Nr. 42/2010 vom 21.10.2010

Einer ist immer der «Bölimaa»

Von Etrit Hasler

Lassen Sie mich vorwegnehmen: Ich mag Alex Frei nicht besonders. Auch wenn ich noch nie mit ihm persönlich gesprochen habe, der Kerl geht mir auf die Nerven. Ich wäre wahrscheinlich der Erste, der ihn an einem Nati-Spiel auspfeifen würde – die Gefahr ist allerdings nicht sehr gross, da ich mein Geld lieber verbrennen würde, als es dem Schweizerischen Fussballverband zu geben. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen gibt es gute Gründe, wieso Alex Frei nicht aus der Schweizer Nati zurücktreten sollte. Meine zehn liebsten:

10: Einer muss immer der «Bölimaa» sein, und Frei bietet sich dafür an wie kein Zweiter. Er wirkt unsympathisch und arrogant – und er ist kein Ausländer. Wenn Alex Frei nicht mehr mitspielt, würde uns plötzlich auffallen, wie schlecht der Rest der Mannschaft wirklich ist; und schuld an den Niederlagen wären wieder die Türken und die Albaner.

9: Er ist einer der wenigen Spieler, die uns nicht konstant mit peinlichen Details aus ihrem Privatleben belästigen. Wir wissen nichts über uneheliche Kinder, seine Mutter schreibt ihm nicht im «Blick» irgendwelche dadaistischen Unterstützungsbriefe, und er verschont uns sogar mit aufgestylten Modefotostrecken in der Gratispresse. Dafür bin ich ihm auch echt dankbar.

8: Er kann rumschreien. Ganz getreu der alten militärischen (und auch im Fussball gültigen) Devise, dass Schlachten nicht mit Strategie und Technik, sondern mit «Brüllen, Brüllen, Brüllen» gewonnen werden, was ihn als Kapitän empfiehlt. Leider brüllt er meistens die Falschen an, also die Gegenspieler und Schiedsrichter, statt seine eigenen Spieler anzufeuern. Das macht ihn zum schlechtesten aller möglichen Kapitäne für die Schweizer Nati. Abgesehen von allen anderen natürlich.

7: Er sieht nicht gut aus. Er hat einen solchen Quadratschädel, dass, setzte man ihm am Hals Schrauben ein, er wohl als Frankensteins Monster durchgehen könnte. Oder wie es meine beste Freundin formuliert: «Ich kenne keine Frau, die ihn läss finden würde ... und ich bin aus dem Thurgau.» Alex Frei ist damit das beste Gegenargument zur zutiefst sexistischen These, Frauen würden Fussball nur wegen der knackigen Jungs anschauen.

6: Alex Frei hat aufgezeigt, dass die Event- und/oder Modefans, die in St. Gallen Länderspiele schauen gehen, mitnichten beschränkter sind als jene, die das in Basel tun. Womit bewiesen ist, dass das alte Pauschalurteil von Nati-Fans = gute Fans, Vereinsfans = böse Fans kompletter Schwachsinn ist.

5: Pedro Lenz sagt über Alex Frei, man sehe seinem Torjubel an, dass er eben ein Chrampfer sei. Und wenn jemand weiss, was chrampfen ist, dann ist das Pedro Lenz.

4: Alex Frei mag keine SportjournalistInnen. Deswegen weigert er sich meistens, mit ihnen zu reden, sei das an der WM im Sommer oder jetzt zur Frage seines Rücktritts. Ich würde ihm sogar unterstellen, dass er Sportjournalisten pauschal für Arschlöcher hält. Womit er wahrscheinlich nicht ganz unrecht hat.

3: Wenn der kleine dreizehnjährige hormongetriebene Teenager aus der Vorstadt seine ersten Raps schreibt, ihn seine Gschpänli dafür auslachen und ihm sagen, er sei bestimmt der schlechteste Rapper der Welt, dann kann man immer den Kopf schütteln und ihm zum Gegenbeweis die Zweifel-Chips-Werbung zeigen, in der Alex Frei die Schweizer Nationalhymne rappt.

2: Nach jedem Spiel, in dem Alex Frei ausgepfiffen wird, wird die Forderung laut, man möge diesen Fans den roten Pass entziehen oder sie gleich ausschaffen. Womit er nur beweist, wohin so gefährliche Ideen schnell führen können. Und irgendwie passt das ganz gut zu einem Fussballverband, der sich als schweizerischer versteht als der Rest von uns SchweizerInnen.

1: Solange Männer über dreissig noch als Stürmer auf dem Platz stehen dürfen, muss ich mich nicht alt fühlen. Und seien wir ehrlich: Wenn er aufhört, Fussball zu spielen, dann würde er vielleicht wie sein ehemaliger Sturmpartner Kubilay Türkyilmaz Fussballkolumnen schreiben. Und das braucht wirklich kein Mensch.

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