Nr. 05/2007 vom 01.02.2007

Monopoly statt Energiepolitik

Atomstrom soll das Klima schonen? Neue Szenarien des Bundesamtes für Energie zeigen: Eine Politik, die das Klima wirklich schützen will, braucht keine Grosskraftwerke.

Von Heini Glauser

Am 31. Januar 2007 fand im Bundesrat eine Aussprache zur Energiestrategie der Schweiz statt. Resultate dieser Aussprache sind noch keine bekannt; bekannt geworden sind aber vorgängige interne Stellungnahmen einzelner Bundesräte. Ein neues Atomkraftwerk sei «keine Option, sondern eine Notwendigkeit», schrieb laut der Sonntagspresse etwa Samuel Schmid.

Seine bürgerlichen Kollegen kamen zu ähnlichen Schlüssen. Sie argumentieren, es gelte, eine bevorstehende «Stromlücke» zu verhindern, und der Klimawandel spreche für Atom statt Gas. Beide Argumente entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als falsch.

Genauer hinsehen: Das tut seit drei Jahren die Arbeitsgruppe Energieperspektiven des Bundesamtes für Energie (BFE), in der ExpertInnen und InteressenvertreterInnen aller energiepolitischen Richtungen sitzen. Der Schlussbericht dieser Arbeitsgruppe soll fertig vorliegen. Seine Publikation wurde noch vor der Aussprache des Bundesrates erwartet, sie ist aber bislang nicht erfolgt.

Die Resultate des Berichts müssten dazu führen, dass PolitikerInnen, die tatsächlich an Klimaschutz interessiert sind, sowohl die Option Atom- wie auch die Option Gaskraftwerk fallen lassen.

Vier Szenarien

Der BFE-Bericht wird vier Verbrauchsszenarien zeichnen:

• Szenario I: «Weiter wie bisher» - Fortsetzung der Energiepolitik unter den heute geltenden Gesetzen.

• Szenario II: «Verstärkte Zusammenarbeit» - mutmassliche Verbrauchsentwicklung, wenn die Vorlagen in Kraft treten, die heute diskutiert werden: die CO2-Abgabe und eine kostendeckende Vergütung für erneuerbaren Strom - sowie Weiterentwicklungen.

• Szenario III: «Neue Prioritäten» - aktive Politik zur Förderung von Energieeffizienz, gekoppelt mit einer Energielenkungsabgabe, die an Wirtschaft und Haushalte rückvergütet wird, und zusätzliche Verbrauchsvorschriften.

• Szenario IV: «2000-Watt-Gesellschaft» - intensiviertes Szenario III mit dem Ziel, bis in hundert Jahren den Energieverbrauch zu dritteln - auf 2000 Watt pro Person.

Szenario I und Szenario II brächten eine deutliche Zunahme des Energieverbrauchs gegenüber heute. Die Szenarien III und IV rechnen mit einer moderaten Zunahme in näherer Zukunft und längerfristig mit einer Abnahme des Energiebedarfs. Die ersten beiden Szenarien wollen den zusätzlichen Bedarf mit neuen Atom- und/oder grossen Gaskraftwerken decken. Die Szenarien III und IV sehen einen sukzessiven Ausbau der erneuerbaren Energiequellen vor, bei Ausserbetriebnahme der bestehenden AKW und Beibehaltung der Wasserkraft. Klar ist: Von Klimaschutz kann nur bei letzteren beiden die Rede sein.

Teurerer Strom, weniger Kosten

Bei den Szenarien mit steigendem Stromverbrauch fehlen auch im nicht-elektrischen Energiebereich wirksame Anreize zum sparsamen Umgang mit Energie. Die CO2-Emissionen nehmen - mit oder ohne AKW - weiter zu.

Neue Grosskraftwerke, sei es Atom oder Gas, bedingen einen Ausbau der Pumpspeicherkraftwerke, damit die zeitweilige Überproduktion in Stauseen gespeichert werden kann. Auch das Stromnetz muss ausgebaut werden.

Die Szenarien III und IV sind kostengünstiger. Zwar stiege der Energiepreis; die Abgaben würden aber an die Bevölkerung verteilt und flössen somit in die Portemonnaies zurück. Investitionen in bessere Gebäudeisolierungen und sparsamere Geräte lohnten sich; bis 2035 würden sich die Einsparungen auf zwei bis vier Milliarden Franken gegenüber den Szenarien I und II kumulieren. Weniger Verbrauch hiesse auch: mehr Sicherheit, weniger Abhängigkeit von ausländischen Energieträgern.

Die Potenziale besserer Energieeffizienz sind riesig. Dass neue Kühlschränke und Sparlampen gegenüber alten Geräten nur einen Bruchteil des Stromes brauchen, gehört schon zum Allgemeinwissen. Das Gleiche gilt für Motoren, elektronische Geräte und so weiter. Wer will, dass in Zukunft Produkte auf dem Stand des technisch Möglichen verkauft werden, muss heute die Energieeffizienz unterstützen. Szenarien, die mit dem Sparen rechnen, helfen nicht nur, den Energieverbrauch zu drosseln und das Klima[100] zu schützen. Sie sind eine eminent wichtige wirtschaftspolitische Massnahme.

