Nr. 42/2012 vom 18.10.2012

Was treibt der Tranceradler auf dem Trottoir?

Die Verkehrssituation in Schweizer Städten ist alles andere als entspannt. VelofahrerInnen fühlen sich vom motorisierten Verkehr bedrängt und weichen aufs Trottoir aus – auf Kosten der FussgängerInnen. Ein Bericht aus Basel.

Von Susi Stühlinger

Kurz vor dem Zusammenstoss? Hört man sich in Basel um, scheint zwischen VelofahrerInnen und FussgängerInnen ein veritabler Krieg ausgebrochen zu sein. Foto: Claude Giger

Was dürfen RadfahrerInnen? Darüber wird in Basel derzeit heftig diskutiert. Im September titelte die «Basler Zeitung» («BaZ»): «Der Velofahrer als Rowdy und Gesetzesbrecher». Die Wogen in den LeserInnenkommentaren gingen hoch, vom «Krieg auf der Strasse» war die Rede, von Velokurieren, die achtlos über Trottoirs rasen. Aber auch von sinnlosen Ampelregelungen für RadfahrerInnen. Und davon, dass man sich als VelofahrerIn auf der Strasse nicht sicher fühlen könne. Was ist dran am Konflikt, am «Krieg» auf der Strasse, auf der es zusehends enger wird?

Beat Leuthardt ist mit dem Fahrrad zum Treffen gekommen. «Ja, ich fühle mich als Fussgänger durch zunehmend rücksichtsloses Velofahren bedroht», sagt er. Leuthardt ist in einigen lokalen Verkehrsverbänden Mitglied (Pro Velo) beziehungsweise aktiv (im Vorstand des Verkehrsclubs der Schweiz, VCS, Sektion beider Basel, und in der Interessengemeinschaft Öffentlicher Verkehr, IGÖV, Nordwestschweiz) und fährt täglich Fahrrad. Seine derzeitigen Beobachtungen machen ihm zu schaffen: «Dass die Rücksichtslosigkeit im Strassenverkehr bei Velofahrenden zunimmt, beobachte ich schon länger. Aber dass vermehrt auf den Trottoirs gefahren wird, das gibt es meinem Eindruck nach erst seit etwa einem Jahr.» FussgängerInnen, macht er geltend, haben das Recht auf ihren Raum, ohne ständig schauen zu müssen, ob sich nicht gerade irgendwo auf dem Trottoir ein Radfahrer nähert. In vielen Velofahrweisen erkennt er eine latente Alters- und Behindertenfeindlichkeit.

Gemäss Beat Leuthardt sind nicht nur die «Raser» unter den VelofahrerInnen problematisch. Er unterscheidet drei Arten von bedrohlichen RadlerInnen. Erstens: die «Kampfradler», die nach den Sitten der Velokuriere in horrendem Tempo überall fahren, wo sie sich durchsetzen können; zweitens: die «Transradler», die sich – wenn auch nicht unbedingt schnell – auf der kürzesten Geraden von hier nach dort bewegen, egal wem sie damit auf dem belebten Platz oder auf der geschützten Tramhaltestelle in die Quere kommen; und drittens: die «Tranceradler», die mit den Gedanken irgendwo sind, aber bestimmt nicht auf der Strasse, und darum auch einfach überall durchfahren.

Nur einige wenige Rüpel

Auch Ernst Jost, ehemaliger SP-Grossrat und im Vorstand des VCS, nimmt eine zunehmende Rücksichtslosigkeit von VelofahrerInnen wahr: «Die mangelnde Sensibilität ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.» Er fühle sich als Fussgänger seit fünf Jahren zusehends unwohl und ist sich sicher, dass sich dieses Gefühl auch zahlenmässig objektivieren liesse. «Ich glaube langsam, dieser Kampf ist verloren», sagt er, «man wird sich daran gewöhnen müssen.» Bei den Behörden und PolitikerInnen – selbst bei linken – stosse man in Basel auf taube Ohren. «Öffentlich anerkennen manche Exponenten das Problem – in der Realität sieht es bei einigen jedoch anders aus, wenn man sie dann auf dem Velo sieht.»

