Nr. 37/2010 vom 16.09.2010

Reich bleiben und schweigen

Hinter der Abstimmung zum Hardturmpark vom 26. September steht eine Zürcher Familien- und Feudalgeschichte: Von einer Textilfärberei über General Wille bis zum Bauen im 21. Jahrhundert.

Von Kaspar Surber

Karin Rykart Sutter steht auf dem Schotterfeld. Sträucher wuchern, Abfall liegt herum. Auf der einen Seite entsteht aus der Toni-Molkerei ein Zentrum für Bildung und Kultur, auf der anderen aus den Trainingsplätzen der Grasshoppers der Hardturmpark. Der Lärm der Bagger, das Kreisen der Baukräne: Die Umwälzung, die das einstige Zürcher Industriequartier erfasst hat, ist hier körperlich spürbar. Rykart Sutter, Ko-Präsidentin der Grünen, wirkt nicht wie eine militante Baugegnerin, vielmehr ist sie eine Frau aus dem Quartier, deren Kinder irgendwo zur Schule müssen. «Die Leute fragen sich, warum wir uns gegen den Verkauf dieses Bodens wehren», sagt sie. «Es ist ganz einfach: Weil wir damit ein Pfand in der Hand haben.»

Das Schotterfeld gehört der Stadt Zürich. Zusammen mit weiteren Landsplittern ergänzt es das Grundstück, auf welchem der Hardturmpark entstehen soll. Nur mit diesen zusätzlichen 3866 Quadratmetern wird die Überbauung mit Wohnungen, Läden, Hotels und einem Hochhaus überhaupt möglich. Rykart Sutter zeigt in die Ferne: Dort, hinter dem Bahnviadukt, der Nationalstrasse, dem Elektrizitätswerk, ist das Quartierschulhaus geplant. «Es würde besser hier stehen. Das zum Beispiel hätte die Stadt einfordern müssen, anstatt den Boden erst noch unter dem Marktwert zu verkaufen.»

Die Käufer sind Vincent Albers von der Hardturm AG und Balz Halter, der Chef der Halter AG. Zusammen realisieren der Grundbesitzer und der Immobilienentwickler den Hardturmpark für 475 Millionen Franken. Die WOZ hätte gerne mit Albers und Halter über das Bauvorhaben gesprochen. Doch sie wollten keine Auskunft geben: «Oft unterwegs», «voller Terminkalender», und beiderseits: «Danke für ihr Verständnis.» Vielleicht wollen sie Aufmerksamkeit vermeiden. Am 26. September stimmen die StadtzürcherInnen über den Landverkauf ab, da die Grünen und die Alternativen das Referendum ergriffen haben. Auch der Mieterverband sagt Nein.

Die Schoellers

Eine zweite Anfrage beantworteten Albers und Halter ebenfalls abschlägig. Ein Interview wäre «zurzeit nicht planbar» (Albers), es gebe «Berührungsängste» (Halter). Vielleicht, weil es eine aufschlussreiche Geschichte ist, die hier unter dem Boden liegt. Sie erzählt von altem Besitz und neuen Projekten und erklärt ein Stück weit, welche Kräfte die Umgestaltung vorantreiben.

150 Jahre ist es her, dass Rudolph Schoeller, Textilindustrieller aus Breslau und Grossgrundbesitzer, Preussen den Rücken kehrte. In Zürich erwarb er 1865 das Areal um den historischen Hardturm und begründete eine Textilfärberei sowie die Kammgarnspinnereien in Schaffhausen und Derendingen. Die Industriellenfamilie zählte zu den bedeutendsten deutschen Unternehmern im Einzugsgebiet des Zürichsees.

Über die Jahrzehnte kamen Tochtergesellschaften in Europa sowie Plantagen im südlichen Afrika und in Brasilien hinzu, die Firma ging weiter an seine Söhne und schliesslich in der dritten Generation an Walter Schoeller. «Ein Mann von Format, ein Phänomen, Erzkapitalist, Mythos, Geizkragen, Supersponsor», schrieb einst das «Tages-Anzeiger-Magazin». Schoeller wurde «Mister GC» genannt: 1934 erwarb er das Hardturmstadion nach einem Brand und liess es wieder aufbauen. Drei Jahrzehnte lang blieb er Zentralpräsident von GC, wobei er stets darauf achtete, dass keine Arbeiterkinder dem Eliteklub beitreten konnten. Als er Gretel Meyer aus vermögender Zürichberg-Familie mit Kunstbeziehungen heiratete, kam Schoeller definitiv im Geldadel an.

Die Albers

1967 zerschnitt der Bau einer Nationalstrasse, der Pfingstweidstrasse, den Grundbesitz von Schoeller bei Firma und Klub. Die Stadt kam ihm mit einem Landabtausch entgegen. Dadurch erhielt Schoeller die vorteilhafte Parzelle, auf der nun der Hardturmpark geplant ist.

Trotz des freundlichen Landtausches zog das Ehepaar nach Brunnen im Kanton Schwyz. Auch hier gab es einen örtlichen Fussballklub, den man unterstützen konnte. Der Klub kickt seither auf dem Schoeller-Meyer-Fussballplatz. Vor allem aber gab es hier keine Erbschaftssteuer für Nichtverwandte wie in Zürich. So konnte das kinderlose Paar das Imperium an seinen «Ziehsohn» Ulrich Albers-Schönberg vererben.

