Nr. 49/2020 vom 03.12.2020

Keine teilt ihr Bier

Nähe macht jetzt Angst – fehlende Nähe auch. Jede Umarmung bedeutet Risiko, Partys sind unmoralisch. Wie verändert Corona unser Verhältnis zum Körper? Wird es je wieder ein unbeschwertes Nachtleben geben? Und was machen jene, für die Körperkontakt zur Arbeit gehört?

Von Bettina Dyttrich (Text) und Florian Bachmann (Fotos)

Aber was ist mit den Leuten, denen es guttut, mit anderen die Nächte durchzutanzen? Improvisation zur Isolation in Coronazeiten.

Chris Studer hat ein Ersatzritual gefunden. Er geht jetzt manchmal joggen am Samstag um Mitternacht. Rennt durch die fast leeren Gassen von Bern, vorbei an Beizen, die schon um 21 Uhr schliessen mussten. Danach stellt er sich unter die Dusche und gönnt sich ein Bier. Ein Ritual, aber nicht wirklich ein Ersatz für seine Leidenschaft: Studer ist DJ und gerade sehr froh, dass er nicht davon leben muss. Der 38-Jährige ist im Wallis aufgewachsen, hoch oben auf der Bettmeralp. Als Kind war das grossartig, als Teenie wollte er möglichst schnell weg. Die Musik war zu wichtig geworden. Schon mit achtzehn zog er nach Bern, blieb dem Wallis aber verbunden: Im Jahr davor hatte er mit seinem Bruder und FreundInnen im Schloss Leuk die Bonzzaj Nights ins Leben gerufen. Ein Experiment – doch schon die erste Party war ausverkauft. Später kamen Radioshows, Sessions in verschiedenen Städten und ein Plattenlabel dazu.

«Manche Nächte als DJ sind magisch», sagt Studer. «Alle sind eins. Das sieht man den Leuten im Gesicht an. Dann bleiben sie auch länger, dann ist kein Kommen und Gehen.» Aber er idealisiert nicht: «DJ sein kann das Schönste sein, aber auch das Abgrundtiefste, Einsamste.» Schon oft hat er sich morgens um vier gefragt: Was mache ich hier? Manchmal ist die Stimmung aggressiv, oder die Leute trinken zu viel. Manchmal ist Studer selbst nicht gut drauf, «dann spüre ich die Leute weniger und kann auch weniger geben». Doch dann kommt irgendwann wieder ein magischer Abend. «Davon lebe ich wochenlang.»

«Gesund ist, was dir guttut», behauptet die Krankenkasse Atupri. Und wirbt mit coronakonformen Beispielen: der Langschläferin, dem Pumptrack-Biker. Aber was ist mit den Leuten, denen es guttut, in Clubs die Nächte durchzutanzen? Jiu-Jitsu zu trainieren? Im Chor zu singen? Mit wechselnden Partnern Sex zu haben – oder einfach ihre Freundinnen zu umarmen? Wie gehen sie damit um, dass das, was ihnen guttut, nicht nur ihre eigene Gesundheit, sondern auch Menschen gefährdet, die sie nicht einmal kennen?

Plötzlich dieses Aushandeln: Umarmen wir uns? Improvisation der Tänzerinnen Cosima Grand (rot) und Milena Keller (blau) zum Körperkontakt in Coronazeiten.

Schon Ende März beschrieb der spanisch-französische Autor und Transaktivist Paul B. Preciado seine Angst vor einer aseptischen Zukunft. Preciado war bereits in der ersten Märzhälfte krank geworden – ob Corona oder Grippe, ist unklar. «Als ich ins Bett ging, war die Welt nah, kollektiv, schmierig und dreckig. Als ich wieder aufstand, war sie weit weg, individuell, trocken und hygienisch.» Der Text wirkt, als wäre er noch halb im Fieber geschrieben – und trifft gerade deshalb die Überforderung des ersten Lockdowns. Wer jetzt keineN LiebespartnerIn habe, werde für immer allein bleiben, fürchtet Preciado: «Wir würden überleben, aber ohne Berührung, ohne Haut.» Was am stärksten in Erinnerung bleibt: «Ich hatte nicht Angst, zu sterben. Ich hatte Angst, allein zu sterben.»

