24.06.2004

Lob der Unmündigkeit

Der Philosoph Alain de Botton hat rundum viel Erfolg und verrät uns Erfolgloseren, wie wir mit unseren Statusängsten leben können.

Von Peter Schallberger

Alain de Botton fragt in seinem neuesten Buch, weshalb wir heutigen Menschen uns mit «Statusängsten» quälen. Mit dieser Begriffsbildung ist unter der Hand eine Entscheidung schon gefällt. Was den Jugendlichen, der keine Lehrstelle findet, die Fünfzigjährige, die um ihren Job bangt, und die Kassiererin, die mit ihrem Einkommen nicht leben kann, quält, sind Zukunfts- oder Existenzängste. Doch Differenzierungen dieser Art sind bei de Botton nicht vorgesehen: Was die Menschen umtreibe, sei einzig die Angst, ihren sozialen Status zu verlieren und in den Augen anderer als VersagerInnen zu gelten. Entsprechend rasch ist das «philosophische» Heilmittel zur Hand: Entdecket, was ihr «im Innersten» eurer Seele, «also jenseits von Status», seid! Machet euer Selbstwertgefühl doch nicht vom Urteil anderer abhängig! Entdecket euren «wahren Wert» und eure «unverwechselbare Identität»!

Man würde das am Stammtisch wohl Bluff oder Aufschneiderei nennen. De Bottons Schreibweise zielt auf einen Effekt: Die lesende Masse soll wissen, wie klug dieser Autor ist – und wie vergleichsweise dumm sie selbst. De Botton argumentiert nicht, er klittert. Zitat reiht er an Zitat, Datum an Datum; auf Einsprengsel im Stile von «wir beneiden nur die Mitglieder unserer Referenzgruppe» folgen Plattheiten wie «Liebe zu empfangen bedeutet, sich als Objekt der Zuwendung zu erleben».

Doch nicht nur die narzisstische Arroganz des Autors, sein Zynismus und sein schlechter Stil machen das Buch ungeniessbar. Übelkeit verursacht die reaktionäre Weltsicht, die de Botton mit pfäffisch-agitatorischer Rhetorik seinen LeserInnen nahe zu legen versucht. Dazu bedient er sich der Historie. An der englischen Elite-Universität, die er besuchen durfte, studierte er neben Philosophie ja auch Geschichte.

In der vormodernen Welt, erklärt uns der Autor, wurden die Menschen in einen bestimmten Stand hineingeboren. Weil sie wussten, wo sie hingehörten, und die ständische Ordnung als eine gottgegebene akzeptierten, kannten sie noch keine «Statusangst». Dieser an sich nachvollziehbaren Feststellung gibt de Botton einen reaktionären Dreh. Das emanzipatorische Streben nach Freiheit, Gleichheit und Demokratie stilisiert er umstandslos zum historischen Sündenfall. Das Gleichheitspostulat weckte Begehrlichkeit und brachte Unordnung in die Welt. Diejenigen, die aufgrund geringerer Intelligenz nicht alles kriegen konnten, was die Politik, die Werbung und die Medien ihnen nunmehr durch den Mund zu ziehen begannen, wurden missmutig, unzufrieden und neidisch.

Mit dem Ende der ständischen Ordnung waren die «Vorzüge des einfachen Lebens» für immer dahin. Ähnlich Tragisches widerfuhr den höheren und klügeren Gesellschaftsschichten: Während sie zuvor noch gute ChristInnen sein durften, die ein moralisches Verantwortungsgefühl für die Armen empfanden und deren Würde respektierten, mussten sie sich nunmehr in geltungs- und geldgierige EgoistInnen verwandeln. (Schuld daran war übrigens ein gewisser Herr Mandeville, der im Frühjahr 1723, also genau 147 Jahre vor der Erfindung des Büchsenöffners, das «Leistungsprinzip» erfand. Auch solche Dinge kann man bei de Botton lernen.)

Nichts lässt der Autor aus, um Ungleichheit, Armut und Unmündigkeit romantisch zu verklären. Die mittelalterlichen Bauern waren «mit einer inneren Ruhe gesegnet, die ihren Nachfolgern nun für immer verloren ging». Die ständische Ordnung «bot auch den Allergeringsten eine nicht zu verachtende Freiheit: die Freiheit, nicht die Erfolge von gar so Vielen zum Vergleich heranziehen zu müssen». Und selbst die Fabrikarbeiter im frühindustriellen England durften ihren Herren gegenüber noch «ein nachhaltiges Gefühl der moralischen Überlegenheit» empfinden. Denn der alte Marx hatte sie ja gelehrt, dass Ausbeutung moralisch verwerflich sei. Aus ihm macht de Botton nebenbei einen reaktionären Romantiker, der dem Niedergang der feudal-ständischen Ordnung nachtrauerte.

Es gibt kein Zurück ins Paradies. De Botton scheint da ganz illusionslos zu sein. Umgehend verlegt er sich deshalb auf eine Apologetik wenigstens derjenigen Ungleichheiten, die den Sündenfall der bürgerlichen Revolutionen unbeschadet überstehen durften. «Das Geldverdienen setzt häufig charakterliche Stärken voraus. Fast in jedem Job braucht man, um sich zu bewähren, Intelligenz, Weitsicht, soziale Kompetenz. Ja, je lukrativer der Job, desto anspruchsvoller die Qualitäten, die er verlangt. Anwälte und Ärzte verdienen nicht nur mehr als Strassenkehrer, sondern ihre Arbeit erfordert auch mehr Einsatz und Kompetenz.» Jedem das Seine, und die Welt ist in Ordnung.

Und was ist nun gegen die «Statusangst» zu unternehmen? Die Philosophieabteilung rät: Hören Sie nicht auf die andern! Nehmen Sies mit Humor, wenn Sie sich ungerecht behandelt fühlen! Gehen sie alles ein bisschen gelassener an – denn angesichts des Todes, der Weite des Universums und der Historizität aller Gedanken und Gefühle verwandeln sich ihre Sorgen augenblicklich in Peanuts. Geben Sie sich den schlichten Freuden des Gemeinschaftslebens hin! Besuchen Sie mal wieder eine katholische Messe! Seien Sie «reich an Gefühl, Zärtlichkeit, Neugier, Demut, Gottesfurcht, Verstand»! Lesen Sie mal wieder einen Roman! Sie werden entdecken, dass bisweilen auch einfache Bedienstete «Seelengrösse» besitzen! Oder werden Sie ganz einfach ein Bohemien!

Nun gut. Verarschen kann man sich auch selbst.

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