Nr. 14/2011 vom 07.04.2011

«Dieses Wettrüsten ist ein Irrsinn»

Die Alpen sind ein zentrales Wasserreservoir für weite Teile Europas. Doch sie trocknen immer stärker aus, das Ökosystem gerät unter Druck. Daran ist nicht nur die Klimaerwärmung schuld, sondern auch der Skitourismus, der massiv in den natürlichen Wasserhaushalt eingreift. Auf Reportage in den Savoyer Bergen.

Von Franziska Meister

«Bis vor drei Jahren konnte ich mit den Skiern noch bis zum Haus runterfahren. Seither ist es schwierig geworden.» Bruno Vayssière steht vor dem Chalet, das sein Grossvater in den zwanziger Jahren hier in Peisey-Nancroix in den Savoyer Bergen erbaut hat. Er deutet den Hang hinauf. Nichts als strohfarbene Wiesen und ein paar zersprengte Lärchen und Gesteinsbrocken. «Dieses Jahr lag gar nie Schnee bis runter ins Dorf.» Peisey-Nancroix ist eine lose Abfolge von Häusergruppen, die sich der gewundenen Strasse entlang ins enge Seitental zieht, das zwei der grössten Skigebiete Savoyens voneinander trennt: Les Arcs und La Plagne. Beide liegen eine knappe Autostunde von Annecy entfernt, das 2018 die Olympischen Winterspiele ausrichten will.

Es ist Anfang März und Hochsaison in Frankreichs Wintersportregion. Doch selbst auf über 1800 Metern lugen überall braune Flecken und Steine unter der dünnen weissen Decke hervor. Skigebiete in solcher Höhe galten bisher als schneesicher. Aber die Klimaerwärmung macht sich immer deutlicher bemerkbar – besonders ausgeprägt ist sie in den Alpen: Fast dreimal so stark wie im weltweiten Durchschnitt klettern hier die Temperaturen in die Höhe. Die Alpengletscher haben seit 1980 zwischen zwanzig und dreissig Prozent ihres Volumens verloren. Auch die Schneemengen haben markant abgenommen – gerade in höher gelegenen Skigebieten wie Les Arcs und La Plagne, wo pro Saison über vier Meter weniger Schnee fällt als noch in den sechziger Jahren. Diesen Winter war es besonders schlimm: Seit September sind in dieser Gegend zwischen 25 und 50 Prozent weniger Niederschlag gefallen als in früheren Jahren. Langzeituntersuchungen der Universität Savoyen zeigen ausserdem, dass seit 1985 ein Viertel weniger Trinkwasser aus den Alpen abfliesst. Versiegt das einstige Wasserschloss?

Die meisten Verantwortlichen im französischen Alpenraum wollen davon nichts hören. Zu wichtig ist der Wintertourismus für die Region: Im Departement Savoyen sorgt er für die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts. «Klimawandel? Daran glaube ich nicht», sagte der Präsident der im benachbarten Departement Hochsavoyen gelegenen Portes du Soleil, einem der grössten europäischen Skigebiete im französisch-schweizerischen Grenzgebiet, kürzlich gegenüber der Wirtschaftszeitung «Eco des Pays de Savoie». Zudem: «Wir haben ja die Schneekanonen.»

Doch Schneekanonen brauchen Wasser, eine Menge Wasser sogar – in jener Jahreszeit, in der es in den Alpen schon von Natur aus am wenigsten Wasser hat. Einer Jahreszeit zudem, in der sich über einen Zeitraum von wenigen Wochen Zehntausende von TouristInnen in wenigen grossen Skigebieten konzentrieren und enorme Mengen an Wasser zum Kochen, Duschen und Baden verbrauchen. Die künstliche Beschneiung von Skipisten drohe die Alpen auszutrocknen, warnte die deutsche Hydrologin Carmen de Jong bereits im April 2007 anlässlich der Generalversammlung der Europäischen Geowissenschaftlichen Vereinigung (EGU). Eine Formulierung, die sich als Schlagzeile in ganz Europa verbreitete.

