Nr. 42/2006 vom 19.10.2006

Heile Welt Universitas

Wem der Forschungsbetrieb zu seelenlos ist, dem oder der bietet die ETH an einem jährlichen Seminar in der Toskana Vorträge, Tai-Chi und Tanz und eine Wissenschaftskritik, die nicht schmerzt.

Von Roland Fischer

Der grosse Speisesaal ist erfüllt von Gesprächen, die sich zu einem schweren Brei verdicken. Es ist schwierig, auch nur den Worten seines Tischnachbarn zu folgen. Plötzlich beginnt sich der Stimmbrei von einem Tisch ausgehend aufzulösen, man vernimmt nur noch den abklingenden Ton eines Gongs in die rasch um sich greifende Stille hinein. Während zweier Minuten ist nichts mehr zu hören als klapperndes Geschirr, hie und da, und die Schritte der Kellner, die unentwegt den langen Gang zwischen den Tischen auf und ab eilen. Schliesslich erneut der Gong, leise angeschlagen, aber sehr deutlich nun, und rasch wogen die Stimmen wieder zur alten Lautstärke auf.

Das Ritual wiederholt sich bei jeder Mahlzeit, zweimal am Tag. Es ist eines dieser kleinen, aber unübersehbaren Details, die die Stimmung im Hotel prägen und deutlich machen, dass man sich nicht an einem gewöhnlichen Kongress befindet. Seit über zwanzig Jahren findet sich eine eingeschworene Gruppe in Cortona am Ostrand der Toskana zusammen, um für eine Woche der Wissenschaft ihre Grenzen aufzuzeigen - und diese auch lustvoll zu überschreiten, nach allen Seiten hin. Um den harten Kern scharen sich jedes Jahr eine stattliche Zahl junger ETH-Angehöriger, vor allem DoktorandInnen, und weitere Gäste aus aller Welt, sodass die grosse Cortona-Familie auf gut 150 Menschen anwächst.

Esoterik? Wieso nicht!

Ist Cortona ein naturwissenschaftlicher Kongress? Selbstfindungsseminar? Interdisziplinäre Begegnungsstätte? Das Programm allein lässt keinen gültigen Schluss zu. Der Tag beginnt früh mit Tai-Chi, Meditation oder Tanzen, um dann überzugehen in den üblichen Kongressrhythmus mit Vorträgen und Diskussionen. Nach dem Mittagessen beginnen die verschiedenen Workshops theoretischer und praktischer Art, die Cortona ein unverwechselbares Gepräge im akademischen Veranstaltungskalender geben. Die Organisatoren, gestandene ETH-Professoren, haben keine Berührungsängste auch heiklen Feldern gegenüber. Auf die Frage, ob er sich wehren würde gegen den Begriff Esoterik, bleibt Reinhard Nesper, Patron der Veranstaltung und Professor für anorganische Chemie, gelassen: Heute sei vieles anerkannte Wissenschaft, was vor dreissig Jahren noch als esoterisch gegolten habe. Und ohnehin, «wo bitte in der Wissenschaft gibt es absolute Präzision, ist ein Feld ausschliesslich auf Hard Facts gebaut?»

Also wird im Garten eifrig gemalt und gebildhauert, in der hoteleigenen Kapelle atmet man tief in sich hinein, und in der Attika kann man nicht nur die Aussicht auf das trasimenische Tiefland geniessen, sondern auch Aikido betreiben oder den mittelalterlichen Buchillustratoren nacheifern. Es geht durchaus unverkrampft zu, kein Vergleich mit der geschäftig-nüchternen Atmosphäre auf den Gängen der ETH. Pier Luigi Luisi, emeritierter Chemieprofessor und eigentlicher Vater der Cortona-Woche, weiss um diesen Wechsel der Atmosphäre: «Wir könnten diese Seminarwoche nicht an der ETH veranstalten. Es ist wichtig, dass die Leute herauskommen aus ihrer gewohnten Umgebung, damit sie offen sind für neue Erfahrungen.»

Ein schöner Kulissenwechsel, keine Frage: Das historische Städtchen Cortona schmiegt sich an die Hänge, die die Toskana begrenzen, von der Anhöhe blickt man westwärts ins weite, in milden spätsommerlichen Farben gezeichnete Hügelland. Seit über zwanzig Jahren zieht man sich hierher in ein altes Konventsgebäude etwas ausserhalb des Stadtkerns zurück, das seine gottesdienliche Sperrigkeit über die Jahre widerstrebend dem Hotelbetrieb hat preisgeben müssen. Noch immer hängen Heiligenbilder an den Zimmerwänden, und in den Gängen reihen sich die Porträts der ehrwürdigen Brüder, die hier gelebt und gewirkt haben. Anfangs hätten die Mönche das Hotel noch selbst geführt, erzählen Cortona-VeteranInnen. Den mitunter gar nicht asketischen Machenschaften der Gäste aus der Schweiz sei vor allem der Leiter, Bruder Angelo, nicht immer mit engelsgleicher Geduld begegnet. Im Hotel ist man unter sich, daraus ergibt sich eine ungezwungene Atmosphäre. Mit dem Pass gibt man an der Rezeption auch alle Förmlichkeiten ab: Fortan gilt unter allen, ob Professor oder Studentin, das Du.