«Selbstverständlich verurteilen wir rücksichtsloses Verhalten auch seitens der Velofahrer», sagt Stephanie Fuchs, Geschäftsstellenleiterin des VCS beider Basel. Ob die Situation für FussgängerInnen tatsächlich prekärer geworden sei, könne sie nicht beurteilen, dazu fehlten Fakten. Die effektive Gefährdung durch Velos sei – von einigen wenigen Rüpeln einmal abgesehen – verschwindend klein, auch wenn sie anerkenne, dass sich besonders ältere FussgängerInnen durch Velos auf dem Trottoir bedroht fühlten. Den wirklichen Grund für Engpässe auf den Strassen sieht Fuchs im wachsenden Verkehrsaufkommen: «Die Velofahrer fühlen sich ihrerseits bedrängt und gefährdet: durch den motorisierten Verkehr. Wenn ich sehe, wie der Autoverkehr immer dichter und dominanter wird, habe ich Hemmungen, von einem Familienvater mit Kindern zu verlangen, sie sollen auf der Strasse und nicht auf dem Trottoir fahren.»

Die aktuelle Debatte hält Fuchs für unverhältnismässig. «Nach dem Artikel in der ‹BaZ› habe ich gezählt: Es gab seither in und um Basel rund zwanzig Unfälle, bei denen Velofahrende oder Fussgänger ohne Selbstverschulden von Autos und Lastwagen angefahren wurden. Kein einziger Grundsatzartikel oder Leserbrief erschien dazu in der Zeitung. Dass von Fussgängerseite jetzt ein pauschales Velo-Bashing betrieben wird, aber das viel grössere Unfallrisiko Auto stumm hingenommen wird, das verstehe ich nicht.»

Es gehe doch darum, den umweltfreundlichen Fuss- und Veloverkehr gemeinsam zu fördern, damit auch AutofahrerInnen wieder mehr zu Fuss gehen und aufs Velo umsatteln würden. «Die Verkehrsplanung benachteiligt aber das Velo gegenüber dem Auto. Die Strassengestaltung und der Verkehrsablauf sind aufs Auto ausgerichtet und ergeben für Velos oft keinen Sinn.» Der VCS beider Basel hat im Frühling dieses Jahres die kantonale Initiative «Strassen teilen – Ja zum hindernisfreien Fuss-, Velo- und öffentlichen Verkehr» lanciert. Sie fordert überall separate Velospuren und Gehflächen. Wo dies nicht möglich ist, soll maximal Tempo 30 gelten. «Wenn der Velofahrer auf der Strasse vorwärtskommt und sich sicher fühlt, wird er nicht aufs Trottoir ausweichen. So verbessert sich auch die Situation der Fussgängerinnen. Klar, gegen Velorüpel hilft das nicht. Aber die meisten Velofahrenden sind keine. So wie die wenigsten Autofahrer Raser sind», sagt die VCS-Geschäftsführerin.

Klare Tendenzen, die für ein sich verschlechterndes Verhalten der VelofahrerInnen sprechen würden, erkennt auch Roland Chrétien nicht, Geschäftsführer des Vereins Pro Velo beider Basel. «Allerdings», so Chrétien, «haben viele Leute heute wohl ein anderes Verhältnis zu Autoritäten und nehmen es mit den Regeln nicht so genau, was auch zu Rücksichtslosigkeit und Konflikten führen kann.» Eine Lösung für dieses Problem sehe er nicht. Mehr Kontrollen und Sanktionen durch die Polizei erachtet er als kaum zielführend, zumal das Phänomen punktuell und schwer zu fassen sei. «Da muss man sich aus Gründen der Verhältnismässigkeit gut überlegen, ob man die Polizisten nicht besser woanders einsetzt.» Und selbst eine verbesserte Infrastruktur könne kaum verhindern, dass die VelofahrerInnen die letzten Meter bis zum Zielort auf dem Trottoir zurücklegten.

