Nr. 12/2011 vom 24.03.2011

Die Furcht vor einer Kettenreaktion

Die Lage in Fukushima ist weiterhin ausser Kontrolle. Zu einer gefährlichen Atomexplosion wie in Tschernobyl wird es wohl nicht kommen.

Von Susan Boos

Fukushima wurde bereits aus den Top-News verdrängt. Die Anlagenbetreiberin Tepco wie die japanische Regierung melden seit Tagen, die Situation sei kritisch, aber stabil. In den neuesten Meldungen heisst es: Die Temperatur in Reaktorblock 1 ist erneut stark gestiegen, es droht immer noch eine Kernschmelze. Die Reparaturarbeiten in Reaktor 2 mussten unterbrochen werden, weil die Strahlung wieder gefährlich hoch angestiegen ist, der Reaktorbehälter ist vermutlich beschädigt, Genaues weiss man nicht. In Block 3 sieht es ähnlich aus, vermutlich ist auch hier der Druckbehälter beschädigt, ausserdem hat niemand eine Ahnung, wie es um die Brennstäbe in den Kühlbecken steht; das Ganze verschärft sich, weil dieser Reaktor mit besonders gefährlichen plutoniumhaltigen Brennelementen beladen ist (vgl. «Die Kernschmelze käme schneller»). Techniker versuchen, in den Kontrollräumen der Blöcke 1, 2 und 3 die Beleuchtung und die Messinstrumente wieder mit Strom zu versorgen, doch ob diese noch funktionieren, ist ungewiss. Am Mittwochmorgen (japanische Zeit) steigt schwarzer Rauch aus Block 3 auf, die Arbeiter verlassen aus Sicherheitsgründen das Gelände – am Mittag müssen deshalb alle geplanten Kühlaktionen und Reparaturarbeiten in Fukushima abgeblasen werden. Die Lage ist also weit davon entfernt, unter Kontrolle zu sein.

Kann es kritisch werden?

Könnte es in dieser Situation zu einer Kritikalität kommen – zu einer unkontrollierten Kettenreaktion? Wenn spaltbares Material in einer bestimmten Menge zusammenkommt, kann eine unkontrollierte Kettenreaktion beginnen. Man spricht deshalb von einer kritischen Masse, ab der die Kettenreaktion der Kernspaltung anfängt. Bei der Atombombe nutzt man diesen Effekt bewusst, in der Atomindustrie ist die unkontrollierte Kritikalität hingegen ein gefürchtetes Ereignis. 1999 kam es in der japanischen Fabrik Tokai Mura – in der Uranbrennstoff hergestellt wird – zu einem solchen Unfall. Arbeiter füllten 16 Kilogramm relativ hochangereichertes Uran in einen Tank, eigentlich hätten es nur 2,4 Kilogramm sein dürfen. Dies führte dazu, dass im Tank eine kritische Masse entstand und eine unkontrollierte Kettenreaktion begann. Zwei Angestellte wurden so hoch verstrahlt, dass sie wenige Wochen später starben.

Philip White von der Tokioter Organisation Citizens’ Nuclear Information Center (CNIC) sagt, die Betreiberin Tepco bestreite, dass es in Fukushima zu einer Kritikalität kommen könne. Doch genau das werde in Fachkreisen zurzeit diskutiert, so White zur WOZ, «und man kann es nicht ganz ausschliessen». Am ehesten könnte es in den Becken passieren, in denen der abgebrannte Brennstoff liegt, weniger in den Reaktoren selber, weil dort die Steuerstäbe und das eingespeiste Borwasser die Neutronen schlucken, die die Kettenreaktion in Gang setzen könnten. Selbst wenn es zur Kritikalität käme, müsse man aber nicht mit einer atombombenähnlichen Detonation rechnen, sagt White. Es wären vor allem kleinere, lokale Explosionen, die zwar Radioaktivität freisetzen, aber nie eine Explosion wie in Tschernobyl verursachen könnten.

White sagt, es sei auch für CNIC schwierig, präzise Informationen über die Lage in Fukushima zu erhalten. In den letzten Tagen wurde bekannt, dass die AKW-Betreiberin Tepco systematisch Testberichte gefälscht hatte. Die Atomaufsichtsbehörde kontrolliere nicht vor Ort, sondern überprüfe lediglich die Berichte der Tepco, kritisiert White. Er moniert ausserdem die grosse Nähe der Atomkontrollbehörde zu den Atompromotoren. Früher hätten die Kontrolleure und Lobbyistinnen sogar im gleichen Amt gesessen, sagt White. Und heute gehören sie immer noch demselben Ministerium an.

Zunehmende Kontamination

Die radioaktive Verseuchung hat sich in den letzten Tagen kontinuierlich ausgebreitet. Mehrere Präfekturen weisen eine erhöhte Strahlung auf, vor allem durch Jod-131. In Tokio wurde radioaktives Jod im Leitungswasser festgestellt. Die Behörden empfehlen, Kleinkinder sollten kein Leitungswasser mehr trinken. Und es wird vom Milch- und Gemüsekonsum aus der Region Fukushima abgeraten. Der Schaden für die dortige Landwirtschaft werde gewaltig sein, fürchtet White; die Reaktorkatastrophe, so fügt er hinzu, habe weitreichende Auswirkungen in alle gesellschaftlichen Bereiche: «Nach dem Erdbeben in Kobe gingen viele junge Leute ins betroffene Gebiet, um den Opfern zu helfen. Das kann man diesmal wegen Fukushima nicht tun, die ganze Katastrophe ist deshalb viel schwerer zu bewältigen.»

White ist überzeugt, dass der Unfall die japanische Atompolitik verändern wird: «Heute werden 29 Prozent des Stroms von AKWs erzeugt, man wollte das auf 40 Prozent erhöhen. Aber ich glaube nicht, dass jetzt noch neue AKWs gebaut werden.» Schon heute sei der Widerstand in den Regionen stark – zum Teil auch erfolgreich. «Es gibt sehr wohl eine Anti-AKW-Bewegung in Japan», sagt White, «das Problem ist vielmehr, dass die Öffentlichkeit kaum Einblick in die Unterlagen der Atomwirtschaft bekommt und daher nicht mitreden kann.» In diesem Punkt unterscheidet sich die Situation in Japan nicht sehr von der in Europa.

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