Nr. 11/2021 vom 18.03.2021

«Man könnte auch sagen: Die QAnon-Verschwörung ist einfach sehr schlechte Literatur»

Alle reden vom postfaktischen Diskurs, Nicola Gess erklärt, wie er funktioniert. Die Literaturwissenschaftlerin zeigt, was der Hochstapler aus den 1920er Jahren mit den Trickstern von heute gemeinsam hat. Und wie die Rechten die Meinungsfreiheit missbrauchen.

Interview: Daniela JanserMail an AutorIn

Wer als erfolgstüchtig gilt, steigt auf: Leonardo DiCaprio als Hochstapler mit Entourage in Steven Spielbergs Film «Catch Me If You Can» (2002). Still: Mary Evans, Dreamworks / Imago

WOZ: Nicola Gess, warum sprechen Sie in Ihrem neuen Buch «Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit» nicht von Lügen, sondern von Halbwahrheiten? Wenn etwa Donald Trump behauptet, er habe die Wahl gewonnen, dann ist das doch schlicht eine Lüge?
Nicola Gess: Ja, das ist eine Lüge, ganz klar. Mich hat aber einfach die Halbwahrheit mehr interessiert, weil ich glaube, dass man von der Halbwahrheit mehr darüber lernen kann, wie der sogenannte postfaktische Diskurs funktioniert. Und warum so viele Leute auf ihn anspringen. Anders als die Lüge widersetzt sich die Halbwahrheit nicht einfach der Autorität der Wahrheit, sondern sie läuft auf die Einebnung der Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit hinaus.

Was wäre ein griffiges Beispiel für eine Halbwahrheit?
Die Behauptung, Bill Gates habe die WHO gekauft, und diese tanze folglich ganz nach seiner Pfeife. Der faktische Anteil dieser Behauptung ist gering: Die Gates-Stiftung trägt derzeit etwa zehn Prozent zur Finanzierung der WHO bei. Daraus die Geschichte zu stricken, Gates habe die WHO gekauft oder würde sie komplett kontrollieren, ist natürlich falsch. Das hat dann viel mehr mit der Verschwörungstheorie zu tun, die durch die Halbwahrheit beglaubigt werden soll, nämlich dass Gates und/oder eine «globale Finanzelite» auf die totale Kontrolle der Weltbevölkerung aus seien und die Coronaimpfungen dafür nutzten.

Oft hat man ja heute den Eindruck: Je absurder eine Behauptung, je dreister eine Lüge, desto erfolgreicher ist sie. Wie erklären Sie sich dieses Paradox?
Halbwahrheiten haben in einem Diskursraum Konjunktur, der sich durch einen relativistischen, zynischen oder autoritären Wahrheitsbegriff auszeichnet. Hauptmerkmal des Letzteren ist, dass die Autorität die Wahrheit setzt. Und je grösser die Macht, desto absurder können die Behauptungen ausfallen. Das gilt auch umgekehrt: Je absurder die Behauptung, desto stärker ist die Demonstration von Macht. Oder genauer: desto grösser die Zuschreibung von Macht durch diejenigen, die solchen Behauptungen Glauben schenken wollen. Bei Trump und seiner Gefolgschaft kann man das gut beobachten: Mit der Bereitschaft, auch noch seine absurdesten Lügen zu glauben, wird ihm quasi performativ immer mehr Macht zugeschrieben. Ein Zyniker kann das Ganze aber natürlich auch spielerisch sehen. Da hat dann der Glaube an das Absurde einen gewissen Unterhaltungswert.

Nicola Gess Foto: Klaus Fritsche

Auf der politischen Ebene ist postfaktische Rhetorik heute vor allem ein rechtspopulistisches Phänomen, oder täuscht das?
Es gehört zur medialen Strategie von RechtspopulistInnen, Misstrauen in die Demokratie zu nähren, Zweifel an etablierten Medien zu streuen und zu empfehlen, auf sogenannte Alternativmedien im Netz auszuweichen. Da wächst dann eine eigene Echokammer heran, in der die LeserInnen mit Halbwahrheiten und Lügen passend zur Parteilinie versorgt werden.