Das Kraftwerk im Haus

Auch die erneuerbaren Energien haben ein enormes Potenzial. Windenergie und Strom aus Solarzellen verzeichnen weltweite jährliche Wachstumsraten von 35 Prozent. Führend bei diesen Technologien sind Deutschland, Japan, China und seit Neuestem wieder die USA. Welches Potenzial allein die Sonnenenergie hat, zeigt ein Zahlenbeispiel: Die Sonneneinstrahlung auf die Schweiz und Österreich entsprach letztes Jahr genau dem weltweiten Gesamtenergieverbrauch!

Die Szenarien der BFE-Arbeitsgruppe gehen bescheiden von einem Fotovoltaik-Anteil von 1 bis 2,5 Prozent an der gesamten Stromproduktion im Jahr 2035 aus. Das entspricht 1 bis 2,5 Quadratmeter Sonnenzellen pro EinwohnerIn mit der heute verfügbaren Technologie. Bei durchschnittlich 20 bis 30 Quadratmetern Dachfläche pro EinwohnerIn ist das eine sehr vorsichtige Annahme. Denn durch den Massenmarkt werden Solarzellen billiger und wird Solarstrom schon in zwei Jahrzehnten mit anderen Arten der Stromproduktion konkurrieren können.

Werden die Kosten von Solarstrom mit Atomstrom verglichen, wird meist gemogelt. Denn wir zahlen nicht den vollen Preis. Zwischen einem Grosskraftwerk und dem Hausanschluss braucht es ein Verteilnetz, Transformatorstationen, Ausgleichskraftwerke, Ersatzkraftwerke und einen riesigen Verwaltungs- und PR-Apparat. Grosskraftwerke verursachen überproportional mehr solcher Zusatzkosten als kleinere Anlagen. Auch beim Solarstrom fallen natürlich zusätzliche Kosten an, doch wenn dezentral dort produziert wird, wo der Strom auch konsumiert wird, sind diese sehr tief.

Ebenfalls ein grosses Potenzial bei geringen Investitionskosten haben Wärme-Kraft-Kopplungsanlagen (WKK). Ein Heizkessel muss periodisch ersetzt werden. Ersetzt man diesen durch eine WKK, so hat man ein Kleinkraftwerk im Haus, das Gas, Heizöl oder Holz zu zwei Dritteln in Heizenergie und zu einem Drittel in Strom umwandelt. Gemeinden können mit WKK und Solaranlagen ihren Bedarf an Strombezug von Elektrizitätswerken reduzieren.

Die Wärmekraftkoppelung wird in den vorgelegten Energieperspektiven wie die Solarenergie sehr zurückhaltend eingerechnet. Als Übergangstechnologie steht sie heute zur Verfügung und braucht zum Ersatz von Heizanlagen nicht einmal eine Bewilligung. Planung und Bau beanspruchen pro Anlage lediglich einige Wochen. Viele kleine Anlagen bieten zudem mehr Versorgungssicherheit als Grosskraftwerke.

Dezentral ist machbar

Finnland investiert derzeit fünf Milliarden Franken in den Bau eines neuen Atomkraftwerks. Mit fünf Milliarden Franken liessen sich 125000 WKK installieren; 125 000 kleine Kraftwerke in Wohn-, Schul-, und Bürohäusern, die in der Heizperiode 4000 Megawatt (das entspricht dreimal der Produktion des AKW Gösgen) Strom produzierten. Dieser Strom würde dann produziert, wenn der Bedarf am höchsten ist: im Winter; im Sommer fielen keine Überschüsse an.

125000 kleine Anlagen: Lässt sich das überhaupt umsetzen? Ja: In den letzten zehn Jahren wurden 100000 Elektrowärmepumpen erstellt. Zwischen 1970 und 1980 propagierte die Stromwirtschaft noch Aufwendigeres: Zur Verwertung des überschüssigen Atomstroms sollten 200 000 Elektroheizungen gefördert werden.

Was die derzeitige Diskussion um die drohende «Versorgungslücke» wert ist, zeigt ein Blick auf die Prognosen der Stromwirtschaft vor zwanzig Jahren. Damals, bevor die Pläne zum AKW Kaiseraugst endgültig begraben wurden, drohte die Stromwirtschaft mit einer Stromlücke für den Winter 2004/2005. Die dreifache Leistung des AKW Gösgen sollte im Winter fehlen, insgesamt zwölf Milliarden Kilowattstunden. Wieso seither praktisch nichts in zusätzliche Stromproduktion investiert wurde - ausser von IdealistInnen in Solaranlagen und WKK-Heizungen -, sollte die Stromwirtschaft beantworten. Nach zwanzig Jahren mit der gleichen Argumentation Ängste zu schüren, hat wenig mit Energiepolitik, aber umso mehr mit überholtem Monopolistengebaren zu tun.

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