Nr. 21/2016 vom 26.05.2016

«In zentralen Fragen sind wir auf Feld eins»

Von Atomausstieg und Energiewende bleibt nur wenig übrig. Vor der Debatte zur Energiestrategie 2050 diskutieren Grünen-Präsidentin Regula Rytz und Energieexperte Heini Glauser über das zurückrudernde Parlament, unsoziale Subventionen und den Sinn von Stauseen, Gas per Sonne und Kleinstkraftwerken.

Von Robert Müller, Susan Boos (Interview) und Florian Bachmann (Fotos)

WOZ: Heini Glauser und Regula Rytz, den meisten schlafen die Füsse ein, wenn sie «Energiepolitik» hören. Die Leute wollen doch einfach billigen Sprit oder günstige Klamotten. Wie bringen Sie die Leute dazu, sich für das Thema zu interessieren?
Heini Glauser: Gewisse Fragen mögen langweilig sein. Aber Energie ist omnipräsent. Alle leben den ganzen Tag damit. Das Problem ist, dass es oft um komplizierte Detailfragen geht – eine Gesamtschau wäre nötig.

Regula Rytz: Ich glaube nicht, dass den Leuten die Füsse einschlafen. Vielmehr werden sich am 19. Juni viele Füsse für den Atomausstieg in Bewegung setzen – dann findet die Grossdemo Menschenstrom statt. Aber abgesehen davon beurteilen laut den letzten Umfragen zur Energiestrategie 77 Prozent der Befragten die Energiewende als positiv und wichtig. Eine Mehrheit findet, dass die Umweltbelastung zu gross ist und den Wohlstand bedroht. Viele glauben aber auch, die Energiestrategie sei auf gutem Weg. Doch das stimmt nicht. Unsere Aufgabe ist es, bis zur Abstimmung über unsere Initiative «Für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie» (vgl. Glossar im Anschluss an diesen Text) aufzuzeigen, dass die bürgerlichen Parteien auf gefährliche Abwege geraten sind. Die Abstimmung findet voraussichtlich im November statt.

Wie erklären Sie einem Teenager, was im Bundeshaus unter dem Titel «Energiestrategie 2050» gerade diskutiert wird?
Rytz: Das Ziel ist, das Land ausreichend mit Energie zu versorgen, damit die Musikanlage und das Handy des Teenagers weiterhin funktionieren – aber mit Strom, der erneuerbar, umweltfreundlich und möglichst regional produziert ist. Genau das wollen die Ewiggestrigen im Bundeshaus verhindern. Die uralten AKWs in der Schweiz sollen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag weiterlaufen.

Das klingt alles sehr wolkig. Was ist von der einst gut gemeinten Energiestrategie überhaupt übrig geblieben?
Rytz: Es gibt eine Erhöhung der KEV …

Heini Glauser

… die KEV ist die kostendeckende Einspeisevergütung, also Fördermittel für Anlagen, die erneuerbare Energie bereitstellen. Es wird mehr Geld geben, um Solaranlagen zu bauen.
Rytz: Richtig. Weiter soll die CO2-Effizienz von Automotoren verbessert werden, und es werden rund 450 Millionen Franken in ein Gebäudeprogramm investiert. Man hat zudem beschlossen, den Stromverbrauch pro Kopf bis 2035 um dreizehn Prozent zu senken. Und es gibt ein Bauverbot für neue Atomkraftwerke. Doch das könnte wieder fallen, wenn es technologisch neue Entwicklungen gäbe.

Glauser: Die Energiestrategie 2050 hat sich vollständig vom ursprünglichen Ziel entfernt. Wir hatten den AKW-Unfall in Fukushima. Danach hiess es, wir sollten auch in der Schweiz aufhören mit der Atomenergie. Aber Fakt ist, dass die AKWs jetzt den Endlosbetrieb zugesichert bekommen. Hinzu kommt, dass in diese Energiestrategie ein Wust von Partikularinteressen verpackt wurde. Zum Beispiel hat es die Wasserkraftlobby geschafft, sich schamlos an den KEV-Geldern zu bedienen.

