Forschen für die EU : «Seien Sie punchy, schreien Sie den Evaluator an!»

Nr. 50 -

Die Forschungsrahmenprogramme der EU schmieden neue WissenschaftlerInnen: kommunikativer, vernetzter, mobiler. Sie surfen auf den Wellen der Informationsflut aus Brüssel, statt darin zu ertrinken. Sean McCarthy ist der Mann, der ihnen das Brett dazu zimmern hilft.


«I am no George Clooney», schreibt Sean McCarthy auf die Ankündigung, dass auch eine Fotografin mitkommen werde. Wie er da unten im fahlen Licht vor den dunkelbraunen, hufeisenförmig angeordneten Holzbankreihen steht, hat der kleine, kompakte Mann mit dem grauen Haarkranz tatsächlich wenig gemein mit dem Hollywood-Beau. Rund dreissig Personen sitzen an diesem Morgen im Plenarsaal des Schweizerischen Nationalfonds in Bern. Die Wissenschaftler und Forscherinnen sind gekommen, um sich von McCarthy in die Geheimnisse des Europäischen Forschungsrahmenprogramms einweihen zu lassen.

Mit den Rahmenprogrammen für Forschung und Entwicklung, wie sie offiziell heissen, fördert die Europäische Union länderübergreifende, interdisziplinäre Forschungsprojekte – in Informations- und Nanotechnologien ebenso wie in Energie, Transport, Gesundheit oder Sicherheit. Sie sollen einerseits Europa als Gemeinschaft stärken, andererseits die Wettbewerbsfähigkeit der EU erhöhen. 1984 ist das erste Forschungsrahmenprogramm (FP) gestartet. Von 2007 bis 2013 läuft das siebte FP, mit einem Gesamtbudget von rund 74 Milliarden Franken – das ist gut hundert Mal so viel Geld, wie dem Schweizer Nationalfonds jährlich zur Verfügung steht.

Anders als beim Nationalfonds fliesst der grösste Teil der EU-Gelder in die anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung. Das bedeutet zweierlei: Zum einen sind die Themen vordefiniert und werden in inhaltlich genau umrissenen Ausschreibungen – den sogenannten Calls – auf Cordis, der zentralen Kommunikations- und Internetplattform, veröffentlicht. Zum andern gehört zu jedem Forschungsnetzwerk ein Projektpartner aus der Praxis, etwa der Industrie. Seit 2004 können sich auch Schweizer ForscherInnen und KMUs ohne Einschränkungen am Wettbewerb um die Forschungsgelder beteiligen.

Von Reykjavik bis Kairo

Sean McCarthy kennt die Forschungsrahmenprogramme wie kein Zweiter. Seit 1997 ist er vor mehr als 32 000 WissenschaftlerInnen an über 300 verschiedenen Orten in insgesamt 28 Ländern gestanden, um diesen einen Kurs zu geben: «How to Write a Competitive Proposal» – wie schreibt man erfolgreich einen Antrag.

«Manchmal fühle ich mich wie ein irischer Mönch aus dem vierten Jahrhundert, der in Europa die frohe Botschaft verbreitet.» Seine rötlichen Augenbrauen und das gutturale Englisch lassen keine Zweifel über Sean McCarthys Herkunft aufkommen. In den vergangenen Wochen hat er seine Botschaft von Galway bis Zagreb und von Reykjavik bis Kairo verkündet.

Der Kurs in Bern hat mittlerweile begonnen, und Sean – bald werden ihn alle nur noch beim Vornamen nennen – will von allen TeilnehmerInnen wissen, woher sie kommen, was sie machen, warum sie hier sitzen. Einige wollen zum ersten Mal ein EU-Forschungsgesuch einreichen, andere forschen bereits in EU-Projekten oder koordinieren sogar eins. Noch bevor der Morgen zu Ende geht, wird Sean die meisten mit Namen kennen. Wer geglaubt hat, sich zurücklehnen und konsumieren zu können, wird rasch eines Besseren belehrt: Immer wieder unterbricht Sean, was er gerade vorstellt, will von Einzelnen Konkreteres zu ihrem Projekt wissen: Wer sind die Projektpartner im Netzwerk, woher kommen sie? Was steuern sie bei? Worum geht es im Projekt genau?

