Nr. 26/2013 vom 27.06.2013

Goldgräber am Millionenbach

Wie die Hiag Immobilien AG schweizweit ehemalige Industrieareale aufkauft, mit Gemeinden zusammenarbeitet und auf Widerstand aus der Bevölkerung stösst. Das Beispiel Wetzikon.

Von Adrian Riklin (Text) und Ursula Häne (Foto)

Umstrittenes Gelände: Die ehemalige Spinnerei Schönau und ihre Umgebung am Aabach in Wetzikon gehören zu den schönsten Industriebrachen, die jetzt in den Händen der Hiag Immobilien AG sind.

Das Portal des Wetziker Stadthauses bleibt geschlossen an diesem Samstagnachmittag. Knapp hundert Leute haben sich davor versammelt. Aus der Menge ragt, auf einem Fabrikkamin aus Karton, ein monströser Storch. Es rätscht und klappert. «Schönau für alle, Stadt für alle!»: In Wetzikon entsteht eine Bewegung, die sich für eine soziale Stadtentwicklung einsetzt.

Aus sieben Dörfern ist eine heterogene Stadt geworden. Charakterlose Neubauten und Baukräne überall. In den letzten acht Jahren ist die Bevölkerung von Wetzikon um 4000 auf 23 500 Menschen gestiegen. In der Stadt, die damit prahlt, «die längste Bahnhofstrasse Europas» zu haben, sind alle sieben Exekutivmitglieder hauptberuflich in der Privatwirtschaft tätig. Urs Fischer, der freisinnige Gemeindepräsident, arbeitet in der Versicherungsbranche. Die Linke ist im einstigen Industriestädtchen nicht in der Regierung vertreten.

Profitieren vom Strukturwandel

Wer wissen will, was mit einer Gemeinde im Standortwettbewerb geschehen kann, erhält zwei S-Bahn-Stationen von Zürich entfernt Anschauungsunterricht.

Kulturinteressierte kennen die Stadt im Zürcher Oberland womöglich wegen der Kulturfabrik Wetzikon. Aus dem Areal dieser eins-tigen Giesserei führt nordwärts ein Sandweg durch ein Wäldchen und biegt über den Bach Aa in eine Wiese. Von hier aus sieht man, oben auf der Hügelkuppe, den Auslöser der Proteste: die Schönau, Baujahr 1823, eine von rund zwanzig Spinnereifabriken, die im 19. Jahrhundert im Aatal gegründet wurden – eine von drei, die einst der Streiff AG gehörten.

Seit März stehen Bauprofile auf der Wiese. Geplant sind zwei sechsgeschossige Blocks mit 53 Eigentumswohnungen für gehobene Ansprüche. Weiter nördlich des Fabrikgebäudes, hinter dem «Fabrikanten-Parkwäldchen», sind Einfamilienhäuser und am Fabrikweiher ein gehobenes Restaurant sowie ein Kultursaal geplant.

2010 verkaufte die Streiff AG ihren gesamten Immobilienbestand an die Hiag Immobilien AG. Die Tochtergesellschaft des Holzbauunternehmens Hiag im Besitz der Familie Grisard hat sich in den letzten Jahren darauf spezialisiert, alte Industrieareale «aufzuwerten». Bereits gehören ihr über dreissig Areale von Aigle VD bis St. Margrethen SG – fünfzehn Prozent aller Industriebrachen in der Schweiz (Marktwert über 900 Millionen Franken). Die grösste darunter: das riesige Areal der vor zwei Jahren geschlossenen Papierfabrik Biberist SO.

Damit antizipiert die Hiag weit mehr als den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft.Spielbestimmend ist ebenso die Marktlogik des Steuerwettbewerbs, die immer mehr Gemeinden sich dazu hinreissen lässt, Unternehmen mit tiefen Steuern anzulocken. Mit dem Resultat, dass sie selbst immer weniger einnehmen. Wetzikon weist seit Jahren eine unterdurchschnittliche Steuerkraft aus. Gemeindeschreiber Marcel Peter auf die Frage, warum die Stadt das Schönau-Areal, in dem bis 1992 noch Garn produziert wurde, nicht selber gekauft hat: «Die Stadt hat nur schon aus finanziellen Gründen nicht das Potenzial dazu.»

