Nr. 34/2010 vom 26.08.2010

Asyl für den Gnom

Eine Skulptur des Bildhauers Peter Lenk sorgt in Konstanz für Aufregung. Jetzt machte das nackte «Päpstlein» eine Österreich-Tournee.

Von Holger Reile

Als der seltsame Tross drei Tage lang durch Österreich fuhr, war das vor allem für die Medien ein Topthema. Wo immer das Gauklermobil auch auftauchte und haltmachte, warteten schon JournalistInnen und hofften auf knackige Statements und verwertbare Bilder. Die gab es auch, denn ein papstähnlicher Gnom, nackt und rund 700 Kilogramm schwer, wurde auf einem Anhänger unter einer Art Baldachin quer durch die Alpenrepublik gezogen, umrahmt von Engeln und einem lüstern glotzenden Presseferkel.

Am 9. August verliess das «Päpstlein» des Bildhauers Peter Lenk den Bodensee und begab sich auf seine rund tausend Kilometer lange Reise. Zielort: das Kunsthaus Weiz in der Steiermark, nicht weit von Graz entfernt. Der steirische Aktionskünstler Johan Maden, Mitarbeiter des Kunsthauses Weiz, organisierte die Überführung und verkündete an zehn ausgesuchten Zwischenhalten die zentrale Forderung: «Wir wollen erreichen, dass der Vatikan wieder einen päpstlichen Hofnarren einstellt, der ihm ungestraft die nackte Wahrheit sagen kann.» Das Amt des Hofnarren, das es Jahrhunderte lang gab, sei 1566 vom Grossinquisitor und späteren Papst Pius V. abgeschafft worden. Von da an, so Lenk schelmisch, liefen die Päpste stets Gefahr, «selber für Gaukler oder Hofnarren gehalten zu werden».

Falschmeldung mit Folgen

Die Vorgeschichte der Vertreibung ist vor allem für die Stadt Konstanz hochnotpeinlich. Der papstähnliche Alte sass auf Wunsch der Tourist Information einige Wochen im örtlichen Bahnhof und sorgte für allgemeine Heiterkeit.

Dann aber behauptete die «Bild»-Zeitung, in Konstanz sitze der nackte Papst Benedikt XVI. Ein gefundenes Fressen für schlichte Gemüter, die spontan ihre Empörung äusserten und behaupteten, das putzige Figürchen würde religiöse Gefühle verletzen. Obwohl sich die «Bild»-Zeitung für die Falschmeldung bei Lenk entschuldigte, wurde das «Päpstlein» auf Druck von Stuttgarter CDU-Politikern und Kirchenvertretern eines Nachts heimlich abgebaut und in den Konstanzer Wertstoffhof gebracht. Peter Lenk konnte da nur noch fassungslos den Kopf schütteln: «Kaum zu glauben, was hier passiert ist.» Die «Bild»-Zeitung bot dem Künstler sogar kleinlaut an, als eine Art Wiedergutmachung einen positiven Artikel über ihn zu schreiben, doch Lenk lehnte dankend ab: «Das ist ja noch schlimmer, das hängt einem dann wie Scheisse am Bein.»

Noch absurder wirkt die Aktion der Skulpturenstürmer vom Bodensee, wenn man weiss, dass das Original des Verbannten schon vor siebzehn Jahren in der Konstanzer Hafeneinfahrt Unterkunft gefunden hat. Denn dort steht die ebenfalls von Lenk geschaffene riesige Statue «Imperia», die längst zum Wahrzeichen der Stadt geworden ist. Auf ihrer Hand sitzt in luftiger Höhe – das «Päpstlein». Lenks vollbusige «Imperia» ist eine satirische Anspielung auf das Konstanzer Konzil (1414–1418), bei dem sich rund 800 Prostituierte um das Wohlergehen der weltlichen und geistlichen Würdenträger kümmern mussten.

Peter Lenk hat immer erklärt, dass der runzlige Alte mit einer Papstkrone auf dem Kopf ein Gaukler sei, der sich die Insignien der geistlichen Macht angeeignet habe. «Wer behauptet, meine Figur verkörpere den jetzigen Papst Benedikt, muss blind sein», so Lenk mehrmals. Doch es half nichts, das Gaukleroriginal auf der «Imperia» darf bleiben, die Kopie aber musste weg. Grotesker geht es kaum.

