen, weil sie mit den viel grösseren Mengen Reserven bilden können. Ausserdem ist ihre Produktion ungleich effektiver: Laut der Indonesischen Palmölassoziation (Gapki) kann ein Palmölkonzern bis zu acht Tonnen gepresstes Palmöl pro Hektare produzieren. KleinbäuerInnen hingegen nur etwa zwei Tonnen.

Einer dieser Grosskonzerne befindet sich in unmittelbarer Nähe von Mayas Da Tengkus Haus, in Bukit Lawang. Dort stehen die Palmölplantagen des indonesisch-malaysischen Konzerns PT Langkat Nusantara Kepong. Das Firmengebäude, gross und modern, ist nicht zu übersehen. Gleich hinter dem Bau stehen die bescheidenen Unterkünfte der ArbeiterInnen. «Der Konzern bezahlt sie», sagt Malik Hartono, der junge Geschäftleitungsassistent. Er führt in ein grosses Sitzungszimmer und stellt sofort die Klimaanlage an. Die Zimmertemperatur fällt bald unter zwanzig Grad. Die Geschäftsleitung sei momentan in Bali auf einem Geschäftsausflug, entschuldigt sich Hartono.

Ein riesiger Sitzungstisch steht mitten im Zimmer. An den Wänden hängen Land- und Vermessungskarten. 13 770 Hektaren. So gross ist die Fläche der Plantage hier in Bukit Lawang. In Nordsumatra besitzt die Firma acht weitere Plantagen sowie eine Mühle, in der das hauseigene Palmöl verarbeitet wird. Die Firma ist der wichtigste Arbeitgeber in der Umgebung. 220 ArbeiterInnen sind offiziell auf der Plantage beschäftigt, fast das gesamte Dorf. Hartono erzählt all das mit Stolz in der Stimme.

Das Land, auf dem die Plantagen stehen, ist nicht im Besitz der PT Kepong. Denn in Indonesien gehört der Wald dem Staat, Firmen können für definierte Flächen Nutzungskonzessionen erwerben, etwa um Palmölplantagen anzubauen. Solche Konzessionen laufen in der Regel dreissig Jahre und sind ein lukratives Geschäft. Das Anbauland und die Arbeitskräfte kosten die Konzerne ein Trinkgeld.

Schere zwischen Reich und Arm

«Die ungleiche Verteilung von Land ist eines der grössten Probleme Indonesiens», sagt Kusnadi Oldani in seinem Büro in Medan. «Sehr viel Land liegt in den Händen sehr weniger. Und wo das Land ist, ist auch das Geld.» Tatsächlich kämpft Indonesien nach Jahren der Militärdiktatur noch immer mit grossen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die Schere zwischen Arm und Reich ist gross. 2017 lebte nach Angaben der Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) mehr als jedeR zehnte IndonesierIn in absoluter Armut. Ein Grund dafür ist die Korruption.

Viel Geld lässt sich etwa mit der Vergabe von Konzessionen für Palmölplantagen einnehmen. Auch der Handel mit tropischen Hölzern ist ein Milliardengeschäft – und einer der korruptesten Wirtschaftszweige im Land. Die Abholzung ist in der Regel die erste Phase der Landumnutzung. Entweder werden die Waldflächen geschlagen oder aber, wenn keine Bewilligung der Regierung vorliegt, einfach niedergebrannt. In der Folge kann sich der Wald nur schlecht regenerieren und ist nicht mehr rentabel. Die einzige Möglichkeit, die Fläche wieder ökonomisch zu nutzen, so das Argument der Konzerne, sind Plantagen, zum Beispiel Palmölplantagen.

Noch gibt es den Regenwald. Er steht auf der anderen Seite des Flusses Bohorok, der Bukit Lawang durchfliesst. Nur einige Hundert Meter von den Plantagen von PT Kepong entfernt, türmt sich dichter, dunkelgrüner Regenwald die Hänge hinauf. Es ist der Rand des Gunung-Leuser-Nationalparks, eines der grössten Naturschutzgebiete Indonesiens und eines der letzten Refugien für zahlreiche Grosstiere – dort streifen Elefanten und Königstiger durch das Dickicht, und durch die Kronen der Baumriesen hangeln sich Orang-Utans. 2004 wurde dieser Regenwald von der Unesco zum Welterbe erhoben.

