Nr. 35/2010 vom 02.09.2010

Das Millionengrab

Nachdem die Stadt St. Gallen Privaten den Bau des Fussballstadions ermöglicht hat, machen die bürgerlichen Stadionbetreiber jetzt wieder die hohle Hand beim Staat. Diesmal wollen sie sechs Millionen Franken – um den Konkurs abzuwenden. Eine Geschichte, wie König Fussball der Politik die Sinne vernebelt.

Von Daniel Ryser

Vor sechs Jahren versammelten sich im St. Galler Stadtpark 200 Fussballfans zur Abschlusskundgebung einer Demonstration für ein neues Stadion im Westen der Stadt. Die Stimmung war aufgeheizt, weil Einsprachen des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS) den Bau des 300-Millionen-Projekts, eines Stadions, ummantelt von Ikea und Jelmoli, zu verzögern drohten. Die hundertjährige Vereinsgeschichte des FC St. Gallens werde durch die Einsprachen bedroht – je länger sich der Bau verzögere, desto grösser würden die finanziellen Sorgen, sagte der damalige Präsident Dieter Fröhlich. Der St. Galler Fussball brauche an einem neuen Ort ein neues Stadion, hiess es. Denn Fussball sei heute ein Event – mit Family-Corner, Business-Seats und VIP-Logen. Gerade ohne Logen war der St. Galler Fussball bis dato ausgekommen (und 2010 sollte sich herausstellen, dass sich die Logenvermietung nicht auszahlte), der Hauptsponsor hatte im baufälligen Espenmoos auf demselben Holzstuhl Platz zu nehmen wie der Büezer.

Das musste sich ändern, ein neues Stadion werde dem St. Galler Spitzenfussball Schub geben, verbreiteten der FC und alle bürgerlichen Parteien in Communiqués. Da fühlte sich auch Albert Nufer, damals Grüner, später grünliberaler Gemeinderat und bis dato eher als friedlicher Barfussspazierer denn als politischer Pöbler aufgefallen, bemüssigt, irgendetwas zu tun. Er trat also an der Abschlusskundgebung jener Pro-Stadion-Demonstration vor die Fans und sagte: «Wenn diese Leute vom VCS ihre Einsprachen nicht zurücknehmen, müssen wir die uns womöglich mal ein wenig genauer anschauen.» Es war ein unmissverständlicher Aufruf zur Gewalt. Eine Mitarbeiterin des VCS hatte zu jener Zeit ihre Stelle bereits gekündigt, weil sie die permanenten Drohungen, die bis zu Morddrohungen reichten und auch privat und spätnachts ausgesprochen wurden, nicht mehr aushielt. Nufer lächelte ob seinen eigenen Worten, und die Fans johlten und applaudierten.

Wut-Kundgebung

Sechs Jahre später, am vergangenen Donnerstag, versammelten sich bei Einbruch der Dunkelheit ganz in der Nähe, auf dem Marktplatz, wieder die Fussballfans zu einer Kundgebung. Diesmal war es keine bewilligte, sondern eine spontane Demonstration des Zorns. Wieder ging es um das Fussballstadion, das inzwischen gebaut worden war. Jetzt aber traf die Wut nicht die Einsprecher des VCS, die linken «Verhinderer» und «Skeptiker», sondern die Erbauer und Betreiber des Stadions, die Verwaltungsratsmitglieder von Stadion AG (zuständig für den Bau und Unterhalt der Arena) und Betriebs AG AFG-Arena (zuständig für den Betrieb); die AFG-Arena ist ja nach dem Unternehmen des Stadionsponsors Edgar Oehler, der Arbonia-Forster-Holding, benannt.

Denn bloss zwei Jahre nach Inbetriebnahme des Stadions war an jenem Donnerstag, dem 26. August 2010, an einer Pressekonferenz, zu der Stadt und Kanton geladen hatten, bekannt geworden, dass die Betriebs AG AFG-Arena ohne Millionenzuschüsse der öffentlichen Hand in Konkurs gehen werde. Insgesamt werde ein Rettungspaket von sechzehn Millionen Franken benötigt, um Löcher zu stopfen, Schulden zu zahlen und Liquidität herzustellen. Ansonsten kollabiere zuerst der Stadionbetrieb, dann der FC. Das Versprechen, ein neues Stadion bringe den Verein für immer voran, hatte sich in Luft aufgelöst. Und weil dieser FC ein derart wichtiger Imageträger für die Region sei, wie Regierungspräsident Willi Haag (FDP) an der Pressekonferenz sagte, müsse er gerettet werden. Die SteuerzahlerInnen hätten keine andere Wahl. Die Rettungspakete (Kanton: vier Millionen, Stadt: zwei Millionen) müssten von den beiden Parlamenten abgesegnet werden, «und ich hoffe, das wird passieren».