Einer Ihrer Gewährsleute, der Philosoph Theodor W. Adorno, hat 1959 in seiner Analyse des «neuen Rechtsradikalismus» die bürgerlich-liberale Politik als Mitschuldige ins Visier genommen, explizit auch deren Betonung der Meinungsfreiheit. Was ist denn das Problem mit der Meinungsfreiheit?
Also, erst einmal ist die Meinungsfreiheit ein hohes Gut. Aber wenn der Begriff dafür herhalten muss, dass man die Unterscheidung zwischen Tatsachen und Meinungen oder zwischen Wahrheit und Lüge einfach aufgibt, wird es problematisch. Mit Hannah Arendt gesprochen ist das nämlich der Punkt, wo es dann bald keine geteilte Wirklichkeit mehr gibt. Wenn man sich von den Tatsachenwahrheiten verabschiedet hat, kann jede und jeder sich die Wirklichkeit so zurechtbiegen, wie er oder sie möchte, und es gibt keine Grundlage mehr für einen fundierten Meinungsaustausch und -streit, der für eine Demokratie aber notwendig ist.

Welche Rolle spielen Verschwörungstheorien im postfaktischen Universum? Sind das quasi narrativ aufgerüstete Halbwahrheiten?
Ich würde eher sagen, Verschwörungstheorien setzen auf Halbwahrheiten, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Das funktioniert so, dass der eine Teil der Halbwahrheit eine Korrespondenz mit der Realität herstellt und der andere, quasi fiktive Teil, die Tür zum verschwörungstheoretischen Universum öffnet. Verschwörungstheorien gehen nicht von bestimmten Fakten aus, um auf dieser Grundlage dann die Einschätzung einer Situation vorzunehmen. Sie operieren genau umgekehrt: Die Einschätzung einer Situation steht von vornherein fest, und dann lässt man nur diejenigen Tatsachen gelten, die zu dieser Einschätzung halt passen. Das gilt auch für die gewählten Halbwahrheiten. Sie müssen kohärent sein mit dem verschwörungstheoretischen Narrativ, das man beglaubigen will.

Wie entstehen Verschwörungstheorien?
Genuin neue Verschwörungstheorien entstehen gar nicht so häufig, würde ich sagen. Viel öfter ist es so, dass neue Ereignisse einfach in alte Gefässe, das heisst in bereits existierende Verschwörungerzählungen, eingepasst werden. Die aktuellen Coronaverschwörungstheorien zum Beispiel docken an die Verschwörungsnarrative der sogenannten Impflüge, der «Neuen Weltordnung» und des «Grossen Austauschs» an. Traditionell spielt in den meisten Verschwörungstheorien auch struktureller Antisemitismus eine sehr grosse Rolle. Und alle Verschwörungstheorien rekurrieren letztlich auf ein uraltes mythisches Basisnarrativ, nämlich den Kampf von Gut gegen Böse. Das heisst, Verschwörungstheorien sind in vielerlei Hinsicht Neuauflagen alter Schemata, neue Kombinationen aus einem alten Motivreservoir.

Polemische Frage an die Literaturwissenschaftlerin: Vielleicht sollten wir diese Verschwörungstheorien und ihre Bausteine aus Halbwahrheiten auch gar nicht so ernst nehmen und sie einfach wie Fiktionen betrachten?
Auch wenn Verschwörungstheorien in vielerlei Hinsicht wie Geschichten funktionieren, sind sie doch keine fiktionalen, sondern faktuale Erzählungen. Sie haben den Anspruch, Realität abzubilden, und werden von ihren AnhängerInnen auch entsprechend gelesen. In der Lektüre fiktionaler Texte gehen wir hingegen einen sogenannten Fiktionspakt ein, wir nehmen sie nur für die Dauer der Lektüre für real. Und selbst Texte, Serien und Filme, die ihr Schillern zwischen Fakt und Fiktion reflektieren, schärfen eher unser Differenzierungsvermögen und unsere Sensibilität, als dass sie uns blind für diese Fragen machten.

Aber wenn man es schaffen würde, die Verschwörungstheorien als die Fiktionen zu enttarnen, die sie ja letztlich sind, dann könnte man sie entschärfen?
Ja, dann wäre es so, als würde man einen drittklassigen Spionageroman lesen. Und man könnte auch einfach einmal sagen: Diese QAnon-Verschwörung, das ist einfach sehr, sehr schlechte Literatur. Aber das Problem ist, dass ihre AnhängerInnen an diese sehr, sehr schlechte Literatur glauben. In verschwörungstheoretischen Zirkeln gibt es ja auch Romane, die zwar als Fiktion geschrieben wurden, dann aber für bare Münze genommen werden. Etwa die «Turner Diaries», über die im Zusammenhang mit der Capitol-Erstürmung viel gesprochen wurde. Fiktionale Texte gewinnen so ein ganz reales Gefahrenpotenzial.