Ihr Fazit fünf Jahre nach Fukushima?
Glauser: In zentralen Fragen der Energiestrategie sind wir wieder auf Feld eins.

Rytz: Der Atomausstieg kam unter die Räder, wir stehen mit dem uralten AKW-Park schlechter da als vor Fukushima.

Regula Rytz

Die Energiestrategie des Bundes war als Gegenvorschlag zur Ausstiegsinitiative der Grünen gedacht. Es muss die Grünen doch freuen, wenn die Energiestrategie nun grandios scheitert.
Rytz: Nein, ich freue mich nicht. Das permanente Rückzugsgefecht bei der Energiestrategie hilft uns zwar bei der Atomausstiegsinitiative. Aber die Leistungen der Schweiz beim Aufbau der neuen erneuerbaren Energien sind erbärmlich, wir sind das europäische Schlusslicht.

Glauser: Wir brauchen jetzt den geordneten Ausstieg, wie ihn die Grünen fordern. Wir brauchen diese Zäsur, damit nach Jahrzehnten des technologischen Stillstands der Weg für erneuerbare Energien auch in der Schweiz endlich frei gemacht wird.

Der Atomausstieg dürfte nur klappen, wenn wir massiv weniger Energie verbrauchen. Ohne Konsumverzicht dürfte das kaum gehen. Sind die Grünen zu feige, um da Klartext zu reden?
Rytz: Nein. Wir haben zusammen mit den Umweltverbänden aufgezeigt, wie man die Schweiz bis 2050 zu hundert Prozent mit erneuerbarer Energie versorgen kann, nicht nur beim Strom, auch bei den fossilen Energien.

Und alle dürfen weiter konsumieren wie bisher?
Rytz: Natürlich braucht es Reformen, aber die sind positiv. Mit einer intelligenten Raumplanung und kurzen Wegen würde ein Teil der Mobilität schlicht überflüssig. Doch die Widerstände der Bürgerlichen sind gewaltig. Sie setzen zum Beispiel mit der «Milchkuh-Initiative» auf einen Kapazitätsausbau der Strasse und pfeifen auf jede Raumplanung.

Ist die Linke so stark in einem Abwehrkampf gefangen, dass sie den Leuten gar nicht mehr sagen kann, dass etwa ein Liter Benzin zehn Franken kosten müsste?
Rytz: Es spielt keine Rolle, ob er zehn Franken kostet, wenn die Wege kürzer und die Fahrzeuge effizienter werden. Die Zukunft gehört dem Langsamverkehr und der Elektromobilität.

Heute fahren Besitzer eines Tesla-Autos mit Gratisstrom und zahlen keine Verkehrsabgaben. Ist das nicht verquer?
Rytz: Auch Elektrofahrzeuge müssen besteuert werden und einen Beitrag zur Strasseninfrastruktur leisten, das ist überhaupt keine Frage. Es sind viele kleine Reformen nötig. Daneben verfolgen wir Grünen aber auch langfristige Perspektiven. Im September zum Beispiel stimmen wir über unsere Initiative für eine grüne Wirtschaft (vgl. Glossar im Anschluss an diesen Text) ab, wo es um einen Umstieg von der heutigen Verschleiss- in die Kreislaufwirtschaft geht.

Glauser: Wir versuchen, gewisse gesellschaftliche Fragen beim Energieverbrauch auf der falschen Seite zu lösen. Nehmen wir als Beispiel den Gotthardbasistunnel, der die Reisezeit stark verkürzen wird. Jetzt werden vermehrt Rentner und Rentnerinnen ins Tessin fahren, um in einem Seitentäli Zmittag zu essen, einfach so, nur zum Spass, auch wenn zu Hause die Sonne scheint. Das ist gleich unsinnig wie die Autolawinen an Ostern in den Süden. Wir müssen wieder merken, dass das Leben mehr ist als immer nur transportieren und verbrauchen. Wir machen die Umwelt und uns selber kaputt und flüchten in den nächsten Stress.

