Helga Nowotny : Die mächtigste Forscherin

Nr.  34 –

Sie glaubt an die Kraft der Wissenschaft, Probleme zu lösen – auch solche, die sie selbst geschaffen hat. Als neue Präsidentin des Europäischen Forschungsrates ist die ehemalige Leiterin des Collegium Helveticum auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt.


Nein, als Vorbild sehe sie sich nicht, sagt Helga Nowotny und widerspricht EU-Kommissarin Máire Geoghegan-Quinn, die Nowotny als «fantastisches Vorbild für junge Akademikerinnen» bezeichnet hat. «Wenn mich andere als Vorbild sehen, freut mich das natürlich, doch ich selbst tue das nicht.»

In roten Schuhen, die Beine übereinandergeschlagen, die Haare pechschwarz und das Gesicht gebräunt, als käme sie gerade von einer langen Bergwanderung, sitzt Nowotny auf einem Sofastuhl im Viersternhotel Claridge in Zürich. Die «Grande Dame der Wissenschaftsforschung», wie Suhrkamp sie auf der Verlagswebsite bezeichnet. Dass Nowotny 73 Jahre alt ist, sieht man ihr nicht an – ja, man kann sich lebhaft vorstellen, wie sie vor fünfzig Jahren in Wien, den Doktortitel in Rechtswissenschaft in der Tasche, gegen einen Strafrechtsprofessor zum Rededuell antrat. Der wollte nämlich die Assistenzstelle nicht mit einer Frau besetzen und durfte dies damals auch noch öffentlich sagen. Nowotny gewann – wohl mit viel Charme und noch mehr argumentativer Hartnäckigkeit: «Ich konnte ihn aber überzeugen, dass er nur dann einen Mann vorziehen würde, wenn dieser besser wäre als ich.»

Helga Nowotny kämpfte nicht nur um die Stelle, weil sie dafür bestens qualifiziert war, sondern auch, weil sie weg wollte vom Gericht. Dass sie sich nach der Promotion entschieden hatte, gleich das Gerichtsjahr beim Jugendgericht anzuhängen, obwohl sie eine Karriere in der Justiz oder im diplomatischen Dienst hätte antreten können, war ein Fehler, sagt sie heute. Sie hatte Mühe damit, dass die Mütter zu ihr kamen und sich ausweinten, dass sie ihnen nicht helfen konnte, ja, dass sie meist wusste, wie das Urteil ausfallen würde, je nachdem, welchem ihrer beiden Chefs der Jugendliche zugeteilt wurde. «Das fehlende Mitgefühl und die arrogante Sicherheit in den Gutachten störten mich.» Über solch persönliche Momente in ihrer Karriere spricht Nowotny nicht gerne. Wenn sie es trotzdem tut, dann ist das, als würde sie über Hochschulpolitik oder ihre Forschung reden: Sie bleibt ruhig und sachlich. «Das war belastend», kommentiert sie diese Episode mit knappen Worten.

Ein glücklicher Bruch

So startete Nowotny Anfang der sechziger Jahre ihre akademische Karriere. Gradlinig allerdings war ihr Aufstieg bis zur Präsidentin des Europäischen Forschungsrates (ERC) nicht, vielmehr weist ihre Karriere Brüche auf – Brüche, die sie nicht missen möchte, weil sie dadurch «andere, interessantere Wege» gehen musste.

Diese Erfahrung bringt sie auch in den ERC ein, der Projektgelder für die Grundlagenforschung an herausragende WissenschaftlerInnen vergibt. «Wir versuchen die Gutachter dafür zu sensibilisieren, dass Frauen oft unkonventionelle Biografien und eine kürzere Publikationsliste haben», sagt sie. Und fügt ruhig, aber scharf hinzu: «Empirisch zeigt sich, dass Frauen im Durchschnitt weniger publizieren als Männer, weil sie in der Regel nur dann etwas veröffentlichen, wenn sie auch wirklich etwas zu sagen haben, während Männer oft die kleinste veröffentlichbare Einheit suchen.» Für Frauenquoten kann sich Helga Nowotny allerdings nicht erwärmen. Der ERC vergibt sein Geld ausschliesslich nach dem Kriterium wissenschaftlicher Exzellenz.