Dennoch würden sich wahrscheinlich auch hier bereits überall Palmölbäume reihen, wäre da nicht der Tourismus. Darin sind sich viele im Dorf einig. Wohl nicht zu Unrecht: Wie eine Studie der Initiative Global Forest Watch zeigt, haben zwischen 2000 und 2015 45 Prozent des gesamten Waldverlusts in Sumatra ausserhalb von behördlich freigegebenem Land stattgefunden, unter anderem innerhalb von Nationalparkgrenzen.

Fotos mit dem Orang-Utan

Der Tourismus schwemmt viel Geld in die Kassen Bukit Lawangs. Er bringt Arbeitsplätze, konsumierende Gäste und trägt damit auch zum Schutz des Naturschutzgebiets bei. Itris Widyasari beispielsweise ermöglicht er ein festes Einkommen. Der Dreissigjährige ist in Bukit Lawang aufgewachsen und arbeitet als Touristenführer im Nationalpark. Vor allem der Orang-Utans wegen kommen die meisten BesucherInnen in sein Dorf. Einige der Menschenaffen, die im Regenwald leben, wurden ausgewildert und sind bis heute besonders zutraulich, während sich wilde Orang-Utans meist nicht für Menschen interessieren. Die RegenwaldbesucherInnen könnten sich mit ihren Fotoapparaten den Tieren deshalb bis auf wenige Meter nähern, sagt Itris. Für die Affen sei das aber eher eine Belastung: Vor allem während der Hochsaison kommen täglich im Schnitt hundert BesucherInnen nach Bukit Lawang und stören die Orang-Utans etwa bei der Paarung oder der Nahrungssuche.

Dennoch mag Itris seine Arbeit. Sowieso sei er lieber im Regenwald als auf den Palmölplantagen wie viele seiner Freunde, sagt er, der wie viele Indonesier unablässig raucht. Die Arbeit auf den Plantagen sei hart und nicht immer einträglich. Nur die wenigsten seiner Freunde seien tatsächlich fest angestellt. Viele von ihnen arbeiten als Freelancer auf den Plantagen – eine weitverbreitete Form der Ausbeutung in der Industrie, die in Indonesien fast vier Millionen Menschen beschäftigt. Spielt das Wetter mit, gibt es mehr als genug Arbeit. Itris’ Freunde können dann auch Überstunden machen. Das zahlt sich aus, obwohl die Tagelöhner im Schnitt deutlich weniger verdienen als die Festangestellten und auf Kranken- und Invalidenversicherung sowie die monatliche Reisration, die Festangestellte von PT Kepong erhalten, verzichten müssen.

Zurück in Medan. Wildes Hupen und Rufen auf der Strasse: Ein Tross von fünf Kleinwagen zieht vorbei, beladen mit fahnenschwenkenden Jugendlichen. Auch das ein Teil des Wahlkampfs. «2018 wird ein hartes Jahr für die Umwelt sein», glaubt Kusnadi Oldani. Wie immer, wenn Wahlen stattfänden. «Sie geben den grossen Konzernen die Chance, die Politiker durch grosszügige Wahlspenden noch enger an sich zu binden.» Ein gängiger Weg, um später Zugeständnisse einzufordern. «Wir werden es bald sehen. Während oder kurz nach den Wahlen werden die ersten neuen Bewilligungen für den Bergbau und die Plantagen erteilt werden», sagt Kusnadi. Am Schluss werden wieder die grossen Konzerne profitieren. «Obwohl das Palmöl stets als der Entwicklungsmotor Indonesiens bejubelt wird, sind es nicht die Kleinbauern oder die Arbeiter, die vom Geschäft mit dem Palmöl profitieren.»

Freihandelsabkommen

Schweiz auf der Zielgeraden

Indonesien als viertbevölkerungsreichster Staat der Erde ist einer der wichtigsten Zukunftsmärkte Asiens. Die Schweiz verhandelt deshalb bereits seit Jahren mit dem südostasiatischen Land über ein Freihandelsabkommen. Sie hat vorab industrielle Interessen. Indonesien wiederum ist als Agrarland in erster Linie am Export von landwirtschaftlichen Produkten interessiert. Bald dürfte es nun so weit sein: Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) werden die Verhandlungen mit Indonesien voraussichtlich noch diesen Sommer zum Abschluss kommen.

Ein Szenario, vor dem die Palmöl-Koalition, eine Allianz aus Schweizer NGOs und Bauernorganisationen, unter anderem dem Schweizer Bauernverband (SBV), warnt. Ihre Befürchtung: Tiefere Zölle kurbelten die Nachfrage nach Palmöl an, was wiederum die Probleme der exzessiven Palmölproduktion verstärken würde.

