Valérie Knoll : «Kunst ist keine Dienstleistung»

Nr.  16 –

Die abtretende Direktorin der Kunsthalle Bern erzählt, warum es tückisch ist, mit der Mode zu gehen. Und warum sie den Künstler:innen lieber nicht reinredet.

Fast jede Kunst hat etwas Politisches an sich. Es gibt nicht alles oder nichts – also entweder L’art pour l’art oder politische Kunst: Valerie Knoll.

WOZ: Valérie Knoll, warum ist in der Kunsthalle Bern – an diesem Ort für zeitgenössische Kunst – gerade die historische Figur des Dandys so häufig in Ihrem Programm aufgetreten?
Valérie Knoll: Mich fasziniert daran, dass es eine komplizierte Figur ist, die sich schwer fassen lässt. Sie ist in vielem ein Gegenläufer zu unserer Zeit, etwa in Fragen der Identität oder der Transparenz. Eigentlich kommt die Figur aus der Literatur, hat aber einen unterschwelligen Einfluss auf die zeitgenössische Kunst.

Viele denken wohl beim Stichwort «Dandy» an einen eitlen Mann. Sie legen das offensichtlich anders aus.
Der eitle Geck oder auch der Narzisst, das sind Klischees. Sagen wirs so: Dandys haben sich immer mit der Oberfläche befasst, immer auch mit Kleidung. Ich sage absichtlich nicht Mode.

Warum nicht?
Der oder die Dandy befasst sich zwar durchaus mit Mode, würde sie aber nie eins zu eins übernehmen, da ist immer ein Twist dabei. Dandytum ist eine Lebensweise, eine Haltung, bei der es sehr viel – und das hat mich mit den Jahren immer mehr beschäftigt – um Form geht. Welche Form möchte man seinem Leben geben? Wo macht man mit, wo nicht? Letztlich geht es um Unabhängigkeit innerhalb von allen Abhängigkeiten, die man hat.

Würden Sie sich selber als Dandy bezeichnen?
Nein. Aber eine Dandy würde das sowieso nie über sich sagen. Denn die Dandy wehrt identitäre Einordnung ab.

Wie haben Sie denn Ihre Rolle als Direktorin der Kunsthalle Bern aufgefasst?
In erster Linie bin ich Kuratorin, und auch Direktorin, das ist das Besondere an der Kunsthalle. Man hat trotz des institutionellen Rahmens eine grosse Unabhängigkeit. Als Kuratorin ging es mir darum, eine Komplizinnenschaft mit den Künstler:innen herzustellen, um ihre künstlerische Sprache möglichst präzise herauszuarbeiten.

Als Besonderheit von Kunsthallen galt immer ihr Fokus auf die Kunstproduktion. Sie haben keinen Auftrag, kulturelles Erbe zu erhalten, keine Sammlung zu pflegen. Ist diese Definition heute noch zutreffend?
Für mich ist die Kunsthalle ein Ort, wo Ausstellungen gezeigt werden, die in einem Museum so nicht stattfinden könnten. Man hat einen ganz anderen Vermittlungsauftrag, was die Auswahl, die Inszenierung und die Konzentration dessen angeht, was man zeigt. Eine Kunsthalle ist ein Ort, wo das noch nicht Konsolidierte verhandelt wird.

Lange sprach man von der Kunsthalle auch als Labor oder Raum für Experimente. Das ist nicht falsch, doch in neoliberalen Zeiten, in denen das Experiment Teil des kapitalistischen Wertschöpfungssystems geworden ist, haben solche Begriffe einen schalen Beigeschmack.

Wie war es, diese geschichtsträchtige Institution im Jetzt zu führen und ihren 100. Geburtstag zu feiern?
Ohne ihre Geschichte gäbe es die Kunsthalle nicht so, wie sie jetzt ist. Harald Szeemann ist ja ein bisschen das Gespenst dieser Kunsthalle, die er in den sechziger Jahren leitete. Durch seine Würdigung im Jubiläumsjahr konnten wir dieses Gespenst aber auch ein Stück weit austreiben.