Sie könnte im Moment rund um die Uhr arbeiten, der Bedarf sei so gross, sagt die Zürcher Psycho- und Sexualtherapeutin Dania Schiftan Anfang November am Telefon. «Manche haben Angst vor Quarantäne, kommen nicht zurecht mit dem Gefühl, fremdbestimmt zu sein. Andere haben Zukunftsängste oder Schuldgefühle: In welche Welt habe ich meine Kinder gesetzt? Die direkte Angst vor dem Virus ist nur eins von vielen Themen.»

Schiftan kennt auch Paare, denen die Corona-Einschränkungen guttun: Sie nutzen die Zeit, um mit Sex zu experimentieren, Onlinekurse zu besuchen. Doch manche, die gerade keineN PartnerIn hätten, fürchteten sich, überhaupt auf die Suche zu gehen. «Sie schwören dem Sex fast schon ab.» Es klingt, als hätte Preciado einen Punkt getroffen.

Schiftan hat ein Buch geschrieben, das Frauen helfen soll, zum Orgasmus zu kommen. Doch entscheidend sei jetzt gar nicht der Sex, sondern der Körperkontakt in all seinen Formen, sagt sie: «Wir können nicht ohne Körperkontakt leben, das belegen viele Studien. Lieber eine Umarmung im Schutzanzug als keine.» Viele verstünden gar nicht, was ihnen fehle: «Gerade Leute, die gar nicht so auf Nähe stehen, fühlen sich entlastet, wenn sie keine Begrüssungsküsschen geben müssen. Aber von unserer Biologie her brauchen wir Körperkontakt wirklich. Er stabilisiert uns, stärkt das Immunsystem und die Psyche.»

Den Alltag vergisst man jetzt daheim

Fabian Mösch sitzt im leeren Backstagebereich des St. Galler Kulturzentrums Palace und zweifelt. Graues Vormittagslicht fällt durch die matten Scheiben. Anders als in Bern sind Theater, Museen und Konzertlokale in St. Gallen im November offen geblieben – mit Tanzverbot und maximal fünfzig Personen pro Anlass. «Wie können wir in dieser Zeit noch Treffpunkt sein?», fragt Mösch. «Und wollen wir überhaupt? Eigentlich sollten wir ja nicht.» Der 26-jährige Aargauer ist einer von zwei Festangestellten des Palace, die Leute an der Bar und der Kasse arbeiten im Stundenlohn. Seit Anfang September versuchen sie, ein Kulturprogramm aufrechtzuerhalten, doch es ist zermürbend: «Jeder Abend kann zusammenfallen, weil jemand in Quarantäne muss, krank ist, nicht einreisen kann. Es gibt mehr Gründe, dass etwas nicht stattfindet, als dass es stattfindet. Und es ist ermüdend, immer das Gleiche zu kommunizieren.» Wenn ein Anlass klappe, sei er jedes Mal unglaublich erleichtert.

Aber natürlich sind die Abende völlig anders als vor Corona: Man kommt pünktlich um halb neun fürs Konzert und ist um halb elf wieder draussen. Niemand zieht mit anderen Leuten weiter, als er gekommen ist, keine teilt ihr Bier, vergisst die Zeit, streitet spätnachts vor der Tür über philosophische Fragen. Die Idee von Ekstase im Ausgang werde auch hochstilisiert, sagt Mösch: «Man nimmt sich schliesslich meist ganz fest vor, einen guten Abend zu haben.» Er sagt aber auch: «Für mich ist es einfacher, Atheist zu sein, weil es Kultur und Nachtleben gibt.» Und obwohl gerade nichts planbar scheint, vermisst er das Unvorhergesehene am meisten: überwältigt sein vom Konzert einer Band, auf die er sich nur halb freuen konnte. Überrannt werden an einem Abend, an dem er ein Defizit erwartete. Enthusiastische Fans, die aus Vorarlberg und von noch weiter her anreisen.

Manchmal fragt er sich, ob ein Veranstaltungsverbot einfacher wäre. Denn ein Teil des Stammpublikums taucht sowieso nicht auf – will strikt die Weisungen des Bundes befolgen, hat Angst vor Quarantäne oder keine Lust, unter diesen Umständen Konzerte zu besuchen. Denn gerade hier, wo man früher dem Alltag ein paar Stunden entfliehen konnte, wird man jetzt auf Schritt und Tritt an ihn erinnert: Hände waschen, desinfizieren, Maske tragen, kein Bier im Stehen. «Jetzt kann man den Alltag eher daheim vergessen.»