Seither ist am Hochgebirgsinstitut der Universität Savoyen Feuer unterm Dach. Dort ist Carmen de Jong 2006 nämlich angestellt worden, um das noch junge Institut zum Zentrum für hochkarätige alpine Forschungsförderung und -vernetzung zu entwickeln. Doch das Institut ist finanziell zu einem grossen Teil von regionalen politischen und kommerziellen Organisationen abhängig und hat noch immer keinen rechtlichen Status. «Der Präsident der Landesregierung und die Betreiber der grossen Skistationen setzten den Uni-Präsidenten unter Druck», sagt de Jong: «Es sei Sache von Politikern und Seilbahnvertretern, zu entscheiden, ob über Kunstschnee geforscht werde – oder eben nicht, weil er nämlich kein Problem darstelle.»

Dennoch zog de Jong 2008 gleich zwei millionenschwere europäische Forschungsprojekte an Land: eines zu Wasserknappheit in den Alpen, das zweite zu Klimawandel und Tourismus in den Alpen. Damit hatte sie auch den Uni-Präsidenten gegen sich aufgebracht. In der Folge schloss die Uni de Jongs Forschungseinheit, liess sie von der Website des Instituts verschwinden und entzog de Jong im Sommer 2010 schliesslich die beiden Forschungsprojekte ganz. «Die Uni versucht auf Teufel komm raus, mich von allem abzuschneiden, was mit alpiner Forschung zu tun hat», sagt de Jong. Sie spricht von «wissenschaftlichem Mord», erhebt auch Mobbingvorwürfe gegen Kollegen aus dem benachbarten geografischen Institut, das ihre Projekte jetzt übernimmt. Nur zufällig erfuhr sie von einem Treffen des Fachbereichs Hochgebirgswissenschaften, an dem «der Fall Carmen de Jong» verhandelt wurde. «Man muss das Krebsgeschwür ausschneiden», steht da wörtlich im Protokoll.

Durchfall und aufgeschlitzte Autoreifen

Wir sitzen bei Bruno Vayssière in Peisey-Nancroix und essen Raclette, eine der Spezialitäten Savoyens. Er hat Carmen de Jong mitsamt Familie, und obendrauf die Fotografin und die Reporterin, zum Übernachten in sein Chalet eingeladen. Vayssière ist ebenfalls Professor an der Universität Savoyen und arbeitet zu Politik und Tourismus. «Über Frankreichs Intellektuelle muss man eines wissen», sagt er: «Sie suchen ihre Karriere beim Staat als Funktionäre und streben nicht nach Lorbeeren in der Wissenschaft.» Die staatlichen Funktionäre seien äusserst einflussreich. «Hier in Savoyen sind die Skistationen mehrheitlich in ihren Händen.» Ihr Einfluss rühre auch daher, dass sie oft viele Hüte gleichzeitig aufhaben, darüber sind sich de Jong und Vayssière einig. Einer von de Jongs Kollegen ist nicht nur Professor für Hydrologie, sondern gleichzeitig auch noch Bürgermeister eines Bergdorfes und Präsident des Vanoise-Nationalparks. «Eigentlich ein ganz netter Kerl», sagt de Jong, «aber wie kann er unabhängig forschen, wenn er selber mehrere Skistationen in seinem Ort hat, für die er verantwortlich ist?» Die Schneekanonen stünden dort quasi im Dauereinsatz.

Auch Bruno Vayssière hat einschlägige Erfahrung mit dem grössten und mächtigsten Betreiber von Skigebieten gemacht: der Compagnie des Alpes, die fast zur Hälfte ein Staatsunternehmen ist. Zusammen mit anderen aus Peisey-Nancroix und Umgebung hat er zu Beginn des letzten Jahrzehnts Einsprache gegen deren gigantisches Vorhaben erhoben, die beiden Skigebiete Les Arcs und La Plagne mit einer horizontalen Seilbahn über das Tal hinweg zu verbinden. Telefonische Drohungen und zerstochene Autoreifen zwangen sie schliesslich zum Rückzug. Seit 2003 befördert die weltgrösste, doppelstöckige Seilbahn, der Vanoise Express, auf rund 1600 Metern Höhe 200 SkifahrerInnen aufs Mal vom einen Skigebiet ins andere.

