Nr. 12/2014 vom 20.03.2014

Eine Flaschenpost über die zweite Chance

Was passiert, wenn alles vorbei ist und die Welt «auf null» gestellt scheint? Margaret Atwood erzählt in der «Geschichte von Zeb», dem dritten und letzten Band der «MaddAdamiten», von der Zukunft der Menschheit und der Rolle der Überlieferung.

Von Ulrike Baureithel

Literarische Science-Fiction ist nicht unbedingt ein von Autorinnen gepflegtes Genre. Vielleicht, weil Frauen viel zu sehr mit der Bewältigung der Gegenwart beschäftigt sind oder weil sie ahnen, dass uns solcherlei Zukunftsentwürfe schnell einholen könnten. Überbietungsfiguren haben kurze Halbwertszeiten, zumindest wenn sie einen realistischen Hintergrund haben.

Dennoch scheint es einen geschlechtsspezifischen, auch feministisch inspirierten Zugang zu dieser Literatur zu geben. Marge Piercy etwa hat mit ihrem Mary Shelley nachempfundenen Homunculus Jod in «He, She and It» (1991, deutsch 1993) eine Figur geschaffen, in der sich nicht nur Menschliches und Künstliches vermischt, sondern die auch die Demarkationslinie zwischen den Geschlechtern überschreitet.

Auch «Oryx und Crake», der erste Teil der «MaddAdam»-Trilogie, den die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood 2003 vorgelegt hat, liest sich heute gespenstisch gegenwärtig. Klimakatastrophe, Lifestyle-Pillen, Fleisch aus dem Labor und Tiere als Spender für Organersatz gehören zu unserem Leben, und auch die Separierung der Welt in abgeschottete Zivilisationszonen («Industriekomplexe») und dem Untergang geweihte Hunger- und Gewaltareale («Plebsland») sind längst Realität.

Selbst die von einem durchgeknallten Weltverbesserer namens Crake geschaffenen «Craker» – aggressionsfreie Hybridgeschöpfe, die nicht altern und angstfrei sterben, sich von Pflanzen und dem eigenen Kot ernähren, nur saisonal zur Paarung bereit sind und kein Leid kennen – sind in der Robotikwelt durchaus denkbar. Darauf insistiert Atwood im dritten Band ihrer Trilogie nachdrücklich: Alle vorkommenden Technologien und Biowesen, schreibt sie im Nachwort, existierten bereits, befänden sich im Bau oder seien zumindest möglich.

Komplizierte Erzählanordnung

«Die Geschichte von Zeb» spielt im Jahr eins nach der grossen Katastrophe, die Crake mittels eines in die «OrgassPluss»-Pille eingebrachten Virus über die Menschheit gebracht und sie dadurch fast vollständig ausgerottet hat. Alles auf null stellen, weil die Menschen aus ihren Fehlern nicht zu lernen verstehen, lautete seine radikale Devise. Einige wenige Überlebende der MaddAdamisten und der Gottesgärtner, einer radikalen Ökosekte, haben sich nach dem «Jahr der Flut» (so der Titel des zweiten Bands) in einer Überlebensgemeinschaft zusammengefunden. Die dritte Folge beginnt mit einem verhängnisvollen Fehler Tobys, der Erzählerin. Aus Pietät hat sie die beiden Painballer, überlebende Killer aus der Chaoszeit im «Jahr der Flut», nicht töten können. Nun bedrohen sie die Gruppe.

Im Lehmhaus übernimmt Toby die Rolle der «Märchentante» für die inzwischen ebenfalls zur Gemeinschaft gestossenen Craker, die mit den Praktiken, Symbolen und Metaphern der Menschen völlig unvertraut sind. Toby als Übersetzerin muss also «ganz von vorne anfangen». Sie kreiert für diese übernatürlich schönen, liebenswert-naiven Wesen einen Schöpfungsmythos, der in der Katastrophe seinen Ursprung hat und den sie als Erzählerin immer wieder überschreibt mit eigenen Erfindungen.

In fast biblischem Erzählgestus ersteht dadurch eine «oral history» aus Dichtung und Wahrheit: «Es gibt die Geschichte, dann gibt es die wahre Geschichte, und dann gibt es die Geschichte, wie es zum Erzählen der Geschichte kam. Dann gibt es noch das, was man weglässt. Und auch das gehört zu der Geschichte», erklärt Toby die komplizierte Erzählanordnung.

Parallel zur Gegenwart dokumentiert Toby das Schicksal von Zeb, der seinen Bruder Adam, Anführer der MaddAdamisten, liebt und der wiederum von Toby geliebt wird. Die Retrospektive führt in die hochgerüsteten Industriekomplexe an der Westküste der USA, nach Brasilien und in das schon halb aufgegebene Plebsland New York. Als Jugendlicher hat Zeb seinen Vater, das zynische, sexgeile und gewalttätige Oberhaupt einer an die Scientology-Kirche erinnernden Ölsekte, erpresst. Er muss abtauchen, verdingt sich zunächst bei der ökofundamentalistischen «Bärenbrücke», wird entdeckt und fungiert als Agent in verschiedenen Industriekomplexen und schliesslich in den Sexzonen von Plebsland.