Susanne Menzel sitzt weit vorne und ist bereits mehrfach befragt worden. Die Geografin arbeitet an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf im Bereich der sozialwissenschaftlichen Landschaftsforschung. Sie will ein Projekt koordinieren, an dem sieben weitere Partnerinstitutionen beteiligt sind. Es soll die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in Kolumbien unterstützen. Dort müssen immer mehr KleinbäuerInnen mit den industriellen Grossproduzenten von Agrotreibstoffen um Land und Wasser konkurrieren. Es ist Menzels allererster EU-Projektantrag.

«Ich habe selbst so an die 150 Forschungsanträge geschrieben, war an rund 60 Projekten beteiligt, 16 davon habe ich sogar koordiniert», sagt Sean McCarthy. «Was ich den Leuten vermittle, beruht auf langjähriger praktischer Erfahrung.» Begonnen hat der 52-jährige Elektroingenieur aus Cork seine Forscherkarriere im allerersten FP mit Projekten zu erneuerbarer Energie. 1988 hat er eine eigene Firma, Hyperion Energy Systems, gegründet und sich auf Fotovoltaik und Solarzellen spezialisiert. «Aber damals war noch niemand bereit für diese Technologien. Wir verkauften also auch unser Wissen in Elektronik und IT.» In den ersten Jahren funktionierte das nebst der Beteiligung am FP ganz gut. Bis sich McCarthy 1994 dann gezwungen sah, aus der Forschung auszusteigen, um sich ganz der Firma zu widmen.

«Eigentlich begann es als Hobby, ich gab an Konferenzen diese kleinen Workshops und Trainings zum Forschungsrahmenprogramm», erinnert er sich. «Und dann wurde ich plötzlich von Anfragen überrollt.» 1995 begann McCarthy unabhängige Kurse zum FP zu organisieren und anzubieten. «1997 hörte ich mit allem andern auf.»

Funktionieren wie ein Schnapsbrenner

Sean McCarthys Kurse sind eine Offenbarung. Denn die Welt der Forschungsrahmenprogramme ist ein Dschungel: Auf Cordis finden sich Tausende Websites, Dokumente, Vorschriften, Richtlinien. Manche Forschende kriegen Pickel, wenn sie den Begriff nur schon hören. Das Schlimmste daran sei, sagt Susanne Menzel, dass man mit den üblichen Suchstrategien nicht zum Ziel gelange. «Man findet nicht mal auf die einfachsten Fragen eine Antwort – zum Beispiel, wie lange ein Projekt maximal dauern darf oder was ein ‹Scheme› ist, eine ‹Subarea› oder ein ‹Topic›.»

Der Dschungel wuchert bis in die Sprache hinein. «Es gibt Englisch», sagt McCarthy, «und es gibt Brüssel-Englisch.» In der Bürokratensprache der EU-Hauptstadt gibt es gewisse Schlüsselworte, die eine ganz eigene Bedeutung haben. Worte, die Türen öffnen. Sean McCarthy kennt diese Worte.

Wie kommt er zu seinem Insiderwissen? Ist der kleine Mann im fein karierten weissen Kurzarmhemd und den bequemen Schlüpfschuhen ein begnadeter Klinkenputzer? Geht das überhaupt zusammen mit einem Auftritt so ganz ohne Schnickschnack und Rasierwasser? «Mit den Kommissionsleuten in Brüssel treffe ich mich kaum je», winkt McCarthy sogleich ab. «Ich lobbyiere nicht.» Seine wasserhellen Augen blitzen. «Ehrlich gesagt, bin ich eine Lesemaschine: Ich sauge alles auf, was Brüssel ins Netz stellt, führe es zusammen und verdichte es in einzelne Folien, die ich dann in meinem Kurs zeige.»

Zeit dazu findet er genug: Allein diese Woche ist Sean McCarthy bereits sechzehn Stunden im Zug und im Flugzeug unterwegs gewesen. «Die meisten Leute empfinden das Herumreisen als lästig», sagt er. «Für mich ist es Arbeitszeit – und ein Glücksfall dazu. Viele Menschen finden kaum noch Zeit zum Lesen, geschweige denn die Zeit, die es braucht, um über das Gelesene nachzudenken und es zu verstehen.» Mitunter brütet McCarthy jahrelang über gewissen Texten, bevor er ihre Essenz in zwei, drei Folien giessen kann.