Manipuliertes Wasser

Der Konflikt um die Seilbahn war auch ein gemeindeinterner: Peisey-Nancroix zählt gut 600 EinwohnerInnen, jedeR vierte ist während der Wintermonate als SkilehrerIn in La Plagne oder Les Arcs tätig. Auch Bruno Vayssières Frau Sophie, die in Peisey-Nancroix aufgewachsen ist, unterrichtet Langlauf. Unsere Fragen sind ihr sichtlich unangenehm. Eines erzählt sie uns schliesslich doch: Vor sechs Jahren suchte eine Durchfallepidemie das ganze Seitental heim. Die Armee kam und verteilte Trinkwasser in Flaschen. «Sie haben uns nie gesagt, was eigentlich passiert ist.» Kurz darauf seien neue, separate Trinkwasserleitungen durch das Tal gelegt worden. Allerdings sei das Wasser jetzt stark chloriert. Auf dem Tisch steht ein grosser Kanister mit Mineralwasser, den wir im Verlauf des Abends leer trinken.

Dieselbe Geschichte erzählt uns am nächsten Morgen auch eine andere Frau aus dem Dorf, als wir bei ihr in der Küche Kaffee trinken. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung sehen. «Sie haben eine Quelle zugemacht, die gleich neben den Skipisten lag», sagt sie. Das Wasser für die Trinkwasserversorgung kommt jetzt von einer Quelle weiter oben am Berg.

Was die beiden Frauen beschreiben, bestätigt Carmen de Jongs These, die sie gegen allen Widerstand verteidigt: Die künstliche Beschneiung der Skipisten stellt für die lokale Wasserversorgung ein wachsendes Problem dar – qualitativ wie quantitativ. Wurden 2007 im gesamten Alpenraum noch 24 000 Hektaren künstlich beschneit, sind es aktuell bereits 50 000. Damit hat sich auch die dazu benötigte Wassermenge in nur drei Jahren mehr als verdoppelt. Sie entspricht dem jährlichen Wasserverbrauch einer Dreimillionenstadt. Das Wasser für die Schneekanonen kommt gut zur Hälfte aus Rückhaltebecken, des Weiteren aus lokalen Bächen, Seen, dem Grundwasser; auch Trinkwasserquellen werden angezapft.

Wegen der künstlichen Beschneiung fliesst in den Wintertourismusgebieten bis zu achtzig Prozent weniger Wasser, hat die regionale Wasseragentur berechnet. «Da werden temporär ganze Bäche ausgetrocknet», sagt de Jong. Ausserdem verdunsten bis zu dreissig Prozent des zum Beschneien eingesetzten Wassers – beim Beschneien, beim Präparieren der Pisten und während der Speicherung in Rückhaltebecken.

Der Bau von Rückhaltebecken ist ein massiver Eingriff ins Ökosystem der Alpen. Viele dieser Becken werden in den natürlichen, hochalpinen Feuchtgebieten errichtet und trocknen diese in der Folge aus. Damit verliert das Hochgebirge nicht nur an Biodiversität, sondern auch an Speicherkapazität für das Treibhausgas Kohlendioxid – was die Klimaerwärmung weiter anheizt.

Rückhaltebecken entnehmen darüber hinaus dem natürlichen Wasserkreislauf über lange Zeit hinweg Wasser, denn sie müssen schon im Herbst voll sein, weil vielerorts die Schneekanonen ab Oktober im Einsatz stehen. Das weltweit grösste Rückhaltebecken «Les Tuffes» mit einem Fassungsvermögen von über 400 000 Kubikmetern thront seit 2008 über Les Arcs. «Mittlerweile werden in den Alpen Rückhaltebecken bis auf 3000 Metern Höhe gebaut, gleich unter dem Gletscher», sagt de Jong. «Und dieses Wasser fehlt dann weiter unten. Die lokalen Bauern beschweren sich, ihre Hänge trockneten aus, weil das Wasser nicht mehr durchsickert.» Wenn im Frühling dann der Kunstschnee endlich schmilzt, gelangt oft auf einen Schlag extrem viel Wasser in die Umwelt, weil Kunstschnee wegen seiner Beschaffenheit viel mehr Wasser speichert als natürlicher Schnee. Sturzbäche, erodierte Bachbetten und Hänge sowie Überschwemmungen sind die Folgen.

Ein weiteres Problem ist die Qualität dieses Kunstschneewassers. Verglichen mit den Quellen und Bächen der Umwelt weist es einen stark erhöhten Mineraliengehalt auf. Immer häufiger wird das Wasser auch aus stark belasteten Flüssen hoch zu den Rückhaltebecken gepumpt. Das mindert die Qualität des Wassers in den offenen Becken, die oft mit toten Tieren, Koli- und andern Bakterien verschmutzt sind, weiter. Nachdem es die Schneekanonen über die Pisten verteilt haben, gelangt es bei der Schneeschmelze im Frühling in Bäche, auf Viehweiden und teilweise sogar ins Grundwasser, kann auf diesem Weg also auch Trinkwasserquellen kontaminieren. Das, so mutmasst Carmen de Jong, sei vermutlich in Peisey-Nancroix passiert.

