Nr. 47/2010 vom 25.11.2010

«Die Panik ist ausgebrochen»

Das Schwyzer Dorf Pfäffikon will Londoner Hedgefonds anlocken. Ist das die Rettung für eine Steueroase, die viele Probleme am Hals hat – Tausende von Quadratmetern leere Büroräume, entvölkerte Strassen, Konkurse und ab und zu einen Bombenanschlag?

Von Rachel Vogt

WOZ: Pfäffikon will mit seinen tiefen Steuern Londoner Hedgefondsmanager anlocken. Werden sie nun massenhaft kommen?

Irene Herzog: Nein. Es stimmt einfach nicht, dass wir mit Finanzzentren wie Tokio, London oder New York konkurrieren können. Das ist eine gigantische Selbstüberschätzung. Die Vision von Pfäffikon als Finanzplatz ist bereits veraltet.

Warum erscheinen dann überall Berichte über die umzugswilligen Hedgefonds – in Schweizer Medien, aber auch im englischen «Guardian» oder den BBC News?

Ein ehemaliger Hedgefondsmanager hat sich der Gemeinde angedient und preist sich in London als Verkäufer der Marke Pfäffikon an. Diese PR hat es in den redaktionellen Teil von allen möglichen Zeitungen geschafft. Auch die Behörden versuchen, den Bluff aufrechtzuerhalten.

Inwiefern ist das ein Bluff?

Im «Tages-Anzeiger» stand, dass dieses Jahr bereits sieben neue Hedgefonds aus London zugezogen seien. Wir haben das nachgeprüft. Das Resultat: Keine dieser sieben Firmen hat hier einen Telefonanschluss. Zwei Firmen sind nicht an den angegebenen Adressen zu finden. Die restlichen haben ihr Domizil in Wohnhäusern. Man macht den Leuten doch etwas vor: Man suggeriert, dass Pfäffikon als Finanzzentrum floriere, um so neue Glücksritter anzuziehen. Das ist eine Blase.

Also floriert Pfäffikon nicht?

Der Immobilienmarkt ist schon seit längerem ins Stocken geraten. Die teuren Wohnungen – wir reden von Mieten bis zu 6000 Franken für eine Vierzimmerwohnung – sind bereits jetzt schwieriger zu vermieten. Ein riesiges Manko herrscht hingegen bei bezahlbaren Wohnungen für Familien.

Dennoch scheint ganz Pfäffikon eine einzige Baustelle zu sein.

Ja, es wird irrsinnig viel gebaut, aber mit grosser Wahrscheinlichkeit wird vieles davon leer stehen, nicht nur Luxuswohnungen, sondern auch Büros. Schon heute sind weit über 20 000 Quadratmeter Bürofläche nicht vermietet.

Und trotzdem wird weitergebaut wie wild?

Vor ein paar Jahren herrschte eine richtige Goldgräberstimmung, die Leute wurden masslos. Was jetzt gebaut wird, ist nur ein Bruchteil von dem, was bereits bewilligt wurde. Grosse Überbauungen sind längerfristige Projekte, die man nicht flexibel genug korrigieren kann – das ist wie bei einem Supertanker, der nach einem Notstopp noch lange geradeaus fährt. Niemand wollte sich eingestehen, wie sehr wir von der Weltwirtschaft abhängig sind. Man hat sich selbst gefeiert, hat den Kanton Schwyz als sichere Insel gesehen. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise sind hier erst mit Verzögerung zu spüren. Doch im Hintergrund ist bereits Panik ausgebrochen.

Bringen tiefe Steuern die Rettung?

Nein, das ist doch eine Zeitbombe. Irgendwann wird uns jemand unterbieten. Zudem: Andere Steueroasen wie Zug oder Genf haben mehr zu bieten als wir, eine bessere Referenzumgebung in Form von grossen Bankinstituten etwa. Und mehr Lebensqualität. Wir haben hier keine attraktive Altstadt, wenig eigenes kulturelles Schaffen. Die tiefen Steuern sind vor allem auf Druck der Baulobby entstanden. Sie sollen exzessiv weitere Mieter und Käufer anziehen.

Was wird das für Auswirkungen auf die Gemeindefinanzen haben?