Ein Mönch in Irland hat ihm einmal gesagt, er arbeite wie eine Schnapsbrennerei für Informationen: Den guten Stoff herausfiltern, den Abfall loswerden.

Im Verlauf des Kurses wird er an einer Stelle so ganz beiläufig sagen: «An dieser Folie habe ich dreizehn Jahre lang herumgeknobelt.» Die Folie verdeutlicht den politischen Hintergrund der Forschungsrahmenprogramme am Beispiel von sozialen, ökonomischen oder regionalen Defiziten. Denn genau darum geht es – in den Dokumenten, die Sean McCarthy wälzt, ebenso wie in seinem Kurs: um Debatten und längerfristige, strategische Entscheide auf der politischen Ebene, die der inhaltlichen Ausgestaltung der FP bis hinein in die Formulierung eines spezifischen Calls zugrunde liegen. Der Zeithorizont der Programme liegt zwischen 2020 und 2030. Was heute wissenschaftlich untersucht und erforscht wird, soll sich mit Themen befassen, die dann politisch vordringlich sein werden.

«Lassen Sie niemals eine Rubrik leer!»

Susanne Menzel sitzt aufrecht und konzentriert im Plenarsaal, als Sean sagt, die meisten Projektanträge scheiterten an der Frage der politischen Relevanz. «Forscher haben die Tendenz, mindestens achtzig Prozent ihrer Ressourcen in den wissenschaftlichen Teil des Antrags zu stecken», sagt sie. Dabei wird dieser gleichwertig behandelt wie der politische und der Managementteil: Alle werden maximal mit je fünf Punkten bewertet, wie Sean anhand eines Beispiels auf der nächsten Folie verdeutlicht.

Bis die EU-Kommission einem Forschungsprojekt grünes Licht und damit Geld gibt, muss es diverse Hürden überwinden. Die Entscheidungsmacht liegt dabei in den Händen von zwei Instanzen: den KoordinatorInnen der Calls und den EvaluatorInnen. Erstere gehören zum bürokratischen Apparat der EU-Kommission, die sich aus verschiedenen Generaldirektionen zusammensetzt – darunter jene für «Forschung und Innovation», die ihrerseits mehrere Direktionen wie Landwirtschaft, Gesundheit oder Transport umfasst. Hier sind die KoordinatorInnen angesiedelt. Sie veranlassen die formale Prüfung der Projektanträge und wählen die EvaluatorInnen aus.

Diese Fachleute aus Wissenschaft und Industrie sind in der Folge dafür verantwortlich, die Anträge zu bewerten. Die Kriterien sind von der Kommission festgelegt und entsprechen den drei Teilen des Projektantrags: wissenschaftliche Qualität, Qualität des Netzwerks und politische Relevanz. Jedes Projekt wird von drei EvaluatorInnen begutachtet, die sich anschliessend auf eine gemeinsame Bewertung festlegen. Auf dieser Basis legt dann ein Panel ausgewählter EvaluatorInnen die Reihenfolge fest, gemäss der die Projekte finanziert werden. Mit andern Worten: Je weiter hinten ein Antrag platziert ist, desto geringer seine Chance, auch tatsächlich finanziert zu werden. Meist reicht das Budget nämlich nur für einen Teil der bewilligten Projekte.

Und wie lautet Seans Rezept, um sich möglichst weit vorne auf dieser Rangliste zu positionieren? «Verstehen, was im Kopf der Evaluatoren vor sich geht.» Als Erstes gilt es, die formale Hürde zu nehmen. «Nehmen wir an, Sie haben dieses enorm spannende Fotovoltaikprojekt», schwärmt Sean seinem Publikum in Bern vor: «Es wird der Sonnenenergie zum Durchbruch verhelfen.» Sichtlich lustvoll nimmt er die Rolle eines administrativen Begutachters ein. «Oh, Sie haben die Rubrik zur ethischen Dimension des Projekts nicht ausgefüllt, weil es keine gibt?» Mit spitzen Fingern streckt er ein imaginäres Dossier weit von sich und lässt es fallen. «In den Papierkorb damit.» Gelächter im Saal. Sean wiederholt dasselbe in rasend schnellem Tempo mit anderen Beispielen. Dann holt er tief Luft und schlüpft aus der Rolle wieder hinaus. «Lassen Sie nie, niemals eine Rubrik leer. Für einen Bürokraten ist das eine persönliche Beleidigung.»

