Nr. 37/2010 vom 16.09.2010

Die blutigste Revolution auf deutschem Boden

Warum ist es so ein Elend mit dem Autoverkehr? Zwei Autokritiker kommen zu unterschiedlichen Antworten.

Von Marcel Hänggi

Als ich jüngst verhört wurde, weil eine Autofahrerin, die beinahe meine Kinder überfahren hätte, mich verzeigt hatte (mein Schimpfen hatte sie eingeschüchtert), fragte die Polizistin plötzlich: «Hassen Sie Autos?» Nun, ich habe Kinder, bin Fussgänger und Radfahrer – wie käme ich dazu, Autos nicht zu hassen? Aber es gibt Situationen, da sollte man nicht ehrlich sein.

Nun hat Klaus Gietinger mein Buch geschrieben: das «Autohasserbuch». Kritik am Auto, schreibt Gietinger, kleide sich fast immer in die Form «Ich will das Auto ja nicht verteufeln, aber ...». Er hingegen findet: «Es wird endlich Zeit, das Auto zu verteufeln!» Denn es sei des Teufels, und «Exorzismus ist nötig».

Gewiss: Damit gewinnt man keine LeserInnen, die es nicht sowieso schon wissen. Aber diese gewinnen zu wollen, hiesse, das Auto schönreden zu müssen. Weil Gietinger das nicht tut, ist sein Buch ein Labsal.

Gietinger steigt ein mit dem Zusammenbruch der DDR. Dieser sei alles andere als friedlich verlaufen, denn kaum war die Wiedervereinigung in Sicht, wurden Tempo- und Alkohollimiten dem Weststandard angepasst. Mit der Folge, dass die Zahl der Unfalltoten auf das Dreifache hochschnellte. Bis die Ossis so weit diszipliniert waren, dass die Unfallopferzahlen in den neuen Bundesländern wieder auf DDR-Niveau gefallen waren, starben auf den ostdeutschen Strassen 14 140 Menschen zusätzlich zu den «üblichen» Todesopfern – womit «1989» die «wohl blutigste Revolution auf deutschem Boden» gewesen sei.

Dieser Vergleich mag abenteuerlich scheinen. Doch Gietinger geht es darum, infrage zu stellen, was wir als normal zu betrachten gelernt haben. Ob in Revolutionswirren erschossen oder vom Auto überfahren: In beiden Fällen bringen Menschen Menschen um.

Gietinger zeigt, wie es kam, dass wir uns an das gewöhnt haben, was nicht hinnehmbar ist – und dass die autoverliebten Nazis in diesem Gewöhnungsprozess eine Hauptrolle spielten und ihre Spuren bis in die heutige Rechtsprechung hinterliessen, die Verkehrstote als unumgänglichen Tribut an den Götzen Mobilität behandelt. Wenn Gietinger, ein sprachgewandter Filmregisseur, immer wieder ohne falsche Pietät erzählte Episoden einstreut, wie Berühmtheiten sich mit dem Auto vom Leben in den Tod befördert haben, so liest sich das ausgesprochen amüsant – und ebenso erschütternd, wenn er von Jugendbekannten berichtet, die den Verkehr nicht überlebt haben.

Laut Gietinger gibt es im deutschen Sprachraum nur fünf wirkliche Autokritiker (darunter WOZ-Autor Winfried Wolf). Einer von diesen, Hermann Knoflacher, hat ebenfalls ein neues Buch vorgelegt: «Virus Auto». Wie ein Virus den von ihm befallenen Organismus veranlasst, immer neue Viren zu schaffen, bringt das Auto laut Knoflacher die Gesellschaft dazu, immer mehr Autoverkehr hervorzubringen. Anders als Gietinger ist der emeritierte Professor der Technischen Universität Wien ein Fachmann mit akademischen Meriten. Das Buch ist dennoch frei von Fachjargon; leider verzichtet Knoflacher auch auf Fussnoten und Literaturangaben. Wer Gelegenheit hat, einen der von Charme und Witz sprühenden Vorträge des Wieners zu hören, ist damit besser bedient als mit dem Buch.

Wie Gietinger will auch Knoflacher «ver-rückte Wahrnehmungen» zurechtrücken. In einem Punkt aber unterscheiden sich die beiden: Knoflachers Interesse gilt den gesellschaftlichen Strukturen mit ihren Zwängen. Den Autofahrer, die Autofahrerin sieht er als Opfer dieser Zwänge. Für Gietinger sind dagegen die «Autler» selber blöd. Und während Knoflacher als Verkehrsplaner in einigen Fällen beim Abbau von Verkehrszwängen Erfolge erzielt hat, wirkt Gietinger auf anderer Ebene: «Den Kfz-lern den Spülknopf zeigen, den sie drücken müssen, damit die Scheisse, die sie im Gehirn haben, abläuft, das mache ich doch gerne.» Und damit muss ja auch mal einer anfangen.

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