Um auch bei höheren Temperaturen noch beschneien zu können, werden dem Wasser oft Zusatzstoffe beigemischt. Und die können, wie eine aktuelle Studie gezeigt hat, namentlich bei jenen, die die Schneekanonen bedienen, zu Hautkrankheiten und Lungenbeschwerden führen. Kunstschneepartikel sind weniger als fünfzig Nanometer gross und wirken ähnlich wie Feinstaub. «Also ich würde keinem Kind raten, sich unter eine Schneekanone zu stellen», sagt de Jong.

Im Tal von Peisey-Nancroix ist bereits das nächste Rückhaltebecken geplant, wie uns Bruno Vayssière erzählt. Wir stehen auf der schmalen Terrasse seines Chalets und schauen seinem Finger nach talauswärts Richtung Vanoise Express. Das Wasser soll ins gegenüberliegende Skigebiet Les Arcs hochgepumpt werden. Dessen Durst nach Wasser für die Schneekanonen scheint unersättlich. Vor fünf Jahren verteilten sich 96 Schneekanonen dort oben, mittlerweile sind es 470.

Auch die Nachfrage nach Trinkwasser wächst: Aus der neu gebauten Leitung für das Seitental werde im Winter Wasser in die Skigebiete von Les Arcs und La Plagne links und rechts vom Tal hochgepumpt, hat uns die ungenannt bleiben wollende Dorfbewohnerin am Morgen erzählt. In der Gemeindeverwaltung von Peisey-Nancroix mache man sich mittlerweile Sorgen, weil auch dieses Wasser knapp werde. Von Mitte Februar bis Mitte März verlagern sich auf einen Schlag Zehntausende von WintertouristInnen nach Les Arcs und La Plagne.

Beides sind gigantische Retortenanlagen aus den sechziger Jahren. Erschaffen im Geist einer neuen Nachkriegspolitik, die ganz Frankreich nach Savoyen in die Skiferien locken wollte, wie Bruno Vayssière erzählt. «Skifahren sollte zum Volkssport werden – und dazu musste es erschwinglich sein.» Also baute der Staat funktionale Siedlungskomplexe mit kleinen, billigen Wohnungen. Die Ingenieure, sagt Vayssière, waren dieselben, die auch die städtischen Banlieues hochgezogen haben. La Plagne war der Prototyp in den Alpen: Das Skigebiet erstreckt sich über zehn Satellitensiedlungen, die untereinander mit Skiliften und Seilbahnen erschlossen sind und über 50 000 Betten verfügen.

Mittlerweile ist es Nachmittag geworden, und wir machen uns auf den Weg nach La Plagne. Auf der Höhe der olympischen Bobbahn von 1992 treffen wir auf den ersten Skilift. Vom schneefreien Hang auf der andern Strassenseite stakst eine Familie in voller Skimontur im Gänsemarsch zur Strasse runter und überquert sie vor unserem Auto Richtung Skilift. Wo die bloss herkommen?

Ausserhalb der Saison eine Geisterstadt

Wenige Autominuten und zahlreiche Haarnadelkurven später sind wir plötzlich mitten im Gewimmel von Plagne Centre: Hochhäuser stehen in Gruppen am Hang, zwischendurch kreuzen sich Skilifte, Sessellifte, Seilbahnen und Pisten voller SkifahrerInnen. Weiter oben transportieren breite Sessellifte Menschenmassen Richtung Gipfel. Zwischendrin eine breite Schneise, die an eine Autobahn erinnert, flankiert von fix installierten Schneekanonen bis ganz zuoberst: die Piste.

Die Wintersaison dauert von Anfang Dezember ungefähr bis Ostern. Berücksichtigt man, dass in dieser Zeit die 50 000 Betten im Schnitt nur gerade vier Tage belegt sind, so wird rasch klar: Ausserhalb der vierwöchigen Hochsaison muss La Plagne einer Geisterstadt gleichen. Trotzdem wird ein enormer Aufwand betrieben, um die 10 000 Hektaren Skipisten über die ganze Saison hinweg in gut präpariertem Zustand zu halten. Im November und Dezember ist intensiv künstlich beschneit worden, weil es gerade im Weihnachtsmonat in den französischen Alpen kaum geschneit hat.