Dann wendet sich Sean Susanne Menzel zu, fragt, was denn das Grundproblem sei, das sie mit ihrem Projekt zu lösen versuche. Sie spricht von Umweltproblemen, die sich mit sozialen Problemen vermischen, eine komplexe Sache eben – Sean unterbricht, fragt zurück, ob also der Konflikt um Wasser im Zentrum stehe, ob sie den lösen wolle? Menzel wiegt den Kopf, es gehe eher darum, die NGOs vor Ort zu stärken, die Kleinbauern in diesen Konflikten zu unterstützen ... Sean lässt nicht locker, drängt sie, konkreter zu formulieren. Er will ein Forschungsresultat, das sich anfassen lässt, ein konkretes Produkt, macht selbst auch Vorschläge dazu: ein Workshop in praktischem Konflikttraining? Eine Anleitung zum Umgang mit den Konflikten vor Ort?

Im Saal ist es mucksmäuschenstill. Allen ist klar, was jetzt auf dem Spiel steht: Wie verkaufe ich mein Projekt auf der politischen Ebene? «Die erste Frage ist immer dieselbe», greift Sean die angespannte Stimmung auf und wendet sich wieder an die Runde: «Why bother – was kümmerts mich?» Erneutes Gelächter.

Von der Wand in seinem Rücken leuchten jetzt die mehrmals angekündigten fünf Schlüsselfragen: Warum ist das wichtig? Weshalb sollte die EU das finanzieren? Hat das schon mal jemand versucht? Warum jetzt? Warum Sie? «Stellen Sie sich vor, Sie befänden sich in einem Boxkampf mit dem Evaluator: Schreien Sie ihn an – seien Sie punchy!» Sean erzählt von einem Kurs in Norwegen, von einer Teilnehmerin, die ein Projekt zur Alzheimerforschung einreichen wollte. Als er sie mit der Frage «Why bother?» konfrontierte, sei sie rot angelaufen und habe ihm wutentbrannt Zahlen und Fakten zu den künftig steigenden Raten an Alzheimerkranken und den damit einhergehenden Problemen in Europa an den Kopf geschleudert.

Wenn der Funke überspringt

McCarthy pickt sich in jedem Kurs ein Versuchskaninchen heraus, um an einem konkreten Projekt den Evaluationsprozess durchzuspielen. Ist das seine Strategie, um nicht irgendwann vor Langeweile umzukommen, weil der Kursinhalt immer derselbe ist? Natürlich würden ihm Projektbeispiele einen Kick geben, ihn jedes Mal aufs Neue herausfordern – grundsätzlich aber sei jeder Kurs einmalig, sagt McCarthy. «Ich muss zum Beispiel immer aufpassen, dass ich die Anfänger nicht abhänge und diejenigen mit Erfahrung nicht langweile. Zwischen mir und dem Publikum findet ein konstanter Austausch statt, und ich passe die Folien, die ich auswähle, laufend den verschiedenen Bedürfnissen an.»

Sean McCarthys Leidenschaft speist sich zu einem grossen Teil aus den KursteilnehmerInnen. «Wenn ich ins Publikum schaue, wenn ich dieses Aha in ihrem Gesicht, in ihren Augen sehe – wow! –, das versetzt mir einen Adrenalinstoss.» Ihm scheint tatsächlich ein wohliger Schauer über den Rücken zu laufen, während er spricht. Zu spüren, dass die Botschaft ankommt ... Dass er sich mit einem Mönch verglichen hat, war wohl kein Zufall.

Sein Leben ist streng reglementiert und folgt strikter Disziplin. Die Zeit vor und nach einem Kurs verbringt Sean McCarthy in der Abgeschiedenheit von Flughafen-Wartesälen, Flugzeugkabinen oder Zugabteilen. Vielleicht noch ein kleiner Stadtspaziergang vor dem abendlichen Rückzug ins Hotelzimmer, eine Folge der «Sopranos» am Fernsehen, und dann: Lesen, bis die Augen zufallen. Sozialleben? Fehlanzeige. «Das ist kein Job für junge Menschen», sagt McCarthy. «Die wollen abends ausgehen, sich mit andern treffen.» Er muss am nächsten Morgen wieder fit vors Publikum auf die Bühne treten.