Unverhoffte Aufmerksamkeit

Schon beim ersten Halt bei der Klosterkirche Birnau sorgte das Figurenensemble für Aufregung. Viele TouristInnen umringten das Gauklermobil. Fernsehkameras liefen, FotografInnen balgten sich um die besten Plätze. Der Ort war bewusst gewählt, denn hier hatte ein Geistlicher einen Jungen missbraucht. Eine aufgeregte Klostermitarbeiterin versuchte vergebens, die ungebetenen Gäste zum Weiterfahren zu bewegen. Der Tourorganisator Johan Maden versagte dem Kloster Birnau ausdrücklich die Absolution, Peter Lenk stand in Interviews Rede und Antwort. Ein Fernsehredaktor, der auf der Suche nach aufgebrachten Gläubigen war, gab schliesslich auf: «Nichts zu machen, alle nehmen die Aktion mit Humor.»

Lenks Geschenk, eine Flasche «Ablasströpfchen», gebrannt aus Williams-Christ-Birnen, fand allerdings keinen Abnehmer. Die Klosterleitung hatte sich vorsorglich nicht blicken lassen und wartete hinter verschlossenen Türen, bis das Spektakel zu Ende war.

Der Konvoi zog weiter nach Bregenz und parkierte direkt vor den Toren des Festspielhauses. Auch hier entstanden unter herbeigeeilten TouristInnen und Einheimischen lebhafte und weitgehend amüsante Diskussionen. Der technische Direktor der Bregenzer Festspiele bot dem «Päpstlein» und seinem Gefolge sogar Asyl an Ort und Stelle für 24 Stunden an. «Kunst», so der Mann, «muss frei bleiben.»

Doch der Zeitplan war dicht gestrickt und liess keinen längeren Aufenthalt zu. Über Salzburg, Maria Zell, Bruck an der Mur und Graz erreichte der päpstliche Gaukler schliesslich das Kunsthaus Weiz und wurde dort von Museumsleiter Georg Köhler herzlich begrüsst. Erneut drängten sich Medien aus ganz Österreich um den Gast aus Deutschland, der unter seiner Papstkrone keine Miene verzog und den Trubel würdevoll über sich ergehen liess. Auch eine Demonstration herbeigeeilter christlicher FundamentalistInnen, die Papst Benedikt beleidigt wähnten, überstand er schadlos.

Anderntags wurde vor grossem Publikum eine Sonderausstellung mit Werken von Lenk im Kunsthaus eröffnet. Auf einer mächtigen Bühne thront nun der aus Konstanz vertriebene Gaukler und erteilt dort wohlmeinenden BesucherInnen bis zum 4. September die Absolution. Der Weizer SPÖ-Nationalrat Christian Faul konnte sich einen spöttischen Seitenhieb Richtung Bodensee nicht verkneifen: «Herzlichen Dank, Konstanz.» So viel mediale Aufmerksamkeit wie in den letzten Tagen hat das Kunsthaus Weiz noch nie erlebt.

Touristische Attraktion

Wohin es den mittlerweile europaweit bekannten Gauklerpapst nach der Weizer Ausstellung treiben wird, ist noch unklar. Johan Maden schliesst eine Weiterreise nicht aus: «Richtung Rom wär auch nicht schlecht. Schau mer mal.»

Und auch die Konstanzer Kulturbanausen können nicht sicher sein, dass die Angelegenheit nun ausgestanden ist. Denn Peter Lenk schreibt gerade an einem satirischen Theaterstück mit dem Titel «Der Papst kommt». Die Uraufführung ist im Konstanzer Stadttheater geplant, bekannte SchauspielerInnen haben ihr Mitwirken bereits zugesagt.

Wie man mit Lenk’scher Kunst auch umgehen kann, zeigte kürzlich die Gemeinde Ludwigshafen am nördlichen Bodenseeufer. Schon länger steht da mitten im Ort Lenks Triptychon, eine Art Sittengemälde der bundesdeutschen Realität. Politiker und Wirtschaftsbosse treiben es gar unzüchtig mit üppigen Prostituierten, und eine barbusige Kanzlerin Angela Merkel fasst dem ehemaligen CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber unverfroren ans Gemächt. Schnell entwickelte sich die freche Darstellung zu einer touristischen Attraktion für BesucherInnen aus ganz Europa.

Die Ludwigshafener Verwaltung registrierte steigende Umsätze im Hotel- und Gaststättengewerbe, ein Boom, der bis heute anhält. Für Schaulustige wurden extra Bänke aufgestellt, damit die Blumenbeete verschont bleiben. Da nicht genügend Parkplätze zur Verfügung stehen, freut sich Ludwigshafen auch über enorm gestiegene Einnahmen von Falschparkenden. Vor wenigen Wochen stand der Kauf des Triptychons zur Debatte. In Ludwigshafen kann man rechnen: Mit überwältigender Mehrheit stimmte der Rat dem Erwerb des Kunstwerks zu.

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