Nr. 28/2010 vom 15.07.2010

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Von Paul L. Walser

«Woher hatte ich meine Unverfrorenheit gegenüber dem System? Woher hatte ich meine Frechheit gegenüber Autoritäten?» Diese Fragen beantwortet der 1933 geborene Zürcher Publizist Franz Rueb mit einem Rückblick auf seine rebellischen Jahre – ein zeitgeschichtliches Dokument.

Den Anstoss zu Ruebs Erinnerungen gab das «Zehnkilopaket» aus Bern mit seinen Fichenakten von 1957 bis 1985, für ihn so etwas wie ein «behördliches Tagebuch». Die Aufzeichnungen seiner Beschatter führen durch die Episoden des rebellischen Zeitgenossen, der in verschiedenen Rollen auftritt: unbotmässiger Sanitätssoldat, neugieriger Ostermarschierer, fragender Kommunist («Vorwärts»-Redaktor und Exponent der «Jungen Sektion» der PdA), unbequemer Kantonsrat (der sich unter anderem für die Abschaffung des Konkubinatsverbots einsetzt), militanter Achtundsechziger und Antifaschist (der 1969 anlässlich einer Demonstration gegen das griechische Obristenregime in Bern festgenommen wird).

Zwischen den Kapiteln über Ruebs politische Tätigkeit immer wieder Erinnerungsbilder aus seiner harten Kindheits- und Jugendzeit – zuerst bei strengen katholischen Nonnen und dann sechs Jahre lang in der Hölle eines evangelischen Heims für Schwererziehbare – grauenhaft. Dort bekam Rueb den Übernamen «Rübezahl» und hielt nur dank Fussball und Geschichtenerfinden durch.

1969 wurde Rueb aus der PdA ausgeschlossen. Der «eingefleischte Autodidakt» kam nach Westberlin, als Dramaturg an der Schaubühne. Die DDR erliess gegen ihn ein Einreiseverbot. Seit Mitte der siebziger Jahre lebt Franz Rueb wieder im Land seiner Beschatter. In seinen Erinnerungen ist kein verbitterter Eiferer zu hören. Rueb schaut gelassen zurück, kritisch und schalkhaft, sogar dankbar für sein politisches Scheitern. Am interessantesten ist er dort, wo er Begegnungen mit ZeitgenossInnen schildert – vom tyrannischen Heimleiter aus der Kriegszeit über linke Ikonen wie Theo Pinkus und Konrad Farner bis zum Kommunistenjäger Ernst Cincera.

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