Ritueller Tanz im Kloster

Es weht ein Kommunengeist durch den Konvent während dieser Woche. Zum Schluss werden sich alle im Garten in einem grossen Kreis aufstellen und sich bei den Händen nehmen und tanzen, ein ritueller Abschied von einer heilen Welt - heiler jedenfalls als der Forschungsbetrieb, den viele der TeilnehmerInnen (ein grosser Anteil Frauen, notabene) zusehends als seelenlos empfinden. Es ist hier eine diffuse Unzufriedenheit spürbar über die Art und Weise, wie Wissenschaft heute betrieben wird. Cortona ist in diesem Sinn auch eine Art Dissidentenkongress, allerdings keiner mit offen konspirativem Charakter.

Reinhard Nesper will Cortona vielmehr als Weiterbildung verstanden wissen, als Ergänzung zum schulischen Betrieb an der ETH. Kreativität etwa ist ein wichtiges Stichwort zum Cortona-Programm, und zweifellos ist sie ein ebenso wichtiger Teil jeglicher Forschung, die nicht zur methodenratternden Routine werden will (die Politik huldigt derselben Idee ja derzeit in Gestalt des Götzen «Innovation»). An der ETH selbst sucht man ein diesbezügliches Ausbildungsangebot aber vergebens - abgesehen vielleicht von Friederike Kretzens Schreibwerkstatt, die noch auf Adolf Muschg zurückgeht. In Cortona kann man umso ungezwungener sein künstlerisches Talent erproben, beim Theaterspielen, Bildhauen oder Geschichtenerzählen. Es wäre zu viel erwartet, dass solche Kreativnachmittage einen unmittelbar befruchtenden Effekt auf die Laborarbeit hätten - so einfach erlernt sich das Freestyle-Forschen jenseits des Versuchsprotokolls nicht. Das sehen auch die meisten anwesenden Jungforschenden so.

Wie weiland Pauli und Jung

Viel eher dienen die geladenen ReferentInnen, die jeweils am Morgen ihre Forschungsergebnisse vorstellen, der Inspiration. Sie kommen zwar aus den verschiedensten Fachgebieten, von Architektur über Physik bis zu Psychologie, doch alle beherzigen sie auf die eine oder andere Weise ein weiteres dieser Schlagwörter, die immer dann zu hören sind, wenn sich jemand neue Impulse für den verkrusteten Wissenschaftsbetrieb wünscht - die Interdisziplinarität. In Cortona kommen allerlei GrenzgängerInnen der Forschung zu Wort: Da gibt es den Psychologieprofessor, der Emotionen mit mathematischen Mitteln beizukommen versucht. Es gibt die Immunologin, die mentale Einflüsse auf ihr Forschungsgebiet nicht mehr einfach ausblenden will, und den Psychotherapeuten, der die Musik Schumanns interpretiert - spielend ebenso wie aus seinem Fachwissen schöpfend.

Doch den Initianten ist nicht allein daran gelegen, Wissenschaft ideenreicher und weniger engstirnig zu gestalten. Sie haben Grösseres im Sinn. Letztlich träumen sie auf ihre Weise den alten humanistischen Traum von der ganzheitlichen Bildung, von der Universität als persönlichkeitsbildender Anstalt. Ein solches Ansinnen darf man heutzutage, da marktorientierte Hochschulleiter im gleichen Jargon wie Wirtschaftsvertreter sprechen, ja eigentlich gar nicht mehr laut äussern. Allerdings können sich die Cortona-Macher mit ihrem Ansatz, die Welterklärung nicht auf die erfolgreiche naturwissenschaftliche Modellierung zu begrenzen, auf eine lange Tradition an der ETH berufen. Als Fluchtpunkt der ganzheitlichen Perspektive figuriert dabei das Gespann Wolfgang Pauli und Carl Gustav Jung. Pauli war von 1928 bis 1958 Professor an der ETH, er ist eine der Lichtgestalten der modernen Physik. Jung praktizierte ebenfalls in Zürich, die beiden lernten sich kennen, als sich Pauli einer Analyse unterzog. Bald ergaben sich daraus eine Freundschaft und ein reger Austausch auch auf fachlicher Ebene, in dem die beiden die psychologische und die physikalische Sicht auf die Welt zu integrieren versuchten. In dieser Tradition stand auch die Gründung des Collegium Helveticum vor gut zehn Jahren, eines Orts, wo geistes- und naturwissenschaftliche Konzepte einander in konkreten Forschungsprojekten befruchten sollen.