Die Energiewende setzt auf den starken Zubau von Solaranlagen. Es gibt dabei aber ein paar Probleme. Der Solarstrom fällt vor allem im Sommer an und schwächelt im Winter. Wie wollen Sie dieses Problem lösen?
Rytz: Statt Atomstrom können wir künftig Solar- oder Windstrom in den Speicherseen veredeln. Ergänzt mit Biomasse und einem intelligenten Energiemanagement, kann die Versorgung im Winter sichergestellt werden. Das Schlüsselwort ist aber die Effizienz. Denken Sie an die Elektroheizungen, allein damit werden heute in der Schweiz rund zehn Prozent des Stroms verschwendet – das ist etwa so viel, wie die beiden Reaktoren in Beznau produzieren.

Glauser: Bei der Veredelung mit Pumpspeicherwerken bin ich skeptisch. Um das zu realisieren, müsste man Strom im grossen Stil in Speicherseen lagern. Das ist aber suboptimal. Damit bauen wir zusätzlich Täler zu. Es kann nicht das Ziel sein, mit überschüssigem Strom die Alpentäler zu füllen. Bei den saisonalen Verschiebungen kommen wir nicht darum herum, in einem grösseren Rahmen zu denken. Das heisst, in einem Süd-Nord- und einem Ost-West-System. Oder anders gesagt: Die Sonne ist immer verfügbar, nur nicht immer am richtigen Ort.

Woher soll denn der Strom kommen?
Glauser: Es gibt im Süden eine höhere Sonnenstrahlung und am Meer mehr und gleichmässigere Windkraft. Dabei müssen wir den Strom nicht mit gigantischen Leitungen zu uns transportieren, da gibt es bessere Lösungen, wie zum Beispiel die Umwandlung von überschüssigem Wind- und Solarstrom in erneuerbares Gas (vgl. «Elektrolyse» im Glossar im Anschluss an diesen Text). Wo zu viel Strom vorhanden ist, kann er mittels Elektrolyse Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufspalten. Der Wasserstoff kann direkt ins Gasnetz eingespeist werden. Oder er kann mit einem weiteren Verfahrensschritt in Methan umgewandelt werden. Das ist billiger als der Stromtransport über Hochspannungsleitungen. Das Gasnetz wird künftig neben dem Stromnetz ein zentrales Element der erneuerbaren Energieversorgung sein.

Bislang galt der Politik die Selbstversorgung als wichtiges Ziel. Wird man sich davon verabschieden müssen?
Glauser: Die Meinung, wir würden uns selbst versorgen, ist ein Irrtum, weil dabei Energie auf Strom reduziert wird. Die inländische Produktion deckt nur zwanzig Prozent der Gesamtenergie, die wir verbrauchen. Der Rest kommt aus dem Ausland, in Form von Öl, Gas, Benzin, Uran. Von der fossilen und der Atomenergie müssen wir uns aber verabschieden. Das kann nur gelingen, wenn wir uns mit Ländern verbinden, die im Winter ein grösseres solares Potenzial haben, als sie selber nutzen können.

Dann soll der Westen in der Sahara grosse Solarfarmen bauen?
Glauser: Es geht darum, Stromüberschüsse in Form von erneuerbarem Gas nach Mitteleuropa zu bringen. Es geht nicht um eine kolonialistische oder zentralistische Politik. Erneuerbares Gas kann überall dort in mittelgrossen Anlagen produziert werden, wo Energieüberschüsse aus Sonne, Wind und Biomasse vorhanden sind. Das Prinzip funktioniert übrigens auch in der Schweiz, in Solothurn. Da wird schon heute überschüssiger Solarstrom in Gas umgewandelt und ins Gasnetz eingespeist. Die Leute kennen es einfach noch nicht.

Grossverbraucher sind argwöhnisch gegenüber der Energiewende. Was soll beispielsweise mit Stahl Gerlafingen passieren? Die möchten zwar grünen Stahl produzieren, aber sie können nur mit billigem Dreckstrom überleben. Soll es in Zukunft weiterhin solche Industrien in der Schweiz geben?
Rytz: Absolut, ja. Wir sollten die Schweiz nicht weiter deindustrialisieren. Wenn wir industrielle Arbeitsplätze auslagern, wird in China unter schlechteren Bedingungen produziert. Wichtig ist deshalb, dass diese Unternehmen gleich lange Spiesse haben wie die Konkurrenten auf dem europäischen Markt. Deshalb braucht es eine internationale Abgabe auf dreckigen Strom.

