Nr. 49/2010 vom 09.12.2010

Hunkeler und das Theater

Eva Pfister

Hansjörg Schneiders Basler Kommissar Peter Hunkeler geht in Pension. Er ist froh, denn er hat die Nase voll von seinem ausländerfeindlichen Chef. Darum nimmt er sich gleich noch eine Grippe. Ein aktueller Fall lässt ihn über das Theater nachdenken. Ein Intendant wurde ermordet, kurz nach der Premiere einer skandalösen Inszenierung von «König Ödipus». Als man die Leiche im Rhein fand, hatte sie leere Augenhöhlen. Eine Anspielung auf die Selbstblendung der antiken Gestalt, die sich ihrer Schuld nicht mehr entziehen konnte?

Das Theater hat sich verändert, seit Hunkeler jung war, wie viele hat er den Anschluss verloren. Das gilt wohl auch für Schneider, der einst vor allem Dramatiker war, bekannt als Autor des «Sennentuntschi», der sich aber zunehmend der Prosa zugewandt hat. Mit seinem erfolgbringenden Kommissar Hunkeler wagt er sich in die heutige Theaterwelt, begegnet arroganten Dramaturgen, Regisseuren und Kritikern, die stolz darauf sind, das Bürgertum aufzuschrecken: Das Theater müsse «die Speerspitze sein, die in die eiternden Wunden der postkapitalistischen Gesellschaft stösst». Es fällt auf, dass diese Theaterleute alles Deutsche sind. Das riecht etwas nach Vorurteilen: böse deutsche Theatermänner kontra rabiate Basler Bürgerfrauen, wie Frau Sarasin, die dem Regisseur des «Ödipus» mit ihrem Granatring zwei Zähne ausschlägt. Aber waren es nicht anonyme Basler Bürgerinnen, die der Stadt 2002 ein neues Schauspielhaus finanzierten?!

Neben dem Theater ist der Rheinhafen Schauplatz des neuen Hunkeler-Krimis, eine Halbweltidylle, Fluchtpunkt für gescheiterte Existenzen und für Menschen, denen die kleinbürgerliche «Humanistenstadt» zu eng ist. Es wird wohl der Lieblingsort des Pensionärs Hunkeler sein. Aber was macht Hansjörg Schneider nach Hunkelers Abschied?

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