Der Bauernverband argumentiert zudem, dass die Schweizer LandwirtInnen aufgrund der hohen Anforderungen und Lebenskosten mit den Billigpreisen aus dem Ausland nicht mithalten könnten. «Trotz eines Zollzuschlags ist das Palmöl in der Schweiz bereits heute extrem günstig», sagt Beat Röösli, Leiter Internationales des SBV. Der Verband befürchtet deshalb, dass zollreduziertes indonesisches Palmöl den einheimischen Raps verdrängen könnte. Laut Röösli wäre das einschneidend: «Raps ist neben den Zuckerrüben eine der wenigen Kulturen, die im Schweizer Ackerbau noch rentieren. Ausserdem ist er sehr wichtig für die Fruchtfolge.» Lohne es sich für die Schweizer LandwirtInnen nicht mehr, Raps zu produzieren, so Röösli, dann sei mancherorts der Ackerbau an sich infrage gestellt.

Beim Seco trifft die Position des Bauernverbands auf Unverständnis. Eine vollständige Aufhebung des Einfuhrzolls für Palmöl sei nicht vorgesehen, sagt Seco-Sprecher Fabian Maienfisch. Mit abgestimmten Kontingenten oder Rabatten auf die Einfuhrzölle von Palmöl solle sichergestellt werden, dass der einheimische Raps nicht verdrängt werde.

Die Palmöl-Koalition fordert einen Ausschluss des Palmöls aus dem Freihandelsabkommen. Eine Umsetzung der Forderung dürfte Indonesien jedoch kaum dazu bringen, seine Ölproduktion einzustellen: Palmöl ist einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren des Landes. Und die Hauptabnehmerländer des Öls, China und Indien, legen bis jetzt wenig Wert auf eine nachhaltige Produktion.

Anouk Eschelmüller

Klimawandel

Ölpalmen: Das globale Geschäft

Palmöl ist mit sechzig Millionen Tonnen pro Jahr das meistverwendete Pflanzenfett der Welt. Und die Nachfrage steigt weiter: Der weltweite Verbrauch hat sich in den letzten fünfzehn Jahren verdoppelt. Auch die Schweiz importiert jährlich ungefähr 30 000 Tonnen. Angekurbelt wird der Verbrauch zusätzlich durch seine zunehmende Verwendung als Biotreibstoff. Grund dafür ist etwa die von der EU per Gesetz verordnete Biokraftstoffquote, die Mineralölfirmen dazu verpflichtet, dem Benzin und Diesel einen «sauberen» Kraftstoff beizumischen. Was ursprünglich als Beitrag zum Klimaschutz gedacht war, entpuppt sich zunehmend als das Gegenteil.

Was Ölpalmen anderen Ölpflanzen voraus haben: Sie sind regelrechte Produktionsmaschinen. Eine einzige Pflanze gibt jährlich bis zu 300 Kilogramm Früchte her. Im Vergleich: Auf einer Hektare kann mit Palmen etwa viermal mehr Öl produziert werden als mit Raps. Ausserdem lässt es sich sehr gut verarbeiten. Das macht die Pflanze extrem lukrativ. Entsprechend rasch wächst in Indonesien und Malaysia, den beiden mit Abstand wichtigsten Produktionsländern, die Anbaufläche für Ölpalmen. Doch auch in den tropischen Gebieten Lateinamerikas und Afrikas breiten sich die Plantagen aus. Und wo die klimatischen Bedingungen stimmen, versucht die Industrie, noch mehr zu holen; so etwa zurzeit im Amazonasbecken.

Doch geht diese Strategie auf? UmweltexpertInnen bezweifeln das. Wie etwa der «TEEB Report Asia» von 2012 in Bezug auf Indonesien festhält, übersteigen die Kosten, die durch die Umweltzerstörungen im Land entstehen, die mittelfristigen Profite der Industrie bei weitem. Die TEEB-Initiative versucht, Ökosystemfaktoren wie etwa Biodiversität in ökonomische Berechnungen miteinzubeziehen.

Es ginge auch anders: Studien wie etwa eine der ETH im Bereich Agroforstwirtschaft zeigen auf, dass Palmöl auch nachhaltiger industriell hergestellt werden kann, etwa in Mischkulturen.

Anouk Eschelmüller

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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