Und wenn die anderen Länder nicht mitmachen?
Rytz: Wenn man das Klimaabkommen von Paris ernst nimmt …

… glauben Sie, dass das jemand ernst nimmt?
Rytz: Wenn die europäischen Länder das Klimaabkommen umsetzen wollen, muss der Dreckstrom spürbar teurer werden. Sonst klappt das nicht. Ob ich daran glaube, ist irrelevant. Ich setze mich dafür ein, dass es vorwärtsgeht. Und dass die Stahl Gerlafingen auch mit sauberem Strom konkurrenzfähig bleiben kann.

Glauser: Vermutlich brauchen wir dann auch angepasste Lösungen. Wenn man zum Beispiel die saisonalen Schwankungen des Solarstroms berücksichtigt, dann könnte die Stahlindustrie im Winter die Produktion vielleicht drosseln. Im Winter, wenn die Nachfrage nach Baustahl kleiner ist, wird Revision gemacht.

Da werden die Stahlarbeiter aber keine Freude haben.
Glauser: Kreative Lösungen sind immer möglich, wenn man die Arbeitnehmenden miteinbezieht. Die Strombereitstellung ist auch im Winter nicht das Problem, sondern die marktbedingten Preisdifferenzen. Mit den bestehenden Speicherwasserkraftwerken haben wir schon einen grossen Marktvorteil. Diesen gilt es geschickt zu Nutzen.

Wenn zum Beispiel Frankreich oder Osteuropa nicht aus der Atomenergie aussteigt, werden es dann die erneuerbaren Energien langfristig nicht schwer haben?
Glauser: Der Markt wird verzerrt, weil die Vollkosten nicht einberechnet werden. Eigentlich sind die AKW-Betreiber Zechpreller, die aussitzen, dass sie in Zukunft ihre Rechnung für den Rückbau und die Entsorgung nicht bezahlen können. Wir reden von schätzungsweise 50 Milliarden Franken, die in den Schweizer AKWs fehlen. Dafür werden die Steuerzahler aufkommen müssen. Das können wir über die Jahre gesehen noch stemmen. Aber wenn es zu einem Unfall kommt, kostet das 500 Milliarden oder mehr. Falls Beznau einen schweren Unfall produziert, müsste man Zürich evakuieren. Das können wir nicht mehr stemmen.

Kommen wir zu den unschönen Seiten der Energiewende. Bald hat jeder Einfamilienhausbesitzer und jeder Bauer eine Solaranlage auf dem Dach und profitiert von den Subventionen. Die Mieter kommen mit den KEV-Abgaben dafür auf. Letztlich wird die Energiewende vor allem von den kleinen Leuten finanziert. Stört Sie das nicht?
Rytz: Es soll nun vermehrt Einmalvergütungen statt langfristig garantierte Zahlungen geben (vgl. «Kostendeckende Einspeisevergütung» im Glossar im Anschluss an diesen Text), auf diese Weise wird dieses Problem entschärft.

Aber es stimmt, die Mieter und Mieterinnen zahlen mit der KEV die Energiewende, ohne dass sie viel beeinflussen können. Sie können zum Beispiel nicht mitbestimmen, wie ihre Mietwohnung geheizt oder das Gebäude saniert wird. Das ist ein Problem. Anstatt bei Sanierungen eine faire Kostenteilung einzuführen, will der Nationalrat einseitige Steuerabzüge für die Vermieter ermöglichen. So werden die Hausbesitzer noch mehr subventioniert.

Glauser: Ich finde es nicht gut, dass wir mit einer halben Milliarde Franken für Gebäudehüllensanierungen vor allem die Baulobby subventionieren. Mit dem Geld können wir Gescheiteres machen. Denn es gibt ja weiterhin viele Gebäude, die aus verschiedenen Gründen nicht saniert werden können, und auch diese Gebäude müssen mit Wärme versorgt werden. Wir würden diese halbe Milliarde besser in intelligente Gebäudetechnik und die umweltfreundliche Gasproduktion mithilfe der Sonne investieren.