Bei allem kulturkritischen Impetus der MaddAdamisten-Trilogie ist Atwood, die in einer Wissenschaftlerfamilie aufgewachsen ist, bei der Ausschmückung ihrer dystopischen Welt keine Technikfeindin. Ihre Website wirkt wie ein augenzwinkerndes Einverständnis mit Technospielereien aller Art, sie hat sogar einen virtuellen Bleistift entwickelt, mit dem sie ein Buch signieren kann, während sie mit ihren LeserInnen chattet.

Im Unterschied jedoch zu den ersten beiden Bänden, insbesondere zu «Oryx und Crake», bleibt das Technologische in dieser letzten Folge eher im Hintergrund der Erzählung – möglicherweise, weil es nur noch Erinnerung ist und immer wieder aufgerufen werden muss. Die kleine Lehmhausgemeinschaft ist auf das Existenzielle zurückgeworfen, das Allgemeinmenschliche: Auf Verantwortung und Schuld, Treue und Verrat, aber auch auf die kleinen menschlichen Schwächen.

So wird die herbe Toby von heftigen Eifersuchtsanfällen gegenüber der lebenslustigen Swift-Fuchs heimgesucht; und die durchaus noch immer eitlen Frauen freuen sich irre über den luxuriösen «Mädchenkram», den Swift-Fuchs von ihren Raubzügen aus der untergegangenen Stadt mitbringt. Den Crakern wiederum konnte ihr Schöpfer eine sehr menschliche Eigenschaft nicht austreiben: den Götzenglauben.

Die weiblichen Figuren, das fällt auf, gestaltet Atwood liebevoller, ihre Charaktere sind ausgefeilter als die männlichen, abgesehen vielleicht von Zeb und Blackbeard, dem Craker-Kind, dem Toby Lesen und Schreiben beibringen wird. Adam, der führende MaddAdamist, bleibt dagegen völlig konturlos, aber auch Schneemensch-Jimmy, der im ersten Band eine tragende Rolle spielt, macht mit seiner Blässe seinem Namen alle Ehre.

Entschädigt wird man durch urkomische Szenen – etwa als Zeb, bei seiner Odyssee am Ende seiner Kräfte, in ein Bärenfell gehüllt zwei Radfahrer überfällt und als «Bigfoot»-Legende in der Welt wiederkehrt. Und Atwood brilliert mit einer überschäumenden Tierfantasie: Da gibt es die vernunftbegabten, nur von den Crakern verstandenen, aber angriffslustigen Organschweine, aber auch Wakunks oder Mo’hair-Schafe, deren Mähne sich die Menschen umstandslos aufs Haupt pflanzen können. Monika Schmalz hat diese Fantasiefiguren und die zahllosen Sprachspielereien grossartig ins Deutsche übertragen.

Das Didaktische wiederum, das zweifelsfrei die gesamte Trilogie grundiert, bleibt meist unaufdringlich und verdünnt in witzigen Dialogen. Der Roman endet mit einem kinoreifen Showdown: dem Feldzug, den die Gemeinschaft gemeinsam mit den Organschweinen gegen die Painballer führt – wie die MaddAdamisten überhaupt Hollywoodstoff liefern, der nur von den Buchseiten aufzulesen ist.

Chance genutzt?

Doch Margaret Atwood ist eine viel zu ernsthafte Autorin, als dass man ihrer Geschichte ein Blockbusterschicksal wünschte. Wenn sie Toby Blackbeard, dem altklugen Craker-Kind, den Stab des Erzählens übergeben lässt, dann treibt sie die Sorge, dass der menschliche Erzählfaden abreissen könnte, wenn die Aufschreibsysteme untergegangen sind; und dass die ausgesandte Botschaft nicht mehr verstanden werden könnte. «Du musst dem, was da steht, eine Stimme geben», fordert Toby Blackbeard beim Lesen auf. Dagegen legt sie sich in ihrem eigenen Tagebuch Rechenschaft ab über die Schwierigkeit dieses Unterfangens: Was für eine Art Historie, räsoniert sie, könnte Menschen, von deren Existenz wir nichts wissen, in der unvorhersehbaren Zukunft überhaupt von Nutzen sein?

Dass die Menschheit in der «Geschichte von Zeb» nur noch als hybride Mischformation mit den Crakern überlebt und in Frieden mit den gefährlichen Organschweinen, die wiederum menschengemachte Chimären sind, ist Atwoods Warnung vor einem kulturell und politisch prekären Reinheitsverständnis. Die Autorin gibt ihnen jene zweite Chance, die Crake der Menschheit vorenthalten wollte. Gern würde man irgendwann eine Flaschenpost von Blackbeard erhalten, mit Nachrichten darüber, ob diese Botschaft im Lehmhaus der Überlebenden angenommen wurde und ob die Gemeinschaft ihre Chance schliesslich genutzt hat.

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