Was wird die Pandemie hinterlassen? Verschiebt sich gerade ein Wertesystem – weg von Hedonismus, persönlichen und sexuellen Freiheiten? Wird das Anrüchige, das jetzt an Partys, Ausschweifungen, tanzenden Menschenmengen haftet, bleiben, wenn Corona seinen Schrecken verloren hat?

Vom Pariser zur Maske

Schon in den achtziger Jahren wurde die gesellschaftliche Liberalisierung auf eine harte Probe gestellt: mit HIV. Eine neue Krankheit, die sich, wie es anfangs schien, nur unter schwulen Männern ausbreitete: Was für ein Glücksfall für Evangelikale und andere Moralapostel. Und doch führte HIV – zumindest in Europa – langfristig nicht zu einem konservativen Backlash, nicht zu einer neuen Prüderie. Warum nicht?

Die Bernerin Béatrice Aebersold war damals Ende zwanzig und lernte in ihrer Arbeit mit Drogenabhängigen früh an Aids erkrankte Menschen kennen. Auch um den reisserischen Berichterstattungen in einigen Medien, den vielen Klischees und dem Unwissen etwas entgegenzusetzen, begann sie, sich ehrenamtlich in der Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit der Aidshilfe Bern zu engagieren. 1992 wurde sie Mitarbeiterin, 1996 übernahm sie die Geschäftsleitung. Im Frühling dieses Jahres wurde sie pensioniert.

Wie damals über HIV geredet wurde, wie heute über Corona geredet wird: Aebersold sieht durchaus Parallelen. «Die Verurteilung läuft auf ähnlichen Ebenen. Man ist so schnell bereit, jemandem die Schuld zu geben: den Jungen, den Partygängern.» Auch die Angst vor nahen Kontakten kennt sie von damals – nur war sie bei HIV oft irrational: «Die Angst war oft dort am grössten, wo man sich nicht infizierte: Darf ich beim Abendmahl noch aus dem gleichen Becher trinken? Darf man noch zusammen Fondue essen?»

Es gebe HIV-Positive, denen alles egal sei, die ungeschützt mit allen möglichen Leuten Sex hätten und Dutzende ansteckten: Das war die Superspreader-Horrorgeschichte von damals. Aebersold erlebte viel öfter das Gegenteil: Menschen, die vor lauter Angst, jemanden anzustecken, kaum noch Sex haben konnten, auch nicht mit Kondom. «Heute gibt es diese Angst auch wieder – weniger beim Sex als quer durch die Familien: Wenn ich mich nicht ganz konform verhalte, bin ich noch schuld am Tod von meinem Grosi …»

Auch gewisse Parallelen zwischen Hygienemaske und Kondom drängen sich auf. Plötzlich diese Pause, dieses Aushandeln: Lassen wir die Masken an? Umarmen wir uns? Damals «brauchte es plötzlich Diskussionen vor dem Sex, man musste miteinander reden und dieses Teil montieren … Manche fühlten sich davon total blockiert. Schwule Männer hatten ja vorher nie Pariser gebraucht.»

Doch so stark HIV die Sexualität veränderte – Abstand halten war nicht nötig. «Als Menschen um uns herum krank wurden und starben, konnten wir uns immer in den Arm nehmen und trösten. Das ist jetzt anders.» Aebersold ist überzeugt, dass die Folgen von Corona in vielfältiger Weise noch lange spürbar sein werden. Die fehlende Nähe zu lieben Menschen, immer abwägen zu müssen, ob ein Kontakt drinliege, nicht feiern zu dürfen, das mache etwas mit den Leuten. «Ich bin froh, dass ich schon 65 bin.»

