Nr. 44/2010 vom 04.11.2010

Lob der Dialektik

Was Literatur vermag: uns aus dem Alltag reissen. Doch Dichter können auch das Denken lehren, damit wir uns besser auf den Alltag einlassen können. Das zeigt Volker Braun.

Von Stefan Howald

Die Dialektik hat gegenwärtig nicht den besten Ruf. Sie war einst ein Schlagwort, heftig diskutiert, umkämpft. In innerlinken Auseinandersetzungen wurde «undialektisches Denken» zuweilen zum Totschlagargument. Heutzutage scheint nicht nur die Dialektik selbst, sondern bereits das Reden über sie in grauer Vorzeit versunken. Volker Braun verdeutlicht, was dialektisches Denken immer noch zu leisten vermag – und dass es weiter gebraucht wird.

Braun, 1939 in Dresden geboren, ist Dramatiker, Prosaschreiber, Lyriker und Essayist. Einst war er einer dieser kritischen DDR-Autoren, die sich an der tristen Realität des «real existierenden Sozialismus» rieben, ständig von der Zensur behindert, und doch verliess er weder das Land, noch gab er die Hoffnung auf einen erneuerten, demokratischen Sozialismus auf. Seine Buch- und Stücktitel waren geradezu epigrammatisch: «Unvollendete Geschichte» (1975), «Training des aufrechten Gangs» (1979), «Die Übergangsgesellschaft» (1988), «Aus dem dogmatischen Schlummer erweckt» (1990), «Der Stoff zum Leben» (1990).

Nach der Wende geriet Braun ein wenig in kulturpolitisches Niemandsland. Zwar produzierte er stetig weiter, mischte sich ein, erhielt im Jahr 2000, endlich, den renommierten Büchner-Preis. Aber das Skandalisierende der früheren DDR-Existenz ist längst abhandengekommen, und seine kritische marxistische Intelligenz hat sich Braun auch im real existierenden Kapitalismus nicht abkaufen lassen. So bleibt er vom Kulturbetrieb vernachlässigt.

Historische Verknüpfungen

Kommt hinzu, dass Brauns Literatur den LeserInnen die Lektüre nicht immer einfach macht. Sie ist Gedankenliteratur, die Gedankenarbeit verlangt. Da werden Sätze gemeisselt, auf ihre Essenz konzentriert. Und die Texte bleiben verhängt in die Literaturgeschichte, auch in die eigenen Werke, die sie fortschreibend kommentieren. Das schliesst Anschaulichkeit, ja Sinnlichkeit nicht aus. Diese scharfen Sätze haben ihre eigene Schönheit.

Vergangene Woche trat Volker Braun im Zürcher Volkshaus auf, zu dessen 100-Jahr-Feier. Einleitend bedauerte er, nicht in der «Katakombe» lesen zu können, jenem berühmten Kulturtreff im Soussol der Volkshaus-Buchhandlung, in dem, neben vielen anderen, 1948 auch Bertolt Brecht gelesen hatte, in seiner ersten deutschsprachigen Lesung nach dem Krieg. Vorgestellt von Max Frisch, hatte Brecht damals dem Publikum drei Gedichte offeriert, laut Frisch «halblaut» vorgetragen und «eher hilfsbedürftig», darunter «An die Nachgeborenen»: «Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten». Danach hatten die Schauspielerinnen Therese Giehse und Helene Weigel zu einem eindrücklichen Abend übernommen. Mit dem Hinweis demonstrierte Braun zwanglos historische Verknüpfungen. Die Buchhandlung gibt es immer noch, in einer Nische des Literaturbetriebs, sehr empfehlenswert; das Volkshaus gibt es auf unterschiedlichen Etagen auch immer noch, doch wo die platziert sind, ist weniger klar.

Entmetaphysizierung

Brecht lieferte ein weiteres Stichwort für Braun: «Entmetaphysizierung». Nicht gerade das schönste Wort, meinte Braun und liess es nochmals über die Zunge rollen, doch welche Kraft und welcher Stachel steckten darin. Mit welcher Klarheit habe Brecht all die hehren Gedanken und metaphysischen Versatzstücke auf ihre zugrunde liegenden Interessen zurückgeführt, gezeigt, wie ein irdisches U zu einem metaphysischen X verhimmelt worden sei, um einzuschüchtern und abzulenken. Worauf Braun die aktuelle Bedeutung dieses ideologiekritischen Verfahrens für die gegenwärtige Debatte um den Islam vorführte, in der gerade wieder übergeordnete Werte und metaphysische Systeme angerufen werden, um damit Politik zu betreiben.

Wenn Braun zu seinen Erwägungen ansetzt, dann lässt sich die Verfertigung der Gedanken beim Reden beobachten. Tastend sucht er nach Worten, um plötzlich den scharfen Gedanken zu finden und die scharfe Formulierung. Dieser Arbeit zuzuhören und sie nachzuvollziehen, macht Vergnügen.