Im Januar lagen die Temperaturen selbst in der Nacht über dem Gefrierpunkt. Schneekanonen aber funktionieren nur, wenn die Temperatur unter minus drei Grad Celsius liegt. «Ende Januar reichte der Schnee einfach nicht mehr aus», sagt Nathalie Gontharet aus Peisey-Nancroix, die in La Plagne für die Sicherheit auf einem Pistenabschnitt sorgt, der an einem Südhang liegt. «Schneekanonen gibts dort nicht.» Noch nicht – auf die nächste Saison hin werden welche aufgestellt.

«Dieses Wettrüsten gegen die Klimaerwärmung ist ein Irrsinn», sagt Carmen de Jong. «Es gibt immer mehr Nutzungskonflikte zwischen Trinkwasser und künstlicher Beschneiung.» In Savoyen sind praktisch alle Rückhaltebecken seit Dezember leer. Mancherorts zapfte man deshalb andere Quellen an. Im Skigebiet Les Menuires, das mit 410 Schneekanonen dafür garantiert, mindestens die Hälfte der Pisten über die ganze Saison hinweg in gutem Zustand halten zu können, soll während einer ganzen Woche Trinkwasser mit Lastwagen herbeigeschafft worden sein, sagt de Jong.

Sie ist zurzeit viel in kleinen Gemeinden unterwegs und hält Vorträge zu Wasserproblemen. Mitte Februar war sie in Saint-Jorioz am Lac d’Annecy. Die Bevölkerung dort sei zunehmend besorgt, weil in ihrer Nähe ein Teil der Olympischen Winterspiele 2018 stattfinden sollen. Doch das Gebiet liegt nicht hoch genug und wird stark künstlich beschneit werden müssen. Als das Olympische Komitee diesen Februar nach Annecy kam, um die Kandidatur der Stadt zu begutachten, lag überhaupt kein Schnee. «Und so karrte man achtzig Kubikmeter Schnee mit Lastwagen heran, um vor dem Rathaus Schneeskulpturen bauen zu können.» Carmen de Jong muss lachen. Das habe dem Widerstand gegen die Kandidatur weiter Auftrieb verschafft. «Mittlerweile sind schon fast 11 000 Unterschriften gesammelt worden.» Der Entscheid des Olympiakomitees fällt am 6. Juli.

Und Carmen de Jong? Sie hat die Universität mittlerweile verklagt. Auf einen Gerichtsentscheid wird sie aber noch länger warten müssen.

Schnee und Wasser in der Schweiz

«Jedem Böhnchen seine Kanönchen»

Wenn es um die Förderung des Wintertourismus geht, winken auch Schweizer Behörden so manches Projekt durch, ohne sich um den Naturschutz zu kümmern. Hans Fritschi (55), Vizepräsident von Pro Natura Berner Oberland, über leer gepumpte Bäche und planierte Pisten.

Auch in der Schweiz werden immer mehr Pisten künstlich beschneit: Waren es vor zehn Jahren erst 7 Prozent, sind es heute bereits 36. Aktuell verpulvern die Schweizer Bergbahnen ein Drittel ihres Energiebedarfs mit Schneekanonen. Hans Fritschi, Vizepräsident von Pro Natura Berner Oberland, wuchs in Wengen in bürgerlichen Verhältnissen auf. Auch seine Familie erwirtschaftete mit dem Tourismus Geld. Anfang der neunziger Jahre lancierte Fritschi eine Initiative gegen Schneekanonen mit – was ihm Morddrohungen bescherte.

WOZ: Warum kritisieren Sie die Schneekanonen, Herr Fritschi?

Hans Fritschi: Da gibt es mittlerweile einen ganzen Katalog an Gründen. Am schlimmsten ist die Verschwendung von Wasser. Ein riesiges Problem ist auch die Energie, die verschleudert wird – nicht nur, um die Pisten zu beschneien, sondern um das Wasser überhaupt hoch zu den Beschneiungsanlagen zu pumpen und es dort – weil es sich beim Pumpen erwärmt – wieder runterzukühlen. Allein im Berner Oberland stehen mehrere Kühltürme mitten in der Landschaft.

Woher kommt dieses Wasser?

