Nr. 41/2010 vom 14.10.2010

Die Entstehung des Gegenteils aus dem Kippmoment

Eine ausgezeichnete Wahl: Anna Huber erhält den Schweizer Tanz- und Choreografiepreis. Die WOZ sprach mit ihr in Bern über Ironie und Ernsthaftigkeit, innen und aussen – und die prekäre Balance zwischen Tanz und Musik.

Interview: Maya Künzler

Samstagmittag in Bern. Die GemüsehändlerInnen sind daran, ihre Ware zusammenzuräumen. In ein paar Minuten treffe ich die Choreografin und Tänzerin Anna Huber unweit des Marktplatzes in einer Hotelbar zu Tee und Gespräch. Der aktuelle Anlass: Der 45-jährigen Bernerin wird am internationalen Tanzfestival «Tanz in. Bern» am 25. Oktober der diesjährige Schweizer Tanz- und Choreografiepreis für ihr bisheriges Schaffen verliehen. Endlich!, möchte man der Jury zurufen, nachdem Huber bereits 2002 – zu ihrer eigenen Überraschung – mit der höchsten Schweizer Theaterauszeichnung, dem Hans-Reinhart-Ring, geehrt worden ist.

Nach der Ausbildung beim ch-tanztheater in Zürich hat Huber ihre Lehr- und Wanderjahre angetreten und ist 1989 nach Berlin gezogen. Es war die Zeit der Wende, es herrschte Aufbruchstimmung, auch Chaos, und vor allem eine grosse Offenheit. Bis heute ist die Metropole eine Baustelle, allerdings fliessen die Kultursubventionen nicht mehr so grosszügig wie damals. Und der Konkurrenzdruck hat sich nochmals erhöht. «Damals musste ich einfach weg von hier», sagt Huber, «inzwischen haben sich die Verhältnisse fast verkehrt.»

Seit gut vier Jahren wieder mit festem Schweizer Wohnsitz, hat sich Huber hierzulande in der freien Tanzszene längst einen Platz ganz oben erobert. Mit ihrem grazilen, überaus biegsamen Körper hat sie von Anfang an Aufsehen erregt. Mit den Möglichkeiten der Tanzkunst erkundet sie bis heute kompromisslos neue Raum- und Körperterrains, sucht Begrenzungen physisch wie mental aus immer neuen Perspektiven aufzubrechen. Ihre Arbeiten sind subtil, sinnlich und durchaus selbstironisch – das können nur reflektierende Persönlichkeiten. Ihre Stärke liegt im Solo und in den Duos, da, wo die Synergien zwischen Persönlichkeiten zu wirken beginnen. Gerade eben ist ihr Fördervertrag von der Stadt, dem Kanton Bern und Pro Helvetia um weitere drei Jahre verlängert worden.

Am Berner Tanzfestival wird Huber ihre jüngste Arbeit «tasten» zeigen. Die Uraufführung fand im September am renommierten Lucerne Festival statt. Zufall ist das nicht. Zusammen mit ihr stehen ihre Schwester, die Pianistin Susanne Huber und deren langjähriger Duopartner, der Pianist André Thomet, auf der Bühne. Drei der Musikstücke wurden von Isabel Mundry, ehemalige Composer in Residence am Lucerne Festival, speziell für «tasten» komponiert.

Im Gespräch erzählt Anna Huber, dass sie seit ihrem ersten Solo 1993 Wert darauf lege, keine Konservenmusik zu verwenden. Entweder hat sie nach Möglichkeit mit KomponistInnen zusammengearbeitet, und/oder die Musik wurde in der Performance live gespielt.

WOZ: Ihre Affinität zur Musik ist offenkundig. Wären Sie wohl Musikerin geworden, wenn Sie nicht den Tanzberuf gewählt hätten?

Anna Huber: Eigentlich ist mir die bildende Kunst fast noch näher, sie inspiriert mich am stärksten. Mein nächstes Stück zum Beispiel erarbeite ich mit einem bildenden Künstler.

In meinen ersten Stücken gab es noch eine klare Trennung zwischen Tanz und Musik. Ich habe sehr lange allein im Studio probiert, in Stille, meist ohne Musik. Relativ spät erst habe ich jemanden in den Raum gelassen. Bei meinem ersten Solo stand die Struktur der Choreografie bereits, als der Musiker dazustiess. Das hatte auch finanzielle Gründe. Ich habe jeweils klare Vorstellungen von der Musik, auch wenn diese schwer zu beschreiben sind. Jetzt, in den letzten Stücken, war die Musik oft von Anfang an da.

Mit Martin Schütz, der von der improvisierten Musik, vom Jazz und der Theatermusik herkommt, arbeite ich schon seit über zehn Jahren zusammen. Bei meinem letzten Solo, «Eine Frage der Zeit», haben wir früh gemeinsam improvisiert und so das Stück langsam verdichtet. Wichtig dabei sind gegenseitiges Vertrauen und Verständnis; man muss wissen, wovon der andere spricht. Nur so können Risiken eingegangen und Grenzen überschritten werden.