Spendabler Staat

«Mit dem neuen Stadion werden die finanziellen Sorgen des FC St. Gallen auf alle Zeit gelöst sein.» Das hatte Hans Hurni 1999 im ersten St. Galler Stadionabstimmungskampf gesagt. Und Hans Hurni war immerhin einmal Präsident der St. Galler Kantonalbank. Ein Mann also, der sich mit Zahlen auskennt. Er war auch mal Präsident des FC St. Gallen. Er ist der starke Mann hinter der Planung der AFG-Arena, in St. Gallen nannte man ihn liebevoll «Stadionvater». Inzwischen ist es mit der Liebe vorbei. Nicht unbedingt wegen der sich abzeichnenden Pleite, sondern wegen der Vorgeschichte: Hurni hatte für den Bau seines privaten Stadions von der Stadt ein grosses Geschenk erhalten: Land im Wert von 14 Millionen Franken, welches er dann für 42 Millionen Franken an Investoren weiterverkaufen konnte (Jelmoli und Ikea). Und das Glück schien Hurni & Co. hold: Die Stadionbetreiber hätten der Stadt laut Businessplan jährlich rund 500 000 Franken Vergnügungssteuer abtreten müssen – zwischen Planung und Eröffnung des Stadions wurde diese Steuer aber abgeschafft. Ein weiteres Millionengeschenk.

Mitinitiiert und gebaut wurde die Arena von der Generalunternehmung HRS. Deren Verwaltungsratspräsident Rainer Sigrist wurde gleichzeitig Präsident des Verwaltungsrates der Betriebs AG AFG-Arena, der Stadionbetreiberin. Im gleichen Verwaltungsrat nahm auch Hans Hurni Platz. Urs Peter Koller, ein Freund von Hurni und während 25 Jahren HRS-Generalunternehmer, nahm im Verwaltungsrat der Stadion St. Gallen AG Einsitz. Nötige Kredite kamen von der St. Galler Kantonalbank, inzwischen Hauptsponsorin des FC St. Gallen. Der Stadionbau sollte 58 Millionen kosten. 42 Millionen davon wurden durch den Verkauf des städtischen Baulands erzielt. Doch dann passierte etwas Merkwürdiges: Obwohl die HRS das Stadion baute, und obwohl mit Sigrist und Koller die zwei mächtigsten HRS-Männer auf beiden Seiten involviert waren, als Auftraggeber und Auftragnehmer, fiel die HRS-Rechnung plötzlich, als das Stadion bereits in Bau war und kein Parlament mehr Einspruch erheben konnte, um zwölf Millionen Franken höher aus als geplant. Der Bau der AFG-Arena kostete nun 70 Millionen Franken. Das habe man im Voraus ganz einfach nicht wissen können, sagte Rainer Sigrist an der Pressekonferenz letzten Donnerstag. Es war die einzige Erklärung, die der HRS-Mann in dieser Frage abgab. Man müsse jetzt vorwärtsschauen. Es sei jetzt halt teurer geworden, drum brauche man nun Geld der öffentlichen Hand. Aber sei dieses Geld gesprochen, seien alle finanziellen Probleme der Betriebs AG für immer gelöst.

In St. Gallen hat auf die Differenz von zwölf Millionen bisher niemand eine Antwort gefunden. Pfusch? Unwägbarkeiten? Oder Kalkül? Kalkül – daran glaubt Thomas Hansjakob, St. Gallens Erster Staatsanwalt und 2003 als SP-Kantonsrat Wortführer der geringen (ausschliesslich linken) parlamentarischen Opposition gegen das Projekt, das, wie die Linke damals kritisierte, «finanziell auf Sand gebaut ist».

Bewusst falsch gerechnet?

