Nr. 01/2011 vom 06.01.2011

Wissen wäre Macht

Nicht bloss die Macht des Geldes gefährdet die Demokratie, sondern auch die «Tyrannei der Illusionen». Ein US-amerikanischer Politologe plädiert für fortgesetzte Aufklärung.

Von Benjamin Barber *

Dass zu viele US-AmerikanerInnen zu wenig wissen, ist ein Allgemeinplatz. Jedes Jahr habe ich in meinen Vorlesungen Studierende, die den amerikanischen Bürgerkrieg nicht im richtigen Jahrhundert verorten oder den Irak nicht auf den richtigen Kontinent platzieren können. Doch nicht das, was die US-AmerikanerInnen nicht wissen, schadet unserer Demokratie am meisten – schliesslich kann die Bevölkerung immer weitergebildet werden. Das grösste Problem ist, dass die Leute gar nicht mehr wissen, was Wissen ist. Wenn sich Präsident Barack Obama beklagt, dass Fakten und Vernunft nichts mehr gelten, wenn sich unser politisches System radikal polarisiert, wenn PolitikerInnen zuhauf groteske Statements von sich geben, zeugt das alles von einem bedrohlichen Verlust unserer «Citoyenneté», der aktiven Bürgerschaft.

Gute und schlechte Argumente

Man spricht überall vom Demokratiedefizit. Doch ist es unsere epistemologische Schwäche, unser Erkenntnisdefizit, das die Demokratie in Gefahr bringt. Epistemologie, die «Wissenschaft des Wissens», geht davon aus, dass sich Wahrheit, Wissenschaftlichkeit, Faktentreue und Vernunft fundamental unterscheiden von Meinung, Vorurteil, Gefühl und Irrationalität. Die Erkenntnistheorie hält sich an die bereits von den alten Griechen vorgenommene Unterscheidung in «episteme» (wahres Wissen) und «doxa» (Meinung, Vorurteil). Die Griechen verstanden, dass es einen grossen Unterschied gibt zwischen dem Wissen, das in Vernunft wurzelt oder von Tatsachen ausgeht, und den subjektiven Meinungen, mit denen wir unsere persönlichen Vorurteile weitergeben. Vielleicht können wir uns nicht immer darauf einigen, was wirkliches Wissen ist und was blosses Vorurteil. Aber wir können und müssen uns einig werden über die Kriterien, mit denen wir die Unterscheidung treffen wollen. Unsere Wissenschaft, unsere Gesellschaft und unsere demokratische Kultur hängen massgeblich von dieser Fähigkeit zu unterscheiden ab.

Wissen also als «episteme» bezeichnet Aussagen, die durch Fakten, gute Gründe und fundierte Argumente gestützt werden: Das bedeutet nicht, dass es die vollkommene Wahrheit gibt, aber es heisst, dass es durchaus bessere und schlechtere Argumente gibt. Nämlich Behauptungen, welche durch empirische Fakten oder durch logische Beweisführung verifiziert werden können, und solche, bei denen das nicht möglich ist.

Unsere Demokratie stützt sich auf Worte statt auf Gewalt, auf Vernunft statt auf Zwang und auf einen Konsens, der wenigstens den Wert, wenn nicht den Inhalt von Objektivität anerkennt. Deshalb funktioniert Demokratie nur, wenn wir den Unterschied zwischen Wissen und Meinung anerkennen, zwischen Aussagen, die durch Fakten verifiziert und durch fundierte Argumente untermauert werden können, und persönlichen Überzeugungen, die wohl inbrünstig gefühlt, aber nicht weiter gestützt oder falsifiziert werden können.

Evolution ist keine Meinung

Es gibt Leute, die sagen, Demokratie sei einfach die Herrschaft des Volkes, ob gescheit oder dumm, informiert oder ignorant. Aber Demokratie bedeutet Regierung durch BürgerInnen, und Citoyenneté ist definiert durch Bildung und politische Entscheidungsprozesse, durch Urteilsvermögen und die Fähigkeit, Konsens herzustellen. Es gibt einen Unterschied zwischen Demokratie als Herrschaft des Pöbels und Demokratie als zielgerichtetes staatsbürgerliches Engagement. Die Herrschaft des Pöbels kommt mit Vorurteilen und Meinungen aus. Demokratie verlangt eine nachvollziehbare Urteilsbildung.

Leider glauben allzu viele US-AmerikanerInnen – und zwar nicht bloss die neuen Tea-Party-PolitikerInnen, sondern auch etablierte Führungspersonen wie der frühere Präsident George Bush – ganz ehrlich, dass Unterschiede wie der zwischen Evolution und Kreationismus nur eine Meinungsangelegenheit seien: Du glaubst, der Mensch stamme vom Affen ab; ich glaube, er ist eine Kreatur Gottes – zwei konkurrierende Glaubenssysteme, zwei ebenbürtige persönliche Überzeugungen ... Toleranz bedeutet demgemäss, dass beide Ansichten gleichermassen respektabel und glaubwürdig sind, weil beide Parteien leidenschaftlich in die Sache verstrickt sind. Und am Ende lehren wir Evolution und Kreationismus an unseren Schulen nebeneinander ...