Mit seiner Industriegeschichte ist das Zürcher Oberland besonders lukrativ für Investoren aus der Immobilienbranche. Die Hiag verhält sich dabei überaus geschickt: Den Gemeinden wird eine Standortaufwertung in Aussicht gestellt; Denkmalpfleger-Innen werden präventiv ins Boot geholt; und als Arealentwickler werden umgängliche Typen eingesetzt – in Wetzikon verkörpert diese Rolle Lukas Fehr, ein junger Familienvater, der vorzugsweise mit einem Kinderwagen aufkreuzt.

Für das Gesamtpaket aller Streiff-Areale zahlte das Unternehmen etwa hundert Millionen Franken. Ein Schnäppchen, verglichen mit den zu erwartenden Gewinnen aus den Eigentumswohnungen. Den Startschuss für ihren Sanierungszug durch das Aatal machte die Hiag mit dem Projekt «Leuchtturm» in der Wetziker Nachbargemeinde Seegräben, das diesen Herbst eröffnet werden soll. Bereits sponsert die Hiag die Oberländer Industrielehrpfade. Mit der erhofften Verkehrsberuhigung durch die geplante Oberlandautobahn werden die Areale weiter an Wert gewinnen: Der Übername «Millionenbach», wie die Aa wegen der einst höchst profitablen Spinnereien genannt wurde, erhält eine neue Bedeutung.

Ein Sandweg als Spielverderber

In der Schönau befinden sich derzeit drei Wohngemeinschaften, achtzehn Ateliers, drei Architekturbüros, eine Siebdruckerei sowie ein Musik- und Theaterraum. Der Abstand des oberen geplanten Neubaus zur Schönau soll sieben Meter betragen. Was in den Augen der GegnerInnen eine unsensible Verbauung des historischen Gebäudes und seiner Umgebung darstellt, sehen die Projektverantwortlichen als ein «Weiterbauen», eine architektonische Bezugnahme auf die Gliederung der Spinnerei. Das «Freihalten der ‹unüberbaubaren Hügelkuppe›», das der Regierungsrat 1987 für die Schönau im Inventar schützenswerter Bauten festhielt, hat somit seinen Schutzzweck verloren: Peter Baumgartner, stellvertretender kantonaler Denkmalpfleger, wie auch Thomas Müller, Präsident des Zürcher Heimatschutzes, haben sich für das Projekt ausgesprochen – als Mitglieder der Fachjury.

Inzwischen haben sich BewohnerInnen der Schönau, Leute von der Kulturfabrik und weitere WetzikerInnen im Komitee «Schönau für alle» zusammengetan, um sich gegen die Pläne der Hiag zu wehren. Im Mai 2012 reichten sie eine Petition für ein Kulturhaus in der Schönau ein. Im Juli folgte eine Einzelinitiative des Architekten Roland Leu, der seit zwanzig Jahren in der Schönau arbeitet. Seine Forderung: ein öffentlicher Gestaltungsplan – mit Vorgaben wie dem maximalen Erhalt des Grünraums und dem Freihalten des Fabrikgebäudes.

Der Gemeinderat hatte die Initiative im September 2012 für ungültig erklärt. Im April ist die Initiative vom Bezirksrat Hinwil nun aber für gültig erklärt worden, weil im Fall Schönau «das wesentliche öffentliche Interesse im Ortsbild-, Landschafts- und Aussichtsschutz» bestehe. Woraufhin der Gemeinderat verlauten liess, dass die Initiative wirkungslos sei, da die Hiag zum Zeitpunkt der Einreichung bereits am Projektieren war. Vor drei Wochen versuchte Gemeindepräsident Urs Fischer, den Initianten zum Rückzug der Initiative zu drängen.