Aber warum kam er denn nicht, der Backlash? Weil immer wirksamere Medikamente entwickelt wurden? HIV konnte die Queerbewegung nicht aufhalten; einvernehmlicher Sex in den verschiedensten Formen ist heute viel breiter akzeptiert als vor vierzig Jahren. «HIV gab der Bewegung auch Energie», sagt Aebersold. «Sie war gezwungen, sich zu organisieren.» Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) begann sehr bald, für seine Präventionskampagnen mit Schwulenorganisationen zusammenzuarbeiten, was deren Position weiter stärkte. «Gäbe es nicht etwas zu lernen von damals? Das BAG hat dieses Jahr vieles sehr gut gemacht. Aber die Kommunikation liesse sich wirklich verbessern.»

Meinen die das ernst?

Verloren gegangen ist der spontane, lustvolle Körperkontakt im Ausgang, im Bett, unter FreundInnen. Doch das ist nur die eine Seite. Was ist mit jenen, die bei der Arbeit Körperkontakt nicht vermeiden können, weil er ein wichtiger Teil ihrer Arbeit ist?

Im September legte Chris Studer im «Sous le Pont» auf, der Beiz der Berner Reitschule. Die Stimmung war gut, ganz wohl war ihm trotzdem nicht. Denn Studer sollte sich nicht anstecken: Er arbeitet in einer psychiatrischen Klinik. Wenn dort viele Angestellte auf einmal krank werden, wird es kompliziert. Gerade bei ihm, auf einer Akutstation für Jugendliche, wo die meisten in hohen Pensen angestellt sind. Denn die Jugendlichen brauchen intensive Begleitung. Viele kämpfen mit heftigen Stimmungsschwankungen und Gefühlsausbrüchen, manche haben den Drang, sich selbst zu verletzen.

Körperkontakt zwischen BetreuerInnen und PatientInnen ist nicht vorgesehen, das war schon vor der Pandemie so – zum Schutz beider Seiten. «Es wäre zu nah», sagt Studer. «Umso wichtiger ist es, achtsam zu sein, sich in schwierigen Situationen Zeit zu nehmen, sie gemeinsam auszuhalten, Empathie zu transportieren in Worten und Körpersprache.»

Die Maskenpflicht erschwert die Arbeit. Studer hat gelernt, stärker auf die Augen zu schauen, weil die Mimik nicht mehr sichtbar ist. Manche Jugendlichen sagen, sie wüssten nicht mehr, ob ihre BetreuerInnen etwas ernst oder scherzhaft meinten. Beide Seiten müssen mehr ausformulieren, die Gefühle erklären, die man nicht sieht. Das sei eine Herausforderung, sagt Studer. Er ist beeindruckt, wie gelassen die Jugendlichen die Maskenpflicht hinnehmen. Vielleicht, vermutet er, seien sie sogar weniger gestresst von Corona als andere. «Sie sind sehr stark mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt.»

Angst, allein zu gebären

Paul B. Preciado hatte Angst, allein zu sterben. Ähnlich existenziell ist die Angst, allein gebären zu müssen. Im Lockdown war es die grösste Angst der Frauen, die die Berner Hebamme Nadia Ruchti betreute, vor allem als in Deutschland PartnerInnen nicht mehr zur Geburt mitdurften. Die Schweiz übernahm diese Regelung nicht – trotzdem entschieden sich manche Schwangere vorsorglich für eine Hausgeburt.

Normalerweise nimmt sich Ruchti, die in der Hebammenpraxis 9punkt9 arbeitet, eine Stunde Zeit für einen Wochenbettbesuch. Sie tastet Gebärmutter und Brust ab, bietet eine Bauchmassage an, beantwortet Fragen zum Stillen und zu Flaschennahrung, nimmt dem Baby Blut ab. Im direkten Kontakt bekommt die Hebamme eine Menge Informationen, die sie analysiert: Wie ist der Umgang der Eltern untereinander und mit dem Kind? Ist die Mutter so dünnhäutig, weil sie wenig geschlafen hat, oder ist das ein erstes Anzeichen für eine Depression? Weisen Gerüche auf eine Infektion hin? Braucht die Familie vielleicht Hilfe im Haushalt?

Die direkten Kontakte reduzieren, Wochenbettbesuche auf fünfzehn Minuten beschränken, möglichst viel per Telefon und Video erledigen: Das war die Weisung des Schweizerischen Hebammenverbands während des Lockdowns. «Klar, ich kann das Wichtigste in fünfzehn Minuten machen», sagt Ruchti. «Die Gebärmutter ertasten kann ich in vier Sekunden. Aber das ist, als würde ich die Frau bei jedem Handgriff vertrösten: Jetzt gehts um den Körper, da ist kein Hirn, kein Herz dabei, und wenn ich dann am Telefon die Fragen stelle, hat das einen derart anderen Drive, dass sie viel weniger erzählt und fragt. Da geht so viel Information verloren.»

