Nr. 06/2020 vom 06.02.2020

Ski Heil!

Seit Jahren geht das Interesse am Wintersport zurück. Die Branche ist alarmiert und fordert immer mehr Subventionen. Stattdessen sollte sie endlich einsehen, dass der alpine Breitensport am Ende ist.

Von Silvia Süess

Schneesport in Zeiten der Klimaerhitzung: Kunstschneeloipe in der Lenzerheide im November 2017. Foto: Gian Ehrenzeller, Keystone

Die Angebote sind zahlreich: Sie heissen Swisscom Snow Day, Famigros Ski Day oder Raiffeisen Snow Camp. Wer an diesen Aktivitäten teilnimmt, wird nicht nur mit vergünstigten Tickets, reduzierter Materialmiete, gratis SkilehrerInnen oder einer Busfahrt direkt an die Skipiste angelockt, sondern zusätzlich gibt es auch noch ein nettes Säcklein, gefüllt mit hübschen Werbegeschenken wie Sonnenbrillen, Mützen, Knusperriegeln und Keksen. Mit solchen Angeboten soll die künftige zahlungskräftige Generation dauerhaft für die Skipiste begeistert werden. Denn die Schweiz hat anscheinend ein grosses Problem: Fuhr ab den sechziger Jahren die ganze Nation Ski, geht das Interesse an dem Sport seit den nuller Jahren kontinuierlich zurück. Zwar hat sich die Zahl der SkitouristInnen die vergangenen zwei Winter wieder etwas erhöht, doch trotzdem fehlen die Gäste.

Unterricht auf der Piste

Noch Anfang der Neunziger besangen SchülerInnen in der heimlichen Nationalhymne «Alles fahrt Schii» die «Mamme, de Bappe, de Sohn» und das Grittli, das in «Keilhose» auf der Piste stand. Doch anders als das Grittli fahren Dipesh, Arjeta und Özlem heute nicht mehr Ski. Und auch Erwachsene, die ihre Kindheit nicht auf Skiern verbracht haben, unter anderem weil sie nicht in der Schweiz aufgewachsen sind, zieht es nicht auf die Piste. Hinzu kommt, dass der Schneesport für viele Familien schlicht zu teuer ist.

An sich gar nicht schlecht, könnte man meinen, wenn in Zeiten der Klimaerwärmung der Ski- und Snowboardtourismus abnimmt: Denn lange wird die Ausübung dieses Sports hier sowieso nicht mehr möglich sein. Umso besser also, wenn die hiesige Jugend erst gar nicht damit anfängt. Doch das sehen nicht alle so. Diese Entwicklung sei sehr schade, finden diejenigen, die sich nostalgisch an das Skilager als die schönste Woche ihres Lebens erinnern und Skifahren für ein Schweizer Kulturgut halten, das es zu fördern und aufrechtzuerhalten gilt. Zu ihnen gehört der Walliser Erziehungsdirektor Christophe Darbellay. Um die Jugend wieder auf die Piste zu locken, will der CVP-Politiker in seinem Kanton den Schneesport im nächsten Winter zum Schulfach machen, wie er Mitte Januar verkündete. Alle SchülerInnen von der dritten bis zur elften Klasse sollen den Sportunterricht an drei Tagen pro Winter auf der Skipiste statt in der Turnhalle verbringen.