In Cortona wird das humanistische Ideal aber ein wenig umformuliert, man will mehr als bloss den Graben zwischen den «beiden Kulturen» der Wissenschaft zuschütten. Es wird hier nicht bloss Wissenschafts-, sondern ganz grundsätzlich Welt- oder eigentlich Selbstforschung betrieben. Viele der Workshops konfrontieren die Teilnehmenden auf eine nicht intellektuelle Weise mit sich selbst. Wer beispielsweise von einem Stadtrundgang mit dem Landschaftsarchitekten und Künstler Jürg Altherr Detailinformationen zur toskanischen Bautradition erwartet, der ist in Cortona fehl am Platz. Stattdessen kann man, blind durch das Gassengewirr geführt, Stadträume - und die Bedrängnis zwischen engen Häuserfluchten - für einmal auf eine nichtvisuelle Weise erfahren. Man kann meditieren, Instant-Gesprächstherapien belegen, Symbole zeichnen und tiefenpsychologisch analysieren - kurz, man kann sich und die Welt fernab aller wissenschaftlicher Nüchternheit und Rigorosität erleben. Es geht dabei um ein anderes wichtiges Stichwort, das eng mit der Cortona-Idee verknüpft ist: um Spiritualität, im weiteren, nicht strikt religiösen Sinn.

Auch die Verbindung von Wissenschaft und Spiritualität beziehungsweise das Bestreben, eine solche herzustellen, hat Tradition. Diese hat nicht dieselben Fundamente wie der Brückenschlag zwischen den beiden wissenschaftlichen Kulturen. Es gab vielerlei Vorläufer, doch waren vor allem die sinnsuchenden Katzenjammerjahre, die auf den grossen Boom in der Wirtschaft und Wissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg folgten, ein fruchtbarer Boden für derlei Synthesen. Jede Wissenschaft hat ihre Wurzel in der Religion, aber es ging damals nicht einfach darum, diese wieder auszugraben, sondern um den Versuch einer Wiedervereinigung eigenständiger Weisheiten, die eine unabhängige Entwicklung durchlaufen hatten. Der New-Age-Guru Fritjof Capra war einer der Vorreiter dieser Bewegung. Vor gut vierzig Jahren hat er das «Tao der Physik» geschrieben, in welchem eine Synthese der östlichen (ergo: spirituellen) und der westlichen (ergo: wissenschaftlichen) Weltsicht versucht wird. In einen ähnlichen Kontext gehören Biologen wie Francisco Varela und Humberto Maturama, die erkenntnistheoretische Fragen in ihre Konzepte von lebenden Systemen eingewoben haben. Auch in Varelas Theoriegebäude spielt der Buddhismus eine wichtige Rolle.

Zutiefst unpolitisch

In Cortona wird dieser holistische Ansatz weitergepflegt. Wenn hier Wissenschaftskritik geübt wird, so bleibt diese immer individuell. Sie setzt am einzelnen Forscher an, dessen auf die Logik verengte Weltsicht geweitet werden muss. Das entsprechende Workshopangebot wird rege genutzt, und man kann annehmen, dass Cortona schon in manchem WissenschaftlerInnenleben eine Zäsur bewirkte, die lange nachgewirkt hat. Das ist, je nach Sichtweise, ein steter Tropfen, der den Stein höhlt - oder aber ganz ohne Wirkung, wenn der Stein ein heisser ist beziehungsweise ein heisslaufender Apparat. Denn in Cortona wird nicht nachgedacht über die Strukturen des Wissenschaftsbetriebs, es ist ein zutiefst unpolitischer Anlass. Es mag sein, dass die Wissenschaftswelt eine bessere wäre, wenn alle ForscherInnen glühende Cortona-AnhängerInnen auf der Suche nach Wahrheiten jenseits der Lehrbücher wären. Dass dies abermals eine Utopie ist, wissen allerdings auch die Organisatoren.

Sie lassen sich davon nicht entmutigen, und die vielen positiven Rückmeldungen der Teilnehmenden geben ihnen darin durchaus recht. Die Frage muss aber erlaubt sein, ob in Cortona nicht mancher wache Geist in einen beseelten und traumreichen Schlaf gewiegt wird. Die Schulleitung kann sich eigentlich keinen harmloseren Anlass wünschen, an dem sich Leute treffen, die unzufrieden sind mit der verkürzten Sicht und der grobschlächtigen Anwendung jenes Wissens, über das der Mensch verfügt und meint, nach Belieben darüber verfügen zu können. Dass sich diese Kritik nie deutlich artikuliert, sondern - um es im Cortona-Jargon zu sagen - in der Sonne der Toskana sublimiert wird, ist eine Arroganz der sehr feinsinnigen Art.

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