Dieser ist ein Urenkel des deutschtümelnden Generals Ulrich Wille: Mutter Elisabeth war eine geborene Wille. Sein Vater kam im Zweiten Weltkrieg ums Leben. Schoeller, der mit ihm befreundet war, kümmerte sich um den Jungen.

Im Textilbetrieb, bei den Grasshoppers, im Verwaltungsrat der Credit Suisse: Überall trat Albers in die Fussstapfen von Schoeller. 1988 wird zwar die industrielle Produktion im Zürcher Schoeller-Areal eingestellt, die Firma Albers & Co. beschäftigt sich aber weiter mit Textilien und Immobilien. Zu den Teilhabern gehören auch Sohn Vincent sowie Franz Albers, der aktuelle Jahresumsatz beträgt 180 Millionen Franken. Die Dynastie bleibt reich und schweigsam. Und hält Grundstücke an bester Lage.

Niklaus Scherr von der Alternativen Liste sagt zu dieser Geschichte: «Mich stört, dass die Stadt die Hardturm AG stets bevorzugt behandelt.» Beim Landtausch in den siebziger Jahren und jetzt wieder beim Gestaltungsplan. Demnach muss ein Abwasserkanal, der quer durch die Wiese führt, verlegt werden. Wer die Kosten zu übernehmen hat, liess der Gestaltungsplan offen. Kaum waren die Verhandlungen fertig, klagte die Hardturm AG gegen die Stadt. Diese muss nun zwei Drittel bezahlen. «Anlässlich der für die Privaten vorteilhaften Vorgänge hat es die Stadt jedes Mal versäumt, ihre künftigen Interessen beweiskräftig abzusichern», hat mittlerweile selbst der Stadtrat zugegeben.

Scherr kritisiert auch den tiefen Verkaufspreis des Bodens: 1400 Franken pro Quadratmeter liegen massiv unter dem üblichen Marktpreis in Zürich West.

Die Halters

Als die Schoeller-Fabriken leer standen, gab es kulturelle Zwischennutzungen, unter anderem die Kunsthalle Zürich. Nach dem Abbruch folgte die Siedlung Limmatwest. Hier trafen die Albers mit Balz Halter zusammen. Auch dieser war ein Erbe. Nach dem Ersten Weltkrieg konnte die Familie eine Baufirma in Zürich erwerben. In der zweiten Generation trennt sich die Familie in eine Eigentümer- und in eine Industriellenlinie: Aus ihren Grundstückgewinnen finanziert Elisabeth Sprüngli-Halter den Einstieg von Ehemann Rudolph R. ins Schokoladenimperium Lindt & Sprüngli.

In der dritten Generation rüstete Balz Halter die Baufirma zum Gesamtdienstleistungsunternehmen um. Die Realisierung von Limmatwest brachte ihm den Durchbruch. Mit gezieltem Marketing wurde Wohnen in der Stadt als Lebensgefühl beschworen: «Limmatwest ist mehr als zeitgenössische Architektur: Ein Konzept für ein zeitgemässes Leben-und-leben-Lassen.»

Vor zwei Jahren hat die Halter AG ihre eigene Bausparte verkauft und konzentriert sich auf die Immobilienentwicklung: Man lässt im ganzen Limmattal bauen, etwa den Rietpark in Schlieren oder das Limmatfeld in Dietikon, aber auch in Bern (Europaplatz) oder in Luzern (Swissporarena). Die Halter AG erzielt einen Umsatz von 400 bis 500 Millionen Franken.

In Zürich West ist gemeinsam mit den Albers nach der Siedlung Limmatwest vis-à-vis noch das Geschäftshaus Com.West gebaut worden, Werbeslogan: «Arbeiten, wo Zürich pulsiert». Und jetzt eben der Hardturmpark, «Erleben Sie Zürich West City Life!» Niklaus Scherr meint: «Das Kapital aus der Industrie erhält in den Immobilien ein zweites Leben.»

Auf dem Schotterfeld erzählt Karin Rykart Sutter: «In Zürich West leben momentan 3500 EinwohnerInnen, in fünf Jahren sollen es doppelt so viele sein.» Angesichts der Planungen sei anzunehmen, dass es sich dabei mehrheitlich um Gutverdienende ohne Familie handeln dürfte. Im Mobimo-Tower, einem der zwei bereits gebauten, prägenden Hochhäuser in Zürich West zum Beispiel sind Wohnungen für gegen fünf Millionen Franken ausgeschrieben: mit Hotelbetrieb, zwei Ankleide- und vier Badezimmern.

Rykart Sutter wohnt selbst im Kraftwerk, einer ökologisch-sozialen Utopie, die im Veränderungsprozess ebenfalls einen Platz gefunden hat. Wird die Vorstellung von einem offenen, urbanen Leben gerade von seiner Übersteigerung heimgesucht? Rykart Sutter meint: «Das Quartier kippt, wenn jetzt nichts dagegen gemacht wird.»

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