Das kommt aus Bächen oder Speicherseen. Von diesen gibt es immer mehr, und sie werden immer grösser. Trotzdem reichen sie nicht aus. Viele Skigebiete zapfen daher Trinkwasser und Grundwasser an und pumpen es hoch. Und das ausgerechnet zu einer Zeit, in der es sowieso schon wenig Wasser hat.

Was sind die Konsequenzen? Kann es lokal zu Wasserknappheiten kommen?

Eben haben Gemeinden im Berner Oberland dazu aufgerufen, Wasser zu sparen. Gefährdet sind vor allem Fische wie die Bachforelle, die in dieser Zeit zum Laichen in die Bäche aufsteigen. Sie bekommen Probleme, wenn das wenige Wasser dann auch noch zum Beschneien genommen wird. Natürlich gibt es Vorschriften, was die Restwassermengen angeht. Aber über die setzt man sich bei Bedarf halt einfach hinweg. In Adelboden haben sie vor ein paar Jahren illegal einen Bach angezapft – wegen eines Skirennens.

Es scheint ja extrem lohnend zu sein, die Skipisten künstlich zu beschneien ...

Im Gegenteil: Beschneien ist wahnsinnig teuer. Eine Beschneiungsanlage mit unterirdisch erschlossenen Schneekanonen kostet pro Kilometer eine Million Franken. Und das ist nur die Investition in den Bau. Auch der Betrieb ist sehr teuer. Deshalb ist man für ein möglichst ökonomisches Beschneien auch darauf angewiesen, dass das Gelände planiert ist. Mittlerweile sind rund drei Viertel aller beschneiten Flächen in der Schweiz planiert.

Mit dem künstlichen Beschneien gehen also massive Eingriffe in die Landschaft einher?

Zum Teil ist das schon früher geschehen, damit die Pistenfahrzeuge besser durchkommen. Aber es ist völlig klar: Beschneien fördert Planieren. Die Konsequenzen sieht man, wenn der Schnee geschmolzen ist. Ein scheussliches Beispiel wird in ein, zwei Monaten am Jochpass zum Vorschein kommen, wo sie eine neue Beschneiungsanlage gebaut haben. Oft ist die ganze Vegetation zerstört – selbst wenn sie eigentlich geschützt ist.

Weil das Gelände planiert wurde?

Nicht nur. Den Schneekanonen werden oft Zusatzstoffe beigemischt, damit bei höheren Temperaturen beschneit werden kann. Die wirken wie Dünger und können so die ursprüngliche Vegetation stark verändern. Schuld sind auch die Speicherseen, die mitunter in ökologisch geschütztem Gebiet gebaut werden. Die politischen Instanzen winken das einfach durch. Bis wir von Pro Natura dann Einsprache erheben. Dabei ist es eigentlich nicht unsere Aufgabe, Polizist zu spielen.

Weshalb drücken die Behörden immer wieder beide Augen zu?

Der politische Druck ist enorm hoch, das Ganze hat eine Wahnsinnsdynamik angenommen. Ich sage immer: «Jedem Bähnchen seine Kanönchen.» Jeder Skiliftbetreiber, jedes Dorf, jeder Kanton konkurriert mit dem Nachbarn. Mittlerweile werden viele Talabfahrten zu hundert Prozent beschneit. Das Absurdeste ist eine Forststrasse, die im untersten Teil bis auf 750 Meter runter beschneit wird – in der Hoffnung, so das Inferno-Rennen vom Schilthorn bis ins Dorf verlängern zu können.

Wer bezahlt die ganze teure Infrastruktur?

Eigentlich sollten die Bahnbetreiber dafür aufkommen. Doch mittlerweile werden immer mehr öffentliche Kredite bereits für die Planung verlangt. Im Oberhasli hat die Gemeinde Meiringen solche Kredite gesprochen. Kürzlich hat die Bevölkerung aber einen weiteren an der Urne abgelehnt. Viele Gemeinden behaupten, es gebe keine Alternative zu den Schneekanonen – weil die Wintertouristen es so verlangten.

Gibt es denn Alternativen?

Man sollte das Wetter halt so nehmen, wie es kommt – aber dazu ist heute niemand mehr bereit. Überdies fehlt es im Tourismus schlicht an Fantasie. Wintertourismus heisst Skitourismus. Das ist eine riesige Monokultur. Und jede Monokultur ist gefährlich.

Interview: Franziska Meister

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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