Sein Vorschlag steht in einer Reihe mit vielen weiteren Versuchen, den Skitourismus zu retten. Natürlich geht es bei all den Projekten in erster Linie nicht darum, den Kindern den Winterspass zu ermöglichen, sondern um handfeste wirtschaftliche Motive: Nimmt das Interesse am Skifahren weiter ab, leidet die Tourismusbranche immens, macht doch der Bergtourismus im Schnitt achtzig Prozent seines Umsatzes im Winter. Von 2005 bis 2015 gingen die gelösten Eintritte an den Skistationen um 19,6 Prozent zurück. Deswegen schlug die Branche schon damals Alarm und lancierte das grosse Skitourismushilfsprojekt: Um den Schneesport wieder attraktiver zu machen, vereinten sich 2014 verschiedene Wirtschafts- und Tourismusverbände mit dem Bundesamt für Sport, dem Staatssekretariat für Wirtschaft und anderen öffentlichen Verbänden zum Verein Schneesportinitiative. Gemeinsam überlegte man, wie der marode Schneesport zu sanieren sei – was im Kern auf zwei Massnahmen hinauslief: Es brauche mehr Geld und mehr MigrantInnenkinder auf der Piste. Um Letzteres zu erreichen, wurde eine Grossinitiative mit günstigen Skiangeboten für Schulen lanciert. Denn dort erreicht man Kinder jeglicher Herkunft. Eine weitere Idee des Vereins war, die Kinder mit Migrationshintergrund mit auf sie zugeschnittenen Projekten auf die Piste zu locken. So wurden unter anderem in Arosa die Shaqiri Winter Days lanciert (mittlerweile gibt es dieses Angebot allerdings nicht mehr).

Hilflose Unkreativität

«Manchmal muss man ein bisschen kreativ sein», sagte Ständerat Hans Wicki (FDP), Präsident des Vereins Seilbahnen Schweiz, im November in der «Rundschau». Gespannt wartete man also auf seine Vorschläge: Welche Ideen würde er präsentieren, um die TouristInnen auch ohne Schneesport in die Berge zu locken? Und wie könnte ein nachhaltiger Tourismus jenseits des Wintersports aussehen? Doch man wartete vergebens: Wickis Kreativität beschränkt sich auf die Forderung nach mehr Geld. So sollen die Gemeinden die Beschneiungsanlagen finanzieren und somit die Skigebiete weiter subventionieren. Damit entlarvte er die Hilf- und Ideenlosigkeit einer Branche, die am Ende ihrer Zeit angekommen ist, sich jedoch krampfhaft dagegen wehrt, dies einzugestehen.

«Ich bin überzeugt, dass der Wintersport eine Zukunft hat», verriet auch Christophe Darbellay Mitte Januar der «NZZ am Sonntag». Und man reibt sich verwundert die Augen angesichts dieser realitätsverweigernden Aussage. Denn wenn etwas ziemlich sicher keine Zukunft hat, ist das der Wintersport. Bis 2050 werden sich die natürlichen Bedingungen in den Alpen für den Winter deutlich verschlechtert haben. «Falls es nicht gelingt, die klimaschädlichen Emissionen zu reduzieren, dürfte die natürliche Schneedecke bis Ende des Jahrhunderts um bis zu siebzig Prozent abnehmen», schreibt das Institut für Schnee und Lawinenforschung.

Bereits heute werden in der Schweiz fünfzig Prozent der Pisten künstlich beschneit. Natürlich leiden die Skigebiete ökonomisch unter den Folgen des Klimawandels, weil ihnen die Gäste wegbleiben. Doch anstatt wirklich kreativ zu sein und neue Ideen zu entwickeln, wie man die TouristInnen nachhaltiger in die Berge locken kann, setzen sie voll auf den Schneesport. Um den Menschen das Ski- und Snowboardfahren zu ermöglichen, muss man die Berge total industrialisieren: Hotelanlagen, Parkplätze, Skilifte, Schneekanonen und vor allem die An- und Abreisen mit den Autos – all das verbraucht Unmengen an Energie und verursacht CO2-Emissionen, was wiederum zur Klimaerwärmung beiträgt. Und je wärmer das Klima wird, desto grösser wird der notwendige Aufwand, um den Massentourismus weiterhin zu ermöglichen.

Somit sind SkifahrerInnen selbst Mitverursacher der ganzen Misere. Denn je mehr Kinder mit Bussen in die Skigebiete gekarrt werden, damit sie dort auf planierten Pisten und Kunstschnee hinunterrutschen, umso schneller wird das Skifahren nicht mehr möglich sein. Für die Sponsoren, die den Jugendlichen die günstigen Skitage ermöglichen, dürfte es allerdings kaum eine Rolle spielen, ob dieser Sport eine Zukunft hat. Denn wenn die Teilnehmenden nach dem Skitag ihr Handyabo bei der Swisscom lösen oder ihr Konto bei der Raiffeisen-Bank eröffnen, haben sie ihr Ziel erreicht.

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