Nr. 15/2015 vom 09.04.2015

Das magische Leuchten der Theorie

Mit dem Taschenbuch in der Hand zur Revolte: Philipp Felschs Buch «Der lange Sommer der Theorie» blendet zurück in eine Zeit, als radikale Philosophie chic wurde – und eine ganze Generation elektrisierte.

Von David Eugster

Ist Theorie heute nur noch ein museales Retrophänomen? Merve-Bücher in den Hamburger Deichtorhallen, 2010. Foto: Egbert Haneke

Die Philosophen, meinte Karl Marx in seinen «Thesen zu Feuerbach» (1845), hätten die Welt nur verschieden interpretiert. Dabei komme es darauf an, sie zu verändern. 1965 stellte Theodor W. Adorno diese Aufforderung in einer Vorlesung am Frankfurter Institut für Sozialforschung auf den Kopf: «Die Welt ward wahrscheinlich auch deswegen nicht verändert, weil sie zu wenig interpretiert worden ist.»

Adornos Absage an die einfachen Lösungen erscheint in Philipp Felschs Buch «Der lange Sommer der Theorie» als Startschuss in eine Zeit, in der theorielastige Weltinterpretationen zum Antrieb linker, ausserparlamentarischer Politik wurden. «Was tun?», das hiess in den sechziger Jahren zunächst: «Was lesen?» Begriffe wie «repressive Sublimierung», «Verblendungszusammenhang» und «falsches Bewusstsein» wurden Mainstream – selbst wer die politischen Haltungen dahinter ablehnte, kannte sie. Namen wie Adorno, Walter Benjamin und Herbert Marcuse waren zu Leitsternen der Revolte geworden. Der Absatz von Taschenbüchern erzielte Rekordumsätze, gleichzeitig tobte ein Copy Riot: Raubdrucke beziehungsweise «proletarische Reprints» von theoretischen Schriften waren weitverbreitet. Vom blossen Wort «Theorie», schreibt Philipp Felsch, sei ein «magisches Leuchten» ausgegangen.

Anstiftung zum Lesen

Dennoch liefert Felsch nicht einfach eine weitere Festschrift auf die Jahre um 1968. Der Berliner Historiker geht in seinem Buch vor allem auch der Frage nach, wie es kam, dass der Theorie ihre politische Relevanz in den späten siebziger Jahren wieder abhandenkam. Der Titel ist etwas trügerisch: Im Fokus von «Der lange Sommer der Theorie» steht letztlich das Anbrechen des Herbsts der Theorie Ende der Siebziger.

Felsch erzählt diesen theoretischen Jahreszeitenwechsel anhand der Geschichte des Berliner Merve-Verlags, gegründet 1970. Produziert wurde hier anfänglich im Kollektiv ohne Arbeitsteilung: Alle machten alles. Benannt war der Verlag nach Merve Lowien, der Ehefrau des Gründers Peter Gente: Als einziger wirklicher Proletarierin in den Reihen des Kollektivs habe man, so meint Felsch, ihr diese Ehre zugestanden. Das erste gemeinsam veröffentlichte Buch war Louis Althussers «Wie sollen wir ‹Das Kapital› lesen?» – gleichermassen eine Anleitung und Anstiftung zum Lesen. Auch von der bürgerlichen Bibliophilie grenzte man sich deutlich ab: Gezielt wollte man «schlecht gemachte Bücher» verkaufen, bourgeoise «Besitzbücher» sollten durch politische «Gebrauchbücher» ersetzt werden. Selbst Corporate Design galt als warenästhetische Sünde.

Katerstimmung

1977 folgte der Deutsche Herbst. Zwar hatte Andreas Baader von der Roten Armee Fraktion (RAF) in Stammheim bis zu seinem Tod mehrere Hundert Theoriebücher gelesen, doch die RAF hatte dem Lesen und dem Ausdiskutieren als wirksame politische Praxis eine klare Absage erteilt. Das spiegelte sich an der Frankfurter Buchmesse von 1977, die laut Felsch geprägt war von Zerrüttung und Katerstimmung. Doch der Merve-Verlag feierte den Bruch: 1977 ging man zum Format DIN-B6 über, die Bücher wurden bunt. Das bis heute gültige Coverdesign wurde eingeführt, das Merve-Buch wurde zum wiedererkennbaren Produkt.