Einen Teilerfolg haben die GegnerInnen der Hiag-Pläne schon erzielt: Das erste Baugesuch, das die Hiag im März für die «Schönau Süd» auf der Wiese eingereicht hat, umfasst statt drei nur noch zwei Blocks. Zu verdanken ist das der Stiftung Kulturfabrik, die 1997 das Areal der Kulturfabrik mitsamt dem Sandweg erwerben konnte. In einer Vollversammlung entschieden sich die Mitglieder des Trägerschaftsvereins gegen den Verkauf des Wegs, dessen Verlegung für den Bau des südlichsten Blocks nötig gewesen wäre.

Was meint der Gemeinderat zu den Einwänden gegenüber den Plänen der Hiag? Marcel Peter, Gemeindeschreiber von Wetzikon: «Der Gemeinderat ist am Projekt der Hiag nicht beteiligt. Er ist lediglich dafür verantwortlich, dass Roland Leus Initiative dem Souverän unterbreitet wird.» Auch auf die Frage, was denn mit den bisherigen MieterInnen geschehen soll, nimmt sich die Stadt aus der Verantwortung: «Es handelt sich um ein privates Projekt der Hiag.»

Und die Hiag selbst? Da sind ganz plötzlich neue Töne zu hören. Gemäss Lukas Fehr, dem zuständigen Arealentwickler, sollen alle bisherigen MieterInnen auf dem Areal bleiben können: «Die neuen Wohn- und Gewerberäume werden auch für die bisherigen Mieter erschwinglich sein, da der ökonomische Druck auf den Bestand durch die Erträge auf dem südlichen Arealteil gemildert wird. Nach der sanften Sanierung werden sich die Preise für Wohn- und Gewerbeflächen weiterhin auf Genossenschaftsniveau bewegen.» So soll die Miete für eine hundert Quadratmeter grosse loftartige Wohnung etwa 1500 Franken pro Monat betragen, für ein Wohnatelier mit fünfzig Quadratmetern ungefähr 500 Franken.

Hoffnung aus Wädenswil

Nachfolgendes kann auch als Drohung verstanden werden: «Ohne die Erträge aus den geplanten Neubauten ist die – auch aus denkmalpflegerischer Sicht – notwendige Sanierung kaum ohne substanzielle Mieterhöhungen umsetzbar.» Kurz: Die Hiag legitimiert den Bau der sechsgeschossigen Blocks mit Eigentumswohnungen für gehobene Ansprüche damit, dass ansonsten die bisherigen MieterInnen aus der Schönau weichen müssten.

Selbst wenn sich die Versprechungen der Hiag erfüllen sollten: Das Hauptproblem bleibt bestehen – darin, dass ein privater Investor über das Schicksal eines halböffentlichen Kulturareals und seiner MieterInnen entscheidet.

Dass der Widerstand nicht aussichtslos ist, zeigt ein Beispiel aus Wädenswil, wo die Gemeindeversammlung 2011 einen Gestaltungsplan für das Fabrikareal der Blattmann AG abgelehnt hat. Die Hiag hatte dort teure Wohnungen geplant.

Sollte Roland Leus Initiative im September von der Wetziker Gemeindeversammlung angenommen werden, muss laut Gemeindeschreiber Peter ein öffentlicher Gestaltungsplan für die Schönau ausgearbeitet werden – im Frühling hatte dies der Gemeinderat noch ausgeschlossen.

Doch inzwischen geht es in Wetzikon längst nicht nur um die Schönau. Es geht um Stadtentwicklung insgesamt: um soziale und kulturelle Fragen ebenso wie um architektonische und landschaftliche. Der Storch, mit dem die GegnerInnen des Schönau-Projekts vor dem Stadthaus protestierten, wird wohl noch eine Weile durch «Europas längste Bahnhofstrasse» klappern müssen.

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