Staatsanwalt Hansjakob glaubt eine simple Erklärung dafür gefunden zu haben, wie der Bau der AFG-Arena plötzlich 12 Millionen Franken teurer werden konnte, obwohl die HRS auf beiden Seiten entscheidend involviert war: «Mit 58 Millionen Franken ging die Rechnung im Parlament perfekt auf. Mit 70 Millionen wäre sie nicht mehr aufgegangen. Die Stadionplaner wären damit im Parlament durchgefallen. Ich gehe davon aus, dass sie von Anfang an wussten, dass die ‹ertragbringenden Investitionen› nötig sind, und dass sie davon ausgegangen sind, dass die öffentliche Hand sie später, wenn sie die ganze Rechnung präsentieren, nicht im Stich lassen wird. Nicht einmal die Gegner des Projekts wollen jetzt eine Ruine, ein Millionengrab. Finanz- und Bauprofis wie Hans Hurni und Rainer Sigrist wissen bei einem 58-Millionen-Projekt, bei dem sie persönlich als Betreiber und Unternehmer involviert sind, von Anfang an, welche Investitionen für den Betrieb nötig sind.»

Ein Vertreter der Stadt, der bei den Verhandlungen dabei war, die am 23. Januar 2009 unter strenger Geheimhaltung überstürzt begannen, sagt, die Arroganz der privaten Stadionbetreiber sei «beeindruckend» gewesen: ‹Zahlt das mal›, das war die Haltung zu Beginn der Verhandlungen. ‹Ihr müsst ja, ihr habt keine andere Wahl.› Wir mussten ihnen also zuerst einmal erklären, wie die politischen Realitäten heute aussehen, dass der FC St. Gallen seit dem Meisterjahr 2000, als die Stadiongeschichte in Schwung kam, massiv an Goodwill eingebüsst hat. Dem ist deshalb so, weil die jetzige Rettungsaktion eine von vielen ist» (vgl. Kasten.)

Sechs Millionen soll die öffentliche Hand nun noch einmal sprechen. Auf ein Mitspracherecht will man verzichten. Regierungspräsident Haag mag dem Wort der Betreiber vertrauen, dass es diesmal gut kommt. Ob es gut kommt? Obwohl der veranschlagte nötige Zuschauerschnitt von 120 000 teilweise erheblich übertroffen wurde, reichte das Geld nicht. Grosse Konzerte scheinen – anders als in der Planungsphase behauptet – auch in Zukunft in Zürich, Bern und Basel stattzufinden. Die Challenge League ist derzeit auf jeden Fall näher als die Champions League, von der man in St. Gallen bei der Planung der Arena träumte und von der der Regierungspräsident auch im August 2010 noch immer schwärmte: «Internationale Spiele!» Doch der heruntergewirtschaftete FC St. Gallen steht derzeit am Tabellenende der Super League. Die Kritiker des St. Galler Stadionbaus sehen in der Private-Public-Partnership je länger, je weniger eine Partnerschaft, sondern eher ein sinkendes Schiff, das sich als Flaggschiff der Region verkauft, «too big to fail», wie es in der Debatte jetzt heisst, offensichtlich aber in erster Linie «too big», um im kleinen nationalen Fussballgeschäft zu rentieren.

Bisher waren die Bücher der Betriebs AG geheim. Jetzt fordert die Regierung Transparenz. Sonst gebe es kein Geld. Doch dass sich daran im Detail wirklich etwas ändert, bezweifelt Thomas Hansjakob. «Der jetzige Ruf nach Transparenz ist in spätestens drei Wochen vom Tisch. Denn müsste die Betriebs AG offen legen, welche Löhne sie zahlt, käme die Sache im Parlament nicht durch. Es wird heissen, aus Gründen der Anonymität von Sponsoren könne man die Zahlen nicht offenlegen. Das hiess es früher, das wird es auch jetzt wieder heissen.»

Anruf aus der Hotelsuite

Es ist Dienstagmorgen, als Hans Hurni zurückruft. Der Anruf kommt aus der Suite des Viersternehotels Radisson. Dort, im 9. Stock, wohnt der Ex-Kantonalbankpräsident, Ex-FCSG-Präsident, Verwaltungsrat der Betriebs AG und St. Galler Stadionvater. Das Radisson gehört seinem Freund Urs Peter Koller, Ex-HRS-Generalunternehmer und Verwaltungsrat der Stadion St. Gallen AG. In den letzten Wochen war Hurni abgetaucht, auch zur Pressekonferenz war er nicht erschienen. In St. Gallen heisst es, der heute 85-Jährige trauere um sein Lebenswerk. Jetzt aber ist Hurni zuerst einmal ziemlich sauer.