In Ihrem Buch schlagen Sie einen Fiktionscheck vor. Was muss man sich darunter vorstellen?
Es geht mir nicht darum zu sagen, dass wir einen Fiktionscheck anstelle eines Faktenchecks brauchen. Es geht mir um eine Ergänzung. Wichtig ist, dass man überhaupt einmal aufmerksam wird auf Halbwahrheiten und darauf, wie sie funktionieren. Im zweiten Schritt braucht es einen Faktencheck: Was ist wahr und was ist falsch, etwa an den Halbwahrheiten, die Ken Jebsen zur Plausibilisierung seiner Verschwörungstheorien benutzt, oder an den Reportagen von Claas Relotius? Bloss reicht eine solche Analyse meist nicht aus. Deswegen schlage ich vor, sie durch einen Fiktionscheck zu ergänzen.

Halbwahrheiten und die Kontexte, in denen sie operieren, unterlaufen letztlich die Unterscheidung von wahr/falsch und sind deswegen häufig immun gegen den Faktencheck. Sie orientieren sich an anderen Kriterien, zum Beispiel an der Anschlussfähigkeit, an der Glaubwürdigkeit, am emotionalen Gehalt, allgemein an der Publikumsansprache. Diese Kriterien, die uns eher aus dem rhetorischen und literarischen Feld vertraut sind, muss man in den Blick bekommen. Nur so kann man sie entzaubern. Und nur, wenn man diesen imaginären Raum ernst nimmt, in den die Halbwahrheiten hineinragen, kann man auch die Beweggründe erkennen, die die Leute dazu bringen, an diese Halbwahrheiten zu glauben.

Und dann?
Die Konjunktur der Halbwahrheiten ist ja kein reines Diskursproblem. Wir können nicht einfach den Diskurs bereinigen, und dann ist alles gut. Diese Konjunktur weist auf eine soziale Krise hin, und letztlich muss man über diese sprechen. Was ist das für eine Gesellschaft, in der Halbwahrheiten so erfolgreich sind? Was sind das für soziale und politische Strukturen, die das Postfaktische begünstigen? Wenn man erkennt, was da in den Köpfen imaginär aufgerufen und konstruiert wird, dann hilft das, um die richtigen Fragen nach dem gesellschaftlichen Boden zu stellen.

Kann man festmachen, wann diese Hochkonjunktur der Halbwahrheit und des Postfaktischen einsetzt?
Das Phänomen der Postfaktizität lässt sich vor allem in Krisenzeiten, genauer gesagt in Wissens- und Vertrauenskrisen, beobachten. In einer solchen befinden wir uns auch heute, und sicherlich hat das nicht zuletzt auch mit den Krisenerfahrungen der jüngeren Vergangenheit zu tun: im Osten Deutschlands die Nachwendezeit, dann die Finanzkrise und jetzt natürlich die Pandemie. Situationen der Unsicherheit und einer diffusen Bedrohung, in denen es an Wissen über diese Situation, ihre Gründe und ihre Lösungsmöglichkeiten fehlt und man also stark auf ExpertInnen angewiesen ist. Und wenn dann zugleich das Vertrauen in deren Expertise oder in die politischen Massnahmen fehlt oder schwindet, dann entsteht eine Art Vakuum, das sich mit Desinformationen aller Art füllt und in dem wir insgesamt sehr manipulierbar sind. Blickt man zurück, sieht man, dass es natürlich auch schon andere Zeiten gab, in denen das der Fall war.

