Nr. 43/2010 vom 28.10.2010

Es hat sich ausalarmiert

Von Anna Wegelin

Hilfswerke, die «aus öffentlichkeitstechnischen gründen» in Konfliktgebiete gehen; die «normalität der waldbrände»; «globaler betriebsalzheimer»; «spektakuläre selbstbefreiung nach 8 jahren höhlendasein»: Kathrin Rögglas Ich-Protokolle unter dem Titel «die alarmbereiten» sind in einer Welt angesiedelt, der Katastrophen aller Art ureigen sind. Verbreitet wird dabei eine Panik zum Selbstzweck – l’art pour l’art sozusagen. Da nützt auch das hartnäckige Nachhaken des Ichs nicht mehr: Es strandet im «recherchepotlach».

Röggla, geboren 1971 in Salzburg und seit 1996 in Berlin zu Hause, ist eine politische Autorin, die mit verschiedenen Textgattungen gearbeitet hat. Ihr neues, störrisches Buch, in sieben Kapitel mit sieben Personen gegliedert, erzeugt zunächst einen Abwehrreflex gegen die religiösen Weltuntergangsprophetien, mit denen wir rund um die Uhr medial bombardiert werden.

Manchmal kann der Text ins Lächerliche kippen: wenn etwa die «ansprechbare» überlegt, ob sie lieber «verbrauchte luft» einatmen soll als gar keine. «überhaupt: der ständige alarm habe zur folge, dass mir niemand mehr zuhören wolle, es habe sich sozusagen ausalarmiert», heisst es an einer Stelle: «die panik lassen wir aussen vor». Kein Grund zur Aufregung?

Die Katastrophenkost zu Mensch und Natur ist in einer realen Wirklichkeit angesiedelt. Jedes Kapitel beginnt mit einer genauen Ort- und Zeitangabe und bezieht sich auf bekannte Katastrophenschauplätze (Georgien, Kalifornien, Winnenden). Aber eben: Nie kommt die Wahrheit ans Licht, wer oder was die Katastrophe ausgelöst hat und wie sie zu beheben wäre. Es ist zeitweise sogar so, dass wir am Ende nicht mehr sicher sein können, ob das Problem überhaupt existiert.

«die alarmbereiten» ist aufwühlend, wenn man die Verzweiflung im Text ernst nimmt: Die Welt brennt lichterloh, und es gilt, den Flächenbrand zu löschen. Kathrin Röggla ist eine hochmoralische Autorin, im besten Sinn.

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