Da sprechen Sie als Lobbyist des Wärme-Kraft-Kopplung-Verbands. Wie funktioniert denn Ihr Modell?
Glauser: Die Wärme-Kraft-Kopplung (WKK, vgl. Glossar im Anschluss an diesen Text) ist eine sehr gute Möglichkeit, Gas einzusetzen, um Strom und Wärme zu erzeugen. Die reingesteckte Energie wird doppelt so gut genutzt wie in einem Gaskraftwerk, das nur Strom produziert. Und der CO2-Ausstoss wird fast halbiert. Überall in Europa wird diese Technik gefördert, nur in der Schweiz gilt sie als pfui, weil sie CO2 freisetzt. Beim Ersatz von Ölheizungen könnte die WKK eine wichtige Rolle spielen.

Rytz: Der Umbau der Energieversorgung ist keine Einbahnstrasse, sondern eine Kombination von verschiedenen Massnahmen. Viele Umweltverbände lehnen die WKK aus klimapolitischen Gründen ab. Wir Grünen sehen sie aber als Übergangstechnologie, um in einem bestehenden Gebäudepark Verbesserungen zu erzielen.

Gebäudesanierungen sind wichtig, weil viele Häuser miserabel isoliert sind und viel Energie verpufft. Doch die Sanierungen bescheren Probleme: Die Eigentümer nutzen sie, um die Wohnungsmieten hochzutreiben. Was tun?
Glauser: Bei der Energiewende droht tatsächlich der soziale Aspekt verloren zu gehen. Das verurteile ich klar, es kann nicht sein, dass als Folge von Gebäudesanierungen ein Teil der Bevölkerung die Mieten nicht mehr bezahlen kann.

Rytz: Die soziale Ausgestaltung ist ein wichtiges Thema. Es braucht eine Anpassung des Mietrechts, damit nicht alle Kosten überwälzt werden können. Das ist ein harter Kampf gegen die bürgerliche Mehrheit.

Die Energiewende kann man nicht diskutieren, ohne die Liberalisierung des Strommarkts im Visier zu behalten. Wie stehen Sie zur Liberalisierung?
Rytz: Mit der Liberalisierung für Grossabnehmer wurden Fehlanreize geschaffen. Viele Grossabnehmer kaufen den billigsten Strom, ungeachtet der Umweltkosten. Ohne Dreckstromabgabe auf Atom- und Kohlestrom würde der nächste Liberalisierungsschritt für Einzelkundinnen und -kunden die gleiche negative Wirkung haben. Wir Grünen lehnen ihn deshalb ab. Das macht nicht allen Freude, denn im gebundenen Markt trägt man leider auch Fehlinvestitionen mit.

Glauser: Ich war gegen die Liberalisierung. Die Preissituation auf dem europäischen Strommarkt zeigt grandiose Fehler des Marktdesigns. Nicht der Solar- und der Windstrom sind schuld am Strompreiskollaps, sondern die aktuellen Marktregeln. Ein offener Markt mit geeigneten Regeln ist aber auch eine Chance für Elektrizitätsunternehmen, die auf Alternativen setzen.

Wenn Sie freie Hand hätten zu entscheiden: Wie würde die Energieversorgung der Schweiz in zwanzig oder dreissig Jahren aussehen?
Glauser: Einst war die Schweiz in Sachen erneuerbarer Energien an der Spitze. Inzwischen sind wir in Europa auf die hinteren Ränge abgerutscht. Deshalb möchte ich die Frage lieber europäisch oder global beantworten. Wir müssen möglichst schnell dorthin kommen, wo alle weltweit das gleiche Recht auf die gleiche Menge Energie haben, und zwar erneuerbare Energie. Primärquelle ist die Sonne, das schleckt keine Geiss weg. Die Energiefrage muss aber noch viel mehr zu einer gesellschaftlichen Frage werden. Wie viel Wohnfläche brauche ich? Ist es sinnvoll, dass tagsüber Hunderttausende von Wohnräumen leer stehen und trotzdem beheizt werden?

