Nr. 43/2010 vom 28.10.2010

Volle Kraft in keine Richtung

Technopop lebt und der Dadaismus irgendwie auch: Die neue schön-schräge Platte des Zürcher Elektropop-Duos Saalschutz erscheint jetzt.

Von Daniel Ryser

«Keine richtigen Namen, keine persönlichen Bezüge», sagt er. Und die Kellnerin in der Cafeteria Arcade beim Bahnhof Wiedikon fragt, ob sie einkassieren dürfe. Sie arbeitet seit sechs Uhr morgens, es ist kurz vor Mittag, und die Frau hat nun Feierabend. Der Mann wiederum hat einen langen Arbeitstag vor sich: Promostress, Presseanfragen, Tourvorbereitung.

Keine richtigen Namen also, sagt der Mann, den die Zürcher Partywelt einerseits als DJ MT Dancefloor kennt (zu Deutsch: Leere Tanzfläche) und andererseits als Teil des Elektropop-Duos Saalschutz, das von Zürich aus die Welt mit Partystoff beliefert.

«SMS d’amour» hiess 2004 die Single, die von DRS 3 fleissig gespielt wurde. Seither feiern Saalschutz, bestehend aus MT Dancefloor und Flumroc, einen Erfolgszug durch die Partywelt in der Schweiz und in Deutschland. Jetzt erscheint das dritte Album: «Entweder Saalschutz», und MT Dancefloor trinkt Kaffee und wirkt dabei ganz zufrieden. Immerhin ist das Duo beim angesagten Hamburger Label Audiolith unter Vertrag, wie etwa Frittenbude, die gar in den Charts landeten und kürzlich ein Konzert abbrechen mussten, weil zusätzlich zu den 3000, die schon drin waren, nochmals 3000 rein wollten. Bei Audiolith unter Vertrag stehen auch die Ravepunker von Egotronic, die sich alter Slime-Parolen bedienen, wenn sie in ausverkauften Clubs gegen Deutschland raven.

Tanzflächen leer fegen

Mitten im Audiolith-Hype also schwimmen Saalschutz, eine Zweimannband aus Zürich, und weil das deshalb in Deutschland eine relativ grosse Geschichte werden könnte, hat man dort bereits achtzehn Daten gebucht für eine Promotour. In der Schweiz werden Saalschutz erst 2011 wieder live zu sehen sein.

MT Dancefloor wuchs in Schlieren auf und verbrachte viel Zeit im Pfadiheim. Dort kam er auch zu seinem Künstlernamen. Mit einer ungewohnten Musikmischung fegte er die Tanzfläche in wenigen Minuten leer. Bei Saalschutz ist das anders. Seit 2001 geht es stetig aufwärts – dies Seite an Seite mit Egotronic, mit denen die beiden Zürcher eine langjährige Freundschaft verbindet. Saalschutz haben sich keine radikalen politischen Positionen auf die Fahnen geschrieben, wenn auch hin und wieder mal ein Nazi stirbt, was ja wiederum eher ziemlich vernünftig denn radikal ist. «Ich singe nicht über Politik», sagt MT Dancefloor, bei Saalschutz für Beats und Gesang zuständig, während Flumroc den Synthesizer bedient.

«Das heisst aber nicht, dass sie mich nicht beschäftigt. Wir haben auf verschiedenen Antiausschaffungsfestivals gespielt, in besetzten Häusern an politischen Veranstaltungen, und daran wollen wir auch festhalten. In erster Linie aber spielen wir heute in Clubs, die gute Gagen bezahlen können. Wir wollen das nicht gegeneinander ausspielen. Ersteres ist eine Herzensangelegenheit, das Zweite macht Spass, ist aber halt auch einfach ein Job. Wir kriegen in den Clubs gute Gagen, und das ist wichtig, weil wir ohne diese Gagen sind, was wir viel zu lange waren: permanent pleite.»