Durch diese harte Konkurrenz soll nicht zuletzt auch die Situation junger ForscherInnen in Europa verbessert werden. Nowotny hat mehrfach beklagt, dass eine hohe Zahl von ihnen in die USA auswandert. Wie in der Frauenförderung sieht sie auch beim Nachwuchs vor allem die Universitäten gefordert: «Sie müssen erkennen, dass sie ihren wissenschaftlichen Nachwuchs viel besser behandeln müssen. Dabei geht es nicht so sehr ums Geld – junge Forschende wollen in erster Linie früher ihre eigene wissenschaftliche Unabhängigkeit, sie wollen ihre eigenen Projekte verfolgen.»

Genau dies hat Nowotny Mitte der sechziger Jahre vorgemacht, als sie unvermittelt Wien und die Rechtswissenschaft verliess – gegen den Willen ihres Mentors. «Der Professor behielt mit seiner Einschätzung recht, dass seine Investition in mich verloren gehen würde», sagt sie mit leichtem Sarkasmus. In New York, wohin sie mit ihrem Mann, einem Diplomaten, und der vier Wochen alten Tochter Katinka zog, entschloss sie sich «über Nacht», an der Columbia University bei Paul Lazarsfeld und Robert K. Merton, zwei der berühmtesten Soziologen der damaligen Zeit, eine Dissertation in Soziologie zu schreiben. «New York war einer dieser glücklichen Brüche in meinem Leben. Er erlaubte mir letztlich, die Wissenschaftsforschung zu entdecken, die mein berufliches Leben bestimmen sollte.»

Der Glaube an die Wissenschaft

Tatsächlich prägte Nowotny nachhaltig, was man heute als «science and technology studies» kennt und damals «sociology of knowledge» genannt wurde. Berühmtheit erlangte vor allem das Buch, das sie Anfang der neunziger Jahre zusammen mit fünf Autoren über die neue Produktion von Wissen verfasste («The New Production of Knowledge»). Gleichzeitig Analyse und Programm, beschrieben sie einen neuen Modus von Wissenschaft, den «Mode 2». Darin arbeiten Forschende aus verschiedenen Institutionen, auch ausserhalb der Universitäten, gemeinsam an einem Problem, und sie tun dies anwendungsorientiert und über Fachgrenzen hinweg. «In unserem Essay war vieles noch vage formuliert», sagt Nowotny, auf die damalige Kritik angesprochen. «Heute sehe ich Mode 2 überall, etwa im Zusammengehen der Ingenieurwissenschaften mit der Biologie, aus dem die synthetische Biologie entstanden ist.»

Helga Nowotny ist eine echte Aufklärerin. Sie glaubt an die Wissenschaft und ihre Kraft, Probleme zu lösen. Gleichzeitig ist sie weit davon entfernt, naiv den Fortschritt zu predigen. Sich selbst bezeichnet sie als «realistische Optimistin». Wenn mittels «genetic engineering» neue Lebensformen geschaffen werden, zum Beispiel Organismen, die Impfstoffe herstellen, dann sieht Nowotny darin Forschung, die die Menschheit zum Überleben braucht – sie spricht dann von neuen «Lebens-Mitteln».

Dass diese Forschung an den Genen viele Menschen verunsichert, hat sie ebenfalls mehrfach beschrieben. Sie fordert deshalb von den Forschenden mehr Kommunikation: Statt nur Resultate zu präsentieren, sollen sie auch über Zweifel und Misserfolge reden. Grundsätzlich stellt Nowotny den Forschenden aber ein gutes Zeugnis aus. Sie hätten schon sehr gut gelernt, das Risiko von Beginn weg anzusprechen. «Gerade in der synthetischen Biologie ist man sich bewusst, dass es ohne Ethik nicht geht», sagt sie – und ergänzt: «Wahrscheinlich aus einer Mischung aus Einsicht und Opportunismus.»