Wie aktuell ist denn Szeemanns kuratorisches Selbstverständnis heute noch?
Er hat damals wichtige thematische Setzungen gemacht, Begriffe geprägt. Und er hat die Idee des auktorialen Kurators eingeführt. Das ist auf jeden Fall eine Linie, die ich zwar anders, aber dennoch fortgesetzt habe.

Heute tendiert man ja eher zu kollaborativen kuratorischen Praktiken. Warum haben Sie trotzdem am Konzept der Kuratorin als Autorin festgehalten?
Schon in den neunziger Jahren haben die Kuratierenden das Kollaborative durchexerziert. Dabei sind kaum Modelle entstanden, die wirklich gelingen. Nichts gegen Vielstimmigkeit. Ich arbeite ja auch mit den Künstler:innen und mit einem Team zusammen. Am Ende entsteht jedoch mehr Prägnanz, wenn die Behauptung auf eine Handschrift zurückgeht.

Als Autorin stehe ich in einem andauernden Gespräch mit anderen. Das Kollaborative daran zu betonen, gar vom Kollektiv zu sprechen, finde ich nicht nur etwas kitschig, es affirmiert auch einen neoliberalen Teambegriff.

Wo liegt der Unterschied zwischen der kuratorischen und der künstlerischen Geste?
In der direkten Zusammenarbeit mit den Künstler:innen verstehe ich mich am ehesten als Lektorin. Ich sehe etwas und versuche, es im Gespräch mit ihnen zu schärfen, jedoch ohne ihnen ins Werk reinzureden. Künstler:innen wissen es meistens am besten. Meine kuratorische Handschrift zeigt sich daran, wie ich unbekannte Facetten eines Werks emporhebe und versuche, die Werke in überraschenden Bezug zu setzen.

Sie haben in Ihrer Zeit an der Kunsthalle Bern viel Malerei ausgestellt. Warum?
Zunächst ist Malerei etwas, das von jungen Künstler:innen heute wieder sehr viel mehr praktiziert wird als noch vor wenigen Jahren. Ich finde es mutig, sich mit diesem äusserst aufgeladenen Format zu beschäftigen. Es braucht sehr viel, um damit aus der Masse hervorzustechen. Dazu kommt: Es wurde immer schon gemalt, und auch in Zukunft wird immer weiter gemalt werden. Davon bin ich überzeugt.

Sie haben erwähnt, dass es Ihnen zunehmend um die Form ging. Was genau verstehen Sie darunter?
Dass ich mit Künstler:innen arbeite, die sich mit Formfragen beschäftigen und die eine eigene künstlerische Sprache entwickeln, die anders als jene aus dem Alltag ist. Das erhält immer weniger Beachtung. Stattdessen dreht sich vieles um Begriffe und Inhalte.

Wie würden Sie die Kunst, die Sie gezeigt haben, denn in Bezug zu aktuellen Debatten einordnen?
Jede Kunst hat Inhalte. Die Kunst der Künstler:innen, mit denen ich arbeite, hat auch etwas mit dem Leben und mit der Welt zu tun. Aber ich glaube, damit Kunst wirklich interessant ist, braucht sie eine eigene Form, eine verblüffende Sprache.

Wie würden Sie das Politische an dieser Kunst charakterisieren, wie kann sie in der Gesellschaft etwas bewirken?
Die Kunst, die ich gezeigt habe, muss gar nichts bewirken. Sie hat keine Funktion. Wenn sie etwas muss, dann muss sie sich als Kunst und als Form und als Ästhetik behaupten.

Entsteht so nicht eine passive Haltung, aus einer privilegierten Position heraus?
Das verstehe ich nicht. Was hat Kunst mit Passivität zu tun?