Es kommt darauf an, was noch geplant wird. Hätte die Gemeinde all die grossen Verkehrsprojekte realisiert, die sie plante, wäre sie bereits heute verschuldet. Das scheint nun glücklicherweise nicht der Fall zu sein. Überhaupt: Tiefe Unternehmenssteuern ziehen zwar Firmen an, bringen aber wenige Steuergelder – für das nächste Jahr rechnet die Gemeinde nur mit 1,5 Millionen Franken. Dafür muss die Allgemeinheit in die Infrastruktur investieren. Die «gewöhnliche Bevölkerung» kann sich das Leben hier bald nicht mehr leisten.

Was sind die negativen Auswirkungen der tiefen Steuern?

Wir haben viele Schattengewächse angezogen. Erst vor kurzem gab es einen Bombenanschlag auf ein Bürogebäude.

Einen Bombenanschlag?

Ja, vor einem Gebäude, in dem sich ein einschlägig bekannter Betrüger eingemietet hat. Es gibt auch sehr viele Konkurse. Allein dieses Jahr sind bislang fast 350 Firmen Konkurs gegangen, weggezogen oder wurden liquidiert.

Wie sieht es mit neuen Arbeitsplätzen im Bereich der Hedgefonds aus?

Es gibt nicht wirklich neue Jobs, jedenfalls nicht für Leute aus der Umgebung. Das ist eine falsche Behauptung der Immobilien- und Baubranche. Die meisten Hedgefondsmanager, die hier arbeiten, kommen von auswärts. Der Bahnhof spuckt jeden Morgen einen grossen Strom von Pendlern aus.

Und, wie sind sie so, die Hedgefondsmanager?

Es sind meist schwarz gekleidete junge Männer und Frauen, die allein oder in kleinen Gruppen im Dorf auftauchen. Man hört viel Englisch und Hochdeutsch. Es gibt kaum Kontakt mit der ansässigen Bevölkerung.

Pfäffikon gilt als einer der grössten Hedgefondsplätze der Welt. Warum eigentlich?

Hedgefonds sind bei uns praktisch keiner behördlichen Kontrolle unterworfen. Der Gemeinderat hat sogar Steuergelder in einem Hedgefonds angelegt und massiv Geld verloren. Konsequenzen blieben aus. Wir haben keine ausgeprägte Oppositionskultur und keine breite Meinungsrepräsentanz. Die Schwyzer Politik ist ein grosser Klüngel, man hält dicht gegenüber den Bürgern, das war schon immer so. Es herrschte jahrhundertelang eine Untertanenmentalität, die stark mit der früheren Abhängigkeit vom Kloster Einsiedeln zusammenhing. Die Bevölkerung war sehr arm. Die Macht lag immer bei einigen wenigen Grundbesitzern.

Wie hat das Pfäffikon geprägt?

In Pfäffikon wurden die Raumplanung und das Baureglement fast nur auf die Interessen der Grundbesitzer und der Baulobby ausgerichtet. Denn es locken grosse Gewinne. Die Folgen: Wir haben ein zerfallendes altes Zentrum, anstelle der Häuser mit Geschichte machen sich überproportionale, grobschlächtige Bauten breit. Wir haben nicht mal ein Café oder eine Jugendzentrum hier! Am Abend sind die Strassen leer. Tot. Pfäffikon wird immer mehr ein Konglomerat aus Bausünden.

Gibt es keine grünen Ecken mehr?

Im Zentrum sind alle verschwunden. Eigentlich müssten bei Gestaltungsplänen Grünflächen für die Allgemeinheit eingeplant werden. Doch hier sollen in Zukunft begrünte Dächer als Freiraum gelten, damit der Boden zubetoniert werden kann. Man könne ja den Lift benutzen, sagt der Gemeinderat.

Die Reichen haben also ein grauenvolles Paradies geschaffen?

Viele Reiche arbeiten nicht hier, und sie haben ihren Lebensmittelpunkt nicht in der Gemeinde. Diese Leute leben in einer eigenen, abgeschotteten Welt. Falls sie überhaupt Kinder haben, werden diese mit dem Auto in eine der vielen Privatschulen gebracht. Sie nehmen kaum am Gemeinschaftsleben teil. Unsere Vereine kämpfen ums Überleben.

Was halten Sie von der Steuergerechtigkeitsinitiative, über die dieses Wochenende abgestimmt wird?

Ich hoffe, sie wird angenommen. Es wäre ein Zeichen gegen eine Politik, bei der nur die Gewinnmaximierung zählt.

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