Rytz: Mein Ziel ist, bis ins Jahr 2050 die 2000-Watt-Gesellschaft umzusetzen. Dann leben wir nicht mehr über unsere Verhältnisse und essen nicht mehr die Vorräte unserer Nachbarn und Enkelkinder auf. Dazu braucht es einen ökologischen Umbau der Energieversorgung. Aber auch eine «Verkehrs- und Raumwende» und neue Formen des Wirtschaftens und des Zusammenlebens. Die materialintensive Massenproduktion wird durch Reparatur-, Ausleih- oder Wiederverwertungsarbeit ersetzt. Mehr Handwerk, Dienstleistung und digitale Intelligenz statt Materialschlacht und Abfälle.

Glossar

Elektrolyse

Die Elektrolyse ist ein altbekanntes Verfahren zur Umwandlung von Strom in Gas. Dabei wird Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufgesplittet. Wasserstoff ist ein potenter Energieträger, doch sehr flüchtig, weshalb er in Methan umgewandelt wird. Das Verfahren taugt zur Speicherung von überschüssigem Solarstrom in Form von Gas. Es kann ins Gasnetz eingespeist und zum Kochen, Heizen oder für industrielle Zwecke eingesetzt werden.

Energiestrategie 2050

Energieministerin Doris Leuthard lancierte nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima die Energiestrategie 2050. Ursprünglich versprach sie damit den Ausstieg aus der Atomenergie. Die Vorlage ziele auch auf eine markante Reduktion des Energieverbrauchs ab. Seit über einem Jahr wird in den Räten darüber diskutiert. Viele fortschrittliche Punkte wurden inzwischen gestrichen. Die bestehenden AKWs sollen unbefristet am Netz bleiben. Das Geschäft wird in der Junisession zu Ende beraten.

Initiative Geordneter Atomausstieg

Die Initiative «Für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie» wurde 2012 von den Grünen eingereicht. Voraussichtlich kommt sie im November zur Abstimmung. Die Initiative verlangt ein grundsätzliches Betriebsverbot für AKWs. Bereits bestehende müssten laut Übergangsbestimmung nach maximal 45 Jahren Laufzeit vom Netz genommen werden. Ausserdem fordert die Initiative eine Energiewende, die auf Einsparungen, Energieeffizienz und einem Ausbau der erneuerbaren Energien basiert.

Initiative Grüne Wirtschaft

Die Initiative «Für eine nachhaltige und ressourceneffiziente Wirtschaft (Grüne Wirtschaft)» wurde von den Grünen 2012 eingereicht. Sie kommt im September zur Abstimmung. Mit dieser Initiative sollen die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft in der Bundesverfassung verankert werden. Die Umstellung auf eine grüne Wirtschaft soll Umweltprobleme wie Klimawandel, Urwaldabholzung, Überfischung bekämpfen und natürliche Ressourcen schonen.

Kostendeckende Einspeisevergütung

Die StromkonsumentInnen zahlen pro Kilowattstunde (kWh) verbrauchten Strom eine Abgabe zur Förderung von Ökoanlagen. Gegenwärtig sind das 1,5 Rappen pro kWh. So kommt jährlich rund eine Milliarde Franken zusammen. Dieses Geld wird für die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) genutzt. Damit werden unter anderem Fotovoltaikanlagen gefördert. Die Abgabe soll auf 2,3 Rappen pro kWh erhöht werden, damit mehr Anlagen gefördert werden können.

Wärme-Kraft-Kopplung

Die Wärme-Kraft-Kopplung (WKK) produziert gleichzeitig Strom und Heizwärme. Sie ist deshalb viel effizienter als klassische Öl- oder Gasheizungen, die nur Wärme bereitstellen. WKK-Anlagen werden heute in der Regel mit Erdgas betrieben und setzten klimaschädigendes CO2 frei. Man könnte künftig die WKK-Anlagen aber auch mit erneuerbarem Gas befeuern. Der Anteil der WKK bei der Stromerzeugung ist in der Schweiz noch sehr gering.

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