Nr. 27/2021 vom 08.07.2021

Ein Rebell, kein Rädelsführer

1968 suchte Franz Rueb den Graben zwischen Parlamentsarbeit und Bewegungspolitik zu überbrücken. Später schrieb er prägnante Biografien zu Figuren des Mittelalters am Rande der offiziellen Kirche.

Von Stefan Howald

Franz Rueb Foto: edition 8

Als Galionsfigur, auch als Rädelsführer und Drahtzieher der Zürcher 68er-Bewegung ist er bezeichnet worden. Jenseits dieser pauschalen Zuschreibungen war die Realität komplexer und interessanter. Für zwei Jahre war Franz Rueb ein Scharnier zwischen alter kommunistischer Arbeiterbewegung und neuem 68er-Aufbruch. In den lokalen Zürcher Verhältnissen verkörperte er die grundsätzliche Spannung zwischen Organisation und Spontaneität, zwischen parlamentarischer und Bewegungspolitik.

Diese zwei Jahre machten freilich nur eine kurze Episode in seinem Leben aus. Davor überlebte er eine harte Jugend als Heimkind, politisierte sich als Typograf und Redaktor; danach wirkte er viereinhalb Jahrzehnte als freier Publizist und Autor.

Neue Tribüne und Rolle

Die Heimjahre, die er in seinen autobiografischen Aufzeichnungen «Rübezahl spielte links aussen» (2009) eindrücklich beschrieben hat, führen in die schwarze Pädagogik der 1940er Jahre zurück. Im von Nonnen geführten Kinderheim bedeutet Erziehung Gebete und Schläge, im evangelischen Jugendheim Arbeit und Schläge. Das brutale Regime gegen innen paart sich mit vorgeblicher Sorge um die Zöglinge gegen aussen. Die Heuchelei weckt die Widerstandskraft des Jungen, auch ein erstes vorpolitisches Verständnis von Machtverhältnissen.

Die Lehre bei einem freischwebend kommunistischen Drucker wird zur linken Schulung. Rueb tritt in die Partei der Arbeit (PdA) als die scheinbar einzige radikale Alternative ein. Dank seines hart erkämpften Selbstbewusstseins gelingt ihm ein schneller Aufstieg, bald ist er Redaktor der sozialistischen Zeitung «Vorwärts». Die meisten Positionen dieser frühen 1960er Jahre hielt er im Nachhinein weiterhin für richtig, die Form der Politik für unsäglich dogmatisch.

Dann kommt 1967. Rueb ist beiläufiger Sympathisant der 1965 gegründeten Jungen Sektion innerhalb der PdA Zürich, die eine Erneuerung der PdA anstrebt. Gleichzeitig unterstützt er intuitiv die neuen aufmüpfigen Bewegungen auf der Strasse. Im selben Jahr 1967 wird er als einziger PdA-Vertreter ins Zürcher Kantonsparlament gewählt. So findet er eine neue Tribüne und eine neue Rolle. Als Kommunist ausgegrenzt, ist er durch die journalistische Tätigkeit und die Ratsmitgliedschaft doch in formale parlamentarische Strukturen eingebunden.

Das rückt ihn 1968 in eine besondere Position. Den 68ern kommt er als verantwortlicher Organisator von Veranstaltungen gelegen. Als Demonstrant taucht er immer wieder an vorderster Front und auch als Redner auf; tatsächlich muss Rueb kräftig, ja mitreissend gesprochen haben, gelegentlich von der eigenen Beredsamkeit davongetragen. Die Behörden wiederum suchen in ihm einen Gesprächspartner, da sie mit der spontanen Masse auf der Strasse nicht zurechtkommen. Wahlweise wird er als halbwegs positive Galionsfigur angesehen oder als Drahtzieher dämonisiert. Die Zumutungen der Behörden lehnt er ab. Umgekehrt begegnet er als bekennender Autodidakt auch den Studierten der 68er-Bewegung mit Vorbehalten. Insbesondere das unreflektiert Antiautoritäre geht ihm gegen den Strich.

Gegen das Konkubinatsverbot

Das kann auf die Dauer nicht gut gehen. In der PdA verschärft sich der Konflikt angesichts der sowjetischen Zerschlagung des Prager Frühlings, die von der Jungen Sektion und von Rueb im «Vorwärts» verurteilt wird. Ende 1969 wird die Junge Sektion durch die Betonfraktion der PdA Zürich aus der Partei gedrängt, Rueb wird formell ausgeschlossen. Aber er macht die Entwicklung der 68er-Bewegung in neue Parteiformen und Sekten nicht mit.

Den grössten realpolitischen Erfolg hat Rueb unter skurrilen Umständen errungen. Anfang 1968 reicht er eine Motion zur Abschaffung des absurden Konkubinatsverbots ein. Weil ein kommunistischer Vorstoss keinen Erfolg haben darf, lehnt ihn die bürgerliche Mehrheit ab – wenig später wird das Verbot auf bürgerlichen Antrag hin begraben.

1969 wird die Lage mit dem Verlust des Einkommens als «Vorwärts»-Redaktor schwierig. Die publizistischen Möglichkeiten für seine Kulturarbeit verengen sich. Ein Fernsehprojekt zu den deutschen Bauernkriegen wird nach wenigen Monaten abgewürgt. Dann holt ihn Peter Stein, der eben vom Zürcher Schauspielhaus vertrieben worden ist, als Dramaturg nach Berlin an die Schaubühne. Die vier Jahre dort beschreibt Rueb als glühendes künstlerisches und basisdemokratisches Erlebnis.

Ab 1975 schlägt er sich als freier Publizist, Theater- und Ausstellungsmacher durch, veröffentlicht ein halbes Dutzend durchaus erfolgreiche Bücher. Zumeist setzt sich Rueb darin mit Figuren am Rande der religiösen Welt des Mittelalters auseinander. Mit Ulrich von Hutten beschreibt er 1981 einen Flüchtling und Aufrührer, mit Paracelsus 1995 eine Existenz zwischen Magie und Wissenschaft. Innovativ ist sein im gleichen Jahr erschienenes Buch «Hexenbrände», eine «Schweizergeschichte des Teufelswahns». 2016 erscheint schliesslich noch ein Buch über Zwingli, den er differenziert als widerständigen Geist in den Spannungen seiner Zeit darstellt. – Am 22. Juni ist Franz Rueb 87-jährig gestorben.

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