Volker Brauns im letzten Jahr erschienenes «Arbeitsbuch» mit dem Titel «Werktage 1977–1989» dokumentiert seine damalige Auseinandersetzung mit der DDR, von der Ausbürgerung von Wolf Biermann bis zum Fall der Mauer. Es ist an Brechts «Arbeitsjournal 1938–1955» angelehnt, enthält Politisches und Kulturpolitisches, und gelegentlich streut Braun auch Zeitungsdokumente ein. Persönlich sind diese Aufzeichnungen nur, insofern das Persönliche politisch ist. Was in der DDR öfter der Fall war.

Zeitgenössisch war bekannt, wie sich Braun damals in der DDR für ein freieres Kulturleben einsetzte und exponierte. Inzwischen ist deutlicher geworden, mit welchen Risiken das verbunden war und wie erbärmlich sich das alles abspielte. Da gingen Manuskripte verschlungene Wege, zwischen Dogmatismus und vorauseilendem Gehorsam gefangen; da wurde um Worte gerungen, um lächerliche Korrekturen – und doch schienen sie etwas zu bedeuten, und es schien etwas zu bedeuten, dass man um sie rang.

Das positive Gegenstück dazu ist die Kulturgesellschaft, die sich in der DDR gebildet hatte, der Kreis der AutorInnen. Alle kommen sie vor, die damals Rang und Namen hatten, und auch die junge Generation, die ins Ausland vertrieben wurde oder es vorzog, dorthin zu gehen. Unter ihnen allen fanden ein intensiver Austausch, intensive Diskussionen und Zuspruch statt.

Dennoch bleibt der Vorwurf, mit seinem Bleiben habe Braun zur Legitimierung des Regimes beigetragen. Er wusste immer um diesen Zwiespalt. 1984 geriet er, nachdem sein «Hinze-Kunze-Roman» vier Jahre lang ergebnislos durch die Zensurbehörden verschleppt worden war, in seine grösste Krise und erwog ernsthaft eine Übersiedlung in die BRD. Doch hielt er aus. «Nur du hast das Recht, von deiner Schuld zu sprechen», formulierte Braun einmal bitter.

Geschichte und Kunst

Die Schweiz kommt in diesen Aufzeichnungen auch vor. Braun weilte nach dem Zweiten Weltkrieg als Junge im Simmental; zudem kam er im dokumentierten Zeitraum zu gelegentlichen Auftritten in die Schweiz, eingeladen vom Marxistischen Studentenverband oder dann vom Neumarkt-Theater – da stecken eigene Schweizer Geschichten drin.

Aber diese «Werktage» handeln nicht nur von Kulturpolitik, sondern mehr noch von Kultur. Atemraubend die Auseinandersetzung mit anderen Stücken, auch mit Kunstwerken. Die werden bis aufs Gerippe zerlegt und leuchten zugleich weiter. Dazu zählt ebenfalls die Beschäftigung mit Brecht und Peter Weiss.

Das Buch, tausend Seiten, ohne Anmerkungen, scheint auf den ersten Blick abweisend, nur für InsiderInnen gemacht, die die damaligen Zeiten miterlebten oder sich dafür interessieren. Aber wichtig und nachvollziehbar für alle sind der Blick auf die Dinge und die Haltung, die sich darin äussert. Auch «Nachgeborene» können aus vergangenen Sintfluten lernen.

Soziologie der Gegenwart

Braun hat sich bis heute sein Interesse an den Arbeits- und Produktionsverhältnissen bewahrt, in denen wir zwangsweise stecken. In den letzten Jahren sind dazu neuere Entwicklungen der Weltgeschichte getreten, die ökologische Katastrophe, die globalen Migrations- und Flüchtlingsströme. Dabei ist er, das zeigte sich in Zürich, wach wie eh, offen für alles, was abläuft, für die grossen Zusammenhänge wie die Details. Er bleibt unersättlich im Beobachten und im Denken.

Dialektik wird oft missverstanden, als Sophisterei, als Hantieren mit gedanklichen Widersprüchen. Zu A auch B sagen, als rhetorische Formel. Aber Dialektik zielt auf die Wirklichkeit, muss deren Widersprüche aufzeigen und Bewegungen nachzeichnen. Sie zeigt die Dinge im Fluss, um sie noch mehr zum Tanzen zu bringen.

Im «Arbeitsbuch» verwendet Braun eine Formulierung für die DDR-BewohnerInnen: «subversiv schwafeln, subaltern schuften». Es ist eine Hypothese, keine allgemeingültige Erklärung. Als Hypothese lässt sie sich auf die Schweiz anwenden. Wenn die Meinungsumfragen zu den beiden bevorstehenden Abstimmungsvorlagen klare Mehrheiten für die Ausschaffungsinitiative und zugleich die Steuergerechtigkeitsinitiative ergeben, dann sollte man sich nicht einfach wundern oder ärgern, sondern die Beziehung zwischen diesen Resultaten nachzeichnen. Dialektisch. Gegen die da oben geht es denen da unten gelegentlich schon, aber dann geht es zugleich gegen die noch weiter unten.

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