Eine Bühne ist es manchmal wirklich. Aus Oslo schrieb er kürzlich seiner Familie eine Kurznachricht über Twitter: «180 haben sich für Kurs eingeschrieben. Er findet in einem Theater statt. Die müssen glauben, ich spiele ihnen ein paar Lieder vor.»

Im Gespräch vergleicht McCarthy dann seine Firma tatsächlich mit dem Musikbusiness, wo sich alles um den Star dreht: «Ich werde gebucht, ich trete auf, sing mein Lied, erzähl meine Geschichte – und alle um mich herum bereiten das Material vor, buchen die Hotels, machen die Buchhaltung und stellen sicher, dass ich mich um nichts anderes als den Inhalt meiner Kurse kümmern muss.» Er zieht drei sorgfältig gefaltete Zettel aus der Brusttasche seiner Jacke. Einer ist blau, einer gelb, einer rosa. Seine Frau Mary bereitet ihm die jede Woche vor – für jeden Kurstag und -ort einen. Rosa ist diesmal für Bern: Flug- und Zugverbindungen stehen da drauf, die Adresse des Hotels, in dem er übernachtet hat, Uhrzeit und Ort des Kurses, Name und Telefonnummer der Kontaktperson. «Mein ganzes Arbeitsleben hängt an diesen farbigen Blättern. Und meine Frau organisiert das alles.»

Der Ire, der kein Guinness trinkt

Sean McCarthy ist übrigens tatsächlich Musiker. In seinem anderen Leben, das er sorgfältig von seiner Mission in und für Europa trennt. «Wenn ich am Donnerstagabend heimkomme, werde ich wieder zum gewöhnlichen irischen Dorfbewohner», sagt er. «Sogar meine Sprache wechselt zurück in den irischen Dialekt.» Ist er früh genug dran, packt er seine «Box», sein Akkordeon, und trifft sich mit seinen Freunden im Pub auf eine Session. «Das ist eine grosse irische Tradition – wir kommen zusammen und spielen irische Folksongs, improvisieren, es ist ein bisschen wie im Jazz. Manchmal spielen wir bei einem Freund zu Hause, manchmal im Pub.» Nur auf das Guinness verzichtet er. «Wir vertragen uns nicht so gut», sagt er beinahe entschuldigend.

Sean McCarthys privater Twitter gibt noch andere Geheimnisse preis: «Dungarvan, 90 km; Waterville bis Kenmare, 60 km; Skibbereen bis Dunmanway, Regen, Regen, Regen.» Am Freitagnachmittag, und oft auch am Wochenende, steigt McCarthy auf sein Fahrrad, radelt mit Freunden durch die grüne Hügellandschaft Südirlands. «Auf meinem Fahrrad fühle ich mich frei.» Er strahlt, und seine Augen leuchten. «Musik und Radfahren – das sind meine grossen Leidenschaften. Und meine Familie, natürlich.» Vier Kinder hat er: Die älteste Tochter ist 26, der Jüngste 16 Jahre alt.

Im Plenarsaal am Wildhainweg in Bern ist es mittlerweile Nachmittag geworden. Die Köpfe im Kurs rauchen. Sean wechselt in rascher Folge die Folien, ein wahres Feuerwerk aus verdichteten Informationen prasselt auf die TeilnehmerInnen nieder. Es ist eine Tour de Force ins Herz der europäischen Forschungsrahmenprogramme. Und dann, unvermittelt, hält Sean inne, zeigt begeistert auf den Namen Marie Curie, ein Programm, das jungen WissenschaftlerInnen Forschungsaufenthalte in andern Ländern ermöglicht: «So ein wundervolles Programm!» Als hätte er eine seltene Blüte im Dschungel entdeckt.

Seine Begeisterung springt aufs Publikum über. Susanne Menzel sagt: «Ich sehe das wie ein Spiel mit einer unglaublich komplizierten Spielanleitung.» Am wichtigsten sei, schrittweise vorzugehen und zu wissen, dass es jemanden gibt, den oder die man fragen kann, wenn man feststeckt. In ihrem Fall sind das verschiedene Personen: Eine Freundin aus Deutschland etwa, die an einer Uni Forschende berät, die ein EU-Projekt einreichen möchten; ein emeritierter Professor mit langjähriger Erfahrung als Evaluator; eine Wissenschaftlerin an einem benachbarten Forschungsinstitut, die dort die administrativen Aufgaben für EU-Projekteingaben übernimmt. Und immer wieder Euresearch.

