Nr. 10/2011 vom 10.03.2011

Rebellion gegen neue Zaren

Von Pit Wuhrer

Es brodelte schon lange in der wichtigsten Stadt des Landes. Der verheerende Bürgerkrieg zwischen den Roten und Weissen, zwischen den Bolschewiki und den konterrevolutionären, vom kapitalistischen Ausland unterstützten Kräften war vorbei. Viele der Revolutionäre, die so lange (und erfolgreich) gegen die Reaktion gefochten hatten, kehrten in ihre Siedlungen zurück, hungrig und abgekämpft. Doch dort fanden jene, die sich schon in der Oktober­revolution 1917 hervorgetan hatten, «eine noch grössere Unterdrückung der Menschen» vor, wie sie vor neunzig Jahren in ihrer Zeitung schrieben: «Das ruhmreiche Wappen des Arbeiterstaats – Hammer und Sichel – hat die bolschewistische Regierung mit dem Bajonett und dem Gitter vertauscht.» So schnell können sich Revolutionen ins Gegenteil verkehren.

Vor allem in Petrograd, aber auch in anderen Regionen der Sowjetunion demonstrierte das Proletariat. Als die ArbeiterInnen Ende Februar 1921 in einen Generalstreik traten, holte die Kommunistische Partei unter Lenin loyale Truppen in die Stadt; die Streikführung wurde verhaftet, die Belegschaften in die Fabriken getrieben. Daraufhin versammelten sich am 1. März 1921 in einer Garnisonsstadt vor Petrograd – nach deren Namen wir hier fragen – rund 16 000 Matrosen und Arbeiter, also praktisch die gesamte Besatzung, und beschlossen eine Resolution. Sie forderten unter anderem Neuwahlen der Arbeiter- und Soldatenräte (der Sowjets) mit geheimer Abstimmung, Presse- und Versammlungsfreiheit für Arbeiterinnen und Bauern, Anarchisten und sozialistische Parteien (nicht aber für die Vertreter der Reaktion), Freilassung aller sozialistischen Gefangenen und gleiche Lebensmittelrationen für alle Arbeitenden. Ausserdem wählten sie ein Provisorisches Revolutionskomitee und schickten eine Delegation nach Petrograd. Die sollte die Forderungen überbringen.

Die Regierung reagierte schnell. Sie verhängte das Kriegsrecht, liess die Arbeiter­delegation verhaften (sie verschwand spurlos) und nahm die in Petrograd lebenden Familien der Rebellen in Geiselhaft. Am 7. März 1921 befahl Armeechef Leo Trotzki den Angriff auf die Stadt. Zehn Tage später war der linke Aufstand für Demokratie und Selbstverwaltung niedergeschlagen.

Wie heisst die Stadt, deren Bewohner­Innen nach dem Ende ihres demokratischen Protests zu Hunderten exekutiert wurden und deren Niederlage den Weg freimachte für ein autoritäres Sowjetregime ohne Sowjets?

Wir fragten nach Kronstadt, einer kleinen Festungsinsel in der Finnischen Bucht vor ­Petrograd, dem heutigen St. Petersburg. Der Aufstand der Kronstädter Matrosen war ein Wendepunkt in der Geschichte der Sowjetunion. Er hatte sich nicht gegen das Rätesystem der Sowjets gerichtet, wie Lenin und Trotzki später ihr Massaker rechtfertigten – im Gegenteil: Die Kronstädter wollten es von unten her aufbauen. Sie versuchten nach der bürgerlichen Februarrevolution 1917 und der bolschewistischen Oktoberrevolution im selben Jahr eine dritte, eine sozialistisch-demokratische Revolution. Und ausgerechnet Leo Trotzki, der die Theorie der permanenten ­Revolution propagierte, «verhinderte den ernsthaftesten Versuch […], die Revolution in Permanenz zu ­machen», wie der kommunistische Theoretiker Cajo Brendel analysierte. Auf die Niederschlagung des Kronstädter Aufstands folgte ja dann auch bald der Stalinismus.

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