«Egal, wo ich hinkomme, ich muss mich überall rechtfertigen. Die Stimmung ist aufgeheizt», sagt er. «Die Medien haben Unfug angerichtet. Man erzählt Sachen, die nicht stimmen.» Es werde geschrieben, die Betriebs AG habe falsch kalkuliert, einen falschen Businessplan vorgelegt. «Das ist verantwortungslos. Das St. Galler Tagblatt ist doch ein Sponsor von uns, des FC St. Gallen. Die müssten uns doch helfen.»

Tatsächlich war sich Hurni einen anderen Umgang gewohnt. 1999 noch hatte ihn das Monopolblatt im Abstimmungskampf deutlich unterstützt: Wie der «Tages-Anzeiger» damals publik machte, stellte es als damaliger Hauptsponsor des FC St. Gallen den Befürwortern der Landschenkung, dem SVP-CVP-FDP-Pro-Komitee um Kampagnenleiter Sven Bradke, damals FDP-Gemeinderat, heute Aldi-Sprecher, seitenweise Inserate gratis zur Verfügung. «Ein Beitrag zur Stadtkultur», sagte der damalige Verlagsleiter Urs Lanz. «Hätte ich die Macht dazu gehabt, hätte ich es verhindert», konterte der damalige Chefredaktor Gottlieb Höpli. Mit Geschenken dieser Art ist es derzeit vorbei.

Und jetzt kommt auch noch Thomas Hansjakob, St. Gallens Erster Staatsanwalt, und unterstellt Hurni, sich womöglich bewusst verrechnet zu haben im Wissen, dass die Politik dem FC wie immer unter die Arme greife. «Das stimmt nicht, was er da erzählt», sagt Hurni. «Man kann nicht einfach sagen, es hat zwölf Millionen Franken mehr gekostet. Was da alles geschrieben wird, ist fast kriminell: Geld sei verschwunden, man wisse nicht, wo das Geld hinging ...»

Er stelle sich täglich die Frage, wie die Stimmung nur derart habe kippen können. «Da bin ich von der negativen Stimmung überrascht worden. Als die ersten Gespräche zur Sanierung stattfanden, wurde zwischen den Parteien Stillschweigen vereinbart. Das war ein Fehler. Denn als erste Details an die Medien durchsickerten, konnten wir nichts klarstellen. Stadt und Kanton bestanden auf der Stillschweigevereinbarung. Jetzt ist derart viel Schaden angerichtet, dass es fast unmöglich ist, die Sachen wieder ins rechte Licht zu rücken.» Stattdessen werde nun der Ruf nach personellen Konsequenzen laut. «Ein prominenter Vertreter der SVP sagte zu mir: ‹Jetzt müssen Köpfe rollen, sonst gibt es keine weiteren Steuergelder.› Ich fragte ihn: ‹Muss das immer so sein? Müssen immer Köpfe rollen?› Offenbar.»

«Hans, sorge dich nicht»

Dann sagt Stadionvater Hans Hurni: «Aber ich möchte sehen, wer die Verantwortung übernimmt, wenn sich die Politik querstellt, wenn das Stadion plötzlich leer ist, zur Ruine wird, und der FC in der 1. Liga spielt – ich als Stadionbauer werde diese Verantwortung sicher nicht übernehmen.» Es ist die Rechnung, die ihm Thomas Hansjakob unterstellt, von Anfang an gemacht zu haben.

Dann wird die Politik den Verein also retten? «Am Montagabend befand ich mich an einer Tourismusveranstaltung im Kreise hochkarätiger Vertreter aller Parteien, die mir versicherten: ‹Hans, sorge dich nicht, es kommt gut.› Das sind Leute, die glaubwürdig sind. Zu später Stunde auf dem Heimweg sagte ich dann zu einem bürgerlichen Politiker: ‹Ich zähle auf dich.› Er antwortete: ‹Du musst keine Angst haben.›»

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