Nr. 01/2011 vom 06.01.2011

Ist Blocher also ein Grossbauer?

Matthias Weishaupt forschte über die Bauern in der Schweizer Geschichtsschreibung und wurde vor fünf Jahren Regierungsrat von Appenzell Ausserrhoden. Im Februar möchte der SPler Landammann werden. Er erklärt, wie der Bauer als Kampffigur ­instrumentalisiert wird – bis zum Slogan «Schweizer wählen SVP».

Von Kaspar SurberMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Matthias Weishaupt: «Die SVP bewirtschaftet den Gegensatz Stadt–Land und stillt damit die heimatliche Sehnsucht der Mittelschichten in den Agglogemeinden.»

WOZ: Matthias Weishaupt, wie wurden Sie Bauernforscher?
Matthias Weishaupt: Es war Zufall: Während des Studiums interessierte mich vor allem die Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterschaft, insbesondere auch die Geschichte der Schweizer Spanienkämpfer. In einem Pflichtseminar lernte ich dann mittelalterliche Wirtschaftsquellen kennen. Das Forschungsumfeld war so anregend, dass ich mich in meiner Lizenziatsarbeit mit der spätmittelalterlichen Milch- und Viehwirtschaft befasste. So kam ich zu den Bauern.

Zuerst untersuchten Sie also die realen Lebensbedingungen der Bauern. Für ein Nationalfondsprojekt haben Sie sich dann ideologiekritisch mit den Bauern beschäftigt. Was versteht man unter dem Begriff «Bauernstaatsideologie»?
Der real existierende Bauer wurde seit dem Mittelalter von Politik und Geschichtsschreibung immer wieder instrumentalisiert – idealtypisch überhöht und verklärt. Im Spätmittelalter wurde der «frume edle pur» als Kampffigur gegen den Adel ins Feld geführt. Auch die städtischen Eliten der Eidgenossenschaft legitimierten ihre Herrschaftsposition mit der Figur des frommen Bauern: der von Gott berufene Hirtenkrieger, dem es gelungen ist, die tyrannische Adelsherrschaft zu brechen.

Mit der sozialen Wirklichkeit der Bauern hatten diese Bilder nichts zu tun?
Nein, und es gibt eine tragische Geschichte dazu: Im 16. Jahrhundert suchten aufständische Bauern aus Süddeutschland Zuflucht bei den Eidgenossen. Doch die vermeintlichen bäuerlichen Verbündeten zeigten ihr wahres Gesicht: nämlich als Nachfolger des Adels. Die eidgenössischen Führungsleute nahmen die Aufständischen fest, lieferten sie aus oder verurteilten sie gleich selbst zum Tod. – Für die aufständischen Bauern war das eine existenzielle Verwechslung von Ideologie und Wirklichkeit.

Wie wirkte die «Bauernstaatsideologie» weiter?
Im 18. Jahrhundert wurden die Schweizer Hirten vom europäischen Bildungsbürgertum und von den Reiseschriftstellern zum Inbegriff der freiheitsliebenden Bürger stilisiert. Höhepunkt war 1804 der «Wilhelm Tell» von Friedrich Schiller. In der Nationalgeschichtsschreibung etablierte sich die Vorstellung, dass die Schweiz organisch aus einem bäuerlichen Kern heraus gewachsen ist. Ende des 19. Jahrhunderts folgte die Organisierung der Bauernschaft: mit der Gründung des Schweizerischen Bauernverbandes, in dem die Grossbauern den Ton angaben. Er diente als Bollwerk gegen die Arbeiterschaft und den aufkommenden Sozialismus. Damals wurde die ideologische Parole «Schweizerart ist Bauernart» kreiert. Ein richtiger Schweizer ist ein Bauer. Damit wurde ein Ein- und Ausschlussmechanismus entworfen, der in verschiedenen Zusammenhängen aktiviert werden konnte. Ein städtischer Arbeiter und Sozialist konnte mit dieser ideologischen Brille nie als ein richtiger Schweizer gesehen werden.

«Schweizerart ist Bauernart», das erinnert frappant an den aktuellen SVP-Slogan «Schweizer wählen SVP». Damit wird eine Gleichung hergestellt, die nicht nur eine Übereinstimmung von Schweizer und SVP-Wähler behauptet, sondern im Umkehrschluss zugleich ausschliesst: Nur wer SVP wählt, ist ein richtiger Schweizer.
Die SVP spielt genau auf dieser Klaviatur. Es ist bemerkenswert, dass das noch oder wieder funktioniert. Mit der geistigen Landesverteidigung erlebte die Vereinnahmung der Bauern nochmals einen Höhepunkt, doch nach dem Zweiten Weltkrieg erlitt die Bauernstaats­ideologie einen Einbruch. Erst mit dem Aufkommen der neoliberalen Bewegung haben die Bilder wieder an Virulenz gewonnen. Der Politologe Claude Longchamp hat in den neunziger Jahren festgestellt, dass sich vierzig Prozent der Bevölkerung als «mentale Bauern» identifizieren. Sie fühlen sich offensichtlich weiterhin vom Bild einer im Kern bäuerlichen, autarken Schweiz angezogen.

Christoph Blocher hat das neue Jahr mit einer Ansprache im Emmental begonnen, unter anderem zu Friedrich Traugott Wahlen, dem Agraringenieur, Erfinder der Anbauschlacht und späteren Bundesrat.
Die Anbauschlacht war nicht nur ein Landwirtschaftsprogramm, sondern auch eine nationale Angsttherapie. Beim Kartoffelpflanzen ging es weniger darum, dass aus einer Knolle zehn Kartoffeln wuchsen, sondern vor allem um den ideologischen Mehrwert, der eingefahren werden konnte. Jede rechte Schweizerin, jeder rechte Schweizer konnte und sollte die wahren bäuerlichen Wurzeln entdecken.

Könnte man sagen: Christoph Blocher ist ein Grossbauer?
Ein ideologischer Grossbauer! Die Biografien werden gezielt eingesetzt: Blocher betont immer wieder seine Ausbildung als ­Bauer, obwohl er ein Grossindustrieller ist, sein Riesenvermögen mit Import/Export machte. Auch Toni Brunner, der als Nationalrat und Parteipräsident in erster Linie Politiker ist, pflegt und inszeniert sich als Bauer im Toggenburg. Die SVP bewirtschaftet den Gegensatz Stadt–Land und stillt damit die heimatliche Sehnsucht der Mittelschichten in den Agglogemeinden. Mit den realpolitischen Lebensverhältnissen der vier Prozent Bauern hat das alles nur wenig zu tun.

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