Zum Beispiel?
Eine assoziierte Mitarbeiterin in unserem Forschungsprojekt beschäftigt sich mit dem Zeitalter der preussischen Reform. Die Jahre um 1810 waren in Preussen eine Zeit der Unsicherheit. Einerseits war es eine Nachkriegszeit und gleichzeitig eine Reformphase, manche Leute waren damit einverstanden, andere nicht. In dieser Periode lassen sich ähnliche Phänomene beobachten wie heute: Zwitterphänomene zwischen Literatur und Journalismus wie die Anekdote blühten auf, aber auch andere Redeweisen, die zwischen Fakt und Fiktion schillern und eine Nähe zur Propaganda haben. Eine andere Zeit, in der wir viele Phänomene beobachten, die heute als «postfaktisch» bezeichnet werden, ist die Weimarer Republik und die damalige Hochblüte der Hochstapler.

Sie beschreiben den Hochstapler, der ja wirklich fast ausschliesslich ein männlicher Typus ist, als erfolgstüchtige «Subjektform der Halbwahrheit». Seine Konjunktur in den zwanziger Jahren scheint sich heute zu wiederholen.
Der Hochstapler ist in den Zwanzigern wirklich total präsent: vor Gericht, in der Presse, in der Literatur, im Film und sogar in Lebensratgebern. Warum war das so? Der eine Grund war, dass die wirtschaftlichen und sozialen Missstände dieser Zeit und auch das Wegbrechen alter Sicherheiten und Werte nach dem Ersten Weltkrieg zu einem andauernden Krisenbewusstsein führten. Dazu gehörte auch ein Misstrauen gegenüber dem neuen politischen System und der Wissenschaft und der Presse. Der heute vergessene Ewald Seeliger beschimpft in seinem «Handbuch des Schwindels» die Presse zum Beispiel als Volksbeschummelei. Wenn man sich so etwas vor Augen führt, dann erscheint der Hochstapler als maximal anpassungsfähiger Typus, der diesen Schwindel einfach zur Maxime des eigenen Handelns erhoben hat. Von daher leuchtet ein, dass er sogar in der Ratgeberliteratur der Zeit zum Vorbild genommen wird: Schwindle, und du wirst Erfolg haben.

Gibt es weitere Phänomene, die den Hochstapler damals befördern?
Ja, die Presselandschaft der Weimarer Republik war stark fragmentiert, polarisiert und geprägt durch eine starke Orientierung an Weltanschauungen. Je nachdem, welche Zeitung man gelesen hat, hat man sich in einem völlig unterschiedlichen Universum bewegt. Vor diesem Hintergrund waren die Manipulation der Wirklichkeit, die der Hochstapler ja vornimmt, und seine Neigung zur Selbstpropaganda eher die Norm als die Ausnahme.

Was davon ist relevant für heute?
Ich denke nicht, dass man die 1920er und die 2020er Jahre einfach so übereinanderlegen kann. Aber ich glaube, dass einige dieser Stichworte – soziale Krise, polarisierte Medienlandschaft, Selbstpropaganda – auch heute relevant sind und auf Gemeinsamkeiten hinweisen, über die sich nachzudenken lohnt.

Wen würden Sie heute als Hochstapler bezeichnen?
Donald Trump wird sicher zu Recht als Hochstapler bezeichnet, als «con man». Boris Johnson nennt man einen «Trickster». In meinem Buch spreche ich über den Journalisten Claas Relotius, der sich mit seinen gefälschten Reportagen nochmals auf einem anderen Feld bewegt. Der Hochstapler als Sozialfigur ist wieder da, wenn auch vielleicht nicht ganz so omnipräsent wie in den 1920er Jahren.

Warum ist er eine derart anhaltend faszinierende Figur?
Ich würde ja gern mal so einen Hochstapler persönlich kennenlernen, um herauszufinden, wie er – oder sie – auf mich wirkt. Aber im Ernst: Ich glaube, dass der Glanz des Hochstaplers ja auch auf sein Publikum abstrahlt. Jemand gibt vor, ein Prinz zu sein, das ist jedenfalls das häufigste Beispiel der Hochstaplergeschichten der 1920er Jahre, und man sonnt sich in dieser Bekanntschaft, hat womöglich auch ganz konkrete materielle Vorteile dadurch. Wenn der «Prinz» im eigenen Hotel absteigt, erfährt es dadurch eine Aufwertung, dann buchen dort auch andere vornehme Leute ein Zimmer. Deshalb hat man auch gar kein Interesse daran, den Hochstapler zu entlarven. Man möchte gerne glauben, dass er tatsächlich ein Prinz ist. Interessant daran ist, dass der Hochstapler erst in der Kommunikation mit seinem Publikum der wird, der er vorgibt zu sein. Er behauptet, ein Prinz zu sein, und weil alle mitspielen, lebt er dann auch tatsächlich das Leben eines Prinzen. Man profitiert gegenseitig.