Wenn wir lediglich meinen und fühlen und überzeugt sind, dass unsere Ansicht auf keinerlei Art und Weise angefochten werden kann, dann bedeutet eine Meinung haben dasselbe wie recht haben. Recht zu haben wird dann unversehens wichtiger als glaubwürdig und beweisbar zu sein. Und so verlieren wir die zentrale demokratische Fähigkeit der Fehlbarkeit: Wir können nicht mehr zugeben, dass wir uns manchmal irren. Wir akzeptieren nicht mehr, dass unsere Ansichten nach andern Kriterien beurteilt werden als dem, wie leidenschaftlich wir sie vertreten. Unser polarisiertes antidemokratisches Politisieren mit persönlichen Vorurteilen geht davon aus, dass wir auf jeden Fall recht haben und dass nichts unsere Meinung beeinflussen kann.

Doch die Demokratie ist das genaue Gegenteil solch subjektiver Gewissheit. Gerade um unsere individuelle Freiheit in der Welt der Kollektivität zu sichern, müssen wir stets offen sein für die Möglichkeit, dass wir nicht recht haben. Wir müssen uns gegenseitig zugestehen, dass unsere Meinungen geprüft und allenfalls falsifiziert werden. Wir lehren Evolution nicht, weil diese Theorie in einem absoluten Sinn «richtig» ist, sondern gerade weil sie falsifizierbar ist. Kreationismus ist das nicht, deshalb ist Evolution Teil der Wissenschaft und Kreationismus eine subjektive Meinung – vielleicht Teil eines Glaubenssystems, aber ungeeignet für die Schule.

Praktische Klugheit

Klar gibt es vieles, das nicht durch empirische Anschauung oder objektive Wahrheit entschieden werden kann. Die Existenz Gottes etwa; oder das Wesen der Gerechtigkeit. Das sind normative, nicht empirische Begriffe. Doch sogar auf dem Gebiet der Politik, wo wir oft in Ermangelung empirischer Evidenz mit normativen Ansichten diskutieren müssen, gibt es gute und schlechte Argumente. Es gibt Ansichten, die mehr überzeugen, weil sie vernünftiger sind. Die Griechen nannten dies «orthodoxia», die «richtige Meinung». Aristoteles war sich besonders bewusst, dass wir in der politischen Sphäre praktische Klugheit brauchen – für alle Fälle, in denen keine «episteme» zur Verfügung steht. Er nannte dieses Wissen «phronesis» und unterschied es von der Meinung. Die «phronesis» ist noch keine «episteme», kein wahres Wissen, aber sie ist mehr als blosses Vorurteil und gibt dem Diskurs relative Objektivität und die Fähigkeit zur Konsensbildung.

Weil die Demokratie verlangt, dass wir uns über Tatsachen, über politische Massnahmen und deren Auswirkungen einig (oder aber uneinig) sind, müssen wir Kriterien finden, mithilfe derer wir uns rational verständigen können. Wir brauchen wissenschaftliches Denken nicht bloss, um die Welt sinnvoll interpretieren und gemäss unseren Vorstellungen nutzen zu können, sondern auch, um unsere Freiheit zu erhalten. Wenn ich behaupte, es gebe keine globale Erwärmung (oder keine menschengemachte Erwärmung), dann muss ich Daten beibringen können, die von andern überprüft und beurteilt werden. Ich muss meine Argumente von meinen höchstpersönlichen Interessen loslösen können. Wenn ich selbst vom Erdölbusiness profitiere, kann ich nicht einfach behaupten, fossile Brennstoffe würden keine Erderwärmung verursachen. Und umgekehrt beweist mein eigenes Engagement in der Alternativenergie nicht, dass die Erwärmung real ist. Es braucht klare Beweise, die sowohl die AnhängerInnen von fossiler wie von Alternativenergie zu überzeugen vermögen.

In der US-amerikanischen Demokratie haben wir Wissenschaft und Vernunft weitgehend mit Meinungen und Vorurteilen ersetzt. Oder noch schlimmer: Wir können den Unterschied nicht mehr wahrnehmen. Der Medienstar Larry King zum Beispiel interviewt den hochkarätigen Kosmologen Stephen Hawking und ein x-beliebiges Medium, das zu den Toten spricht, so, dass wir keinen Unterschied in ihren Erkenntnismethoden wahrnehmen können. Geistergeschichten erscheinen auf dem Bildungssender History Channel neben Dokumentarfilmen über den Zweiten Weltkrieg. Und politische KandidatInnen können sagen, was ihnen gerade in den Sinn kommt; denn sie können damit rechnen, dass ihre WählerInnen keine verbindlichen Kriterien haben, aufgrund derer sie das Gesagte beurteilen – und dass sie auch nicht denken, sie bräuchten verbindliche Kriterien.

Wie Barack Obama erfahren musste, stufen viele US-AmerikanerInnen den Ruf nach «Beweisen» – nach epistemologischer Autorität – als «elitär» ein. Sie sind der Meinung, die Berufung auf Wissen und Fakten geschehe nicht im Namen der Vernunft, sondern sei einfach eine perfide Art, die eigene persönliche Überlegenheit in den Vordergrund zu stellen.

Viele in den USA haben offenbar die Wirklichkeit selbst in eine völlig von der Wirklichkeit abgehobene Serie von TV-Shows verwandelt. Der Historiker Daniel Boorstin, ehemaliger Direktor der Library of Congress, schrieb: «Wir sind in Gefahr, das erste Volk in der Geschichte der Menschheit zu werden, das die eigenen Illusionen so lebendig macht, so überzeugend und realistisch, dass es darin leben kann. Wir sind das illusionierteste Volk auf Erden.»

Nicht die Tyrannei des Geldes zerfrisst die Demokratie am schnellsten, sondern die Tyrannei der Illusionen.

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