Dass Helga Nowotny nach einer intensiven Diskussion ihre erste Stelle an der Universität erhalten hat, ist kein Zufall. Sie liebt die Debatte. «Es ist ein Vergnügen, mit ihr zu streiten», sagt Gerd Folkers, Professor für pharmazeutische Chemie an der ETH und seit 2004 Nachfolger Nowotnys als Leiter des Collegium Helveticum in Zürich. Nowotny reagiere auf Kritik mit grosser Gelassenheit und scharfen Gegenargumenten; nie verliere sie ihren Stil oder die Beherrschung.

Schnelles Denken in der Diskussion attestieren ihr auch andere Kollegen – «intellektueller Funke» nennt es Peter Scott. Der heutige Rektor der Londoner Kingston University hat sie 1991 – damals noch als Journalist – mit den anderen Autoren von «The New Production of Knowledge» erstmals im Luxushotel Gleneagles in Schottland getroffen. Dort, wo sonst die High Society Golf spielt oder die G8 über die Weltwirtschaft diskutiert. Aufgefallen sei ihm sogleich ihre scharfe Intelligenz und ihr breites Wissen, erinnert sich Scott: «Sie ist eine echte Intellektuelle und keine engstirnige Akademikerin. Sie hatte Ideen zu fast allem.» Ganz ähnlich schwärmt Folkers: «Mit Helga Nowotny kann man ganze Welten entwerfen.»

Während Nowotny in den Diskussionen die Ideen lieferte, war das Ausformulieren dann weniger ihre Sache. Peter Scott sagt es vorsichtig: «Vielleicht hatte sie eine Tendenz, die Plackerei des Schreibens anderen zu überlassen.» Von den über dreissig Büchern auf ihrer Publikationsliste hat sie die allermeisten mit anderen zusammen verfasst. Ihre akademische Ausstrahlung gründet trotz dieser langen Liste mehr auf ihrer intellektuellen Präsenz vor Ort. Die Bücher sind oft essayistischer Natur, elegant, anregend und verständlich geschrieben, aber auch etwas oberflächlich gehalten. Nowotny hinterlässt kein fundamentales Lehrbuch mit tiefer theoretischer Durchdringung. Dazu war und ist sie an zu vielem interessiert.

Vielleicht fehlte ihr zum eigenen Theoriegebäude auch die Zeit. Immer wieder hat sich Helga Nowotny in leitender Funktion an Bildungsinstitutionen engagiert – was sie zu dieser hervorragend vernetzten, mächtigen Forscherin gemacht hat. 1974 gründete sie zum Beispiel das Europäische Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung in Wien mit und leitete es bis 1987. Auch an Universitäten in Bielefeld, Paris, Berlin und Budapest wirkte sie als Professorin und übte leitende Funktionen aus. 1996 schliesslich wurde sie als Professorin für Wissenschaftsforschung an die ETH berufen, wo sie auch das Collegium Helveticum leitete.

Nomadin des 21. Jahrhunderts

Als «wirkliche Europäerin», beschreibt Tochter Katinka ihre Mutter, als «Nomadin des 21. Jahrhunderts» – immer unterwegs, überall zu Hause: «Sie beherrscht die Kunst, ihr Zelt überall aufschlagen zu können.» Das Hotel, in dem ihre Mutter gerade wohne, sei an diesem Tag auch ihr Zuhause. Und was sagt Helga Nowotny selbst? «Ich fühle mich wohl hier», sagt sie und meint das Hotel Claridge, wo sie seit Jahren absteigt, wenn sie nach Zürich kommt. Und flüstert nach ein paar Sekunden mit einem Lachen: «Mir fehlt einzig der gute Wiener Kaffee zum Frühstück.»