Felsch schildert, wie sich dieser Bruch auf verschiedenen Ebenen vollzog. Die Arbeitsweise im Verlag hatte sich verändert, man arbeitete längst nicht mehr im Kollektiv. Das hatte auch private Gründe: Verlagsgründer Peter Gente hatte Merve für die vierzehn Jahre jüngere Studentin Heidi Paris verlassen: Das Liebespaar schwor dem sozialistischen Lebensentwurf ab – was sich auch auf die gemeinsame Arbeit im Verlag auswirkte: Sie begegneten der Zeit nach 1977 mit «nietzscheanischer Fröhlichkeit» und setzten vermehrt auf die «neue französische Diskussion» des Poststrukturalismus.

Es sind gerade diese Verknüpfungen zwischen biografischen, theoretischen und politischen Ebenen, die Felschs Buch äusserst lesenswert machen: Der Merve-Verlag interessiert ihn als breiterer «Rezeptionszusammenhang» mit exemplarischem Wert. Felschs Erzählung verdichtet hier einen grösseren Umschwung am Theoriemarkt um 1980: Nach Jahren der gelehrsamen Akribie in Bleiwüsten sollte Theorie endlich wieder «Spass» machen. In diesem Umfeld lieferten die von Merve auf Deutsch verlegten Franzosen wie Michel Foucault oder Jean Baudrillard das wirksamste Antidot gegen mittlerweile als veraltet geltende marxistische Analysen.

Der Universalismus von 1968 wurde endgültig verabschiedet: Unter dem sprechenden Buchtitel «Patchwork der Minderheiten» erteilte der französische Philosoph Jean-François Lyotard der «Repräsentation der Kleinen» eine Absage. Ohnehin gehe es, so Lyotard, nicht mehr darum, «recht zu haben, sondern lachen und tanzen zu können». Man verabschiedete sich von der genauen Exegese, im Zentrum sollte die «Lust am Text» stehen. Und in «Tausend Plateaus», 1980 bei Merve auf Deutsch erschienen, schrieben Gilles Deleuze und Félix Guattari: «In einem Buch gibt’s nichts zu verstehen, aber viel, womit man etwas anfangen kann. Nehmt, was ihr wollt!»

Von den Barrikaden in die Galerie

Die LeserInnen wurden wichtiger als die AutorInnen – Theorie wandelte sich vom Mittel zum politischen Verständnis der Welt zur Methode zur Aufspürung eigener, innerer «Intensivitäten». Felsch sieht darin eine deutliche Parallele zum Konzept der neoliberalen Konsumentensouveränität: Der Herbst der Theorie fällt in die Jahre, in denen Margaret Thatcher in Britannien den «People’s Capitalism» ausrief. Der Siegeszug des Neoliberalismus fand in der Transformation der Theorie seinen merkwürdigen kleinen Doppelgänger.

So handelt «Der lange Sommer der Theorie» nicht zuletzt vom Verschwinden der Utopien aus der Theorie: Es erzählt von ihrem Rückzug von den brennenden Barrikaden in den «White Cube» der Kunstgalerien. Die Geschichte, schreibt Felsch nicht ohne Melancholie, habe in diesen Jahren ihren Sinn verloren: Nach 1980 sei sie ebenso wenig auf ein Ziel zugesteuert «wie die Witze von Monty Python auf eine Pointe». Heute – nach der Finanzkrise von 2008 – sei die Theorie zwar zurückgekehrt. Doch Felsch bleibt skeptisch: Theorie heute erscheint ihm als «Retro-Phänomen». Die «gefährliche Aura», die sie in den sechziger Jahren ausstrahlte, scheint sie in seinen Augen nicht wiedererlangt zu haben.

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