Wenn Kunst nicht in die Gesellschaft eingreifen will, wirkt sie passiv …
Das kann man nicht verallgemeinern. Da müsste man darüber reden: Warum gilt etwas als privilegiert? Was ist aktivistische Kunst, und was ist politisch? Fast jede Kunst hat etwas Politisches an sich. Es gibt nicht alles oder nichts – also entweder L’art pour l’art oder politische Kunst.

Für mich ist es ganz wichtig, dass Kunst nichts muss. In einer Zeit, in der alles funktionalisiert und optimiert wird, in der einem alles transparent gemacht und serviert werden soll, braucht es ganz dringend Orte, wo das nicht so ist. Kunst ist keine Dienstleistung. Sie muss nicht beheben, was die Politik nicht zustande bringt. Das hat aber nichts mit privilegiert oder passiv sein zu tun.

Gerade in der Kunst wird derzeit viel mit Schlagwörtern wie Anthropozän, Gender, Diversität um sich geworfen. Wie verhalten Sie sich dazu?
Das sind Diskurse, mit denen ich mich auch beschäftige. Aber sie unterliegen auch Moden und damit der Gefahr, dass wichtige Fragen entsorgt werden. Ich versuche, solche Themen lieber um die Ecke anzugehen. Bei der aktuellen Ausstellung von Jean-Frédéric Schnyder könnte man auch sagen: Er ist der absolute Nachhaltigkeitskünstler. Nirgendwo ist eine Überproduktion, das Holz stammt aus seinem Garten, alles wird wiederverwertet. Solche Fragen haben in meinen Ausstellungen immer auch mitgeschwungen, aber es stand nicht gross draufgeschrieben.

Was wir bisher ausgeklammert haben: Wie sind Sie damit umgegangen, die erste Frau an der Spitze der Kunsthalle Bern zu sein?
Gar nicht. (Lacht.) Ich bin nun einmal eine Frau, und dazu habe ich nicht viel beigetragen. Es war vor allem gut für das Haus. Doch für mich selber hat das keine Rolle gespielt, zumindest nicht bewusst.

Wie lief es mit der Finanzierung, und wie war die Zusammenarbeit mit der Politik?
Die Kunsthalle hat einen Leistungsauftrag der Stadt Bern. Sie wird von ihr subventioniert, muss aber auch Drittmittel generieren. Die Erwartungen der Politik sind in den letzten zwanzig Jahren gewachsen, die finanziellen Beiträge aber nicht. Da ist schon eine Diskrepanz entstanden.

Die Auflage ist, fast dreissig Prozent der Kosten selber zu decken. Gelingt das?
Ja, das erfüllten wir in den letzten sieben Jahren immer. Gleichzeitig fehlen uns viele Gelder. Der Betrieb ist auch gewachsen. Wenn man sich zudem wünscht, dass in der Schweiz produziert wird, ist das oft fast nicht umsetzbar.

Förderte die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Kunsthalle und dem Archiv auch die Legitimation des Hauses in der lokalen Politik und bei der Bevölkerung?
Ich denke schon. Besonders im Jubiläumsjahr war die Resonanz riesig. Ich hatte aber den Eindruck, dass die Stadt die Kunsthalle Bern grundsätzlich schätzt und um ihre Bedeutung weiss.

Was kommt aus Ihrer Zeit ins Archiv?
Fast alles, was in den letzten Jahren an Korrespondenz und visuellem Material entstanden ist, bildet automatisch ein digitales Archiv. Es gibt aber eine Box mit persönlicher Post, die ich fürs physische Archiv gesammelt habe.

In Ihren Ausstellungen haben Sie immer wieder auf das Gebäude oder die Geschichte der Kunsthalle Bezug genommen. Spinnen Sie solche roten Fäden auch in Zukunft weiter?
Ich werde noch lange weiter kuratieren und mich mit Malerei beschäftigen, so viel ist klar. Es folgen auch noch sechs Bücher, die ich für die Kunsthalle mache. Ich fing an, mit diesem Ort zu leben, daraus sind Sachen entstanden. In einem anderen Haus werde ich, ausgehend von diesem neuen Haus, auch wieder andere Wege einschlagen.