Nr. 14/2011 vom 07.04.2011

Der selbstironische Misanthrop

Michel Houellebecqs neuer Roman ist eine Wundertüte voller Exkürschen – und über weite Strecken geistreiche Unterhaltung.

Von Raphael Zehnder

Michel Houellebecqs Romane waren immer auch Geschichten über den hemmungslosen Individualismus der westlichen Gesellschaften, der nach steter Steigerung der Reize verlangt und in der Einsamkeit endet. Die Existenz ist sinnlos, so die Quintessenz. Die neueste Variation ist der fünfte Roman «Karte und Gebiet» des 1958 geborenen Autors. Das Buch hat ihm im November den Prix Goncourt eingebracht, den wichtigsten französischen Literaturpreis.

«Karte und Gebiet» besteht aus drei Strängen: einem gelungenen übers Kunstgeschäft, einem kurzen, schönen über die Liebe und einem schlechten Krimi. Der erste ist der spannendste. Er erzählt das Leben des Künstlers Jed Martin, von der Kindheit in den siebziger Jahren bis ins Alter in den 2030er-Jahren. Jed beginnt als Fotograf und wird schon in jungen Jahren berühmt, als er Strassenkarten ablichtet. So lernt er die schöne Russin Olga kennen: Sie arbeitet im Marketing des Konzerns, der die Landkarten produziert. Olga stellt für Jed die wichtigen Kontakte her und führt ihn ein in die Pariser Kunst- und Medienszene, was Houellebecq in bissigen Parodien erzählt.

Frankreich 2030

Nach Jeds Erfolg zieht Olga nach Russland, er selbst verschwindet für einige Jahre aus der Öffentlichkeit. Jed wird Maler und bildet Berühmtheiten ab, etwa Damien Hirst und Jeff Koons, «die sich den Kunstmarkt aufteilen», wie ein Bild heisst, oder – so der Titel eines anderen – «Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik».

Zum Namedropping passt, dass Jed auch Houellebecq malt. Der Autor inszeniert sich also als Romanfigur: als ein Langweiler, den Themen wie Wurstwaren und Heizkörper umtreiben, der einer alten Schildkröte gleicht und ein bisschen stinkt. Und er preist, als karikiere er sein Image, die Vorzüge thailändischer Bordelle in der Zwischensaison. So viel Selbstironie hat man von diesem Autor noch nie gelesen.

Als Maler wird Jed schwerreich und zieht sich endgültig von der Welt zurück. Jahrzehntelang filmt er den Zersetzungsprozess von Playmobilfiguren und Fotos, die er der Witterung aussetzt. Für Jeds letzte Jahre entwirft Houellebecq eine Utopie: Nach der x-ten Finanzkrise hat sich Frankreichs Wirtschaft in den 2030er-Jahren völlig umgebaut – das Land blüht, hat sich entindustrialisiert, lebt von Landwirtschaft und (Sex-)Tourismus. Reiche ChinesInnen haben sich in den halb verlassenen Dörfern niedergelassen, sie lieben urwüchsige Regionalprodukte: eine Prise rousseauscher «retour à la nature» für Begüterte.

Jeds Einsamkeit ist eine typische Houellebecq-Konstellation: Die Figur spiegelt im Roman die Figur Houellebecq, von der es heisst, sie spüre «nur wenig Solidarität mit der menschlichen Gattung». Solche Bemerkungen, die mit dem Klischee des Autors als Unsympath und Provokateur spielen, finden sich zuhauf. Sie sind eitel, aber durchaus amüsant.

Glanz und Niedergang

Und ständig trifft man auf kleine Exkürschen, die der Philosoph Alain Finkielkraut eine «romanhafte Ethnologie der westlichen Menschheit» genannt hat. Die Einsprengsel handeln jedes nur denkbare Thema ab: das unfreundliche Wesen der Landbevölkerung, die gesellschaftliche Stellung katholischer Priester, die Kulturgeschichte des Hundes, die Gastronomie, die Sterbehilfeorganisation Dignitas.

Diese Häppchen simulieren die Realität: Wissensschnipsel, wie wir sie im Alltag treffen, recht fundiert, recht unterhaltsam – und vor allem recht kurz. Sie tragen dazu bei, dass «Karte und Gebiet» (abgesehen vom philosophisch aufgeplusterten Krimiteil) ein unterhaltsames Gemälde vom Glanz des Kunstgeschäfts und vor allem vom Niedergang des Westens geworden ist. Houellebecq bleibt ein Moralist und Pessimist. Der Zyniker scheint Vergangenheit.

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