Nr. 03/2011 vom 20.01.2011

«Ganz unten» aus Putzfrauensicht

Die französische Reporterin Florence Aubernas berichtet von ihrer Undercover-Tätigkeit als unerfahrene Putzfrau. In Frankreich ist das so unreisserische wie unterhaltsame Buch zu Recht ein Bestseller.

Von Bettina Dyttrich

«Alleinstehende Frau? Über 45? Keine Berufsausbildung, keine Erwerbstätigkeit?» – In den Augen meiner Beraterin gehen alle Warnlampen an. Ich bin gerade in die Kategorie der «Schwervermittelbaren» eingestuft worden. Sie wagt eine letzte Frage: «Haben Sie minderjährige Kinder?» Als ich Nein sage, sehe ich, wie sie sich zum ersten Mal entspannt.

Einen falschen Namen annehmen, sich verkleiden und einschleichen in Fabriken oder Pressehäuser: Seit Günter Wallraffs Reportagen «Ganz unten» und «Der Aufmacher» in den siebziger Jahren ist das eine beliebte journalistische Recherchemethode. So meldet sich die französische Reporterin Florence Aubenas Anfang 2009 in Caen, einer Industriestadt in der Normandie, arbeitslos. Sie will erfahren, welche Folgen die Krise für Menschen hat, die ohnehin schon in Schwierigkeiten sind.

Hauptjob: eine Stunde täglich

Doch es geht Aubenas nicht um die grosse Enthüllung am Schluss. Darum gibt sie sich auch wenig Mühe mit ihrem Versteckspiel. Sie behält ihren Namen, färbt nur die Haare und ändert ihre Biografie: Fortan gibt sie sich als Hausfrau aus, sitzen gelassen von einem Mann, mit dem sie 25 Jahre zusammengelebt hatte.

Aubenas ist in Frankreich keine Unbekannte: Sie arbeitete zwei Jahrzehnte bei der Zeitung «Libération», dann wechselte sie zum «Nouvel Observateur». 2005 war die Reporterin im Irak gekidnappt worden und verbrachte fünf Monate in Geiselhaft. Trotzdem wird sie in ihrem neuen Leben als Arbeitslose fast nie erkannt: In der Welt, in die sie sich begibt, lesen die Menschen keine Zeitungen, die etwas kosten.

Anstehen im Jobcenter wird zum Alltag für Aubenas. Bald ist klar, dass es für sie nur eine Arbeit gibt: Putzen. Und auch das nur stundenweise: befristete Minijobs, verteilt auf die ganze Region. Aubenas muss ein Auto leihen, denn ohne geht gar nichts. Manchmal dauert die Anfahrt länger als die Arbeit – trotzdem wagt niemand, ein Angebot abzulehnen. Die Putzfirmen machen ihren KundInnen völlig unrealistische Angebote: etwa die Bungalows eines Campingplatzes in drei Stunden zu putzen. Es geht aber doppelt so lange, und Überstunden werden nicht bezahlt.

«Hauptjob» der Journalistin wird schliesslich das Reinigen der Ärmelkanalfähre von Ouistreham, eine Stunde täglich, frühmorgens oder spätabends.

Arbeitslose als «gute Kunden»

Aubenas ist eine hervorragende Beobachterin. Anschaulich beschreibt sie die Orte, an die es sie verschlägt, die absurden Weiterbildungskurse und die unmöglichen Situationen, in die sie als unerfahrene Putzfrau immer wieder gerät. Einfühlsam sind die Schilderungen der Menschen, die sie trifft: die alte Gewerkschafterin, die verzweifelt, weil ihr Sohn jede Arbeit annimmt. Die Frau, die sich alle Zähne ziehen lassen will – ein Gebiss ist billiger als der Zahnarzt. Die frustrierten Angestellten der Jobcenter, die Angst vor Amokläufen haben und unter Druck stehen, möglichst vielen Menschen eine Stelle zu vermitteln. Das führt dazu, dass sie sich gegenseitig die «guten Kunden» abjagen.

Es gibt viel Solidarität unter den Menschen, die Aubenas kennenlernt. Doch fast niemand organisiert sich, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen – bei den geschilderten Umständen kein Wunder.

Es gelingt Aubenas, die unbekannte Welt der europäischen Armen vorstellbar zu machen. Sie stellt ihre GefährtInnen weder als Opfer dar, noch gibt sie ihnen die Schuld an ihrer Situation. Viele haben Strategien entwickelt, ihre Selbstachtung nicht zu verlieren. «Putze» lässt uns mitfiebern, wenn die Autorin wieder einmal den Schmutzwassereimer umstösst. Oder wenn in einem Kurs Panik ausbricht, weil die TeilnehmerInnen die monströse Putzmaschine ausprobieren sollen. Aubenas bringt einen zum Lachen, dann wieder fast zum Weinen. In Frankreich ist das Buch zu Recht ein Bestseller.

Ermutigend ist, dass sich nun auch Frauen zu Wort melden, die sich nicht eingeschlichen haben, sondern mit prekären Berufen leben: Anna Sam, ebenfalls Französin, feiert Erfolge mit ihrem Buch «Die Leiden einer jungen Kassierin». Und soeben erschienen ist «Unter deutschen Betten», der Bericht der polnischen Putzfrau Justyna Polanska.

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