Reicht es, wenn man den Hochstaplern einfach die Bühne entzieht? Ist Deplatforming eine nützliche Strategie, um Halbwahrheiten zu bekämpfen?
Hochstapler brauchen die Bühne und ein Publikum. Und ja: Ich glaube, dass Deplatforming auf jeden Fall ein wirksames Mittel gegen die Verbreitung von Desinformation ist. Das Problem besteht einfach darin, dass etwa im Fall von Trumps gesperrtem Twitter-Account nicht ein demokratisch gewähltes Parlament, sondern ein privates Unternehmen darüber entschieden hat, wem die Plattform gestrichen wird und wem nicht. Dazu kommt, dass die Plattform von ihrer inneren Logik her vielleicht selbst mit ein Grund dafür ist, warum sich Desinformationen so schnell verbreiten können und eine derart grosse Rolle spielen.

Nochmals zurück zur Erfolgstüchtigkeit. Kürzlich behauptete ja ein Hamburger Physikprofessor, er habe Beweise dafür gefunden, dass das Coronavirus eben doch aus einem Labor in Wuhan stamme. Um diese Behauptung zu untermauern, hat er hinzugefügt, seine These sei bei vielen Leuten auf grosse Zustimmung gestossen. Warum funktioniert Erfolg als Beglaubigungsstrategie?
Das Prinzip der sozialen Medien wird hier auf das Feld der Wissenschaft übertragen: Wer die meisten Klickzahlen kriegt, hat das Wort. Man hat hier aber auch ein sehr gutes Beispiel dafür, wie ein Professorentitel und die Rückendeckung durch den Präsidenten der Universität, also die Diskursmacht der Institution, dafür genutzt wird, eine Studie, die wissenschaftlichen Qualitätsstandards ja in keiner Weise genügt, an die Öffentlichkeit zu bringen und mit Scheinevidenz und Autorität auszustatten. Das ist problematisch, weil solche Aktionen das Vertrauen in die Wissenschaft aushöhlen.

Warum gibt es ausgerechnet in Krisenzeiten, in denen wir ja existenziell auf ExpertInnenwissen angewiesen sind, dieses massive Misstrauen gegenüber der Wissenschaft?
Also, im Moment hat das viel mit einer falschen Vorstellung von Wissenschaft und einer nicht immer ganz glücklich gelaufenen Wissenschaftskommunikation in den Medien zu tun. Denn wie funktioniert Wissenschaft? Wissenschaftliche Erkenntnisse sind immer vorläufig. Sie unterliegen einem ständigen Prüfprozess, was auch impliziert, dass neue Erkenntnisse alte Erkenntnisse ablösen können. Wissenschaft ist auch nicht dazu da, ein für alle Mal gültige Aussagen zu treffen. Danach gibt es aber ein grosses Bedürfnis. Politikerinnen und Politiker wollen zum Beispiel von WissenschaftlerInnen klare Ansagen, wie das jetzt mit diesem Virus ist. Dann antworten die befragten ExpertInnen vielleicht nicht in der gewünschten Art und Weise, weil sie wissen: Wir sind noch nicht so weit, wir müssen noch weiter forschen.

Und inwiefern wird falsch kommuniziert?
Zum Beispiel, indem in gewissen Medien aus ersten Hypothesen unerschütterliche Gewissheiten werden oder eine kritische Fachdiskussion zu einem «Showdown» stilisiert wird oder Leute als ExpertInnen herangezogen werden, die gar nicht die nötige Expertise für die betreffenden Fragen mitbringen. So entsteht in der Öffentlichkeit Verwirrung und Irritation – mal ganz abgesehen davon, dass es ohnehin psychologisch schwierig genug ist, komplexe und vorläufige Antworten zu akzeptieren, wo man sich eigentlich nach einfachen Erklärungen und Sicherheit sehnt. Aber da ist man bei der Wissenschaft an der falschen Adresse und orientiert sich dann möglicherweise um: hin zu denen, die liefern, was man hören will, und denen man darum allzu bereitwillig Vertrauen schenkt.

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