Hauptfeind bleibt das Auto

Es gibt kaum Zahlen dazu, wie sehr FussgängerInnen durch RadfahrerInnen beeinträchtigt werden. Velounfälle, die sich aus Kollisionen mit FussgängerInnen ergeben, werden in Basel neuerdings nicht mehr separat aufgeführt. 2010 waren es 15 von insgesamt 132 Velounfällen. Die Fachstelle für Mobilität hat im September im Rahmen der Kampagne «Fair im Verkehr» einen jungen Mann auf einem pinkfarbenen Velo losgeschickt, der 120 PassantInnen über ihr Empfinden zur Fairness im Strassenverkehr befragte. Fast achtzig Prozent der Befragten gaben an, dass sie die Fairness im Verkehr vermissen würden. Ausserdem ergab die Auswertung folgende Haupterkenntnisse: erstens: Die Autofahrer nutzen gemäss den Befragten häufig ihr «Recht des Stärkeren» aus. Und zweitens: Die VelofahrerInnen nähmen es mit den Regeln nicht so genau.

Beat Leuthardt setzt den Helm auf. Er sei alles andere als ein Freund von Restriktionen und Autoritäten, sagt er. «Es ängstigt mich, wenn sogar ich darüber nachdenke, ob diesem Problem nicht anders beizukommen ist.» Nach wie vor sei aber das Auto der Hauptfeind. «Doch das heisst nicht, dass sich die Velofahrenden gegenüber den zu Fuss Gehenden aus der Verantwortung stehlen können.»

Velokrise

Klassenkampf im Mittelstand

Es gibt diese Fotografien aus den zwanziger Jahren, auf denen eine Masse ArbeiterInnen, mit Mütze oder Kopftuch, ihre Fahrräder bis zum Fabriktor schieben. Wunderbar nostalgisch. Mittlerweile radelt der Mittelstand. Vor allem der linksliberale. Ja, man könnte diese diffuse soziale Masse durch den Habitus charakterisieren, sich stolz aufs Rad zu schwingen. Oder entschiedenste VeloverächterInnen zu sein.

Denn zum linksliberalen Velofahren gehört untrennbar die heftige Diskussion ums Velo.

Natürlich, der gemeinsame Feind von VelofahrerInnen und FussgängerInnen ist das Auto. Doch dann hört die Einigkeit auf: Ein Bruch geht durch die mittelständische Welt.

Unter der herrschenden Verkehrsordnung entsteht ein Verteilungskampf um Platz. Der krude Interessenkonflikt wird von beiden Seiten mit der Beschwörung hehrer Werte in den Himmel der Ideologie gehoben. Die Velofahrerin scheint subversiv die Machtverhältnisse zu negieren, indem sie stehende Autokolonnen umkurvt. Was wäre dagegen der schüchterne Versuch des Fussgängers, die Strasse bei Rot zu überqueren? Der illusionären Allmachtsfantasie der VelofahrerInnen halten die FussgängerInnen die stolze Ohnmacht der Entrechteten entgegen.

Velos verbindet man mit Ökologie und Gesundheit. Wie selbstgerecht lassen sich auf dem hohen Ross mit der Klingel Flaneure aufschrecken. Doch im guten Gewissen steckt das schlechte. Denn VelofahrerInnen haben Anteil am falschen Wahn der Mobilität. Obwohl sie die richtige Form der Mobilität gewählt haben, sucht sie doch die schreckliche Ahnung heim, diese kleine Tat könnte nicht genügen.

Die zu Fuss gehenden VeloverächterInnen hingegen fühlen die Verlockung der Maschinenstürmerei und erklären diese trotzig zur Tugend. Und dem Velo fahrenden Gesundheitsapostel halten die Fussgänger die vollkommene Autonomie des eigenen Bewegungsapparats als verzerrtes Spiegelbild vor.

So krachen VelofahrerInnen und FussgängerInnen auf dem Trottoir dialektisch zusammen.

Stefan Howald

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