In «tasten» werden Sie zeitweilig zur Musikerin, und die MusikerInnen tanzen. Was reizt Sie an diesen Grenzüberschreitungen?

Der Wunsch, sich zu bewegen, kam auch von den MusikerInnen. Es war mir immer wichtig, dass sie nicht einfach nur Begleitung sind. Wenn sie ihr Instrument spielen, sind sie körperlich sehr aktiv. Mich fasziniert, wie unterschiedlich und vielseitig sich etwa beim Klavierspielen die Hände bewegen. Wenn Tänzerinnen und Musiker auf der Bühne stehen, springt die Aufmerksamkeit des Publikums ständig hin und her. Die Frage nach der Rolle der MusikerInnen auf der Bühne stellt sich automatisch. Wir wollten ein gleichberechtigtes Trio. Der Körper ist auch ein Instrument. Wir haben schnell gemerkt, dass wir zwischen den Musikstücken auch Stille brauchen, in denen die Geräusche der Körper Raum bekommen. Unsere Schritte erzeugen einen Rhythmus. Da sind Berührungen auf verschiedensten Ebenen, nicht nur visuell, intellektuell, sondern auch emotional und vor allem sinnlich.

Das Stück «tasten» spielt vordergründig auf die Tasten des Klaviers an, meint Berührungen, auch zwischen der Musik und dem Tanz. Ein spielerischer und sehr sinnlicher Vorgang wie das Ertasten und Sich-Vorwärtstasten kann plötzlich in einen existenziellen Moment übergehen. «Wie entsteht überhaupt etwas? Wie entwickelt sich ein kreativer Prozess?» waren Fragen im Probenprozess. Fragmentarische Teilchen, die sich nach und nach zu einem Ganzen fügten. Im Gespräch mit der Künstlerin fällt auf, wie häufig sie von «Kippmomenten» spricht. Es fasziniert sie, wie leicht sich eine bestimmte Bedeutung in ihr pures Gegenteil verkehren kann und sich eine Eigendynamik entwickelt, die in neue Bereiche führt.

WOZ: So streng Ihre Arbeiten sich formal präsentieren, immer wieder schimmert in ihnen ein subtiler Humor durch.

Anna Huber: Das ist mir auch wichtig. Humor hat etwas damit zu tun, wie leicht Zustände kippen können, es ist eine ständige Gratwanderung. Auch in der Abstraktion der Bewegungen geht es mir immer darum, eine Umsetzung, eine Form für ein inneres Bild, einen Zustand oder ein Gefühl zu finden. Das kommt aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Dieser feine Humor, dieses Mehrdeutige, wurde anfangs in Berlin weniger deutlich wahrgenommen als in der Schweiz.

Bei aller Ernsthaftigkeit finde ich es aber wichtig, über sich selber lachen zu können. In «tasten» spielt die Selbstironie eine wichtige Rolle. Es ist ein Spiel, eine prekäre Balance zwischen Tanz und Musik. Für meine Arbeit ist diese Vielschichtigkeit wesentlich: Es gibt nicht nur tragisch oder komisch, schwierig oder einfach.

Ihre Ästhetik wirkt einfach, von klaren Formen bestimmt und doch komplex. Sind Ihre Arbeiten von der japanischen Kultur beeinflusst?

Ein Aspekt des Asiatischen, insbesondere Japans, ist die radikale Perfektion. Diese Schönheit tut einem gut, auch wenn man genau weiss, dass das Hässliche und Verletzliche darunterliegt. Ich habe als junge Tänzerin beim Butoh-Künstler Kazuo Ohno einen Kurs besucht. Es ist ja manchmal so, dass eine Woche bedeutsamer als ein Jahr sein kann. Wir haben nichts anderes gemacht, als extrem langsam zu gehen und auf den Boden hinzusinken, also praktisch keine äussere Bewegung. Das war aufregend neu für mich. Ich fand diese Einfachheit und gleichzeitig das Extreme, dieses von innen nach aussen arbeiten, sehr faszinierend.

Selber arbeite ich mit Spiegel und Video, ich feile intensiv an der Form. Trotzdem fängt es nicht bei diesem Äusseren an, sondern bei den inneren Bildern und Empfindungen. Ich brauche klare Räume, liebe es aber, mich an ihnen zu reiben und sie aufzubrechen. Einen ähnlich starken Eindruck hat ein anderer Japaner, Saburo Teshigawara, auf mich gemacht. Ursprünglich Bildhauer, hat er später Tanz studiert, um mit dem eigenen Körper als Material zu arbeiten.

Als ich ihn zum ersten Mal auf der Bühne sah, dachte ich: Das ist genau das, was ich suche – ein Körper als Instrument, ein Körper, der sich auflösen kann. Bei ihm geht es ums Verflüssigen. Auch in meiner Arbeit ist das Transformieren wichtig. Schliesslich geht es nicht nur um das Körperliche, sondern darum, was man sich alles noch vorstellen könnte und was jenseits des Vorstellbaren liegt.

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