Euresearch berät im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung und Forschung Schweizer WissenschaftlerInnen und KMUs seit 2004 kostenlos über die europäischen Forschungsrahmenprogramme. Mittlerweile gibt es an jeder Universität ein Euresearch-Team. Im Hauptbüro in Bern kümmern sich einzelne Kontaktpersonen um spezifische Programmbereiche und bieten dort konkrete Unterstützung.

«Mit meiner Kontaktperson in Bern habe ich mich mehrmals getroffen», sagt Susanne Menzel. «Sie hat eine erste Rohfassung gelesen, mich auf Schwachstellen aufmerksam gemacht und Tipps gegeben, worauf ich noch mehr achtgeben soll. Und sie hat mich auf typische Anfängerfehler hingewiesen.» An das Regionalbüro von Euresearch in Zürich hat sich Menzel vor allem mit administrativen Fragen gewandt. In den letzten drei Tagen vor dem Abgabetermin Mitte November, als die Nerven blank lagen. «Das war enorm wichtig – zu wissen, die sind da, die kann ich anrufen, und sie geben mir eine konkrete Antwort.»

Sechs Stunden Adrenalin

Für Sean McCarthy ist klar: Das Schreiben von Forschungsanträgen gehört zur Arbeit von WissenschaftlerInnen. Er glaubt aber auch, dass sie dazu eine breitere Basis an Fertigkeiten benötigen – mehr Management-, mehr kommunikative Kompetenzen. «Der Wissenschaftler der Zukunft wird ein anderer sein», sagt er, «europäischer im Denken und Handeln. Das gefällt mir am besten am ganzen Forschungsrahmenprogramm: Es bringt Wissenschaftler aus ganz Europa zusammen, es schafft Netzwerke, und plötzlich traut man sich als Forscher zu, auch auf der internationalen Ebene zu agieren.»

Susanne Menzel sagt: «Ich habe noch nie so viel gelernt wie in den letzten drei Monaten. Im Verlauf des Antragschreibens habe ich bestehende Beziehungen gestärkt und neue aufgebaut. Die werden mir bleiben, auch wenn der Projektantrag nicht durchkommen sollte.»

Im Plenarsaal in Bern hat die Schlussrunde begonnen. Sean will von allen wissen, was sie aus dem Kurs mit nach Hause nehmen können. Und was sagt Susanne Menzel, als die Reihe an ihr ist? «Ich muss aggressiver werden.» Sean strahlt, der Saal füllt sich ein letztes Mal mit dem Gelächter der TeilnehmerInnen.

Dann ist der Kurs zu Ende. Sean McCarthy reist mit leichtem Gepäck. Zwei identische schwarze Taschen, aufeinandergestapelt und auf einen Rolli gepackt. «Das ist mein Büro», er zeigt auf die obere Tasche, «und das ist mein Zuhause.»

Bevor der Zug Richtung Flughafen abfährt, braucht er unbedingt noch eine Tasse Tee und ein Stück Gebäck. «Tea Time.» Nach einem Kurstag sei er jeweils völlig ausgelaugt. Sechs Stunden lang walle das Adrenalin, und dann plötzlich sacke es in den Keller. Im Zug entschuldigt er sich: Zeit für einen kurzen Powernap. Gesagt – eingenickt. Exakt zehn Minuten später richtet er sich so unvermittelt auf, wie er in den Schlaf abgetaucht ist, blinzelt ... lächelt.

Macht er sich je Gedanken über seinen gigantischen CO2-Abdruck? Immerhin fliegt er wöchentlich mindestens viermal kreuz und quer durch Europa, und das vom peripheren Cork in Irland aus. «Wir haben ganz viel Geld in diese Videokonferenztechnologie investiert, damit ich nicht so viel reisen muss. Sie funktioniert auch ganz gut.» Sean McCarthy seufzt. «Aber ich habe den direkten Kontakt zu den Leuten so vermisst – die Emotionen, die Körpersprache ...»

Und überhaupt mag er das Fliegen ja. Den Film «Up in the Air» mit George Clooney hat er sich zweimal angesehen. «Das ist mein Leben», sagt Sean McCarthy: «Immer auf Reisen, und das mit Genuss. George Clooney – that’s me.»