Nr. 01/2011 vom 06.01.2011

Sie und Er am Ende der Welt, ohne WOZ

Francesco Micielis jüngstes Buch nimmt eine neue Sintflut infolge des Klimawandels vorweg. «Liebe im Klimawandel» ist das Vermächtnis des letzten Paares der Menschheit – und hält uns einen Spiegel vor.

Von Bettina Spoerri

«Ich weiss nicht mehr, als hier steht», schreibt Francesco Micieli in seinem Vorwort «An die Lesenden» zu «Liebe im Klimawandel». Die fingierte Unwissenheit schützt der in Bern lebende Autor albanisch-italienischer Herkunft folgendermassen vor: Die fragmentarischen Aufzeichnungen, die er in seinem neuen Buch veröffentlicht, gibt er als Manuskript aus, das er in einer Berghütte irgendwo in den Schweizer Alpen gefunden hat.

Es sind ein Mann und eine Frau, eine «Sie» und ein «Er», die darin ihre letzten Stunden protokollieren, während rundherum die Welt im Wasser versinkt. Was würde das letzte Paar der Menschheit empfinden, was würde es notieren, was würde es einer allfälligen Nachwelt berichten wollen? Bei Micieli sind das keine pathetischen, bedeutungsvollen Gesten, sondern vielmehr die Behauptung und gleichzeitig bescheidene, aber beharrliche Aufrechterhaltung von persönlicher Erinnerung, Individualität und eigener Geschichte – auch mitten im Weltuntergang. «Lange machte mich der Gedanke traurig», schreibt etwa Sie auf, «dass, wenn ich verschwinde, sich niemand an meine Welt erinnern wird. Nicht an mich, nicht an meine Eltern, nicht an die faltige Haut meiner Grossmutter, nicht an ihre Art, Geschichten zu erzählen.»

Mit offenen Augen in die Katastrophe

Der Kunstgriff Micielis, einem eigenen Text die Authentizität eines aufgefundenen Dokuments «anzudichten», erlaubt ihm die Vorwegnahme einer zukünftigen Katastrophe. Und damit den Blick zurück auf unsere Gegenwart. Nach der Sintflut ist vor der Sintflut. Der dramatische Klimaumsturz, in dem jenes Paar zuletzt auch untergegangen ist, kann, so erfahren wir, nicht mehr lange auf sich warten lassen, denn im «Protokoll» finden sich beispielsweise die Erinnerungen der Frau an ihre Eltern, die in der U-Bahn in Madrid starben. Und in den Zeitungen lasen Sie und Er von den bevorstehenden Folgen des Klimawandels. Zukunft und Vergangenheit kulminieren auf diese Weise, und im Paar erkennen wir unser Spiegelbild. Ebenso steuern wir sehenden Auges in die Katastrophe. Und die Frage stellt sich: Was würden wir festhalten und überliefern wollen für eine Spezies, die eines Tages unsere Aufzeichnungen nicht nur finden, sondern auch entziffern könnte?

Das Protokoll vom Untergang ist unterteilt in acht kurze Kapitel, von «Erste Tage» über «Letzte Tage» bis zu einer «Liste der Bücher und Zeitungen, die uns Wärme gaben und uns ermöglichten weiterzuleben». Die Liste erinnert an die bekannte Frage, was man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Melvilles «Moby-Dick» wird ebenso genannt wie die «Jahrestage» von Uwe Johnson, die «Divina Commedia» – sowie als augenzwinkernde Selbstreferenz des Schriftstellers sein Roman «Das Lachen der Schafe». Bei den Zeitungen ist zwar die «Wochenzeitung» nicht dabei – aber andere Zeitungen, die in der anhaltenden ökonomischen und mentalen Krise noch Qualitätsansprüche erheben, darunter «Die Zeit» und die NZZ; dazu nennt der 1956 in Italien geborene Micieli unter andern auch «La Repubblica»; wie ernst die Nennung von «Coopzeitung» und «Migros Magazin» gemeint ist, bleibt hingegen offen.

Ein loses poetisches Patchwork

Dieses Lektürearchiv liefert Hinweise auf das komplexe intertextuelle Netz, das Francesco Micieli auswirft. Zahlreiche Motive aus der Weltliteratur geistern durch das «Protokoll», der Autor verbindet Erinnerungen und Assoziationen mit Zitaten, ohne Nachweise. Das Resultat ist ein loses poetisches Patchwork, das manchmal auch in Beliebigkeit abkippt. Die Konstruktion der Textüberlieferung verleiht diesem freien Assoziationsstrom zwar stets aufs Neue die Legitimation, trotzdem würde man sich in manchen Passagen mehr Verdichtung wünschen.

Eine solche Tiefendimension erreicht der Text dann, wenn die biblische Schöpfung der Welt auf den Kopf gestellt wird, indem Adam und Eva dem Ende der Welt entgegensehen – und trotzdem noch ein Kind zeugen. Schliesslich steigen sie in eine Arche Noah und entschwinden. Wenn diese auch sehr wahrscheinlich ihrer Imagination entsprungen ist, so hat sie sie vielleicht sogar gerettet.

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