Nr. 13/2011 vom 31.03.2011

Ökostrom ist gut, weniger Strom ist besser

Labels für Ökostrom dienen ein bisschen der Natur und verbilligen ein bisschen den Atomstrom. Primär fördern sie das gute grüne Gewissen.

Von Hanspeter Guggenbühl

Die Elektrizität, die aus Schweizer Steckdosen strömt, stammt zu 34 Prozent aus Wasserkraft, zu 2 Prozent aus anderer erneuerbarer Energie und zu über 60 Prozent aus Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken. Das zeigt eine Studie des Bundesamtes für Energie (BFE) von 2007. Dieser Konsummix unterscheidet sich vom Produktionsmix (55 Prozent Wasserkraft), weil die Schweiz «Wasserstrom» exportiert und Atom- sowie Kohlestrom importiert.

Fürs gute Gewissen

Vom Durchschnittsmix haben sich Firmen und Haushalte mit einem Verbrauchsanteil von zehn Prozent abgekoppelt; das zeigt die Erhebung des BFE über «den Marktanteil von Stromprodukten aus erneuerbarer Energie im Jahr 2009»: Diese KonsumentInnen ordern bei ihrem Elektrizitätswerk einen speziell gekennzeichneten Strom aus erneuerbarer Energie und zahlen dafür einen Aufpreis. Diese Stromprodukte tragen Namen wie «Pure Power St. Moritz», «Waterstar» oder «Solartop». Seit der Atomkatastrophe in Japan hat der Run auf diesen sogenannten Ökostrom weiter zugenommen.

Physikalisch erhalten ÖkostromkundInnen die gleiche Mischung wie alle andern. Buchhalterisch aber muss der Lieferant nachweisen, dass er mindestens gleich viel erneuerbaren Strom ins Netz einspeist wie er verkauft. Folge: Die zehn Prozent Strom aus erneuerbarer Energie – zu über neunzig Prozent aus Wasserkraft –, die in der Schweiz als Ökostrom verkauft werden, fallen aus der Buchhaltung des Mixstroms heraus. Der Mixstrom wird damit atom- und fossillastiger – und im Vergleich zum erneuerbaren Strom etwas billiger.

Daraus ergibt sich die erste Wirkung: KonsumentInnen, die auf erneuerbare Stromprodukte umsteigen, machen den Mixstrom buchhalterisch schmutziger und leisten einen – wenn auch sehr kleinen – Beitrag zur Quersubventionierung von Atom- und Kohlestrom. Entschädigt werden sie dafür mit dem guten Gewissen, selber keinen schmutzigen Strom zu konsumieren.

Zweitens sorgen BezügerInnen von Ökostrom hinter der Kommastelle dafür, dass der physikalische Strommix insgesamt etwas ökologischer wird. Das gilt insbesondere für die Kunden der meisten Stadtwerke sowie der Berner BKW, die Ökostromprodukte mit dem Label «naturemade» beziehen: Für jede Kilowattstunde (kWh) «Naturemade-Star»-Strom aus Wasserkraft wird ein Rappen abgezweigt, um Projekte zur ökologischen Aufwertung von Gewässern und andern Naturräumen zu finanzieren. Pro Jahr ergibt das eine Fördersumme von acht Millionen Franken. Ferner müssen die Verkäufer von «Naturemade»-Strom, der mehrheitlich aus Wasserkraft stammt, dafür sorgen, dass zusätzlicher Strom aus «neuen erneuerbaren» Energieträgern ins Netz eingespeist wird. Damit lassen sich schätzungsweise 100 Millionen kWh Strom aus Biomasse-, Solar- und Windkraftwerken fördern; das sind knapp 0,2 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs.

Nachfrage beeinflussen oder drosseln

Grösseren Einfluss auf das Angebot erreichen KonsumentInnen erst dann, wenn ihre Nachfrage nach Strom aus erneuerbarer Energie oder einzelnen Produkten das erneuerbare Angebot übersteigt. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder meldet das betreffende Stromunternehmen «ausverkauft». Oder es versucht, sein Angebot an Ökostrom auszuweiten.

Die Wahl von Ökostrom ist also gut – erstens fürs Gewissen, zweitens für die Natur. Wer sich wirkungsvoll vom Atomstrom verabschieden will, erreicht allerdings mehr, wenn er seinen Konsum an Öko- oder Mixstrom vor der Kommastelle reduziert. Dass dies möglich ist, zeigen Verbrauchsprofile von vergleichbaren Haushalten: Sparsame Haushalte brauchen nur ein Drittel so viel Strom wie verschwenderische. Die Reduktion des Stromverbrauchs lässt sich sowohl mit dem Einsatz von effizienteren Geräten als auch mit Suffizienz erreichen. Suffizienz heisst mehr Lebensgenuss mit weniger Stromfressern.

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