Die neue Scheibe «Entweder Saalschutz» befindet sich melodisch-textlich irgendwo zwischen Rammstein, Blümchen, Die Ärzte, Fünf Sterne Deluxe und Johann Wolfgang von Goethe. Als Vorbild für die deutschen Texte aber nennt MT Dancefloor Die Aeronauten, genauer gesagt deren Sänger Guz. «Ich fand den einfach immer toll, auch wenn er natürlich viel lakonischer ist.»

Ein bisschen Punk

Musikalisch klingen Saalschutz in erster Linie natürlich nach Disco, einer Mischung aus Techno, ein bisschen Punk und hartem, direktem Pop. Sie haben ihre Musik selbst schon Technopunk genannt und wurden dafür dann auch gleich angefeindet, weil das mit Punk ja nichts zu tun habe. «Das mit den Bezeichnungen war nie wirklich ernst gemeint, wir machten uns eher über die Leute lustig, die uns immer erzählen wollten, was echter Punk ist», sagt MT Dancefloor. Jetzt nennen sie es selbst «Ravepunk», und während ihre Labelkollegen Egotronic «gegen Deutschland raven», raven Saalschutz «für eine bessere Welt». Nun, Ersteres schliesst ja Letzteres nicht aus.

Zumindest sind Saalschutz nicht plakativ: «Menschen schweben und schweben mir entgegen», singt MT Dancefloor. Eine Pause, dann setzt der Beat wieder ein, der Refrain, Steigerung, Glücksgefühl – das ist typische Alkohol- und grossartige XTC-Musik. Saalschutz ist schön-schräger, minimaler Elektropop. Die Texte auf der neuen Platte sind auffallend unzugänglich. Da brennen Menschen, da wird nach dem Totengräber gerufen, im Jahr 3010 schlagen sich Menschen gegenseitig die Köpfe ein; im glanzlosen Spiel geht nicht mehr viel, es fiept und knallt, und zum Schluss, bei «Headliner der Herzen», rumpelt die Kiste ganz schön laut – eine Karre, mit Vollgas blindlings gesteuert, bevor es für Saalschutz-Verhältnisse ziemlich konkret wird: «Rädelsführer, Alphatiere, Meinungsbildner, Klassensprecher – ihr könnt nach Hause gehen, wir sind um Klassen besser.»

«Headliner der Herzen» ist so ein typischer Saalschutz-Song: Das ist ja eigentlich Musik, die in erster Linie im vollen Club funktioniert, wenn das Publikum bereits ordentlich einen gekippt hat und die beiden Freaks, die sich Laptops verweigern, wild an ihren Hardwaregeräten herumschrauben und der satte Bass einem die Frisur neu stylt. Musik also, bei der man irgendwann ganz nervös wird, wenn man sie daheim auf dem Sofa hört.

Tanzflächen auffüllen

Aber live funktioniert das richtig gut: Es war der 27. Dezember irgendeines Jahres in diesem Jahrhundert, grosse Partystimmung in Zürich, der Club des Geschehens hiess «Zukunft», und in den ersten fünf Reihen rastete das Partyvolk aus. Zudem kannte der halbe Club die Texte auswendig. Dieser Umstand fällt auch MT Dancefloor an Konzerten auf, ob in Zürich oder Stuttgart: «Hätte jeder, der unsere Texte kennt, eine CD gekauft, wären wir reich.»

Aber im schnelllebigen Elektro- und Technobereich grassiert das schnelle, bequeme und vor allem kostenlose Herunterladen offenbar noch mehr als anderswo. Wer Geld verdienen will, der muss pausenlos live spielen. Die Fans kann das natürlich freuen.

Was jetzt niemanden zum illegalen Herunterladen animieren soll. Denn Saalschutz haben sich Respekt und somit auch ein paar Franken pro CD verdient. Die beiden Zürcher sind keine schnellen Profiteure des Elektropop-Hypes, der derzeit von Hamburg ausgeht. Sie sprangen auf den Zug auf, lange bevor der Hype absehbar war. Sie haben für den Hype mit die Weichen gestellt.

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