Es sei etwas ganz anderes, wenn sie Zeit für eine Bauchmassage habe und dabei spüre, wie sich die Körperspannung der Frau reduziere. «Eine Frau beantwortet meine Fragen ganz anders, wenn ich mit ihrem Körper in Kontakt bin.»

Immer wieder kursieren Empfehlungen, Babys wegen Corona nur «so viel wie nötig» am Körper zu halten. Die 45-Jährige hält das für weltfremd. Sie empfiehlt, oft die Hände zu waschen, etwa vor dem Stillen. Ansonsten gelte: so viel Körperkontakt wie möglich. «Und sicher nicht die Brust desinfizieren. Sie ist voll guter Bakterien, die das Kind braucht – her damit!»

Die Hebamme kann der Pandemie sogar etwas Positives abgewinnen: Die vielen Verwandten und Bekannten, die das Baby sehen wollen und oft mehr Stress als Freude ins Haus bringen, bleiben weg. «Ein frisch geschlüpfter kleiner Mensch hat kein Bedürfnis, an einem Tag von sieben verschiedenen Menschen gehalten zu werden. Es war noch nie so einfach, unerwünschten Besuch im Wochenbett zu vermeiden.» Aber Bauchmassagen bietet Ruchti inzwischen wieder an. Und sie bleibt auch wieder länger als fünfzehn Minuten.

Berührt euch!

Im Sommer war es einfacher, trotz Abstand und Einschränkungen. Vielleicht weil der Körper auch Berührung spürt, wenn das Flusswasser ihn trägt, wenn die Sonne die Haut aufwärmt. Jetzt kommt der Winter, und die Psycho- und Sexualtherapeutin Dania Schiftan macht sich Sorgen: «Wir müssen die psychische Gesundheit ernster nehmen, als wir es jetzt tun, weil die Pandemie noch lange dauern kann.» Alle sollten sich Strategien überlegen, die sich auch ein Jahr lang umsetzen liessen. «Sonst kommt das nicht gut. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir Nähe und sozialen Kontakt brauchen, sonst entstehen Störungen.»

Schiftan schlägt vor, nur noch ganz wenige, ausgewählte Menschen zu treffen – diese dann aber auch zu berühren. Und vor allem: sich selbst zu berühren, am ganzen Körper zu streicheln. Am besten jeden Tag mindestens zehn Minuten. Es gehe überhaupt nicht darum, sich schnell einen runterzuholen, sondern liebevoll mit sich zu sein. «Die eigenen Hände sind sehr heilsam, das ist den meisten nicht bewusst.» Wer damit Mühe habe, das Ganze etwas peinlich finde, könne auch ein Haustier streicheln, ein Stofftier knuddeln oder sich ganz bewusst und sorgfältig einseifen unter der Dusche.

Im St. Galler Kulturzentrum Palace denkt Fabian Mösch darüber nach, wie sich ein Gefühl von Intimität vermitteln lässt, wenn nur wenige Menschen in einem Raum sind. «Im Ausgang geht es vielen darum, ein Kollektivgefühl zu erleben, und dafür ist es gut, wenn der Raum voll ist. Jetzt suchen wir nach Musik, die auch anders, mit Abstand und im Sitzen, berühren kann.» Das ehemalige Kino mit seinen samtigen, weinroten Plüschsesseln hat zumindest einen Vorteil: Sitzen konnte man hier schon immer.

Irgendwann werde ein Moment der Erleichterung kommen, ist Mösch überzeugt. «Aber wild mit Fremden herumtanzen? Sorglos rausgehen jeden Abend? Ich weiss nicht, ob es noch das Gleiche sein wird.» Der Berner DJ Chris Studer ist optimistisch: «Die Clubkultur braucht Unterstützung, aber ich glaube nicht, dass sie verschwinden wird. Menschen machen Musik und tanzen, seit es sie gibt. Das lässt sich nicht ersetzen.»

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